Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen; die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte, brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.
Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen, kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben, für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.
Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.
Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.
Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der, gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.
Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien schüchtern nachzuspielen versuchte.
Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte, vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem Bettchen ruhte.
Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der Gäste zu fassen.
Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen, daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.
Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie es dem Kleinen gehe.