Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.

Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle gepackt.

Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«

»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie fühlst Du Dich? besser?«

»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen – Erich deutete mit der Hand auf seine Brust – hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte, gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen kann.«

Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte hemmte. Sie sah Folgendes:

Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies.

»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!«

Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins Angesicht. »Elender Schurke!«

Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine Lippen zuckten.