Da schluchzte sie laut auf.
»O – wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen: »Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere Brot der Gnade äßen.«
Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu Muthe.
Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige kleine Einkäufe besorgt hatte.
Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!« flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der Mutter nicht, daß ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«
Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da. Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte, lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde.
Wo sie wohl jetzt weilen mochten? – Was die Zukunft ihnen bringen würde? – Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? – Oder auch Glück und Freude? – dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre:
| »Es ist bestimmt in Gottes Rath, |
| Daß man vom Liebsten, das man hat – muß scheiden –« |
Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht, wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!