Einige Tage darauf traf ich im Roten Haus auf einem Kasinoball mit dem Herrn General, der in roten Hosen steckte, und dem Major Schröer zusammen; auch befanden sich mehrere preußische Offiziere daselbst. Ich war in meiner französischen Uniform, obgleich mir meine ebenfalls wütend deutsche Schwester versichert hatte, ich würde in derselben kein einziges Mädchen finden, das mit mir tanze, und Händel bekommen. Glücklicherweise ging keine dieser Prophezeihungen in Erfüllung. Der Major Schröer schien mich zu meiden, General Hardegg sprach sogar ein paar freundliche Worte mit mir, die preußischen Offiziere benahmen sich wie Ehrenmänner, und ich unterhielt mich lange mit ihnen, auch Tänzerinnen fand ich mehr, als ich hätte befriedigen können, und unter ihnen manche Bekannte aus meiner Kindheit, wie Karoline Th... und so weiter. Man wollte durchaus die französischen graziösen Kontertänze von diesen Bällen verbannt wissen, dennoch gelang es mir mit Hilfe einiger hübschen Frauen, trotz dem Widerstreben wütender Deutschtümler, sie zustande zu bringen. Besonders war es die schöne Frau des Bankiers von Bethmann, eine Holländerin, die mit ihrem Anhang und ihren Damen die französischen Tänze in Schutz nahm, und obgleich in einer sogenannten altdeutschen Tracht, deren Stoff weißer Sammet mit Goldstickerei war, fast nur französische Quadrillen tanzte, was ihr um so leichter wurde, als sie viele Anbeter hatte. Kurz darauf gab Herr von Bethmann ein großes Fest auf einem seiner Güter in Frankfurts Nähe, das der Sandhof genannt wurde und früher eine öffentliche Wirtschaft war. Die Fête war äußerst glänzend und mit einem ungeheuren Aufwand, sowohl bei der Dekorierung der Gemächer als an Speisen und Getränken, veranstaltet. Mehr als tausend Personen waren eingeladen worden, und zwar aus allen Ständen, so auch sämtliche Handwerksleute, die für das Bethmannsche Haus arbeiteten, mit ihren Frauen, was dem Fest freilich einen eigenen Anstrich verlieh. Frau von Bethmann und ihre beiden Hofdamen, Fräulein von Idstein und Frau von St. George, empfingen alle Gäste in einem im Garten des Sandhofs aufgeschlagenen Zelt; sie waren alle drei in große, schwarzsamtne Mäntel gehüllt – die Jahreszeit war schon ziemlich vorgerückt – und sahen so den drei Masken im Don Juan ähnlich. Herr von Bethmann, der kurz vorher einen kleinen Strauß mit dem wieder bestehenden Frankfurter Senat gehabt, hatte über das Haupttor des Eingangs am Sandhof ein Transparent mit den Worten: ‚Tue recht und scheue niemand!‘ setzen lassen, was zu allerlei Bemerkungen Anlaß gab. Nicht weniger als vier Büfetts waren in verschiedenen Gemächern errichtet, wo man sich Eis und alle möglichen Getränke und die köstlichsten Weine sowie Süßigkeiten nach Belieben fortwährend konnte reichen lassen, was sich manche der Geladenen so sehr zunutze machten, daß ihre Köpfe schwer wurden und sie das Gleichgewicht verloren. Um Mitternacht setzte man sich zu Tisch, nachdem vorher noch ein Feuerwerk abgebrannt worden war. Auch hier fand ich wieder alte Jugendfreundinnen, teils verheiratet, teils noch ledig, und mit einigen, wie Lilli O..., knüpfte ich die frühere Bekanntschaft wieder an und verlor mich ein halbes Stündchen mit ihr in dem Garten et l’un contemplait la terre, l’autre le firmement und so weiter. Das Fest dauerte bis zum hellen Tag, wo ich mit den letzten Gästen in einem Nachen auf dem Main nach Frankfurt zurückfuhr.

Damals kamen zahlreiche Transporte von Franzosen, die aus der russischen oder preußischen Gefangenschaft heimkehrten, durch Frankfurt. Eines Tages hatte einer derselben auf ein Bild des Kaisers Franz, das an einem Bilderladen auf der Zeil ausgehängt war, gespieen und dabei einige Schimpfworte ausgestoßen; dies hatte ein österreichischer Korporal gesehen, der den Frevler gleich zu dem Major Schröer brachte, diesem das Vergehen rapportierte, worauf derselbe dem Franzosen fünfzig gutgemessene Stockprügel aufzuzählen befahl. Der arme Teufel machte gewaltige Anstrengungen und Faxen, um sich der Prügelsuppe zu entziehen, aber der Korporal, ein Ungar, sagte zu ihm: „Lek di nur hin, Kamerad, helf all nix, ein klan Viertelstund, und alles is vorbei,“ und der Franzose bekam die fünfzig auf echt österreichisch aufgezählt.

Nachdem ich ungefähr sechs Wochen in Frankfurt verweilt hatte, machte ich einen Besuch in Homburg bei meinem guten alten Oheim Oberpfarrer, bei dem ich vierzehn Tage recht angenehm zubrachte und dem es ein großes Vergnügen gewährte, wenn ich ihm von meinen Feldzügen und Abenteuern, wobei ich freilich die galanten sub silentio überging, erzählte. Hier suchte ich die mir teuern Tummelplätze meiner Kindheit und alte Bekannte wieder auf und wurde von allen freundlich aufgenommen. Mein alter Lehrer Breitenstein war mit einem halben Dutzend Kinder gesegnet und hatte eben ein dickes Buch gegen Frankreich und das französische Volk geschrieben, dessen Titel mir entfallen ist, aus dem er mir aber zu meinem Leidwesen ganze Kapitel vorlas, die ich mit der größten Langeweile anhörte. Deutschland war damals mit einer Sündflut solcher Broschüren und Bücher überschwemmt, die alle einen glühenden Franzosenhaß, aber auch viel baren Unsinn atmeten. Das des Oberhofpredigers Breitenstein war nicht ohne Geist, aber viel zu ausgedehnt und voluminös.

Mein guter Oheim meinte, es sei denn doch besser, daß ich Offizier geworden sei, als Komödiant; ich erwiderte ihm: „Lieber Herr Onkel, am Ende sind wir doch alle nur Schauspieler unseres Herrgottes, ob in schwarzer, bunter oder farbiger Jacke.“ Und er lächelte mir Beifall zu, ohne etwas zu entgegnen.

Auch bei Hof stellte er mich dem Landgrafen und der Frau Landgräfin vor, von denen ich sehr freundlich aufgenommen und während meines Aufenthalts in Homburg häufig zur Tafel geladen wurde. Eine meiner ehemaligen Geliebten, Eleonore von Brandenstein, war jetzt Hofdame der Landgräfin, aber schon ziemlich verblüht, ebenso Frau von B., die viele Kinder gehabt; was tun neun Jahre nicht!

Unterdessen kam die Weihnachtszeit, das liebe Fest aus meiner Kindheit, heran. Ich freute mich, dasselbe wieder einmal im Schoße meiner Familie feiern zu können und brachte es mit seinen Bescherungen recht vergnügt zu. Die Meinigen drangen unterdessen in mich, meinen Abschied aus französischen Diensten zu nehmen und in die einer deutschen Macht zu treten, wozu man schon Mittel finden würde, mir den Weg zu bahnen; ich verspürte keine große Lust, einen solchen Schritt zu tun, bat aber, bevor mein Urlaub um war, um dreimonatliche Verlängerung desselben, die ich auch ohne Umstände erlangte.

Der Winter ging mir in Frankfurt, Homburg und Offenbach auf eine ziemlich angenehme Weise herum, ich besuchte fleißig die Bälle, machte manchmal eine Jagdpartie mit und führte sozusagen ein wahres Schlaraffenleben, während der Kongreß in Wien brütete und die Nachrichten von daher keinerlei Erwartungen entsprachen, zu langweilen begannen und Frankfurt noch immer in seinen Verfassungswehen lag.

Eines Vormittags, als ich eben ein Pferd bestiegen hatte, um nach Homburg zu reiten, fand ich die Straßen Frankfurts äußerst bewegt und mit ungewöhnlich viel Menschen angefüllt, die alle einen rennenden Schritt führten; besonders nahm ich dies über die Zeil reitend wahr. Hier begegnete ich einem Bekannten, den ich fragte, was dieser Tumult bedeute? – „Wie, Sie wissen nicht,“ erwiderte derselbe, „Napoleon ist wieder in Frankreich gelandet!“ – „Ist’s möglich?“ – „Ganz gewiß, die offizielle Nachricht davon ist vor einer Stunde per Estafette eingetroffen.“ – „Sind Sie dessen gewiß?“ – „Kein Zweifel mehr, ich habe es aus der ersten Hand.“ – Ich machte schnell rechtsum kehrt, und statt nach Homburg, ritt ich wieder heim und brachte den Meinigen, die noch beim Frühstück saßen, brühheiß die große Neuigkeit, worüber sie nicht wenig staunten und die sie zu glauben Mühe hatten; bald stellte sich jedoch die Wahrheit derselben über allen Zweifel heraus, und die noch denselben Tag ankommenden Pariser Journale meldeten die Landung des ‚tollen Abenteurers Bonaparte‘, der zur Stunde indessen wohl schon in einem Gefängnis der Provence sitzen werde. Den anderen Tag las man jedoch in denselben Blättern, daß der General Bonaparte, zu dem einige Haufen gewissenloses Militär und Gesindel übergegangen seien, gegen Lyon marschiere, wo er nicht ermangeln könne, das Ziel seines abenteuerlichen Unternehmens zu finden. Die nächsten Zeitungen berichteten die Ankunft des Exkaisers zu Lyon und daß er gegen Grenoble ziehe, und wenige Tage später hieß es in obigen Journalen: ‚Seine Majestät der Kaiser Napoleon sind unter dem Jubel des beglückten Volkes in Frankreichs Hauptstadt eingerückt.‘ – Ich war unter diesen Umständen, da mein Urlaub ohnehin bald zu Ende war, entschlossen, nach Straßburg zurückzukehren. In Frankfurt herrschte jetzt große Bestürzung; man glaubte die Franzosen schon wieder vor den Toren, und die ängstlichen Gemüter machten es wie vor einigen zwanzig Jahren, keiner wollte über Napoleon geschimpft, keiner einen Freudenschuß getan haben. Ich traf Anstalten, um baldigst nach Frankreich abzureisen, obgleich meine Verwandten alles mögliche taten, mich davon abzuhalten. Als ich reisefertig war, mietete ich mir einen Wagen nach Karlsruhe, nahm Abschied von den Meinigen und fuhr gegen acht Uhr morgens von Haus ab. Als ich aber zu Sachsenhausen an das Affentor kam, welches ich passieren mußte, hieß man den Kutscher stillhalten, und ein österreichischer Unteroffizier trat an den Schlag und fragte mich nach meinem von dem Etappenkommandanten unterzeichneten Passierschein, und da ich ihm sagte, daß ich ein solches Ding nicht kenne, so erklärte er mir, daß ich nicht passieren könne; in diesem Augenblick trat auch der Platzadjutant aus der Wachtstube und kündigte mir an, daß ich Stadtarrest habe und, wenn ich nicht mein Ehrenwort gebe, die Stadt nicht ohne Erlaubnis der Militärbehörden verlassen zu wollen, dieser sich sofort in strengen Arrest verwandeln könne. Hierüber aufgebracht, sagte ich, dies seien Gewaltstreiche, die man sich gegen mich erlaube, gegen die ich protestiere und so weiter. Dies half aber alles nichts, und man machte Miene, mich zu verhaften; ich ließ den Kutscher umwenden und wollte es versuchen, zu einem anderen Tor hinauszukommen, aber eine Ordonnanz setzte sich auf den Bock, und ich mußte auf die Kommandantur fahren. Hier stellte ich den Major Schröer wegen dieses Verfahrens zur Rede, dieser zuckte aber die Achseln, sprechend, daß er auf höheren Befehl handle. „Sie sind in französischen Diensten,“ setzte er hinzu, „und ich habe Befehl vom General Hardegg, kein französisches Militär unter den jetzigen Umständen mehr nach Frankreich zurückgehen zu lassen; eine Kolonne französischer Gefangener, die gestern hier ankam und heute weiter sollte, muß gleichfalls zurückbleiben.“ – „Aber mein Gott, ich bin ja kein Kriegsgefangener, sondern auf Urlaub.“ – „Das macht halt nix, Sie sind’s ämal in französischen Diensten und müssen’s da bleiben; wenn Sie mir aber Ihr Ehrenwort geben wollen, die Stadt nicht zu verlassen, so können’s frei in derselben umhergehen, wohin Sie wollen.“ – Ich wollte ihm eben etwas derb antworten, als sich die Tür des Bureaus öffnete und General Hardegg hereintrat, der mir das nämliche wiederholte; ich mußte mich fügen, wollte ich nicht Arrest auf der Hauptwache erhalten. Als ich nun wieder zu Hause ankam, empfingen mich meine Geschwister lachend, und es wurde mir bald klar, was mein jüngster Bruder, der mir beim Weggehen lächelnd zugerufen hatte: „Ich nehme keinen Abschied, wir sehen uns doch bald wieder,“ damit hatte sagen wollen. Meine Familie war nicht ohne Mitschuld an dem, was mir soeben begegnet war. Zwei Tage darauf kam mein Oheim von Homburg und drang in mich, ich solle suchen, in preußische Dienste zu kommen, er nehme es auf sich, mir eine Anstellung in denselben zu verschaffen; das Hirngespinst des Erbadels oder wenigstens dessen Vorrechte seien aus den Reihen des preußischen Heeres verschwunden, ich würde von der Landgräfin und ihm die besten Empfehlungen an die Prinzessin Wilhelm erhalten, eine glänzende Karriere in Preußen könne mir nicht fehlen. Dies seien die Truppen, die sich im letzten Feldzug am tapfersten geschlagen, in der öffentlichen Meinung am höchsten stünden und allgemein geehrt würden. Ich erwiderte, daß ich vorerst unmöglich darauf eingehen könne und wenigstens einige Tage Bedenkzeit haben müsse. Er lud mich jetzt ein, mit ihm nach Homburg zurückzufahren und wieder ein paar Tage bei ihm zuzubringen, während denen ich mich hinlänglich besinnen könne. Als ich ihm bemerkte, daß ich die Stadt nicht verlassen könne ohne die Erlaubnis der Militärbehörde, zog er eine solche nebst einem gedruckten Passierschein für mich aus der Tasche. Ich nahm nun die Einladung an und fuhr mit dem guten Onkel nach Homburg, wo ich diesmal von der landgräflichen Familie mit der ausgezeichnetsten Freundlichkeit aufgenommen wurde und wo ich den Herrn von Balthazar, den Sohn dessen, der früher als Emigrant mit seiner Familie in Homburg gelebt, ebenfalls jetzt zum Besuch an dem gastfreundlichen Hof antraf und der eines Tages an der Tafel erzählte, daß er es gewesen, der 1810 aux français die Orange auf die Bühne geworfen, in welcher ein Louisdor in Papier eingewickelt war, auf dem die Worte: Gardez le Louis et jettez l’ecorce (le corse) gestanden.

Als ich wieder eines Tages an der Tafel speiste und man beim Dessert echten Tokaier-Ausbruch, den der Erbprinz von Homburg seinen Eltern von Wien geschickt, der einzige, den ich wohl je echt getrunken, servierte, sagte die Prinzessin Auguste zu mir: „Nicht wahr, Herr Hauptmann, Sie werden dem Korsen nicht wieder dienen?“ – Diese Frage setzte mich in keine geringe Verlegenheit und war mit so unendlicher Liebenswürdigkeit ausgesprochen, daß es mir nicht möglich war, sie anders als mit einem: „Nein, Durchlaucht!“ beantworten zu können. Jetzt war es ausgesprochen, mein Oheim triumphierte, wir fuhren zusammen nach Frankfurt zurück, wo der gute Mann meine Eltern mit den Worten anredete: „Einen Franzosen habe ich mitgenommen, und einen Preußen bringe ich zurück.“ Nun war der Jubel in der ganzen Familie groß, es regnete Gratulationen, man gab mir abermals Fêten, und bald darauf befand ich mich, mit den besten Empfehlungsschreiben von dem Landgrafen, der Prinzessin Auguste und meinem Oheim an die Prinzessin Wilhelm und guten Wechseln versehen, auf dem Weg nach Berlin.

So war denn die erste Hauptabteilung des Lust- und Trauerspiels meines Lebens beendigt; die zweite, wenn auch weniger tatenreich, doch toll und unterhaltend genug, sollte beginnen.