Ich bin ein lustiger Bäcker;
Für die französischen Lecker
Aber back ich keine Kuchen mehr,
Sie müssen all’ in meinen Backofen her.
Und doch hatte der Mann sein Geld hauptsächlich durch die Franzosen gewonnen. Auch die Bürgermiliz paradierte diesen Tag unterm Gewehr neu uniformiert, aber mit dem Marschieren wollte es noch nicht recht gehen, und von der Reiterei, einigen dreißig Mann, die meistens auf erbärmlichen Lehnkleppern ritten – mit dem Reiten sah es noch schlimmer als mit dem Marschieren aus –, fiel mehr als einer sogar von seiner Rosinante herab oder stürzte mit derselben. Dieses Militär hatte ein wahrhaft grimmig gutmütiges Ansehen, indessen las man in Frankfurter Blättern oder Korrespondenzartikeln doch viel von dem martialischen Aussehen und der militärischen Haltung und dito Geist dieser Miliz. Die Frankfurter hatten aber auch ein Bataillon Freiwillige errichtet, um den Feldzug von 1814 in Frankreich mitzumachen; sie bekamen zwar den Feind nicht zu sehen, dies war jedoch nicht ihre Schuld. Ein starker und anhaltender Regen, der sich am Abend des 18. Oktober zeitig einstellte, machte der Illumination ein schnelles Ende; Lichter und Transparente erloschen, nachdem sie kaum angezündet waren.
Als in der verwandtschaftlichen Sippschaft meine Ankunft bekannt wurde, warteten die meisten Vettern und Muhmen nicht ab, bis ich ihnen meine gehorsamste Aufwartung machte, sondern sie fanden sich beizeiten selbst ein, um das zurückgekommene Wundertier, das als noch unbärtiges Kind ausgezogen und nun als bärtiger, sonnverbrannter Mann nach so manchen überstandenen Gefahren wiedergekehrt war, in Augenschein zu nehmen, zu bewillkommnen und anzustaunen. Nicht Teilnahme, sondern Neugierde war die Triebfeder dieser überartigen Zuvorkommenheit, und des lästigen Fragens und Geschwätzes war kein Ende, sowie ich mit Einladungen zu Mittag- und Abendessen wahrhaft überschüttet wurde. Viele der älteren Bekannten waren in die ewige Heimat gegangen, unter ihnen auch meine Großeltern väterlicherseits, der alte Oberst Schulter, Goethes Oheim, und meine Tante Feierlein, die ehemalige Scholz, samt ihrem zweiten Mann, dem Doktor Feierlein. Dieser hatte sich seinen Tod bei einer Audienz, die er als guter Redner an der Spitze einer Deputation von Frankfurter Bürgern bei Kaiser Franz II. hatte, um denselben für die Wiederherstellung der freireichsstädtischen Freiheit Frankfurts zu gewinnen, geholt. Die Herren mußten nämlich in einem eiskalten Vorzimmer des Thurn- und Taxisschen Palais, in welchem der Kaiser wohnte, in dünnem Frack, kurzen Beinkleidern, seidenen Strümpfen und Schuhen ein paar Stunden antichambrieren, bevor man die Gnade hatte, sie vorzulassen, wodurch sich mein Oheim Feierlein eine so starke Erkältung zuzog, daß er kurze Zeit darauf starb und so das Opfer seines Patriotismus und Rednertalents wurde.
Die Einwohner Frankfurts hatten sich trotz der mehr als siebenjährigen Regierung des Fürsten Primas wenig oder nicht verändert, desto mehr aber die Stadt selbst, deren Festungswerke, Wälle, Bastionen und Mauern während der Zeit demoliert, die Gräben ausgefüllt und in sehr anmutige und geschmackvolle Promenaden verwandelt worden waren.
Vierzehn Tage nach meiner Ankunft war ich endlich gottlob von allen Basen und Neugierigen der Reihe nach abgefüttert. Das Unangenehmste bei diesen, der Familienverhältnisse wegen nicht gut abzuschlagenden Einladungen war, daß ich die ewigen Schimpfereien auf die Franzosen und den menschenfreundlichen Fürsten Primas wiederkäuen hören mußte; auch war man einfältig genug, fast alles, was unter dessen Regierung Löbliches und Nützliches geschehen und verordnet worden, wieder abzuschaffen und statt dessen die alten Albernheiten, Spießbürgerlichkeiten und Erbärmlichkeiten wieder aus der reichsstädtischen Rumpelkammer hervorzuholen, um sie soviel als möglich dem neuen freistädtischen Kram anzupassen. Die ganze Stadt lag in den Verfassungswehen, unter deren Geburtsschmerzen sie sich krümmte und gebärdete, daß es zum Erbarmen war; es dauerte jahrelang, bis dieses Monstrum, diese Mißgeburt einer republikanischen Konstitution, endlich durch eine Art Kaiserschnitt zu Tage gefördert wurde. Gleich beim Beginn der großherzoglichen Regierung waren alle Privilegien einzelner Personen und Familien daselbst aufgehoben worden, sowie daß die sogenannten Patrizier oder adeligen Familien kein ausschließliches Recht zu Ämtern noch zu Diensten und Würden mehr haben sollten, wogegen man mehrere unter ihnen mit dem Kammerherrnschlüssel, Hoffähigkeit und ähnlichen Dingen tröstete. Diese wollten aber nun, da sie Schlüssel und Fähigkeiten eingebüßt, wieder in ihre alten Rechte oder vielmehr Vorrechte eingesetzt sein und auf eine gewisse Zahl Stellen im Rat oder Senat Anspruch machen, wozu sie jedoch eher ihre größere wissenschaftliche Bildung, Kenntnisse und Fähigkeiten, als ein angemaßtes Vorrecht berechtigt hätte; namentlich war es das Haus Limpurg, das sich gewaltig und oft burlesk genug um dieses Vorrecht stritt, und es regnete Broschüren in diesen Angelegenheiten, die es hinsichtlich des Stils, der Anmaßung, der Unbeholfenheit, Plumpheit und lächerlichen Impertinenz noch mit den Behörden, Urteilen und Verfügungen der Frankfurter Gerichte aufnehmen konnten, bei denen man eine stupide Grobheit durchaus für unzertrennlich von der amtlichen Würde hält.
Man suchte damals auch in Frankfurt seinen Patriotismus und Franzosenhaß durch altdeutsche Tracht der Welt kund zu tun, dies hielt aber nicht lange an, auch wurde diese Tracht nie allgemein, da sie zu kostspielig und also nur für Reiche war, die damit in Gesellschaften und auf Bällen prangten, namentlich die Damen mit altdeutschen Häubchen, Ketten und dergleichen. Der Franzosenhaß ging so weit, daß man jetzt jedes französische Wort oder das man dafür hielt – denn auch lateinische und italienische Ausdrücke wurden oft dafür genommen –, aus der Unterhaltung verbannt wissen wollte und dennoch deren in aller Unschuld unzählige einmischte, sie für echt deutsch haltend. Mit französischen reisenden Kaufmannsdienern wollte man sich nicht in geschäftliche Unterredungen mehr einlassen, wenn sie nicht deutsch sprechen konnten, doch besann man sich eines Besseren, sobald man sich merkantilische Vorteile davon versprach. Einen armen französischen Tanzmeister namens Lepitre, der schon lange Jahre den Beinen und Füßen der Frankfurter Schönen Gelenkigkeit beigebracht hatte, wollte man schlechterdings aus der Stadt geschafft wissen; glücklicherweise nahmen ihn einige angesehene Familien, worunter die Bethmannsche und ihr großer Anhang, die nicht von der allgemeinen Raserei befallen waren und bei denen er Tanzunterricht gab, in Schutz, aber viele Franzosen und Französinnen, unter denen auch Gouvernanten und Bonnen, die man hatte kommen lassen, wurden fortgeschickt. Glücklicherweise verflog der Frankfurter patriotische Rausch bald wieder, die Wehen der zu schaffenden Verfassung beschäftigten allmählich die Gemüter immer mehr, und als bald darauf Napoleon von der Insel Elba landete, ging es wie 1792 nach der Ermordung der französischen Soldaten, niemand wollte mehr so berauscht gewesen sein. Ich hatte mich indessen wenig an diesen Unsinn gekehrt, doch wurde ich im Innern erbittert, als ich nach und nach die Unbilden erfuhr, welche sich die Franzosen in Deutschland und namentlich in Preußen, aller Rechtlichkeit und Menschenwürde Hohn sprechend, erlaubt hatten; auch hatte Napoleon schon durch seine Abdankung in Fontainebleau unendlich in meinen Augen verloren. Er hätte sich gleich Friedrich dem Großen bis auf den letzten Mann seiner Haut wehren müssen, denn er hatte noch weit mehr Hilfsmittel als jener zu seinen Diensten, aber freilich nicht dessen Genie. Was mich am meisten empörte, war die feige Ermordung des Buchhändlers Palm und das niederträchtige Erschießen der Offiziere von dem Korps des braven Schill, sowie daß er dessen Soldaten, die doch nur wie jeder Soldat ihrem Vorgesetzten gehorchen mußten, unter das Raub- und Mordgesindel auf die Galeeren von Toulon schickte.
In der Regel ging ich in Frankfurt in Zivilkleidern aus und steckte mich nur dann und wann bei besonderen Gelegenheiten in meine französische Uniform, was selbst die Meinigen sehr ungern sahen, weil sie fürchteten, es könne mir böse Händel zuziehen. Da ich aber die königlich französische weiße Kokarde trug, also in Diensten des von den Verbündeten selbst eingesetzten Königs stand, so glaubte ich keinen Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein, auch widerfuhr mir, obgleich ich öfters preußischen Offizieren und Soldaten begegnete, wie zu erwarten war, nicht das mindeste. Eines Tages aber, als ich in Uniform an dem Haus vorüberging, in welchem ein österreichischer Major namens Schröer als Etappenkommandant sein Bureau hatte, kam mir ein österreichischer Korporal nachgesprungen und sagte mir, der Herr Major verlange mich zu sprechen. Ich hieß ihn einen Augenblick warten, zog meine Schreibtafel heraus und schrieb mit Bleifeder die Adresse meiner Wohnung auf ein Stückchen Papier, das ich dem Korporal zustellte und ihm sagte, er möge dies nur seinem Herrn Major bringen und ihm sagen, daß ich in der Regel jeden Morgen bis zehn Uhr zu Haus zu treffen sei. Da der Korporal, das Blättchen in der Hand haltend, noch immer zauderte, so wiederholte ich ihm nochmals, daß er dies nur seinem Major zuzustellen habe und nun gehen könne. Somit glaubte ich die Sache abgemacht, den anderen Tag erhielt ich aber ein Schreiben von dem österreichischen Vizegouverneur, dem General Grafen von Hardegg, der sich noch in Frankfurt aufhielt und in einem uns befreundeten Haus einquartiert war, mit der Aufforderung, mich zu ihm zu verfügen. Ich war unschlüssig, was ich tun sollte, indessen begab ich mich auf Zureden meiner Familie zu dem Herrn Vizegouverneur, dessen erste Frage nach den gebräuchlichen Bewillkommnungen war, ob ich den Dienst nicht kenne?