Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren – sie sind leider in der Mehrzahl – haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat, ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die Umstände sie geführt haben.
Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose – so es nur erträglich – zufrieden geben; die sich des flüchtigsten Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit üben, daß sie geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte. Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern verwachsen wäre. Nur wenn er – dies war der einzige Luxus, den er sich gönnte – das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte.
Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe, hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend. Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr als für sich selbst zu sorgen brauchte, brachte er es, so gering seine Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen, sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten. Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen, unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand. Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja, besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele?
Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag. Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft verband.
Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt war, wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur das – sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens traulichem Stübchen zu verbringen.
Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war, griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot, alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und Berichtigung finden zu lassen.
Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein, ihr bis dahin nur zu ihrem Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen Bruder.
Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.
Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als Martin – nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise aufnahm – auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen.
Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen preisgeben wollte er nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich bringen zu können, denn – jetzt erst ward er sich darüber klar – nicht freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein, die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.