Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem Geliebten – denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar keinem Zweifel mehr Raum – verlängern, und ich wurde dabei als das mindest störende Element – als Elephant, wie ich grollend mich selbst benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, während ich im Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste.
Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick zuwarf – einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung, daß ich mich völlig vernichtet fühlte.
Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in meinem Rettungswerke blamiren sollte?
Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.
Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden, und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu verlängern.
Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand, und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle, welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen, hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden, das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete.
Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei, der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so.
Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen:
»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust spreche: Verweile doch, Du bist so schön!«
»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt haben?«