Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er, Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt und stetig mehr verdient!
Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch schmachtend, hatte er – so ging die Sage – seit seiner frühesten Jugend fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und – auch dies erzählte die Fama – das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ.
Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute.
Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut, das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen, dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen – war seine äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch: Veni, vidi, vici nicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und schnurrige Anekdoten zu erzählen wußte, stets elegant und mit feinstem Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren. Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit.
»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?«
»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen –«
»Giebt es nicht,« fiel er ein.
»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß Margarethe zum Beispiel –«
Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege befanden.
»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie werdest heranziehen wollen.«