»Nun –?!«

»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen, der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts anderes ist als das Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der –«

»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,« unterbrach ich ihn ungeduldig.

»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres Herzenspanzers zu erproben.«

»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.«

Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb unerschütterlich.

»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen, die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist – wie alle Anderen – auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.«

Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus, den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster machen, sie konnten mitsammen reifen und – altern. Aber trennend, ihre zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.

Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach einer kleinen Weile:

»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens gegen das Ehejoch?«