Theodor nickte lächelnd.

»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache. Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit aufzuopfern? Die Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit, die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen, Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor, der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.«

Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz brachte.

Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen. Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.

Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der Theodor die Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen.

Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien zu liefern.

Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern, oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen zu rechtfertigen, sondern er würde im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk des Zufalles sei.

Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie seine witzigen Einfälle lohnte.

Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.

Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen, gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne erbleichen muß.