Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * * bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle selbst einzukommen.
Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.
Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen.
Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte, erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf schallendes, fröhliches Gelächter.
Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände.
Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben?
Wenige Stunden später stieg Herr Müller senior, um seinen kranken Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn, entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck- und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere hing schlaff über der Divanlehne herab.
Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr neues Leben einflößen.
Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für ihn Tragödie war und für die Anderen – Posse!