Alle Griechen und griechischen Frauen, die mit von Korfu gekommen waren, konnten sich nicht genug über die Größe, Pracht und schönen Gebäude von Marseille wundern und riefen einmal über das andere aus: „O che palazzi!“ – Marseille ist aber auch eine der schönsten Städte Frankreichs und ihr Hafen der prächtigste und sicherste im mittelländischen Meer. Seine Kais sind fast durchaus mit prachtvollen Häusern geziert. Linienschiffe können jedoch nicht in denselben einlaufen, weil er nicht tief genug ist. Wir hatten bei der Insel If Anker geworfen, von wo wir in Booten an das Lazarett gefahren wurden. Ihre Kathedrale ist die älteste Kirche Galliens und auf den Ruinen eines Dianentempels erbaut, von dem noch schöne Granitsäulen in der Kirche selbst angebracht sind. Das Arsenal, das große Theater, die Börse, den Gouvernementspalast, den Cours, eine der schönsten Straßen, die ich gesehen, die Straße Beauveau, den Platz Canabière als Paradeplatz der schönen Welt, darf man nicht versäumen, aufzusuchen. Es machte mir großes Vergnügen, den mitgekommenen Damen von Korfu alle Merkwürdigkeiten Marseilles zu zeigen und mich an ihrem Staunen zu ergötzen. Namentlich waren es Madame Conge und Coste, deren beständiger Begleiter ich war. Auch das Leben und Treiben in Frankreich, die Freiheit, welche alle französischen Frauen genießen, die Sitten und Gebräuche, dies alles war eine neue Welt für sie. – Da ich das daselbst etablierte deutsche Haus Ellenberger und Imer kannte, an das ich schon früher, als wir in Toulon lagen, empfohlen war, und durch welches ich mir noch in der Quarantäne allerlei Lebensmittel und Weine hatte schicken lassen, die sie mir in bester Qualität und ganz vorzüglich besorgt hatten, so ließ ich mir von demselben ein paar hundert Franken gegen Anweisung auf Frankfurt geben und hatte so einige Mittel in Händen. Auch wurden uns, ehe wir die Quarantäne verließen, zwei Monate rückständiger Sold ausbezahlt, den die Kaufleute von Marseille vorgeschossen, um den von Korfu ankommenden Truppen Mut zu machen und sie für die Bourbonen günstig zu stimmen. Denn Marseille sowie die ganze Provence und Languedoc waren auf das äußerste gegen Napoleon erbost, da hier aller Handel und die Gewerbe während seiner Herrschaft stockten und fast auf Null herabgesunken waren. Ihre Anhänglichkeit zur zurückgekehrten Dynastie sprach sich enthusiastisch aus. Das Volk zu Marseille hatte sogar kurz vor unserer Ankunft ein Artilleriebataillon unter dem Gewehr auf dem Paradeplatz umstellt und dasselbe gezwungen, seine Adler von den Tschakos herabzunehmen. Einige Offiziere waren mißhandelt worden. Einem Obersten, der noch kaiserliche Abzeichen an sich hatte und diese auf das Geheiß des Pöbels nicht sogleich abnehmen wollte, rissen sie die Epauletten von den Schultern.
Wir blieben nur kurze Zeit in Marseille. Schon in der dritten Woche nach unserer Ankunft daselbst erhielt unser Regiment Order, nach Avignon abzumarschieren. In Aix aber brach eine förmliche Meuterei unter unseren Leuten aus, die erklärten, nicht weiter marschieren zu wollen, bis man ihnen den sämtlichen, noch rückständigen Sold ausgezahlt habe. Die Sache drohte in eine förmliche Empörung auszuarten. Die Soldaten wollten sich an ihre Offiziere und Chefs halten, stießen unzweideutige Drohungen gegen dieselben aus, von ihnen den rückständigen Sold fordernd. Um sie im Zaum zu halten, ließ man die Nationalgarde von Aix unter die Waffen treten und in starken Abteilungen durch alle Straßen patrouillieren. Dies und die Auszahlung von noch einem Monat Sold, den die Stadt Aix vorschoß, beschwichtigte die Murrenden. Den vierten Tag marschierten wir nach Avignon ab, wo sich aber schon ein Befehl des Kriegsministers vorfand, welcher das Regiment nach Avesnes im Departement du Nord beorderte, wo die Leute ihr ganzes Guthaben, und diejenigen, die nicht länger in Frankreich dienen wollten, ihren Abschied und eine Marschroute bis an die Grenze erhalten sollten. Die meisten Leute nahmen dies an und wurden, nachdem sie ihren Abschied erhalten und ihre Waffen abgeliefert hatten, in Transporten von fünfzig bis hundert Mann bis zur deutschen Grenze geführt. Die dabei bleibenden Offiziere wurden auf halben Sold gesetzt. Man zählte damals an dreißigtausend Offiziere, die auf halben Sold gesetzt wurden, worunter alle die, welche aus russischer, preußischer, spanischer, englischer und so weiter Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Ich hatte wegen eines Fiebers, das mich überfiel, in Avignon zurückbleiben müssen. Die lange Seereise, auf der ich nie die eigentliche Seekrankheit gehabt, dagegen aber immer eine Unbehaglichkeit und Übelkeit verspürte, und sehr an hartnäckigen Obstruktionen litt, hatte mir wohl diese Krankheit zugezogen. Ich wollte nun meine Genesung, die auch bald erfolgte, in Avignon abwarten und mietete mir eine angenehme Wohnung auf dem großen Platz mitten in der Stadt bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger namens Giraud, der sich in Ruhestand gesetzt und ein liebenswürdiges sechzehnjähriges Töchterchen, das einzige Kind, hatte. Von hier aus schrieb ich an meine Eltern und erhielt neue Empfehlungen an das Haus Aymard, das einen Sohn als Volontär in Frankfurt hatte und sich daher meiner annahm. In kurzer Zeit war ich, wie gesagt, wieder von meiner Krankheit genesen, brachte aber noch ein paar Wochen in Avignon zu, wo mich die hübsche Tochter meines Hauswirtes, Marguerite Giraud, fesselte. Die Einwohner von Avignon waren ebenso erbitterte Feinde Napoleons wie die zu Marseille und in den anderen Städten der Provence. Sie nannten den abgesetzten Kaiser nur ‚le vieux Nicola‘, hatten ihn im Bilde verbrannt und einen Napoleon vorstellenden Strohmann lange in dem Straßenkot herumgeschleift. Hier würde ihm sowie in Orgon und anderen Orten übel mitgespielt worden sein, hätte man ihn bei seiner Durchreise erwischt. Auch hatte er sich schnell Hals über Kopf weiter gemacht, als er die entstandene Gärung wahrnahm. Die Weiber der niederen Klassen tanzten noch täglich die Farandole beim Schall einer Baskotrommel, sich an Taschentüchern aneinanderhaltend, wie besessen in allen Straßen und auf öffentlichen Plätzen, sangen dabei Spottlieder auf den ‚père Nicola‘, wie sie ihn nannten, und waren berauscht. Eines Abends ritt ich mit dem Chirurgien-Major Colombe vom sechsten Linienregiment, das mit uns in Korfu gewesen und jetzt in Avignon garnisonierte, zum Rhonetor hinaus spazieren, in dessen Nähe am Kai ein Bataillon dieses Regiments exerzierte. Kaum waren wir vor dem Tor, als ein Troß solcher toller tanzender Weiber uns umringte und im dortigen Patois zurief, wir sollten ‚Vive Louis XVIII., vive les Bourbons‘ schreien. Ich erklärte ernst und kurz, daß ich auf kein Kommando schreie, aber Colombe wollte Bravaden zeigen und schrie aus vollem Halse: „Vive Napoléon!“ Nun fielen ihm die wilden Weiber gleich in die Zügel, rissen ihn vom Pferd herab, während ich mich frei machte und den Degen zog, mein Pferd sich bäumen ließ und mich so in Verteidigungsstand setzte. Sicher würde es Colombe ergangen sein wie dem armen Sänger Orpheus, diese modernen Bacchantinnen würden auch ihn in Stücke gerissen haben, wenn nicht glücklicherweise das ganz in der Nähe exerzierende Bataillon sogleich eine Patrouille abgesandt hätte, den unglücklichen Chirurgien-Major zu befreien. Das Spazierenreiten war ihm nun vergangen, und er begab sich heim, sein Roß demütig am Zügel führend. Schlimmere Folgen hätte beinahe meine Bekanntschaft mit Marguerite Giraud gehabt; ich hatte jetzt auch den Tisch bei den guten Leuten, und eine alte Tante, die so ziemlich das Hausregiment führte, hatte es auf eine Heirat zwischen mir und der sechzehnjährigen Marguerite abgesehen. Eines Morgens nahm ich mir vor, die guten Leute mit einem deutschen oder vielmehr Frankfurter Frühstück zu regalieren, das man in Frankfurt in der Regel nur in der Fastnacht genießt und das aus in Rahm und Milch zerlassener Butter und ganz heißem Weiß- oder Milchbrot besteht, warme Wecken genannt, und so heiß als möglich genossen wird; allein es gehört ein sehr guter Magen dazu, um es ohne Beschwerden verdauen zu können. Dem alten Herrn Giraud mundeten diese warmen Wecken außerordentlich, er aß deren beinahe ein halbes Dutzend hintereinander, aber gleich darauf wurde es ihm so übel, daß er glaubte, er müsse den Geist aufgeben. Dem Geistlichen des Hauses, der auch von der Partie gewesen und tüchtig mitgegessen hatte, wurde ebenfalls übel, dann kam die Reihe an die alte Tante, und selbst Marguerite befand sich nicht ganz wohl darnach. Die Tante fing nun auf einmal an, wie besessen zu schreien: „Ach, wir sind vergiftet, wir sind alle vergiftet!“ Ich vermochte sie nicht zu beruhigen, obgleich ich ihr vorstellte, daß ich am meisten von dieser Speise genossen hätte; sie schickte nach einem Arzt, der auch schnell ankam und die noch übrige Butter, Milch und Brote untersuchte, während sich die Patienten bald auf dem Wege der Besserung befanden. Als ich ihm die Sache auseinandersetzte, meinte er lächelnd: „Ja, zu deutscher Kost gehört auch ein deutscher Magen.“ – Einige Gläser Likör brachten die verdorbenen Mägen wieder so ziemlich in Ordnung, doch hatten Herr Giraud und die Tante ein paar Tage zu tun, bis sie völlig wieder hergestellt waren, aber niemand spürte mehr Lust, sich noch ferner à l’allemande von mir regalieren zu lassen, und man gestand, daß man nicht ganz von dem Verdacht einer absichtlichen Vergiftung frei gewesen sei. Als ich bei Aymards die Geschichte erzählte, wollte man sich halbtot lachen, doch hatte niemand Lust, die Speise zu versuchen, wie ich es auch ihnen vorgeschlagen hatte. Aber ein ganz anderes Donnerwetter zog sich über meinem Haupt zusammen, als ich eines Tages bei Tische zufällig erwähnte, daß ich ein Protestant und zwar ein Lutheraner sei. Man lachte anfänglich dazu und meinte, ich scherze, denn auch diese Leute stellten sich unter einem Lutheraner noch eine Art Ungeheuer vor, bis ich ihnen ganz ernstlich versicherte, daß ich die Wahrheit gesagt und sie auch durch Erkundigungen herausgebracht hatten, daß ich wahr gesprochen. – Marguerite, mit der ich auf einem sehr vertrauten Fuß gestanden hatte, doch so, daß kein Unglück daraus entstehen konnte, wie ich es mit allen Mädchen hielt, kam eines Morgens auf mein Zimmer und bat mich, in Tränen gebadet, fußfällig, ich möge doch katholisch werden, weil ich sonst dem Teufel mit Haut und Haar verfallen sei und sie mit, da sie das Unglück gehabt, einen Lutheraner zu lieben. Ich konnte das arme Kind nicht zu einer vernünftigen Ansicht bringen, und trostlos verließ sie das Zimmer; sie hatte mir gestanden, daß ihr der Beichtvater gesagt, daß ihr ihre Bekanntschaft mit mir die ewige Verdammnis zuziehen könne, wenn sie mich nicht bekehre. Das ganze Haus war in größten Alarm geraten, und die Frauen weinten unaufhörlich. Ich ging zu den Leuten und suchte sie zu beruhigen, aber ich glaube, der Teufel selbst hätte ihnen jetzt keine größere Furcht einflößen können als mein Anblick; alle bekreuzigten sich und gaben mir zu verstehen, indem sie die Gesichter abwendeten, ich möge doch das Zimmer verlassen. Es kam mir vor, als sei ich unter Wahnsinnige geraten, und da ich sah, daß nicht daran zu denken war, auch nur ein vernünftiges Wort mit diesen Menschen zu reden, nahm ich mir vor, auf die wenigen Tage noch ein anderes Logis zu mieten und sah mich sogleich darnach um; als ich aber nach Hause kam, trat mir ein Dienstmädchen mit einem offenen Papier entgegen, das sie mir übergab und auf welchem geschrieben stand, daß die Familie, aus guten Christen bestehend, auch keine Stunde länger mit einem in alle Ewigkeit verdammten Ketzer unter einem Dach zubringen könne und sich daher so lange auf das Land begeben habe, bis ich ausgezogen sei; die Miete möge ich nur an das Dienstmädchen entrichten, welches Befehl habe, den Betrag dem Beichtvater einzuhändigen, der ihn zum Frommen der Kirche verwenden werde, um die Sünde, mich so lange im Hause geduldet zu haben, einigermaßen wieder zu sühnen. – Ich bezog nun auf die wenigen Tage, die ich noch in Avignon verweilte, ein Zimmer in einem Gasthof und habe nie wieder jemand von Girauds gesehen. Hier mußte ich gleich den ersten Tag, als ich an der Table d’hôte speiste, einen heftigen Streit zwischen einem Offizier und einem Bürger von Tarascon mit anhören. Letzterer schimpfte so wütend über Napoleon, nannte ihn ein Mal über das andere einen hergelaufenen Vagabunden, einen Spitzbuben, Schurken, infamen Betrüger, dem sein eigener Oheim, als er noch Leutnant und krank gewesen, täglich eine Armensuppe geschickt, und der später einen Wagen von einem seiner Bekannten entliehen, den er sowie gar manche andere Dinge zurückzugeben vergessen habe, wie er beweisen könne, und so weiter, so daß es allerdings kaum zum Anhören war. Aber der Offizier, der seinen ehemaligen Souverän verteidigen wollte, wurde überschrien und stand endlich vom Tisch auf, das Zimmer unwillig verlassend. Ich war in Zivilkleidern, hatte mich in die ganze Sache nicht gemischt und mußte noch eine geraume Zeit das Schimpfen und die schlechten Streiche, die sie dem Exkaiser vorwarfen, den sie einen Menschenschinder und ein nichtswürdiges Subjekt nannten, mit anhören. Am anderen Tage ließ ich mir auf dem Zimmer servieren, um solchen Dingen nicht mehr ausgesetzt zu sein. Damals war es im ganzen südlichen Frankreich höchst gefährlich, sich günstig über Napoleon zu äußern; was den Provençalen aber mit einen so großen Haß eingeflößt, war besonders die Konskription; allerdings wurden ihre Kinder sowie die aller Franzosen zu Hunderttausenden zur Schlachtbank geführt, um der Herrschsucht eines einzigen Menschen, der noch obendrein ein Korse war, zu frönen.
Kurz vor meiner Abreise war noch der Herzog von Orleans, Ludwig Philipp, von Sizilien zurückkommend, mit seiner Gattin in Avignon, wohin beide eine Jacht gebracht, an das Ufer gestiegen, wo ich der erste Offizier war, der ihn bei seiner Ankunft begrüßte. Er wurde sehr freundlich von den Einwohnern empfangen, und ich hatte die Ehre, ihn bis an das Hotel zu begleiten. Damals fiel es wohl niemand ein, daß er dereinst Herrscher von Frankreich werden würde. Er hielt sich in Avignon nicht lange auf, sondern fuhr nach ein paar Stunden schon weiter.
Auch ich machte jetzt Anstalt zu meiner baldigen Abreise, und da ich keine Lust hatte, zu dem ohnehin bis fast auf die Offiziere und einige Unteroffiziere zusammengeschmolzenen Regiment zu gehen, so ließ ich mir eine Marschroute nach Paris geben, um daselbst bei dem Kriegsminister zu versuchen, eine für mich passende Anstellung zu erhalten. Ich reiste mit noch einigen Offizieren, – auch einem Spanier namens Andeja, der seine Mätresse von Korfu mitgebracht, – nachdem ich meine Pferde in Avignon verkauft hatte, in einer Patache (eine Art Landkutsche) nach Lyon ab, wo ich ungefähr acht bis zehn Tage verweilte und wo gerade der Graf Artois (später Karl X.) einzog, weshalb große Feierlichkeiten in der Stadt veranstaltet wurden, denen ich beiwohnte. Viele Knaben, à la Henri IV. kostümiert, und weißgekleidete Mädchen mit Blumenkränzen und Girlanden, Nationalgarden zu Pferd und eine große Menge Volk ging Monsieur entgegen und begleitete ihn bei seinem Einzug in die Stadt mit Vivatgeschrei, das jedoch nicht sehr allgemein war. Es wurden Anreden gehalten, in denen vom Glück, die Bourbons endlich wieder auf dem französischen Thron zu sehen, gesprochen wurde. Der Graf Artois war sehr gnädig und herablassend und teilte eine Unzahl silberner Lilien mit einem weißen Bändchen, besonders an das Militär aus, von denen mir auch eine zuteil ward; später wurden sie für die Offiziere in Lilienkreuze umgewandelt. Monsieur sah indessen aus wie eine Vogelscheuche mit einem Perückenstock und machte auf das Militär, das ihn mit ziemlicher Geringschätzung behandelte, keinen guten Eindruck; selbst die bourbonisch gesinnten Bürger wußten nicht viel zu seinem Lob zu sagen. Die Stadt gab ihm zu Ehren einen großen Ball, auf dem Artois, wie ein abgelebter Schneider aussehend, von seinem Fauteuil dem Tanz mit zusah; auch ein großes Feuerwerk wurde abgebrannt, doch hatte die ganze Festlichkeit etwas Düsteres und war ohne Leben.
Einige Tage nach dem Ball reiste ich mit noch ein paar Offizieren, von denen der eine, ein Bataillonschef, zu der Garnison von Korfu gehört hatte, mit Extrapost nach Paris ab. Wir fuhren, ohne uns irgendwo aufzuhalten, Tag und Nacht bis Fontainebleau, wo wir einen halben Tag verweilten, um das dortige Schloß und die Gärten zu besehen. Ersteres ist ein weitläufiges, irreguläres Gebäude, dessen Architektur die Arbeit verschiedener Jahrhunderte nachweist. Es liegt in einem Tal und formiert fünf Corps de Logis, die durch Höfe und Galerien getrennt sind. Es war uns doppelt merkwürdig, weil hier erst vor wenigen Monaten Napoleons Abdankung stattgefunden hatte.
Wir sahen die Gemächer, die Marie Louise bewohnt hatte, sowie die, welche Pius VII. während seines gezwungenen Aufenthalts zum Kerker gedient, endlich das Gemach, in dem Napoleon seine Abdankung unterzeichnet hatte. Nach einem ziemlich splendiden Diner setzten wir unsere Reise fort und kamen gegen Morgen in Paris an, wo wir in einem Hôtel garni abstiegen und uns ermüdet niederlegten. Gegen Mittag erwachte ich, eilte zum Frühstück in das Palais Royal, ins Café des mille colonnes, wo ich sehr heftige politische Debatten über Napoleon, die Alliierten, die zurückgekehrten Bourbons, Ludwig XVIII. und so weiter anhörte, und man stritt, als wollte man sich eben bei den Köpfen nehmen; dann war von den Russen, den Kosaken, den Preußen, Engländern und Österreichern die Rede, man lobte den Kaiser Alexander als einen gar großmütigen Monarchen und äußerte: es gibt nur einen braven Russen, und der ist der Kaiser, alle anderen taugen nichts; auf Wellington und die Engländer schimpfte man und war gewaltig erbost; sie hatten allerdings etwas wild in der Umgegend von Paris gehaust. Nicht minder aufgebracht war man auf den braven Blücher und seine Preußen, die indessen nicht den hundertsten Teil dessen getan, was sich die Franzosen in Preußen hatten zuschulden kommen lassen; sie übten nur ein geringes Vergeltungsrecht und dies oft sehr großmütig, wie folgende Anekdote beweist. Ein Oberst der preußischen Garden war bei einer vornehmen reichen Dame im Faubourg Sankt Honoré einquartiert. Nachdem er sein Billett abgegeben, fand er die ihm eingeräumten, obgleich sehr schön und gut möblierten Zimmer viel zu schlecht, befahl, daß man ihm bessere Gemächer einräumen solle, und zwar in einem höchst arroganten und barschen Tone. Man gehorchte und gab ihm die besten im Hause, aber auch die waren ihm nicht gut genug, er warf sich mit Stiefeln und Sporen auf die kostbaren Sofas, und als man ihm das Frühstück und Mittagessen brachte, fand er alles abscheulich, kaum für Schweine gut genug, und warf mehrere Schüsseln den auftragenden Dienern vor die Füße. Seine Bedienten machten es nicht viel besser und hausten im Hotel, daß es zum Erbarmen war. Die arme Dame wußte sich gar nicht zu raten und zu helfen, faßte sich endlich ein Herz und begab sich selbst zu dem Obersten, um diesen zu bitten, er möge ihr doch nur sagen, was er wünsche und verlange, es solle ja alles geschehen, was in ihren Kräften stehe, um ihn soviel als möglich zufrieden zu stellen. Der Oberst hörte die Dame ganz ruhig an, bat sie auf das höflichste, doch Platz nehmen zu wollen, und sagte dann im besten Französisch auf das artigste: „Madame, ich habe Ihnen nur eine kleine Probe davon geben wollen, wie es Ihr Herr Sohn während drei Wochen, die er bei meinen Eltern in Berlin einquartiert war, gemacht hat, doch seien Sie ruhig, von jetzt an werden Sie sich nicht im mindesten mehr über mich oder meine Leute zu beklagen haben, und ich bitte, mir die zuerst zugedachten Zimmer wieder einräumen zu lassen, sie genügen mir vollkommen.“ – Von den Österreichern war wenig oder keine Sprache, sie hatten sich im ganzen sehr passiv verhalten. Es waren noch manche deutsche, russische und englische Offiziere in Paris zurück, die aber alle in Zivilkleidung einhergingen; dennoch fielen noch öfters Duelle vor. Die Russen zogen, wenigstens im Zweikampf mit der Klinge, meistens den kürzeren und wurden niedergestochen, während die Preußen manchen französischen Offizier ins Gras beißen ließen; die Engländer schossen sich fast nur auf Pistolen. Es verging fast kein Tag ohne solche Händel. Ich fand diesmal den Aufenthalt zu Paris himmelweit verschieden von dem im Jahre 1810, auch hatte sich in diesen vier Jahren sehr viel verändert. Das Ziel zu erreichen, um dessentwillen ich eigentlich hierher gereist, war unmöglich, man wußte noch gar nicht recht, wer eigentlich Koch oder Kellner war. Der Kriegsminister war nicht zu sprechen und sein Ministerium und dessen Vorzimmer den ganzen Tag von dem Troß der mit den Bourbonen zurückgekehrten Adeligen belagert, die alle ihre Anhänglichkeit an den König und dessen Familie und ihre wurmstichigen gegerbten Eselsfelle statt anderer Verdienste in Anschlag brachten und Anstellungen und Ehrenstellen verlangten. Wahr ist es, daß diese Herren nichts vergessen und nichts gelernt, es schien, als hätten sie von 1789 bis 1814 geschlafen, sie waren mit denselben Vorurteilen und Anmaßungen nach dem Frankreich von 1814 zurückgekehrt und reihten dieses Jahr ohne weiteres an die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts an; auch waren sie die lächerliche Zielscheibe des beißenden Spottes und Witzes und trugen die meiste Schuld an der fatalen Stimmung des Volkes gegen die zurückgekehrten Bourbonen und Ludwig XVIII. – Von meinen früheren Bekannten suchte ich nur wenige auf und fand auch diese sehr verändert. Die einzige interessante neue Bekanntschaft, die ich machte, war Angelika Catalani, deren Donnerstimme damals in ihrer höchsten Kraft und Fülle war und mit der ich öfter Duette sang; ich sollte sie später in Deutschland wieder treffen, wo ich Gelegenheit fand, ihr manchen Dienst zu erweisen. – Auch der schönen Madame Recamier, die so lange Paris hatte meiden müssen, weil es den kleinlichen Launen des korsischen Weltgebieters so gefiel, begegnete ich in einigen Salons und bewunderte zwar ihre allerdings außerordentliche Schönheit, aber ohne daß sie einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte, ob sie gleich durch ihre Einfachheit und Liebenswürdigkeit jedermann bezauberte; wahr ist es, daß ich in gar keine nähere Berührung mit ihr kam und kaum einige Worte gewechselt habe.
Da ich nach einem kurzen Aufenthalt von wenigen Wochen wohl einsah, daß unter den dermaligen Umständen, wo auch fast niemand an den Bestand des Bestehenden glauben wollte, nichts für mich in Paris zu machen war und ich keine Lust hatte, wieder zu dem régiment étranger, dessen Reste noch in Avesnes lagen, zurückzukehren, ließ ich mich auf halben Sold setzen und wählte vorerst Straßburg zu meinem provisorischen Aufenthalt, um von da nach beinahe neun Jahren meine Eltern wieder einmal besuchen und sehen zu können. Ich ging über Meaux, Chateau-Thierry und Epernay nach Reims, wo ich einen Tag verweilte, um die alte Krönungsstadt und ihre berühmte Kathedrale, eines der schönsten gotischen Denkmäler, zu sehen. Von hier reiste ich über Chalons sur Marne, Barleduc, Toul und Nancy nach Straßburg, wo ich ein Quartierbillett auf drei Tage bei einem Kaufmann Hecht im Kupferhof erhielt und sehr gut aufgenommen wurde, auch gestattete man mir, noch länger in diesem Quartier zu verbleiben, so daß ich bis zu meiner Abreise nach Frankfurt in demselben wohnte. Madame Hecht war eine hübsche junge Frau, auch musikalisch, und ihr zuliebe verschob ich meine Abreise um einige Wochen. In ihrer Gesellschaft besuchte ich Straßburgs Sehenswürdigkeiten, an ihrer Hand bestieg ich den Riesenturm des Münsters und besah mit ihr das schöne Monument des Marschalls von Sachsen in der protestantischen Sankt Thomaskirche. Auch die Ruprechtsau und andere Promenaden sowie das Theater, wo damals deutsche und französische Komödie gespielt wurde, besuchten wir miteinander. In Straßburg traf ich einige alte Bekannte. Talma gab gerade Gastrollen samt seinem Schüler David, der jedoch dem Meister keine große Ehre machte; sodann traf ich einen alten Schulkameraden, der zu gleicher Zeit mit mir in Breitensteins Pension zu Homburg gewesen und sich dem Kaufmannsstand gewidmet hatte. Durch diesen lernte ich den nicht verdienstlosen Schauspieler Vogel und dessen Gattin, eine hübsche und gute Sängerin, kennen, mit denen ich manchen vergnügten Abend zubrachte. Während meiner Anwesenheit fand sich auch der Herzog von Berry, auf seiner Rundreise durch Frankreich, daselbst ein, wußte sich aber wenig beliebt zu machen, und man fand seine affektierten martialischen Manieren etwas lächerlich und karikaturartig, zudem waren die Straßburger sowie das ganze Elsaß wütende Napoleonisten und haßten die Bourbonen, also gerade das Gegenteil von den Bewohnern des südlichen Frankreichs. Zu seinem Unglück war der Herzog von Berry noch obendrein die unschuldige Ursache des Todes des sehr beliebten Präfekten von Straßburg. Dieser war ihm nämlich eine große Strecke entgegengefahren, wurde mit seinem Wagen umgeworfen, wobei das Gefäß seines Degens ihm tief in die linke Seite eindrang und ihn so schwer verletzte, daß er schon vierundzwanzig Stunden darauf seinen Geist aufgab. Diesen unglücklichen Zufall schob man dem unbeliebten Herzog in die Schuhe, den man um so mehr verwünschte. Nichtsdestoweniger fanden die vorbereiteten Empfangsfeierlichkeiten statt, aber kaum daß man hier und da bei seinem Einzug zu Pferde ein halblautes schüchternes ‚Vive le roi!‘ hörte; doch war der Ball, der ihm zu Ehren gegeben wurde, sowie das Feuerwerk recht brillant. Was mich aber von all den Feierlichkeiten am meisten ansprach, war die imposante Illumination des Münsters, bis in die höchste Spitze seines Riesenturmes, der sich in den Sternen zu verlieren schien, ein majestätisches Nachtgemälde.
Endlich fand ich doch, daß es Zeit sei, das Vaterhaus einmal wieder zu sehen und erbat mir von dem Kommandanten, General Baron Deburaux, Urlaub zu einer Reise nach Frankfurt, der mir auch ohne Umstände bewilligt wurde. Ich nahm Abschied von der Familie Hecht und Vogel, versprach ersterer, spätestens binnen drei Monaten wieder zurückzukommen und fuhr den 12. Oktober 1814 über die Rheinbrücke nach Kehl und von da über Rastatt nach Karlsruhe und von da mit der Diligence nach Frankfurt. In dem Wagen befand sich ein allerliebstes junges Mädchen, die Tochter eines badischen Beamten aus Rastatt, das zu seinen Verwandten zum Besuch nach Frankfurt reiste und neben mir saß. Nachdem die Dämmerung eingetreten war, wurden wir bald so vertraut, daß wir die ganze Nacht Arm in Arm miteinander zubrachten. In Heidelberg kamen wir gegen Mitternacht an und ließen uns, während man umspannte und auspackte, ein Zimmer und etwas zu essen geben, worauf wir im Taumel des Vergnügens beinahe das Abfahren des Postwagens verpaßt hätten, wenn uns nicht der Hausknecht mit rauher Stimme und Klopfen daran erinnert hätte. Wir setzten nun die Reise in der Art, wie wir sie begonnen, weiter fort und trieben das süße Spiel, während die anderen Passagiere, unter denen noch zwei Damen, schliefen, con amore fort. Längs der Bergstraße sahen wir auf allen Höhen große Feuer emporlodern, und als ich fragte, was dies zu bedeuten habe, ward mir die Antwort, es sei zum Andenken an den 18. Oktober von den Alliierten bei Leipzig errungenen großen Sieg über Napoleon (18. Oktober 1813). Als es zu grauen begann, schliefen wir etwas ermüdet ein und wachten erst bei dem Anhalten in Darmstadt wieder auf. Nachdem wir endlich Neu-Isenburg passiert hatten, durch den Frankfurter Wald kamen und ich die Sachsenhäuser Warte und nun jeden Augenblick neue, mir wohlbekannte Gegenstände und Orte erblickte, welche in meiner frühen Kindheit oft das Ziel unserer Spaziergänge und der Tummelplatz unserer Spiele und Freuden gewesen, da wurde es mir doch ganz wunderlich ums Herz, das allmählich stärker zu pochen begann. Ich sah nun Frankfurt mit dem mir so wohlbekannten Taunusgebirge im Hintergrunde, das sich von der Sachsenhäuser Warte ganz besonders malerisch ausnimmt, sich vor mir ausbreiten, staunte den ehrwürdigen alten bemoosten Pfarrturm an, der mich etwas mürrisch zu bewillkommnen schien, fuhr durch das Affentor, über die Mainbrücke, am goldenen Gickel vorbei, in den Rahmhof, sprang aus dem Wagen, alles im Stich lassend, meiner hübschen Reisegefährtin kaum ein ‚Lebewohl, auf Wiedersehen‘ zurufend, rannte nach dem väterlichen Haus und lag in den Armen meiner mich erwartenden Eltern und Geschwister, nach neun langen Jahren, in denen ich so viel erlebt und mitgemacht und sich so manches verändert hatte. Staunend ward ich von meinen Lieben und sogar dem Gesinde, gleich einem halben Wundertier, umringt.
VI.
Feier des 18. Oktobers zu Frankfurt am Main. – Verfassungswehen dieser Stadt. – Franzosenhaß daselbst. – Diversi. – Ein Fest auf dem Sandhof. – Napoleons Rückkehr von der Insel Elba. – Ich entschließe mich in preußische Dienste zu treten. – Abreise nach Berlin.
Es war der erste Jahrestag der Schlacht von Leipzig, als ich in den Nachmittagsstunden in meiner Vaterstadt eintraf, wo es fast schien, als wäre die ganze Stadt von der Tarantel gestochen; auf den Straßen, Plätzen und aus vielen Häusern wurde fortwährend geschossen, sogar Frauen und Mädchen drückten Pistolen ab, man schimpfte und verwünschte auf gut frankfurterisch die Franzosen, und die guten Frankfurter waren sämtlich gewaltige Franzosenfresser geworden, sobald jene weg waren. Auf dem Römerberg und dem Roßmarkt waren Altäre errichtet, an welchen die liebe Schuljugend, von ihren Monarchen angeführt, Dank- und Lobgesänge für die glückliche Befreiung von der Regierung des Fürsten Primas plärrte. Den Abend war die Stadt erleuchtet, und allenthalben waren Transparente angebracht, die zum Teil wunderliche Dinge darstellten und sehr komische Sprüche enthielten. – So hatte unter anderen ein reicher Bäcker namens Binding einen ungeheuren Kuchen auf seinem Transparent dargestellt, den die Franzosen auf der einen Seite attackierten, während er und seine Gesellen dieselben mit Schaufeln auffingen und in den Backofen schoben. Unter diesem Transparent las man die Worte: