Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und Entrüstung auf den Burschen und bläute ihn so durch, daß dieser, obgleich größer und stärker als Erwin, sich dessen Schläge, die ihm auf Schulter, Rücken und Gesicht nur so niederhagelten, nicht erwehren konnte.
»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. Sonst – sonst –« rief er, stammelnd vor Wuth, während seine kleinen Fäuste den Beleidiger bearbeiteten.
Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen zu decken, aber die Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh Erwin solche Kraft, daß sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder Vertheidigung bald einsehend, heulend schrie: »Hör' auf! Ich will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!«
Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er hob seine Schultasche, die er, um die Arme frei zu bekommen, von sich geworfen, vom Boden auf, und ohne sich um den Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden, die dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch schwer athmend und mit von der Erregung und Anstrengung gerötheten Wangen und blitzenden Augen den Kampfplatz.
Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen zu Muthe. Er mochte dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, ihm die abscheulichen Worte nicht wiedererzählen, die der freche Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte er nicht. Er hätte, sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte er sich, sie gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten zu können.
Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, endlich doch seinem Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene Erleichterung, von der ihm die Wohnungsthür aufschließenden alten Dienerin zu hören, daß sein Vater eben einen Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge mit dem gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da er dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu kommen. Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein ein unerfreulicher Zwischenfall, heute empfand er es als eine Wohlthat.
Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm anfänglich auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben festzuhalten, gelang es seinem angestrengten Willen doch, die flüchtigen zu bannen. Allmählich übte die Arbeit ihre segensreiche Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe finden zu lassen, und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein Zimmer trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke seines Sohnes.
Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. Wohl tauchte hin und wieder die Erinnerung an den ängstlich verschwiegenen Vorfall mit peinlicher Lebendigkeit in Erwin's Seele auf, und zuweilen schien es ihm, als könnte er den Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen, ausreißen, wenn er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an Mittheilung des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich das innerliche Unvermögen hierzu – und so schwieg er und vergaß es allmählich selbst.
Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum Jüngling gereift. – An dem innigen Verhältniß zwischen Vater und Sohn hatte die Zeit aber nichts geändert, die Beiden schienen unter einem Himmel friedlichen, wolkenlosen Glückes zu wandeln.
Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen Dienstreise heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der Schlinge tragend.