Weit über zehn Millionen hatten die neuen Festungswerke und die Wiederherstellung der alten die französische Regierung gekostet, und fast eine ebenso große Summe hatte sie zu anderen nützlichen Zwecken für die Stadt und Insel verwendet, von der sie während ihres siebenjährigen Besitzes auch keine Obole zog, nur in den letzten Monaten, als die Not am dringendsten geworden, verordnete der Gouverneur eine gezwungene Anleihe von ein paarmal hunderttausend Piastern. Mit der Übergabe der Stadt und Festungswerke beeilte man sich nicht sehr, sie fand nur allmählich statt. Von der Aufsteckung der weißen Kokarden, welche der königlich französische Kommissär von Toulon in hinlänglicher Quantität mitgebracht hatte, wollten die französischen Truppen zuerst gar nichts wissen und traten sie mit Füßen, auch ging es nicht ohne Reibereien zwischen den französischen und englischen Offizieren ab, wozu das sehr arrogante Benehmen der letzteren meistens Veranlassung gab, und die manchmal blutig endigten. Zwei französische und drei englische Offiziere fanden den Tod im Zweikampfe. Das Betragen dieser Rotröcke war in der Tat oft von der Art, daß es die Franzosen nicht wohl ungerügt lassen konnten. Wir waren, da man uns über fünfzehn Monate Sold schuldete, natürlich sehr geldarm, während Albions Söhne goldgefüllte Taschen hatten und uns dies bei jeder Gelegenheit durch Prahlsucht und lächerliche Verschwendung fühlen lassen wollten, indem sie geringe Gegenstände, wenn Franzosen in der Nähe waren, weit über ihren Wert bezahlten, das Gekaufte dann verschenkten oder auch wegwarfen. Eines Tages trat ein englischer Marineoffizier in das Militärkaffeehaus auf der Esplanade, ließ sich ein Glas Rosolio reichen und gab dem Aufwärter einen Markustaler, um zu bezahlen. Als ihm derselbe den ihm zukommenden Rest, meistens in venetianischen Gazettis und türkischen Paras bestehend, brachte, nahm er das Geld und warf es zu Boden, indem er sagte: „Mit solchem Quark darf ein englischer Offizier seine Taschen nicht beschmutzen.“ Einige Gazettis fielen unglücklicherweise auf die Füße eines französischen Kapitäns von den Chasseurs de l’Orient, der den ägyptischen Feldzug unter Bonaparte mitgemacht hatte. Dieser sprang sogleich auf und gab dem Engländer eine derbe Ohrfeige, der nun rasch seinen Dolch zog, um den Franzosen niederzustechen, welcher aber zurückweichend ebenso schnell seinen Degen gezogen. Die übrigen anwesenden Offiziere sprangen hinzu, verhinderten, daß es zu weiteren Tätlichkeiten kam. Es folgte eine unmittelbare Herausforderung, und das Duell fand noch in der nämlichen Stunde in dem Olivenwäldchen hinter Castrades statt. Der Engländer kam schlecht weg, der Franzose brachte ihm eine gefährliche Wunde in den Unterleib bei. Auch geschah es mehrmals, daß berauschte und sich unanständig aufführende Engländer an öffentlichen Orten zur Tür hinausgeworfen wurden.

Endlich mußte man jedoch, nachdem man lange genug gezögert hatte, in den sauren Apfel beißen, und ein Posten nach dem anderen wurde von den Engländern besetzt. Zuerst die Außenwerke, dann die Stadttore, das neue Fort und zuletzt die alte Festung samt der Zitadelle. Noch eine bittere Unannehmlichkeit entstand für die Franzosen, welche die besten Kanonen und Mörser von Erz bei Nachtzeit heimlich eingeschifft hatten; da dies nun gegen den Vertrag und den Engländern verraten worden war, so mußten die bei Nacht eingeschifften Geschütze bei Tage wieder ausgeschifft werden, wobei sich die französischen Artilleristen absichtlich so ungeschickt benahmen, daß mehrere Stücke in die Tiefe des Meeres fielen. Der Gouverneur Donzelot und der Kommissär-Imperial Lesseps, der sich jetzt Commissaire général nannte, erließen rührende Abschiedsproklamationen an die Einwohner, von denen die des letzteren durch ihren Lakonismus merkwürdig war. Sie bestand aus drei Zeilen und lautete:

Habitants de Corfou! Je vous quitte comblé des marques de votre estime et de votre attachement (Sic!) c’est la plus douce récompense de mes travaux. Soyez heureux. Corfou, 20. Juin 1814. Le Commissaire général, L. – Der englische Generalleutnant James Campbell, der nun Besitz von Korfu im Namen des Prinz-Regenten von England, als Protektors der Jonischen Inseln, nahm, erließ ebenfalls eine Proklamation, in der er den Korfioten gewaltig viel Gutes versprach, das nie erfüllt wurde.

Als nun endlich alles in Ordnung, der letzte Posten abgelöst und der letzte Mann der französischen Garnison eingeschifft war, sank die französische Fahne von der höchsten Spitze der alten Feste, wurde sogleich durch die sich rasch erhebende englische ersetzt und letztere mit allen Kanonen der englischen Flotte salutiert. Endlich lichtete die französische Flotte die Anker und steuerte der albanesischen Küste zu. Nicht ohne Wehmut sahen wir die sich unseren Augen immer mehr entziehende Insel schwinden, auf der wir manche Freuden genossen hatten und die uns manche angenehme Erinnerungen ließ. Auch die Korfioten sahen uns nicht gleichgültig ziehen, sie hatten jedoch gewünscht, unter russische Protektion zu kommen.

V.
Überfahrt von Korfu nach Marseille. – Das Schiffsleben. – Die Meerenge von Messina. – Die Fata Morgana. – Haifische. – Napoleon auf der Insel Elba. – Das Pestlazarett und die Quarantäne zu Marseille. – Stimmung der Einwohner. – Abmarsch nach Avignon. – Meuterei in Aix. – Die Familie Giraud. – Die rasenden Weiber in Avignon attackieren uns. – Ankunft Ludwig Philipps zu Avignon. – Lyon. – Einzug des Grafen Artois (Karl X.). – Fontainebleau. – Paris. – Preußische Vergeltung. – Die zurückgekehrten Emigranten. – Ich lasse mich auf halben Sold setzen. – Abreise über Reims nach Straßburg. – Der Herzog von Berry. – Abreise nach Frankfurt. – Ankunft daselbst.

Die Schiffe der französischen Flotte waren, um mehr Raum zu gewinnen, alle desarmiert, das heißt, man hatte die Geschütze, bis auf wenige Alarmkanonen, in Toulon zurückgelassen. Das Einschiffen war keine Kleinigkeit, denn es befanden sich sehr viele Beamtenfrauen und Kinder unter den Abfahrenden, die manche Habseligkeiten, die sie nicht hatten veräußern können oder notwendig bedurften, mitnahmen. Der Zudrang von nicht verheirateten, unterhaltenen Frauen und Mädchen war außerordentlich; viele derselben wurden unbarmherzig zurückgewiesen und schrien dann, sich die Brust zerschlagend, jämmerlich am Ufer. Das Regiment der Albaneser war zurückgeblieben und in englischen Sold getreten. Ihr rückständiges Gehalt hatte man ihnen in Lebensmitteln aus den Magazinen bezahlt, wir aber hatten für unser Guthaben Anweisungen auf die französische Regierung erhalten, die manche Offiziere noch in Korfu mit einigem Verlust versilberten. Die von den Truppen urbar gemachten Ländereien hatte man um einen Spottpreis an die Einwohner verkauft, die anfingen, sich allmählich an den Erdgeschmack der Kartoffeln, den, wie sie sagten, dieselben hätten, zu gewöhnen. Obgleich auch viele Transportschiffe mit von Toulon gekommen waren, so fehlte es dennoch sehr an Raum; alle Kranken aus dem Lazarett hatten wir ebenfalls eingeschifft, so daß kein lebendiger französischer Soldat zurückblieb. Noch zwei Tage hatten wir in der Reede von Korfu, schon eingeschifft, verweilt, bevor wir abfuhren, während welchen ich einige Besuche auf englischen Linienschiffen machte und die außerordentliche Reinlichkeit und Bequemlichkeit derselben zu bewundern Gelegenheit fand. Man hätte von den Fußböden der Verdecke essen können, so spiegelglatt und sauber waren sie gehalten, während auf den französischen Schmutz und Unreinlichkeit zu Hause war. Ich war zuerst auf dem ‚Romulus‘, einem Zweidecker von vierundsiebzig Kanonen, eingeschifft, den ich aber wieder verlassen mußte, um mich an Bord der ‚Danube‘, ebenfalls mit vierundsiebzig Kanonen, zu begeben, auf der auch Herr von Brüge mit seiner Familie, der Payeur général, der die niedliche seconda Ballerina Chiaretta Gaspari, mit der er mehrere Kinder gezeugt, bei sich hatte, der Kapitän Stahl mit seiner jungen Frau und andere embarkiert waren. Trotzdem die Schiffe desarmiert, waren wir doch furchtbar zusammengedrängt, denn es befanden sich auf einem Zweidecker wenigstens achtzehnhundert Menschen. An Hängematten für die Soldaten war nicht zu denken, sie mußten auf dem platten Boden liegen. Wir waren an hundert Menschen, von denen ein Dritteil Frauen und Kinder, die hier untereinander hausten und zum Teil in Hängematten, zum Teil auf einer Art ganz niedriger Bettstellen, mit grober Leinwand überzogen, schliefen. Die Verheirateten hatten eine solche dreifache Schlafstätte für sich inne, um die sie ein Tuch spannten und so wenigstens nicht gesehen werden konnten. Nun denke man sich die Ausdünstungen so vieler Menschen bei der Nacht, wo alle Sabords oder Stückpforten und Schiffsläden fast hermetisch geschlossen werden; das Geschrei der Kinder und Frauen, deren Bedürfnisse, wozu sich auch schnell die Seekrankheit und mit ihr unaufhörliches Erbrechen gesellte, dies alles von dem immerwährenden Knarren des Balkens des großen Steuerruders begleitet, der sich auch in diesem engen Raum bewegte, und man wird mir eingestehen, daß dies einen Vorschmack von der Hölle geben konnte; auch hielt ich es die erste Nacht kaum eine halbe Stunde in diesem Behälter aus und begab mich auf das Verdeck, wo ich mich in ein Boot legte und diese und alle folgenden Nächte, die wir eingeschifft waren, unter freiem Himmel – es war der Juni- und Julihimmel des Mittelländischen Meeres – zubrachte. Waren die Lagerstätten schlecht, so war der Tisch dagegen vortrefflich, für jeden eingeschifften Offizier bewilligte die Regierung fünfundsechzig Franken Tafelgelder, und wir wurden dafür sehr gut genährt. Es gab fast alle Tage frisches Fleisch, Braten, oft Geflügel, man schlachtete die eingeschifften Ochsen, Hammel und so weiter an Bord, buk jeden Tag Weißbrot, nur das frische Wasser ging uns ab; das noch einmal an der Küste von Albanien eingenommene wurde jeden Tag schlechter, zuletzt gar nicht mehr trinkbar, schwarz, übelriechend und voll Gewürm; man filtrierte es zwar durch Löschpapier, aber dies nahm ihm doch den schlechten Geschmack nicht; dabei hatte man immer großen Durst, da auch viel gesalzene Speisen genossen wurden, der Wein aber, der à discretion gegeben wurde, den Durst nicht löschte. Fünf- bis sechsmal setzte man an, schüttelte sich, besonders die Damen, und mußte doch endlich den bitteren Kelch mit zugedrückten Augen leeren. Wir speisten wohl an hundert Personen an der im Assembleesaal servierten Tafel, die in Form eines Hufeisens aufgestellt wurde; die Sitze und Tische waren auf dem Boden amarriert, das heißt mit Tauen befestigt. Komisch war es anzusehen, wenn, das Schiff auf einer Seite liegend, man bei Tische saß, die einen hoch über den anderen, die tief unten saßen, schwebten, und durch eine Wendung des Schiffes kamen dann die, welche oben saßen, plötzlich zu den Füßen der anderen, die sich erhoben; es war das Bild des gewöhnlichen Weltlaufes: der ist heute oben, der morgen unten liegt; anfänglich machte uns dies viel Spaß. – Den 24. Juni hatten wir die Anker gelichtet, und die ersten Tage gingen bei der sehr langsamen Fahrt noch ziemlich fröhlich vorüber; gegen Abend spielte die Musik auf dem Hinterteil des Verdecks, man tanzte mit den sich an Bord befindenden jungen Damen, der Capitaine du vaisseau war so galant, Erfrischungen in Orgeade, Limonade und so weiter reichen zu lassen, dabei ging es recht munter zu, und ich walzte mit Josephinen, Madame Stahl und anderen. Diese Unterhaltungen nahmen jedoch bald ein Ende, da die meisten Tänzer und Tänzerinnen schnell auf der Nase lagen, obgleich wir meistens große Windstille hatten und nur lavierend sehr langsam vorwärts kamen. Den 26. Juni hatten wir noch einmal vor den Küsten Albaniens Anker geworfen, den 30. erblickten wir die wilden pittoresken Küsten Kalabriens, die mit alten Türmen, welche sie gegen die Überfälle der Barbaresken schützen sollten, in Zwischenräumen von je tausend Schritten versehen sind. Um nur ein wenig vorwärts zu kommen, mußte man die Landwinde benutzen, welche in der heißen Jahreszeit in der Regel hier morgens und abends an den Küsten wehen. Den 2. Juli sahen wir erst den Rauch des dampfenden Ätna und erblickten bald darauf die reizenden Küsten Siziliens, in der Gegend des Kap Grosso; wir segelten nun durch die Meerenge von Messina, dessen Umgebungen sehr schön sind. Amphitheatralisch liegen prächtige Villen, Klöster, Kirchen, Gärten, Ortschaften zwischen Pomeranzen- und Zitronenhainen, Weinbergen und Gebüschen an dem Ufer. Vor Messina machte die ganze Flotte Halt, und wir warfen so nahe bei der Stadt Anker, daß wir deutlich die am Meer spazieren gehenden Menschen, unter denen besonders viele Pfaffen und Mönche waren, erkennen und uns sogar mit ihnen unterhalten konnten. Fast einen ganzen Tag brachten wir vor Messina zu, wo wir Piloten nahmen, die uns sicher durch die Meerenge und zwischen der Charybdis und Scylla durchbringen sollten. Jedes Schiff erhielt seinen eigenen in einer Barke von vier bis sechs Ruderern, in der sich auch noch ein Sanitätsbeamter befand, um zu beobachten, daß niemand in Berührung mit der Schiffsmannschaft käme.

Den folgenden Tag waren wir noch im Angesicht von Sizilien auf der einen und Reggios auf der anderen Seite und hatten das seltsame Schauspiel einer Fata Morgana vor Augen, eine eigene, zauberartige Erscheinung, die sich nicht nur im Wasser, sondern auch wie in der Luft schwebend zeigt und die sonderbarsten, wunderlichsten und mannigfaltigsten Gebilde hervorbringt. Wir erblickten unabsehbar Kolonnaden, Bogenhallen, Alleen, seltsame Bäume und Gesträuche, Herden weiden und so weiter. Dies alles in der Luft schwebend, während unter dem Wasser nicht minder seltsame Gegenstände zu sehen waren. Als sich aber der Landwind mehr und mehr erhob, verloren sich diese Nebelgebilde. Wir segelten jetzt längs den mir bekannten Küsten Kalabriens hinauf, noch lange den rauchenden Ätna im Auge. In der nächsten Nacht erreichten wir die Liparischen Inseln. Stromboli warf fortwährend Feuer aus. Den 7. Juli erblickten wir den Vesuv, Capri, Ischia und Neapel. Den 8. war fast gänzlich Windstille, den 9. waren wir Gaëta und den 10. Terracina gegenüber. – Diese Seereise wurde täglich langweiliger und wegen der großen Hitze unausstehlich. Alles, was nicht zur Marine gehörte, war sehr abgespannt und durch die Seekrankheit ermattet, namentlich die Frauen, und die Qual des Durstes unausstehlich. Ich las oder schrieb fast den ganzen Tag. Bisweilen unterbrachen die Matrosen das ewige Einerlei durch einen Schiffstanz. Der Fang eines Haifisches brachte auch einiges Leben an Bord und die Mannschaft ließ sich das Seeungeheuer, das alle Toten, die man über Bord wirft, verzehrt, trefflich schmecken. Wir hatten schon vier bis fünf Leichen gehabt, weshalb eine ganze Herde dieser Fische jedem Schiff folgte. Fiel jemand lebendig in das Wasser, wie dies auf einem Schiff der Fall war, so war er verloren. Ein solches Ungeheuer schnappte ihn sogleich auf und begrub ihn in seinem Bauch. Eines Tages fiel einem von unseren Soldaten ein großer Schiffsnagel von einem Mastkorb auf den Kopf und tötete ihn auf der Stelle. Auch er fand eine Stunde nachher ausgekleidet sein Grab in den Wellen oder in dem Rachen eines Haies.

Den 12. Juli befanden wir uns auf den Höhen von Civita-Vecchia und Rom, den 13. kamen wir an den Inseln Giglia, Monteargento, Rossa und Gianuta vorüber und begegneten einem französischen Linienschiff, ‚La ville de Marseille‘, das den Herzog von Orleans, Louis Philipp, nach Palermo bringen sollte, der daselbst seine Gemahlin abholte. Durch dieses Schiff erhielten wir auch zuerst die Nachricht von dem zu Paris definitiv abgeschlossenen Frieden. Den 14. kamen wir an den Küsten von Toskana und der Insel Elba vorüber, von welcher bereits der abgedankte Kaiser Besitz genommen hatte. Wir segelten an Porto Ferrajo vorbei, und hätte Napoleon geahnt, welch günstige Stimmung für ihn auf der vorüberfahrenden Flotte herrschte, so hätte er vielleicht damals schon mit derselben nach Frankreich zurückkehren können. Denn als wir nach Porto Ferrajo mit trefflichen Fernrohren hinübersahen, erblickten wir ihn auf den Mauern. Jetzt wurden auf den Schiffen Offiziere, Soldaten und Matrosen, alles unruhig, und plötzlich ertönte der Ruf: „Vive l’Empereur!“ Man konnte nicht verhindern, daß die ganze Mannschaft auf das Verdeck strömte, Hüte und Tücher schwenkte, wie ausgelassen tobte und schrie und verlangte, daß die Musik spielen solle. Der Kapitän und die Kommandanten befanden sich in keiner geringen Verlegenheit und dankten dem Himmel, als wir endlich über die Insel Elba hinaus waren. Hätte Napoleon nur einige Winke gegeben, so würde sich ganz gewiß die ganze Mannschaft empört und zu seinen Gunsten revoltiert haben. Wir segelten nun bald am Kap Bianco der Insel Korsika vorüber und hatten nach und nach die meisten Schiffe der Flotte aus dem Gesicht verloren. Am Golf von Genua vorüber kamen wir den 17. Juli in der Reede von Toulon an, wo wir einen garde de santé an Bord nahmen, da von diesem Augenblick an unsere Quarantäne begann. Ein stürmischer Nordwind, der sich plötzlich erhoben, hatte uns gezwungen, in dieser Reede einzulaufen, die wir den 20. wieder verließen, um den 22. zu Marseille, unserer vorläufigen Bestimmung auszuschiffen und vorerst die Quarantäne in dem Pestlazarett zu beziehen, das für sich eine Stadt mit verschiedenen Quartieren bildet.

Diese Anstalt ist sehr groß und bewunderungswürdig. Man findet in derselben Wohnungen für hohe Herrschaften und Privatleute, Kasernen, Gasthäuser, in denen man alles, freilich sehr teuer, haben kann, Krankenhäuser und so weiter. Das ganze Lazarett ist in sieben Abteilungen oder Quartiere eingeteilt, die sämtlich durch hohe Mauern voneinander getrennt sind, deren Tore bei Nacht wie in Festungen geschlossen werden. Drei dieser Abteilungen sind allein für Waren bestimmt und haben geräumige Hallen zu diesem Zweck. Für wirkliche Pestkranke sind ganz besondere Räume vorhanden. Die Polizei im Lazarett wird mit großer Strenge gehandhabt, um jede Annäherung eines Quarantänärs mit dem aus einer anderen Abteilung zu verhindern; und wer etwas in dem Wirtshaus der Quarantäne kaufen will, wird von einem garde de santé, der mit einem zehn Schuh langen Stab oder Spieß bewaffnet ist, begleitet, so daß, wenn man einem anderen Quarantänär mit seinen Wächtern begegnet, man vermittelst dieser Stäbe immer zwanzig Schuh weit auseinandergehalten wird. Alles Geld, das man bezahlt, wirft man in eine mit Weinessig gefüllte Schüssel, welche vor dem Gitter steht, das das ebenfalls abgeschlossene Wirtshaus, eine kleine Feste, umgibt. Alle diese Einrichtungen bestehen erst seit dem Jahre 1720, wo durch Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit ein Schiff, das aus der Levante kam und auf dem unterwegs schon ein halbes Dutzend Menschen an der Pest gestorben waren, und das man dennoch nur eine Quarantäne von acht Tagen halten ließ, diese schreckliche Geißel nach Marseille und dem ganzen südlichen Frankreich brachte. Die große Stadt war in Zeit von sechs Wochen wie ausgestorben. Über achtzigtausend Menschen hatte die Pest hinweggerafft. Fast alle Häuser standen leer, und in den Straßen begegnete man keiner Seele mehr. Im ganzen Lande aber wurden viele Hunderttausende das Opfer dieser Plage. Ein gräßlich-schönes Gemälde im Hotel de Ville von Marseille stellt furchtbare Schauerszenen aus jener Unglückszeit dar.

Wir hatten je zwei Offiziere ein Zimmer oder vielmehr Kämmerchen, nur die Verheirateten hatten ein besonderes. Mein nächster Nachbar war der Kapitän Stahl, der seine junge Frau mit einer fast wütenden Eifersucht hütete, weshalb es schon auf dem Schiff manche Neckereien und Unannehmlichkeiten abgesetzt hatte, so daß er oft gar nicht zu Tische mit ihr kam. Die Frau aber, die, gleich allen Griechinnen, ein feuriges heftiges Temperament hatte, verdroß dies so sehr, daß sie mehr als einmal zu mir äußerte: „Gerade weil er es so macht, muß er Hörner tragen, die ich ihm bei der ersten Gelegenheit aufsetzen werde.“ Diese fand sich dann auch, trotz allem Bewachen, bald genug, und zwei Tage, nachdem wir die Quarantäne verlassen hatten, wußte die verschmitzte Frau schon ihr löbliches Vorhaben auszuführen, wozu ich ihr denn auch bestens an die Hand ging. Während sie Stahl mit Madame Roy in der Kirche glaubte, wohin er beide Frauen begleitet und sich dann nach dem Hafen in Dienstangelegenheiten begab, brachte sie eine süße Stunde in meinen Armen im Hotel der Ambassadeurs zu, wo ich mich einquartiert hatte.