»– ist unsere Liebe und unser Glück!«

Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.

Weder Glück noch Stern.

Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten, dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April geschickt.

Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt werden.

Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe, dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten.

In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl seiner Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien. Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst vorüber war.

Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er unvorsichtigerweise bei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts, aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile – denn die Zeit drängte – vom neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!

Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel, das weiß ich längst.«

Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, führten dazu, Michel's Gemüth zwar nicht zu verbittern – hierzu war es zu gut – aber es immer mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat, nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden.