»Eine Bagatelle – ein leichter Säbelhieb, in einer Studentenpaukerei davongetragen – weiter nichts« – so beruhigte Erwin den besorgten Vater. Und auf sein näheres Befragen erzählte er ihm, wie sich aus einem ganz unbedeutenden Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner Collegen entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.
Es war eine Lüge, was Erwin berichtete – die erste Lüge seines Lebens. Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz andere als jene, die er dem Vater erzählte.
Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie seiner Collegen zuschaute, hörte er im Laufe eines von zwei in seiner Nähe an einem Tischchen sitzenden Herren mit leiser Stimme geführten Gespräches den Namen seines Vaters fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und horchte auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch den Tod eines gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, frei geworden. Er warte nur auf Herrn K...'s – dies der Name von Erwin's Vater – Rückkehr, dessen Stimme, wie er wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend sei, um sich persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung seines Gesuches zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der betreffenden Stelle zu hoffen.
Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem Blicke maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen Schulkameraden erkannte, dessen beleidigenden Ueberfall er mit seinen wackeren, kleinen Fäusten gezüchtigt, sagte er:
»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf dürfen Sie nicht hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde eben um jenes Doctor Berger willen, eines ganz unfähigen Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren wollen, geben Sie Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die Stelle erhalten.«
Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf mit dem, der sie gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte er seinen Arm erhoben zur Abwehr einer Beschimpfung seines Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch jetzt als Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der Ehrenhaftigkeit seines Vaters kein Flecken haftete, und lag es doch klar am Tage, daß nur der Grimm ob der sicherlich berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines verdienstvolleren Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.
Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.
Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde –
Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, als Erwin es endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten Blättern wühlte – sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe, Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand. Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so. Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen. Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte, in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft drang.
Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das schlummernde Leben der Natur wachgeküßt – um ihr Vertrauen grausam zu enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.