Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte über seiner Arbeit bald vergessen.
Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.
Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise, welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit – sie ist Blumenmacherin – ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes Avancement erfolgt oder – aber die Hoffnung auf dieses Glück wagt er nicht laut auszusprechen, kaum zu denken – nun, oder bis er mit seiner Concurrenzschrift den Preis gewinnt.
Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und Bett hüten.
Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt, streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes. Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe und das Morgenblatt seiner Zeitung.
Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife und entfaltet das Blatt.
Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine –
Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.
Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen! Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr« des Schicksales!
Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.