Der Unwiderstehliche.
»Treue –?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« – so fragte das Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte, von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.
»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein. Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.«
»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich Dir gleich an einem Beispiele erläutern.«
Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:
»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau, die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte, ist eine unechte Treue.«
»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe sei nur durch zufällige Umstände bedingt.«
»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen. Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine echte Treue gebe.«
»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist aber doch etwas voreilig.«
»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.