VII.
Reise von Frankfurt nach Berlin. – Leipzig. – Die Messe. – Ein Paar Harfenmädchen. – Eine Partie nach Giebichenstein. – Wittenberg. – Berlin. – Prinzessin Wilhelm. – Die Theater. – Iffland und Devrient. – Potsdam. – Graf Lusi und Friedrich der Große. – Sanssouci. – Ein bübischer Studentenstreich. – Urania. – Meine Anstellung. – Die Familie Pogwisch. – Anekdoten vom Kronprinz. – Ich soupiere mit sechs Damen. – Eine Künstlerhaushaltung. – Das Institut Bernhard. – Die Tabagien. – Eindruck der Schlacht bei Waterloo. – Das Opernhaus. – Abreise nach Kolberg.

Ich trat im April 1815 die Reise nach Leipzig per Extrapost mit einem Kaufmann aus Elberfeld namens Rittershausen, einem Bekannten unseres Hauses, an. Wir aßen in Fulda bei einer sehr niedlichen Wirtin, die sich Frau Knips nannte, zu Abend und versprachen ihr das baldige Wiederkommen, worauf ich einen Abschiedskuß à compte von ihr erhielt. – In Eisenach zeigte man uns die von dem Springen eines Pulverwagens der retirierenden Franzosen sehr beschädigten Häuser. Über fünfzig Personen hatten bei dieser Gelegenheit das Leben eingebüßt; die zerrissene Brust eines schönen jungen Mädchens, das durch diese Explosion zerschmettert worden, war an einem Fenster hängen geblieben.

In Leipzig kamen wir gerade zur Messezeit an. Da dies das Ziel meines bisherigen Reisegefährten war, so trennte ich mich jetzt von diesem und legte den Rest der Reise mit einem jungen Mann aus Darmstadt zurück, der in Berlin seine medizinischen Studien vollends beendigen wollte und mit unserer Familie befreundet war. Wir beschlossen jedoch, uns ein paar Tage in Leipzig zu verweilen. Das Messegewühl daselbst war außerordentlich, und weder Frankfurt noch Beaucaire oder Sinigaglia können in Vergleich damit kommen. Es war ein Gewirre, eine Geschäftigkeit, ein Wühlen und eine Masse von Menschen aus allen Gegenden Europas, die nicht zu beschreiben. Namentlich bemerkte ich auch viel Griechen, Türken und Armenier, sogar Asiaten hier. Die Frankfurter Messe ist in der Tat nur ein Jahrmarkt dagegen, besonders ist der Handel und Umtausch en gros von der größten Bedeutung. Daß das Schlachtfeld vom 18. Oktober, auf dem Deutschlands Befreiung von fremdem Joch erkämpft wurde, mich mehr als alles andere anzog, war natürlich, auch irrte ich einen ganzen Tag mit einem Führer auf demselben umher, konnte aber keine genügende Auskunft auf meine Fragen von diesem erhalten. Die durch einen armen Mineur-Korporal, nach den napoleonischen Bulletins so sehr zur Unzeit, gesprengte Brücke über die Pleiße betrachtete ich längere Zeit, bedenkend, an welche Zufälle sich oft das Ungeheuerste, das Schicksal der Reiche und Nationen knüpft. Mit Wehmut erfüllte mich aber die Stelle, wo Poniatowsky seinen Tod in der Elster fand.

Wir besahen alle Messeraritäten und besuchten einige öffentliche Gärten, in denen es recht lustig zuging; in einem derselben waren ein paar blutjunge, recht hübsche böhmische Harfenmädchen, von denen die jüngere sang und eine silberhelle Glockenstimme hatte, auch trug sie mit viel Feuer und Ausdruck vor. Ich lud sie ein, den Abend in den Gasthof, wo ich logierte, zu kommen, wo sie reichlich beschenkt wurden, da ich für sie sammelte und selbst einige Achtgroschenstücke auf den Teller warf. Ich hatte mir vorgenommen, einen Abstecher nach Halle oder vielmehr nach dem mir historisch und theatralisch so merkwürdigen Giebichenstein zu machen, und lud die beiden Mädchen ein, mit von der Partie zu sein, um auf der alten Bergfeste den Klang ihrer Harfen und ihre Stimme ertönen zu lassen.

Die Aussicht von dem hohen Giebichenstein ist wunderschön. Auf den Ruinen der Feste sitzend, nahm ich ein kleines Mahl mit meinen hübschen Harfenistinnen ein, wobei wir ein paar Flaschen von Leipzig mitgenommenen Champagner leerten, unter dem freien Himmel sangen und überaus fröhlich waren. Bis zur Dämmerung brachten wir hier zu und kamen erst gegen Mitternacht wieder in Leipzig an, wo ich die Mädchen, denen ich eine Stube in meinem Gasthof geben ließ, bei mir behielt und wir noch ein leckeres Souper unter Schäkereien einnahmen und dann bis zum Grauen des Morgens jubelten und uns vergnügten. Ich entließ jetzt die Mädchen, die mir mitteilten, daß sie die Absicht hätten, nach der Messe nach Berlin zu gehen, um dort ihr Glück zu versuchen und wo sie hofften, mich wiederzufinden. Ich reiste den sechsten Tag nach meiner Ankunft in Leipzig mit einer Retourgelegenheit dahin ab. Der Weg ging meistens durch Sand, so daß man fast immer Schritt fahren mußte, was mich zwar ungeduldig machte, aber mir dennoch keine Langeweile verursachte, da ich alle möglichen Bilder der Vergangenheit und einer wahrscheinlichen Zukunft an meiner Einbildungskraft vorübergehen ließ.

Auf der preußischen Grenze wurde Koffer und Paß sorgfältig geprüft, jedoch alles mit großer Artigkeit und Delikatesse von seiten der königlich preußischen Zollbeamten und ohne die mindeste Schikane, obgleich ich noch als französischer Offizier auf meinem Paß angeführt war. In Wittenberg, das die Preußen vor kaum achtzehn Monaten im Sturm von den Franzosen erobert hatten, wobei der französische Kommandant, General Lapoipe, mit dem Degen in der Hand im Schloß gefangen worden war, besuchte ich die Schloßkirche, in welcher Luther und Melanchthon und Friedrich der Weise begraben liegen. Von hier aus hielt ich mich nirgends mehr als ein paar Stunden in Potsdam auf und traf den zweiten Tag nach meiner Abfahrt von Leipzig in Berlin ein, wo wir durch das schöne Brandenburger Tor fuhren, auf welchem jetzt die berühmte Quadriga wieder thronte, die Napoleon nach Paris hatte schleppen lassen, die aber die Preußen bei ihrem ersten Gegenbesuch daselbst wieder heim schickten und auf den ihr gebührenden Standpunkt stellten. So viel schöne Städte und Gebäude ich auch schon gesehen hatte, so war ich dennoch bei dem Anblick des Brandenburger Tores, der Ansicht der Linden und des schönen Platzes zwischen diesen und dem Tor überrascht. Ich fuhr nach dem mir empfohlenen Gasthof, der ‚Stadt Rom‘, der auf der linken Seite der Linden liegt.

Von Leipzig bis hierher hatte ich sehr unangenehmes, rauhwindiges Wetter gehabt, das mir einen starken Schnupfen und Katarrh verursachte; dennoch ließ ich mich schon am anderen Morgen bei Ihrer königlichen Hoheit der Prinzessin Wilhelm von Preußen, gebotene Prinzessin Marianna von Hessen-Homburg, anmelden und wurde noch den nämlichen Tag auf das Schloß beschieden, wo ich mich en grande tenue in französischer Uniform einfand, der hohen Dame meine Empfehlungsschreiben, von ihren Verwandten ausgestellt, überreichte und sehr gnädig aufgenommen wurde. Ich habe wenig Frauen gesehen, die ein würdevolleres, edleres, ja majestätischeres Ansehen gehabt hätten, als diese Prinzessin, dabei hatte sie dennoch etwas überaus Wohlwollendes und Freundliches in ihren edlen Zügen und eine große aber erhabene Einfachheit in ihrem Benehmen; welch ein Unterschied zwischen dieser Dame sowie überhaupt den meisten deutschen Fürstinnen und den neugebackenen Prinzessinnen der Familie Bonaparte, die auch nicht die mindeste Achtung einzuflößen imstande waren, während man bei dem Anblick der Prinzessin Wilhelm von Ehrfurcht und Hochachtung durchdrungen war, so daß trotz ihrer großen Schönheit kein unlauterer Gedanke aufkommen mochte. Sie erkundigte sich bis auf die kleinsten Details nach allem, was ihre Familie in Homburg betraf, sowie nach meinem guten Oheim daselbst, auch hatte sie die Gnade, mir mitzuteilen, daß sie bereits in meiner Angelegenheit auf Veranlassung meines Oheims an den mit dem König bei dem Kongreß zu Wien befindlichen Kriegsminister von Boyen geschrieben und befriedigende Antwort hinsichtlich meiner Anstellung erhalten habe, die wohl nicht lange ausbleiben werde. Sie hoffe, daß ich eine glänzende Karriere in der preußischen Armee machen werde, ich müsse aber jetzt auch echt deutsche und preußische Gesinnungen zeigen. Sie erinnerte sich der jugendlichen Spiele im Schloßgarten zu Homburg, sowie daß ich als Knabe manchen tollen Streich verübt, erzählte mir, daß sie fortwährend in vertrautem Briefwechsel mit meiner Cousine Henriette in Bremen stehe und daß diese sie öfters in Berlin besuche und dann bei ihr im Schloß wohne. Sie entließ mich endlich mit der Versicherung, daß sie für mich tun werde, was ihr möglich sei. Über diesen Empfang vergnügt, empfahl ich mich, mußte aber, da sich mein Katarrh sehr verschlimmerte, mehrere Tage das Zimmer hüten, während welchen ich Muße hatte, das Treiben und Wogen unter den Linden gehörig zu beobachten, meine Bemerkungen anzustellen und mich einstweilen theoretisch, das heißt durch Bücher, mit Berlin bekannt zu machen. Lange hielt ich aber diesen Zimmerarrest nicht aus, sondern folgte den nächsten Sonntag Nachmittag der zahllosen Menge der schönen und nicht schönen Welt, die an meinem Fenster vorüber dem Brandenburger Tor zuströmte und sich in dem Tiergarten und unter den Zelten verlor. Die Berlinerinnen, bei denen Schönheit und zierlicher Wuchs keine Seltenheit, sind meistens sehr elegant und mit Geschmack gekleidet, und wenn sie auch gerade nicht die zierliche Grazie der Pariserinnen besitzen, so sind sie doch durch ihre weit größeren körperlichen Reize um so anmutiger, und ich fand seltene Schönheiten unter ihnen.

Als ich mich auf der Polizei meldete und der Inspektor in meinem Paß das Wort ‚französischer Kapitän‘ las, machte er große Augen, examinierte mich umständlich über meine Verhältnisse, wo mein letzter Aufenthalt gewesen und so weiter, namentlich kam es ihm unglaublich vor, daß ich zuletzt in Korfu gestanden und nun preußische Dienste suche. Er verließ mich, um, wie es mir schien, höhere Instruktionen einzuholen; nach einer guten halben Stunde kam er zurück und erteilte mir eine Aufenthaltskarte auf vierzehn Tage mit der Weisung, dieselbe, wenn sie abgelaufen, erneuern zu lassen. Indessen merkte ich doch soviel, daß man mich unter geheime polizeiliche Aufsicht stellte und deshalb Verordnungen gab. Mit einem Wort hätte ich allerdings das polizeiliche Mißtrauen beseitigen können, allein ich konnte und durfte meine hohe Beschützerin unmöglich auf der Polizei namhaft machen.

Acht Tage nach meiner Ankunft kam auch mein Bedienter, den ich in Frankfurt zurückgelassen, mit zwei Reitpferden an, welche ich noch vor meiner Abreise daselbst gekauft, weil mir in Homburg insinuiert worden war, daß ich in Berlin mit einigem Glanz auftreten müsse, wenn ich einigermaßen reüssieren wolle. Ich machte nun Besuche und gab die mitgebrachten Empfehlungsschreiben ab, unter denen solche an Hufeland und von Uhden, welche mir aber außer Einladungen zu Diners und Tees wenig nützten. Eines Vormittags, als ich mit dem Wirt des Hotels eine Konversation anknüpfte, erzählte mir derselbe lächelnd, daß sich anfänglich die Polizei außerordentlich um mein Tun und Treiben bemüht habe, aber es jetzt gewiß unterlassen werde, da er den Herren mitgeteilt, daß ich schon einigemal in das Schloß zur Prinzessin Wilhelm, königliche Hoheit, zitiert worden. Ich sagte ihm nun den Grund, warum wohllöbliche Polizei so sehr um mich besorgt sei, nämlich daß man mich wahrscheinlich für einen französischen oder vielmehr napoleonischen Spion gehalten habe. Übrigens aber wurde ich so wenig wie jeder andere Fremde in Berlin im mindesten von der Polizei mit Lächerlichkeiten und Erbärmlichkeiten molestiert, wie dies im Österreichischen und besonders in Wien der Fall ist, wo jeder Fremde eine Art peinliches Verhör durchzumachen hat, um seine Privatverhältnisse bis in die kleinsten und kleinlichsten Details befragt wird, sich darüber auszuweisen hat, ob er auch hinlängliche Mittel besitzt, die Kosten der wenigen Tage seines Aufenthaltes in der Kaiserstadt zu bestreiten, und was dergleichen Absurditäten mehr sind.

In Erwartung meiner Anstellung besichtigte ich Berlins Merkwürdigkeiten, vor allem Schauspiel und Oper, die damals vortrefflich besetzt waren; zwar war Iffland schon tot, aber durch Devrient, den viele Personen jenem noch vorzogen, vollkommen ersetzt. Bei Iffland war alles hohe Kunst, vollendetes Studium, auch spielte er jede Rolle einmal wie das andere, alle seine Bewegungen, seine Schritte und Mienen waren fast mit mathematischer Genauigkeit abgemessen; in dieser Szene dieser Rolle trat er sicher um keine Linie mehr vor- oder rückwärts, als das erstemal, da er sie spielte. Jede Gebärde war vor dem Spiegel eingeprägt, während Devrient, ganz Genie, so spielte, wie es ihm das Gefühl des Moments eingab, daher er auch durch sein Feuer weit mehr das Publikum hinriß, als es Iffland vermocht hatte. Ferner waren Mattausch, Blume, Beschort, Fischer, Wurm, die Damen Milderhauptmann, Schulze, Devrient und vor allem die liebenswürdige Demoiselle Düring, spätere Stich, in der vollen Blüte ihrer Kunst und ihrer Jugend. – Ich machte nun einen Ausflug nach Potsdam, das mir wegen seiner Erinnerungen an Friedrich den Großen so sehr interessant war; außerdem hatte ich das Empfehlungsschreiben an den ehemaligen Gesandten Friedrichs, den Grafen Lusi, abzugeben, welches mir der Graf Mocenigo in Korfu mitgegeben hatte und von dem jemals Gebrauch zu machen ich nicht geglaubt hatte. Lusi nahm mich mit außerordentlicher Freundlichkeit auf, ließ sogleich meine Effekten und Pferde in seine Behausung bringen und bestand darauf, daß ich während meines Aufenthaltes in Potsdam, der wenigstens vierzehn Tage dauern, bei ihm wohnen und mit seinem Tisch vorlieb nehmen müsse. Ein sonderbarer Zufall wollte, daß, während ich bei ihm in Potsdam wohnte, sein Sohn, der damals als Premierleutnant bei der königlich preußischen Garde stand, als diese durch Frankfurt kam, bei meinen Eltern einquartiert war. – Der alte Lusi war ein Grieche von Geburt und konnte sich nicht genug nach seinem Vaterland, das er in langer Zeit nicht mehr gesehen, bei mir erkundigen. Leider war ich außerstande, ihm die gewünschte Auskunft geben zu können, da ich, die Insel Korfu und die Küsten Albaniens ausgenommen, von Griechenland keine anderen Gegenden kannte; dennoch sprach der alte Graf gerne und viel von seinem Vaterland, und ich konnte ihm nicht genug von Korfu erzählen. Die Weise, auf welche Graf Lusi des großen Friedrichs Bekanntschaft machte und in dessen Dienste kam, ist seltsam genug und ein Beweis sowohl von Lusis Scharfsinn als wie sehr der große Monarch es verstand, die Leute zu wählen, die für seine Dienste und Absichten am passendsten waren, eine schwere Aufgabe, die nur ausgezeichnete Männer zu lösen verstehen. Hier, was mir der alte Lusi selbst davon mitteilte. Friedrich der Einzige hatte in einer Berliner Zeitung, ich entsinne mich nicht mehr, welche Verfügung einrücken lassen, zu gleicher Zeit aber noch einige andere diplomatische und politische Maßregeln ergriffen; hieraus kombinierte und erriet der Graf äußerst scharfsinnig des Königs geheime Zwecke und Absichten und machte sie in der Zeitung von Venedig bekannt. Friedrich, dem dieser Artikel von seinem Gesandten zugeschickt wurde, gab diesem Befehl, alles anzuwenden, um dessen Verfasser herauszubekommen, was demselben auch à force d’or gelang. Er war erstaunt, daß ein ihm ganz unbekannter Graf derselbe gewesen, denn er hatte geglaubt, der Artikel sei durch Verrat von Personen aus seinem Kabinett in die Hände des Zeitungsredakteurs gekommen. Friedrich wandte sich jetzt mittelbar an den Grafen selbst und vermochte diesen zu einer Reise nach Berlin. Als er Lusi persönlich kennen gelernt, fragte er ihn eines Tages, durch welche Mittel er seine Absichten erraten. – Lusi erwiderte ihm: „Eure Majestät haben dies und jenes in Ihren Zeitungen abdrucken und dabei diese und jene Demarchen machen lassen, wodurch es mir möglich wurde, was Sie damit beabsichtigten, zu erraten.“ – Friedrich war über Lusis Scharfsinn verwundert, bat ihn, in seine Dienste zu treten, was der Graf annahm, und er machte eine glänzende Karriere.