Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten, liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen. Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters, dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters. Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider – außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu bieten!
Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.
Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge, sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben:
»Von Doctor Berger tausend Franken.«
Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen vorüber.
Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht krank gewesen – und doch sah er um viele Jahre gealtert aus –
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«
Der kleine Geiger.
In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort, wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.