Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte, zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte, der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände suchend, schließlich ganz aus.

Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres, hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.

Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen Ecke er so oft gelehnt, mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers, nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte, umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück.

Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.

Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst – oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so blaß aussehen? – und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken, als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten, ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei.

Doch er bezwang sich und schwieg.

»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.«

Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt, Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter, und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.

Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden könnte, wenn – ja wenn –