Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege, zum Siege über das eigene Herz!
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«
Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein Volkslied. Ich vergaß es wieder, nur eine Verszeile daraus ist in meiner Erinnerung haften geblieben:
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«
Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines jungen Freundes Erwin gedenke –
Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da er auch keine Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen Liebesfähigkeit seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der ihm der Inbegriff alles Herrlichen, Guten und Edlen, kurz sein Abgott war. Und mit Recht. Denn außer diesem Manne gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch opfervoller Liebe für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher und Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die den Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah man die Beiden unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte mit dem Jungen dessen Schulaufgaben, las ihm vor, theilte seine Spiele, nahm ihn auf den Spaziergängen mit. So schmiegte sich die junge Seele immer inniger an den väterlichen Freund und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes Leben ab, was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.
Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.
Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk sich lachend und plaudernd auf den Heimweg begab, trat einer der Knaben plötzlich an Erwin heran und gab ihm einen Schlag ins Gesicht.
Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, daß er erst gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.
Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast Du für Deinen Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er verdient es!«