»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich erst zeigen.«

Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später – Theodor kroch gerade unter die Decke – trat ich wieder unter die Thür.

»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings. »Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das Glück der Menschen zu zerstören.«

Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an.

»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält sich, man – nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder, ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder – oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß. Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles – ist wahrlich von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier – denn in drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen – von Margarethens holden Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun zufrieden?«

Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch endlich entgegengesetzt werden sollte.

Völlig beruhigt schlief ich ein – um am anderen Tage, als ich die Beiden wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden. Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein – und ich verließ sie selten – von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr geliebten Gatten, der – in meinen Augen wenigstens – weit liebenswerthere Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte – bloß durch den Reiz der Abwechslung verlockt – sich wieder einem Anderen zuzuwenden. Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise auszuhalten vermögen, betrogen werden.

So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge, verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste, was Küche und Keller zu bieten vermögen – ein solches Leben hätte das Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken, wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet wähnten.

Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten.

In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor Abend zurückkehren werde.