»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. – Wieder falsch!«
»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n –«
»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge! – Fünf Mark sechzehn Pfennige. – Abermals gefehlt! – Nein, so geht es nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.«
| »Wann's Mailüfterl weht, |
| Zergeht draußd' im Wald der Schnee –« |
Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein.
Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte Volkslied an:
| »Es ist bestimmt in Gottes Rath, |
| Daß man vom Liebsten, das man hat – muß scheiden.« |
Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen. Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an das Elternhaus, an die Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche, hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert, entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues, mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden, von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen, hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied, das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt:
| »Es ist bestimmt in Gottes Rath, |
| Daß man vom Liebsten, das man hat – muß scheiden –« |
klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die Accorde in der alten Harfe und die großen gelben Bänder und Blumen auf dem lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde.