»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«

Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.

»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.

»O –!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer unterdrückte.

In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, endlich!« rief sie. »Wir glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und küßte ihn.

Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht.

Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und verschwand im Nebel.

Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied, aber kein selten gehörtes. Der Vater – der Ernährer – todt, die Mutter erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte Elvira – dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr Bruder – sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater – der Dirigent einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war – ererbte und so gut es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage sang und spielte Elvira vor den Fenstern der Häuser, Abends in Kneipen und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war. Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.

Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen. Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden.

Eines Abends jedoch – es war der letzte ihres Aufenthaltes – kam Roland nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder der Knabe noch seine Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt, in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf auf seiner Schulter lehnte.