Obgleich schon sehr bejahrt und auch kränkelnd, war Lusi doch so gütig, selbst den Cicerone zu machen und mir Potsdams Merkwürdigkeiten zu zeigen und zu erklären. Er führte mich in den Schlössern umher, und bei jeder Stelle, an welcher Friedrich der Große geweilt, irgend etwas verrichtet, mit ihm einige gewichtige Worte gesprochen, erinnerte er sich dessen und erzählte mir mit großer Selbstzufriedenheit, wie ihn der große Mann häufig um seine Meinung befragt. Auch in Sanssouci und dessen weitläufigen Gärten führte mich mein vornehmer Cicerone umher, und hier wiederholte er wohl hundertmal mit selbstgefälliger aber verzeihlicher Eitelkeit: „Auch auf dieser Stelle hatte ich eine Unterredung mit Friedrich.“
In Potsdam machte ich die Bekanntschaft mancher jungen schönen Offiziersdamen, deren Männer mit dem Heer ausmarschiert waren und die eben nicht zu den unerbittlichsten gehörten und sich nach kurzer Belagerung bald ergaben. Es war besonders eine sehr liebenswürdige Majorin von H..., die mich vor allen anzog. Indessen war es Zeit, an meine Rückkehr nach Berlin zu denken, um daselbst meine Anstellungsangelegenheit zu betreiben, aber die hübsche Majorin war an manchem Parforceritt schuld, den ich von Zeit zu Zeit noch von Berlin nach Potsdam machte, wo ich außerdem noch eine uralte Bekanntschaft erneuert hatte. Hier wohnte nämlich die Gattin des Plankammerinspektors Holzwarth, derselbe, der die Tochter des Advokaten Dietz zu Frankfurt, eine Freundin meiner Mutter, während der Anwesenheit der preußischen Garden daselbst entführt hatte, die deshalb so ganz mit ihrem Vater zerfallen war, jetzt wenigstens acht Kinder hatte und sich eben nicht in den glänzendsten Umständen befand. Diese Familie besuchte ich einigemale und fand in der ältesten Tochter Amalie ein allerliebstes siebzehnjähriges Kind. Meinem gastfreien freundlichen Wirt, bei dem ich über drei Wochen zugebracht, sagte ich nun ein dankbares Lebewohl. Er wollte durchaus, daß ich bis zur Entscheidung meiner Angelegenheit bei ihm ausharren solle, indem er mir vorstellte, daß ich ja jeden Tag nach Berlin fahren könne und mir sogar seine Equipage zu diesem Zweck zur Verfügung stellte; ich lehnte das gütige Anerbieten ab, denn noch wenig hatte ich Preußens schöne und lebenslustige Hauptstadt kennen gelernt; von Potsdam aus hatte ich mich nur zweimal dahin begeben, um der Prinzessin Wilhelm meine Aufwartung zu machen, und trotz aller Annehmlichkeiten Potsdams zogen mich doch die Linden, die Theater, der Tiergarten und Berlins andere Schönheiten dahin zurück. Ich versprach dem Grafen Lusi, ihn öfters zu besuchen, und hielt wenigstens anfänglich Wort.
Noch immer war keine Antwort und kein Resultat auf meine Gesuche erfolgt und ich trotz der hohen Protektion in Ungewißheit, ob und wann ich angestellt werden würde. Prinzessin Wilhelm schrieb dies dem Drang der überhäuften Geschäfte und den kriegerischen Umständen zu. Der Aufenthalt in der ‚Stadt Rom‘ unter den Linden fing an, mir kostspielig zu werden, und mein Geldbeutel wurde täglich dünner, weshalb ich den teuren Gasthof mit einem billigeren, nämlich dem ‚Goldenen Engel‘ in der Heiligengeist-Straße vertauschte, wo ich jedoch auch nicht viel besser wegkam; was mich am meisten kostete, war der Unterhalt meiner Pferde, weswegen ich auch schon nach zehn Tagen dies Hotel wieder verließ und eine Privatwohnung von zwei Zimmern in der Mittelstraße, gleich hinter den Linden bezog, was ich gleich anfangs hätte tun sollen, da ich dann wenigstens tausend Taler gespart haben würde. Den Tag oder vielmehr die Nacht, bevor ich den heiligen Geist quittierte, verübten ein paar Studenten, welche bis beinahe Mitternacht sich mit Trinken vergnügt hatten, noch einen tollen, eigentlich bübischen Streich. Sie zündeten nämlich die Fenstervorhänge ihres Zimmers an und schrien dann durch alle Gänge: „Feuer! Feuer!“, so daß alle Fremde, unter denen viele Frauenzimmer, in dem tiefsten oder vielmehr gar keinem Negligé, sondern in den Hemden aus ihren Zimmern in die Gänge stürzten, wo sie von den Brüdern Studiosen mit schallendem Gelächter empfangen wurden, die sich noch ihrer Heldentat rühmten und sagten, sie hätten ihre Vorhänge nur deshalb angezündet, um die Gäste des Heiligen Geistes in ihren Blößen bewundern zu können. Daß die sauberen Burschen noch in derselben Nacht eingesteckt wurden, bedarf wohl kaum der Erwähnung, doch kamen sie noch mit ziemlich geringer Kerkerstrafe davon.
Ich lebte indessen, trotz der Ungewißheit meines Schicksals, wegen der Zukunft ganz unbesorgt und so ziemlich in den Tag hinein. Da ich fortwährend die trefflichen Theatervorstellungen fleißig besuchte, so erwachte allmählich meine frühere Leidenschaft zur Bühnenkunst wieder, und ich dachte schon: ‚Wenn alle Stricke reißen, so machst du Gebrauch von deinem Schauspielertalent, wozu hier die allerbeste Gelegenheit ist, da die ersten dramatischen Künstler Deutschlands in Berlin vereint sind.‘ Schon fing ich heimlich zu wünschen an, daß aus meiner militärischen Anstellung in preußischen Diensten nichts werden möge, um so einen Grund zu haben, auf die Bühne zu gehen. Ich besuchte nun das Theater jeden Abend, wenn mich nicht eine besondere Veranlassung davon abhielt. Durch Uhdens Vermittlung erhielt ich jetzt auch Eintrittskarten in das Liebhabertheater, ‚Urania‘ genannt, wo in der Tat oft ganz vorzügliche Vorstellungen stattfanden und sich mitunter ungewöhnliche Talente zeigten und ausbildeten; noch war ein anderes Liebhabertheater, die ‚Concordia‘, vorhanden, das jedoch bei weitem weniger gut als das erste war. Ich wurde mit mehreren Mitgliedern der ‚Urania‘ bekannt und erbot mich, einige Rollen daselbst zu spielen. Der Antrag wurde mit Vergnügen angenommen, und ich gab nacheinander den Ferdinand in Kabale und Liebe, den Fritz Hurlebusch in Wirrwarr, Karl Ruf in der Schachmaschine und so weiter, und aus meinen Geliebten auf der Bühne wurden nicht selten auch meine Geliebten in der Wirklichkeit, wenigstens auf kurze Zeit; ich spielte dann mit einem Feuer, das alle Zuschauer hinriß. Aber vor allem war es eine Künstlerin der königlichen Schauspiele, Fräulein D., deren wahrhaft göttliches Spiel, verbunden mit ihren himmlischen körperlichen Reizen, mich entzückte, deren feurigster Anbeter ich wurde und die den Wunsch, keine militärische Anstellung zu erhalten, noch mehr in mir rege machte, um mich dann mit aller Liebe der Kunst und ihrer schönen Priesterin widmen zu können, nicht bedenkend, welchen Aufruhr dies in meiner Familie machen könne, und daß sich wahrscheinlich auch Prinzessin Wilhelm, der ich so sehr empfohlen war, wenigstens einer Anstellung bei der königlichen Bühne zu Berlin widersetzt haben würde. – Endlich aber kam der König nebst dem Kriegsminister von Boyen von Wien zurück, und ich erhielt sogleich die Weisung von der Prinzessin, mich unverzüglich bei letzterem zu melden. Dieser schickte mich zu dem General Grafen von Tauentzien, auf dessen Bureau ich erfuhr, daß man mich schon seit länger als vier Wochen gesucht und meine Wohnung nicht habe ausfindig machen können, da schon längst die Anstellungssorder von dem Kriegsministerium für mich gekommen sei, die man mir übergab und durch welche ich zum Premierleutnant in der Armee ernannt wurde, ohne daß jedoch noch das Regiment bestimmt war, dem ich zugeteilt werden sollte. Dieses Zurücksetzen um einen Grad war mir sehr empfindlich, ich protestierte auch dagegen, aber der General Tauentzien verwies mich an den Kriegsminister, und dieser vertröstete mich auf baldiges Avancement. Ich war deshalb sehr mißmutig, und gerne würde ich die Uniform für immer an den Nagel gehängt haben, auch äußerte ich mich unverhohlen darüber bei der Prinzessin Wilhelm, die mich wie Herr von Boyen mit baldigem Avancement tröstete. Jetzt erhielt ich auch eine Anweisung an das Billettamt, um einstweilen einquartiert zu werden, und ein Quartier bei einem Bankier in der Breitenstraße, der, wenn ich nicht irre, Lahr hieß, das ich jedoch, da es mir nicht sehr zusagte, nach wenigen Tagen mit einem anderen vertauschte. Ich bekam ein Billett, das mich zu einem Herrn von Pogwisch in der Jerusalemerstraße führte, der Hauptmann außer Diensten und jetzt bei der Seehandlung angestellt war; sein Bruder war Flügeladjutant des Königs gewesen, aber, wenn ich nicht irre, bei Leipzig geblieben. Herr von Pogwisch hatte eine zwar nicht schöne, aber sehr gute und liebenswürdige Frau, und ich fand eine ausgezeichnet gute Aufnahme in dieser Familie. Obgleich man der Einquartierung durchaus nichts als die Wohnung zu geben schuldig war, so bat mich Herr von Pogwisch doch, mit seinem Tisch vorlieb nehmen zu wollen. Ich nahm dies mit großem Dank unter der Bedingung an, daß, wenn ich nicht zur bestimmten Stunde da sei, man auch keinen Augenblick auf mich warten möge, denn ich wollte ebensowenig genieren als geniert sein. Herr von Pogwisch, dessen Frau sehr vermögend war, hatte seine Mutter bei sich, eine zwar alte, aber liebenswürdige und sehr geistreiche Dame, deren Unterhaltung nicht nur sehr angenehm, sondern auch pikant war. Ein geborenes Fräulein von Pfündöl und ehemalige Hofdame, war sie noch jetzt mit den Verhältnissen des Hofs und der eleganten Berliner Welt genau bekannt und vertraut und hatte einen unerschöpflichen Schatz von interessanten, zum Teil sehr komischen Hofanekdoten, die sie gerne zum besten gab. Sie lebte in der größten Einigkeit mit ihrer Schwiegertochter, und diese drei Personen – Pogwischs hatten keine Kinder – bildeten eine gemütliche Dreieinigkeit. Durch diese Familie erhielt ich nun Zutritt in vielen anderen angesehenen Familien und wurde wegen meines musikalischen Talents überall wohl aufgenommen, was Veranlassung zu manchen galanten Abenteuern gab. Die Unterhaltung in den Berliner Salons der eleganten Welt ist im allgemeinen sehr geistreich und witzig, die Berliner haben in der Regel einen sehr aufgeweckten Verstand, viel Humor, sind zur Satire aufgelegt, sarkastisch und kaustisch, dagegen lebt man mäßig, ohne sich zu überfüllen, aber auch ohne sich gerade etwas abgehen zu lassen, während in manchen Städten Süddeutschlands das Essen und Trinken die Hauptsache ist, man daselbst nur für dieses sowie überhaupt nur für die sinnlichen Vergnügungen zu leben scheint, wodurch dann allerdings der Geist, wenn auch einer vorhanden, niedergedrückt und verdummt wird. Damals kursierten in Berlin einige artige Anekdoten, den noch sehr jungen Kronprinzen betreffend; eine derselben berührte den Staatskanzler, Fürsten Hardenberg, dem man vorwarf, die Juden in ganz besonderen Schutz zu nehmen. – Als Hardenbergs Geburtstag war, sandte der König den Kronprinzen zu demselben, ihm in seinem Namen Glück zu wünschen und zu sagen, er möge sich irgendeine Gnade ausbitten. Der Kronprinz fuhr zu dem Fürst-Kanzler und richtete den ihm von seinem Vater gewordenen Auftrag aus, worauf Hardenberg erwiderte: „Mein Gott, Ihro Majestät haben mich schon so mit Gnaden überhäuft, daß ich in der Tat nichts mehr zu erbitten wüßte.“ – „Doch, mein Fürst, es fehlt Ihnen noch eines.“ – „Das ich nicht wüßte, Hoheit.“ – „Ja, ja, ganz gewiß.“ – „Und was meinen Eure Hoheit?“ – „Bitten Sie meinen Vater, daß er Sie zum König der Juden machen solle, da Sie doch eine so große Vorliebe für dieses Volk haben.“ – Hardenberg fand sich beleidigt und bat sich zurückziehen zu dürfen. Er teilte den Vorfall dem König mit, und der Kronprinz erhielt vierundzwanzig Stunden Arrest. Eine andere Anekdote betraf den Staatsrat von Kleewitz, den der Kronprinz ebenfalls nicht leiden mochte, weil er die Juden, wie man sagte, aus besonderen Gründen begünstigte. – Eines Abends sagte er zu demselben in einer Assemblee: „Herr Staatsrat, ich will Ihnen eine zweisilbige Charade zu erraten geben: das Erste frißt das Vieh, das Zweite besaßen Sie nie, und das Ganze sind Sie“ (Kleewitz). Es ist jedoch möglich, daß auch diese Anekdote auf den wenig beliebten Staatsrat ein müßiger Kopf erfand und dem Kronprinzen in den Mund legte.
Aus Italien hatte ich mehrere Hefte der ausgezeichnetsten und lieblichsten Melodien, Kanzonette, Kavatinen und Ensemblestücke mitgebracht, die ich in den Salons vortrug. Die Duette gaben Gelegenheit, sie mit verschiedenen liebenswürdigen Damen in den Morgenstunden tête-à-tête einzustudieren, wobei ich dann nicht unterließ, mich möglichst in deren Gunst festzusetzen. In dem Haus des Herrn von Pogwisch wohnte im zweiten Stock ein Beamter namens Pfeifer mit seiner Familie, der eine sehr hübsche Tochter, Minchen genannt, hatte, die ganz artig Klavier spielte und eine sonore, glockenreine Sopranstimme besaß; diese Nachtigall war eine schlanke neunzehnjährige Blondine, welche die beliebtesten Opernarien mit viel Geschmack und Ausdruck vortrug. Sehr bald hatte ich Zutritt bei der mit Pogwischs sehr befreundeten Familie und musizierte und – küßte nach Herzenslust. Noch ein anderes sehr niedliches Minchen (Ott) und eine hübsche Luise hatte ich unter den Zelten und bei Hofjägers kennen gelernt und fuhr nun bald die eine, bald die andere in einer Guige nach Charlottenburg, Potsdam und so weiter spazieren. Noch war ich im Besitz der Wohnung in der Mittelstraße, die, auf mehrere Monate gemietet, mir jetzt trefflich als Absteigequartier zustatten kam und wohin ich manche meiner Schönen zu einer geheimen Zusammenkunft zu persuadieren wußte. Hier war ich so ganz ungestört und veranstaltete manches Souper fin, namentlich mit Demoiselle D... Man konnte in dieser Hinsicht in Berlin ebenso ungestört und unbeobachtet wie in Paris leben, da sich die Leute nicht um das Treiben der anderen bekümmerten. Eines Abends aber lud ich in meinem Übermut ein halbes Dutzend meiner Freundinnen, von denen jedoch keine die andere kannte, zu einem Abendessen in diese Wohnung ein. Unter ihnen waren die beiden Minchen, eine Bertha, eine Karoline, eine Luise und Demoiselle D..., mit deren Genehmigung ich das Fest veranstaltete und die die Königin desselben sein sollte. – Sie fand sich zuerst ein und empfing die nacheinander erscheinenden und sehr erstaunten Schönen auf das artigste und zuvorkommendste, so daß sie deren Verlegenheit bald zu beseitigen wußte. Alle waren so klug, vorerst die beste Miene zu dem bösen Spiel zu machen, keine hatte ja der anderen etwas vorzuwerfen, und ein splendides, schwelgerisches Souper mit Champagner und einem Kaiserpunsch zum Dessert tat das seinige, so daß zuletzt alle überfröhlich wurden, über die Sache scherzten und meinten, so müsse es wohl in einem Serail zugehen, und des Tändelns und Küssens war kein Ende, wir sangen fröhliche Lieder und stimmten ‚Es kann ja nicht immer so bleiben‘ und ‚Wenn’s immer, wenn’s immer so wär‘ an. Ich brachte endlich eine jede im Wagen nach Hause und blieb zuletzt mit Demoiselle D..., welche den Geniestreich allerliebst fand, bis gegen Morgen allein.
In der Weinwirtschaft von Luther und Wegner, wo ich bisweilen ein Frühstück mit gutem Rheinwein einnahm, hatte ich auch die Bekanntschaft des Schauspielers Devrient gemacht, der, da diese Wirtschaft ganz in der Nähe des Theaters war, oft während der Proben und sogar in den Zwischenakten der Vorstellung einen Sprung hierher machte, um sich durch ein paar Gläser alten Rheinwein zur Fortsetzung seiner Rolle zu stärken und noch mehr zu begeistern, denn der Wein war ihm eine unentbehrliche Requisite. – Die Darstellung seines Franz Moor, seines Rudolfs in Körners Banditenbraut, seine Drillinge, sein Nachtwächter und so weiter werden mir ewig unvergeßlich sein. Ich besuchte ihn jetzt öfters in seiner Wohnung und fand an Madame Devrient eine äußerst liebenswürdige Frau, wenn auch keine so große Künstlerin wie Demoiselle D... Da Devrient den Bacchus zu seinem Abgott gemacht, so vernachlässigte er über diesem Dienst gerne den Hymens und folglich seine liebe Frau, die sich aber zu entschädigen wußte und mit der ich, wenn sie im Theater nichts zu tun hatte, manchen schönen Abend entzückt hinbrachte. Einige ihrer Darstellungen, wie die der Johanna d’Arc in Schillers Jungfrau, die ihr der Gemahl noch in den Flitterwochen einstudiert hatte, waren dennoch ausgezeichnete Leistungen. Eine seltsame Wirtschaft war in dieser Haushaltung eingeführt. Wenn die Gagen für Herrn und Madame Devrient gebracht wurden, so warf Madame Devrient das Geld, nachdem sie die Rollen aufgebrochen hatte, in ein auf einem Konsoltisch stehendes Körbchen, es untereinander rüttelnd, und aus diesem Korb nahm nun jedermann, der zu ihrem Haus gehörte, nach Belieben und Bedarf heraus. Herr Devrient steckte Händevoll davon ungezählt in seine Taschen, Madama zahlte alle ihre Phantasien davon, das Kammermädchen, die Köchin, der Bediente, alle holten ohne zu fragen, was sie bedurften, ad libitum. Die gewöhnliche Folge war, daß der Korb schon mehrere Tage leer, bevor neue Gagengelder einliefen. Wurden nun Rechnungen zum Bezahlen präsentiert, so hieß es: „Es ist kein Geld mehr im Korb, Sie müssen wiederkommen, wenn er voll ist.“ – Ein wahres Künstlerleben.
Eines Tages fuhr ich mit Frau von Pogwisch und noch einigen Damen, das Denkmal der Königin Luise zu besuchen, nach Charlottenburg, wo wir einige zwanzig außerordentlich aufgeputzte und aufgedonnerte Mädchen auf der Terrasse an einer Gartenmauer sitzen sahen. Ich fragte Madame Pogwisch, ob sie nicht wisse, wer diese Damen seien, sie schlug aber verlegen und errötend die Augen nieder, und die anderen Damen lachten, keine konnte oder wollte mir Auskunft geben. Dies reizte meine Neugierde um so mehr, und als ich kaum in Charlottenburg ausgestiegen war, fragte ich einen Mann, der mir zuerst in den Wurf kam, darnach. – „Ei, das sind ja die Fräuleins der Madame Bernhard,“ erwiderte er lachend. – „Der Madame Bernhard? Wer ist diese Madame Bernhard?“ – „Wie, Sie kennen deren berühmtes Hotel und Institut in der Friedrichstraße nicht?“ – „Nein.“ – „Das größte und schönste Bordell in ganz Berlin.“ – „Ach so.“ – „Nun, diese hat ein Landhaus hier in Charlottenburg; wo sie jeden Nachmittag mit einem Teil ihrer Nymphen zubringt.“ – Auch die verstorbene Königin hatte einst, an diesem Landhaus vorbeifahrend und die vielen geputzten Mädchen sehend, dieselbe Frage getan, auf welche ihr ein Hofherr geantwortet: „Ein Pensionat für vermögenslose Mädchen.“ – „Ach, die armen Kinder,“ versetzte die Königin, „ich werde ihnen ein Geschenk zukommen lassen; sie sind aber doch alle schon sehr herangewachsen.“ – „Sie erhalten hier ihre letzte Ausbildung,“ sagte der Hofmann. – Das beabsichtigte Geschenk wußte man jedoch der Königin auszureden.
Auch die merkwürdigsten Tabagien Berlins, in denen jeden Abend getanzt wird, besuchte ich, versteht sich inkognito, und lernte in ihnen das ziemlich wilde Leben des Berliner Volks kennen; besonders war eine, die mit fast orientalischer Pracht ausgeschmückt und unterhalten war, berühmt. Der Saal bildete eine große Rotunde, aus welcher ringsherum Türen in Nebenzimmer führten; oben waren Logen auf einer Galerie angebracht. Der Haupttüre gegenüber war das Orchester auf einer erhöhten Tribüne; Türen, Fenster, Logen und Tribünen waren mit rotem Sammet drapiert. Hier fanden sich, sobald die Dämmerung eingetreten, die Berliner Grisetten und Studenten in Masse ein, sowie auch andere leichtgeschürzte Nymphen, und manches hübsche Bürgermädchen besuchte heimlich diesen Ort der Freude, nachdem sie mit einer Freundin oder Gespielin bis zur eintretenden Nacht die Linden auf und ab spaziert war. Venus, Bacchus und Ceres hatten hier zugleich ihren Thron aufgeschlagen, boten ihre Freuden zu ziemlich hohen Preisen feil und rupften die Federn der fremden Gimpel und Landjunker, welche so gemütlich in die oft plumpen Fallen gingen, die man ihnen stellte. Diese Nymphen, wenigstens die vom Handwerk, waren fast alle im Futter des Eigentümers der Tabagie, und ihr Hauptzweck ging dahin, die Gäste zu möglichst großen Depensen zu verleiten, in einen exaltierten Zustand zu versetzen und trunken zu machen, wobei sich dann auch gute Freunde einfanden, die, höchst erfreut ob der neuen Bekanntschaft, kostenfrei an den Gelagen teilnahmen und Brüderschaft bis zum Umfallen tranken, indem sie den neuen Freund hochleben, dabei vom Orchester Tusch mit Pauken und Trompeten machen ließen und „Vivat, Herr Bruder Fritz!“ oder Paul und so weiter brüllten, was diesen ob der großen Ehre in Entzücken versetzte, und mit Vergnügen zahlte er den Taler Kurant, den das Orchester für einen jeden solchen Tusch erhielt und mit dem Veranlasser und dem Wirt brüderlich teilte. Man tuschierte, solange noch Taler in der Tasche der Gefeierten waren, bis sie endlich bewußtlos auf das Ruhebett eines Seitenkabinetts gebracht werden mußten, wo sie schwerlich der Knall einer Bombe wieder erweckt haben würde; daß die Dirnen dabei nach Kräften mitwirkten, versteht sich von selbst. Eines Abends machte ich mir mit noch einigen Bekannten den Spaß, ein paar Dutzend solcher Tabagien hintereinander zu besuchen, um die verschiedenen Physiognomien derselben sowie das Volksleben in allen seinen Abstufungen bis zur letzten und schmutzigsten kennen zu lernen. Für den Philosophen wie für den Psychologen ist so eine Wanderung immer von großem Interesse, sowie für den, der die menschliche Misere in ihrer ganzen Sublimität kennen lernen will.
Während wir so sorglos in Berlin in den Tag hineinlebten – es waren damals noch sehr viele Offiziere aus dem Westfälischen und den Rheinprovinzen hier, welche Preußen übernommen hatte und die ebenfalls ihre definitive Anstellung abwarteten –, ging der Waffentanz in den Niederlanden los, und die Nachricht von der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815 brachte in Berlin eine peinliche Niedergeschlagenheit hervor, so daß die Kleinmütigsten schon wieder an die Rückkehr der Franzosen glaubten, die aber niemand außer den öffentlichen Dirnen wünschte, welche ihre besten und freigebigsten Kunden mit deren Abmarsch verloren hatten. Glücklicherweise dauerte dieser Zustand kaum vierundzwanzig Stunden; die Nachricht von dem glänzenden, den 18. Juni bei Waterloo erfochtenen Sieg erfüllte ganz Berlin mit unglaublichem Jubel. – Der Kurier, der die Nachricht von dem großen Sieg brachte, wurde mit vierundzwanzig blasenden Postillons eingeholt und durch alle Hauptstraßen Berlins unter Vivatgeschrei geführt. An demselben Tag war auch die hochverehrte Prinzessin Wilhelm mit einer Tochter niedergekommen, die zum Andenken an diesen Sieg unter vielen anderen auch den Namen ‚Viktoria‘ erhielt. Nun war Freude und Fröhlichkeit an allen Ecken und Enden, und die Liebe und Anhänglichkeit an das königliche Haus zeigte sich mitten im Taumel im schönsten Licht; besonders war es auch Blücher, den man hochleben ließ. In dem großen Opernhaus, das Friedrich der Große im Jahre 1740 hatte erbauen lassen und welches geräumiger als die damaligen Opernhäuser zu Paris und London war, wurde eine Vorstellung bei festlich erleuchtetem und geschmücktem Theater gegeben.
Mitten in diesem vergnügten Leben traf mich plötzlich die Order, mich sofort nach Kolberg zum siebzehnten Garnisonbataillon zu verfügen, bei dem ich vorerst angestellt sei, und zwar eine Kompagnie befehligend, ohne jedoch die Kompagnieführer-Zulage zu erhalten. Bei einem Garnisonbataillon angestellt zu sein, wollte mir wieder nicht in den Kopf, und ich verfügte mich deshalb zum Obersten Inspekteur von Witzleben, um Einsprache zu tun; dieser entgegnete mir jedoch, daß dies nur provisorisch sei und er nichts in der Sache ändern könne. Ich mußte also wohl Order parieren, dem freundlichen Berlin und meinen Wirten und Schönen Lebewohl sagen. Prinzessin Wilhelm konnte ich mich nicht persönlich empfehlen, sie war noch Wöchnerin und empfing niemand, ich schrieb ihr daher einen gehorsamsten Abschieds- und Danksagungsbrief. Noch ehe ich abreiste, war die Nachricht von Napoleons Einschiffung nach Sankt Helena angekommen. So war denn seine Rolle auf dieser Welt ausgespielt, Murat war schon früher in Pizzo erschossen und alle Brüder Napoleons von ihren Thronen herabgeworfen und fortgejagt worden. Das große Drama des ephemeren französischen Kaiserreichs war vorbei, und alle seine Akteure traten wie andere Schauspieler nach dem letzten Herabfallen des Vorhangs nach einer gewöhnlichen theatralischen Vorstellung wieder von der Bühne ab und in die Misere des bürgerlichen Alltagslebens zurück.