Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer, erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere Partien des ausgedehnten Gartens.

An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus, zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler Einfachheit.

Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten, dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.

Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen, das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens gelegt hatte.

Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.

Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke, wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.

Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende Brust – Du brauchst das Glück.

Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue, sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster, aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's können! – Ach, wenn ich eine Geige hätte!« – und ich ergrimmte ob solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.

Der Künstler aber – die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute den »Geigenkönig« – hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.

Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.