So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.

Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein, dessen Besitz ihm Freude gewährte.

Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte – das wußte er. Und wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit und Liebe in seinem Herzen zu diesem Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue, aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten Scheitel.

Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und nicht weniger war als – sein Hund.

Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner Race. Sein Lux – so hieß er – war eine Kreuzung von Dachs- und Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn! Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog, in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen, ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen, nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war er darob weder gekränkt noch beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin.

Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte.

Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe.

Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt, rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor. Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich außer seiner Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn – Müller – um die Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.

Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe.

Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.