»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand, die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh, gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!«

Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene Seele, die uns theuer ist –

Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die – er wußte es wohl – den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.

Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände.

Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt. Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar, schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das Laster – das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah, da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt – und – er erlag. –

Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.

Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht würde endlich das Glück ihm hold, und – wer weiß, vielleicht ließe sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern. Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung. Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche.

Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele.

Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem schlimmeren Tode, erretten möge. –

Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken. Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen, hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig. Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja nicht allein.