Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz. Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte, sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach, als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in Gottes Rath –«
Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden, »der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee hinziehen.
Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen und durch das niedrige Buschwerk der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des Flusses erkalteten – die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem unabsehbaren Mantel umspannend.
Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die einzuschlagende Richtung Sicherheit gab.
Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit ausgestreckten Armen emporragten.
Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die klagende Kinderstimme.
»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den dunklen schweigenden Wald hinein.
Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.
Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg nicht mehr habe finden können.
Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm geleistete Hilfe dankte.