»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar tragisch aufzufassen.«

Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen.

»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen, es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen. Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in seinem Schlummer nicht gestört werde.«

Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.

»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.«

Brauneck machte eine Bewegung.

»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten, aber einem Manne nicht.«

Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.

Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen. Er aber schüttelte verneinend den Kopf.

»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!«