Ich erhielt einen freien Postpaß von Berlin nach Kolberg nebst zwei Monate rückständigen Gehalts und setzte mich, nachdem ich noch freundlichen Abschied von Demoiselle D..., meinen beiden hübschen Minchen und anderen genommen, in den federlosen Rumpelkasten, Postwagen genannt, der nach Stargard fuhr.

VIII.
Reise von Berlin nach Kolberg. – Eine Amazone. – Ankunft in Kolberg. – Die neuen Dienstverhältnisse. – Kolberg und seine Umgebungen. – Einfachheit und Wohlhabenheit der Einwohner. – Die Marienkirche. – Gesellschaftliche Verhältnisse. – Nettelbeck. – Die letzte Belagerung. – Feier des Geburtstags des Königs. – Madame G... und ihre Cousine. – Das Versteckenspiel im Bullenwinkel. – Eine Reise nach Köslin. – Eine Lustfahrt auf einen pommerschen Edelhof. – Die Kolberger Freuden. – Ich gehe auf Urlaub nach Berlin. – Ein polnischer Reiseschatz. – Die verräterischen Austernschalen. – Fürst Blücher. – Die Berliner Weihnachtsfreuden. – Die Redouten und Porzellanfuhren. – Die schöne Luise. – Spandau. – Eine glänzende Schlittenfahrt. – Rückreise nach Kolberg.

Wer sich noch der damaligen Beschaffenheit der preußischen und sächsischen Postwagen erinnert, wird mir eingestehen, daß es keine geringe Marter war, mehrere Tage und Nächte fast ununterbrochen in einem solchen Behälter transportiert zu werden. Diese schlecht gebauten, auf der Achse gehenden Wagen rüttelten den Körper auf eine schmähliche Weise zusammen und machten die Knochen so mürbe, daß man sie zu brechen fürchtete, besonders wenn es in den Dörfern über die Knüppeldämme ging, denn Chausseen gab es ebenfalls nur sehr wenige und die Wege waren abscheulich, zudem hatte ich einen Seitensitz. Indessen sollte mich eine liebenswürdige Reisegefährtin für all dies Ungemach entschädigen. In der einen Ecke des Wagens saß ein wunderschönes Mädchen, ein Mädchen, wie sie der Himmel nur selten erschafft. In ihrem ganzen Wesen war etwas Heroisch-Liebliches, auf ihren Feuerwangen, in ihren blitzenden Augen, in ihren Zügen lag etwas so Edles, etwas so Mark und Bein bis ins Innerste Durchbohrendes, daß man davon durch und durch erschüttert wurde; ihr Wuchs, ihr Anstand, ihre ganze Figur war das schönste Ideal einer Amazone oder Bellonas selbst. Bald knüpfte ich ein Gespräch mit dieser Huldgöttin an, von der ich jedoch anfangs nur sehr kurze und einsilbige Antworten erhielt. Die übrige Reisegesellschaft hatte wenig Interesse für mich und schien es auch, bis auf eine ältliche Frau, deren Züge eine tiefe Schwermut ausdrückten, nicht zu verdienen. In Werneuchen, der ersten, drei Meilen von Berlin entfernten Station, wo der Postwagen nach der damaligen löblichen Gewohnheit wie auf allen Stationen mehrere Stunden, wohl auch wie in Stargard, Naugarten und so weiter halbe Tage liegen blieb, um alle Pakete, Passagiere, Koffer und so weiter gehörig zu sortieren und einzuschreiben, gelang es mir, meiner schönen Unbekannten ein paar Worte mehr zu entlocken. Gesprächiger aber wurde sie erst in Freienwalde, dem bekannten, sechs Meilen von Berlin entfernten Badeort, wo wir, während der Postwagen rastete, die artigen Anlagen und den Gesundbrunnen des Orts besuchten, der in einem anmutigen, von einer waldigen Höhe umgebenen Tal liegt und besonders von gichtbrüchigen und am Gehör leidenden Kranken besucht wird. Hier erfuhr ich, daß sich die gleich der Kriegsgöttin einherschreitende Schöne Johanna mit Vornamen nenne; den Familiennamen verschwieg sie mir aber noch. Ihr ganzes Benehmen hatte etwas Seltsames und Rätselhaftes. Beim Abfahren von Freienwalde war ich nicht weiter wie vorher, doch führte ich jetzt eine fortwährende, zusammenhängende Unterhaltung mit ihr. In Königsberg in der Neumark, wo wir des Nachts ankamen, gingen wir zusammen auf den Straßen spazieren, bis der Wagen wieder weiterfuhr, da es ihr unangenehm war, in der Gaststube unter den anderen Passagieren mehrere Stunden zu verweilen. Als ich ihr den Ort meiner Bestimmung, Kolberg, nannte, schien sie dies zu frappieren, und es entfuhren ihr die Worte: „Da will ich auch hin, meine Verwandten zu besuchen.“ Ich drang nun mehr und mehr in sie und brachte bald von ihr heraus, daß sie die Tochter eines in Danzig angestellten Kriegsrats sei, der sich L... nenne. Das Mädchen war wissenschaftlich gebildet, in der Geschichte wohl bewandert, zeigte dabei einen so glühenden Franzosenhaß und namentlich gegen Napoleon, daß, so oft die Rede auf diesen kam, ihre Wangen glutrot wurden und ihre Augen Feuer sprühten. Vor allem waren es aber die neuesten politischen Zustände und französischen Kriege, von denen sie mit großer Teilnahme und mit einem bei einem Mädchen ganz ungewöhnlichen Enthusiasmus sprach, und als ich im Laufe des Gesprächs ihr von dem fanatischen Eifer der Kalabresen und Spanier erzählte, da war sie ganz Ohr und hörte mir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu; sie wurde nun immer zutraulicher, freundlicher und sagte endlich mit Wärme zu mir: „Aber gegen die Deutschen, gegen die Preußen haben Sie doch nie gefochten, nicht wahr?“ – Dies konnte ich mit dem besten Gewissen mit nein beantworten. – „Wohlan, dann gebe ich Ihnen gerne die Hand.“ – Sie reichte sie mir hin, ich ergriff sie schnell, drückte und küßte sie. In Stargard, wo der Wagen wieder vier Stunden hielt, ließen wir uns ein Zimmer geben und ein Mittagessen in demselben servieren. Hier fing des Mädchens Neugierde hinsichtlich meiner an, rege zu werden, und sie gab sich viel Mühe, meine früheren Verhältnisse zu erforschen. Ich teilte ihr manches, was ich für gut fand, mit, und sie schien ganz Auge und Ohr, endlich aber ließ auch ich den Wunsch blicken, näher über ihre Verhältnisse unterrichtet zu werden. Des Mädchens Wangen überzog nun eine leichte Röte, die jedoch immer stärker und zuletzt fast hochrot wurde, dabei funkelten ihre Augen wie Feuer, sie nahm endlich meine Hand, faßte sie krampfhaft und sprach: „Sie flößen mir volles Vertrauen ein, und ich will mich Ihnen ohne Rückhalt entdecken. Ich war die Verlobte eines der Offiziere von Schills Korps, die Napoleon so feigerweise erschießen ließ. Wir liebten uns beide auf das innigste und wollten bessere Zeiten abwarten, unsere Vermählung zu feiern. Der grausame unverdiente Tod meines Geliebten machte mich beinahe rasend und fast zur Menschenfeindin, wenigstens zur eingefleischtesten Franzosenfeindin. Als nun unser edler König den Aufruf zur Befreiung und Rettung des Vaterlandes an sein treues Volk erließ, da schwoll auch mir die Brust, und das Herz bebte mir vor Ungestüm und Rachedurst im Busen. Ich legte Mannskleider an, verließ, ohne ein Wort von meinem Vorhaben zu sagen, das elterliche Haus, trat bei dem Bülowschen Korps als Freiwilliger ein und habe als solcher die Feldzüge von 1813 und 1814 mitgemacht.“ – Als ich sie verwundert und etwas zweifelhaft anblickte, da streifte sie den rechten Ärmel ihres Kleides in die Höhe und zeigte mir eine erst kurz vernarbte breite Wunde, die sie von einem französischen Chasseur à cheval bei Brienne erhielt und durch die sie längere Zeit im Lazarett zurückgehalten wurde, bei welcher Gelegenheit man auch zuerst ihr Geschlecht entdeckte. Erst jetzt hatte sie an ihre bekümmerten Eltern geschrieben, was aus ihr geworden. Sie kam nun ganz genesen von Berlin, wo sie sich in der letzten Zeit aufgehalten, wollte ihren Oheim in Kolberg, der daselbst verheiratet war und eine Zivil-Anstellung bekleidete, besuchen, bevor sie in das Vaterhaus zurückkehrte, wovor sie einige Scheu hatte, und das Vergangene durch den Oheim erst zu vermitteln wünschte. Daß dies alles ganz der Wahrheit gemäß war, davon hatte ich später Gelegenheit, mich vollkommen zu überzeugen. Wir erzählten uns nun gegenseitig Begebenheiten aus unseren Feldzügen und wurden dadurch so vertraut, daß wir bald nur noch ein Herz und eine Seele waren.

Da von Naugarten eine Seitenpost nach Kolberg besonders abging, so mußten wir abermals einen halben Tag auf die Weiterbeförderung warten. Wir brachten diese Zeit recht vergnügt zu, und ich bewog Johanna, nachdem wir uns ein Zimmer hatten geben lassen, ihre Jägeruniform einmal anzulegen, die sie in einem Mantelsack bei sich führte. Sie willigte lächelnd in meinen Wunsch, und ich war ihr beim Anlegen derselben möglichst behilflich. Die Uniform kleidete sie allerliebst. Wir machten nun förmlich Kameradschaft miteinander, tranken Brüderschaft auf du und du und ruhten endlich Arm in Arm erschöpft und matt aus. Ich half zuletzt meinem liebenswürdigen Kameraden seine weiblichen Kleider wieder anlegen, da die Zeit der Abfahrt herannahte. Von hier bis Kolberg aber ging nicht einmal ein bedeckter Wagen mehr, sondern wie auf allen Seitenstationen nur ein offener Korbwagen, das heißt ein gewöhnlicher Bauernwagen, in den man ein Korbgeflechte gelegt und einige Strohsitze angebracht hatte. Dies waren die Postwagen zu den Orten, die nicht an der großen Heerstraße lagen. Meine Kriegsgefährtin und ich waren die einzigen Passagiere von hier bis Kolberg; wir ruhten recht traulich Arm in Arm und fuhren die ganze Nacht durch über Greifenberg und Treptow an der Rega. Es war zwar eine Julinacht, die wir durchfuhren, und ich hatte deshalb auch nur sehr leichte Sommerbeinkleider auf dem offenen Wagen angelegt, nicht bedenkend, daß ich nicht mehr am Mittelländischen, sondern in der Nähe des Baltischen Meeres war. Wir schliefen beide, Johanna an meiner Brust, ein, je näher wir aber der Küste kamen, desto fühlbarer wurde ein sehr rauher und unfreundlicher Wind, und gegen Morgen überfiel mich ein kalter Schauer und Frost, ich fühlte mich unwohl und war froh, als wir endlich über die Zugbrücken und durch die Tore der Festung Kolberg einfuhren. Ich eilte mit meinem Kameraden, der mehr an dieses Klima gewöhnt und nicht so erfroren war, in das erste beste Gasthaus, die ‚Stadt London‘ auf dem Markt, wo ich uns jedoch anstandshalber zwei Zimmer geben ließ. Es war erst vier Uhr des Morgens, als wir ankamen, und Johanna konnte ihren Oheim so früh nicht aufsuchen, auch kannte sie dessen Wohnung nicht. Ich hatte mir eine furchtbare Erkältung zugezogen und warf mich unter den heftigsten Leibschmerzen auf das Bett. Erst gegen Mittag, nachdem ich mich ein wenig erwärmt hatte, war ich imstande, das Bett zu verlassen; ich steckte mich rasch in die Uniform und eilte nach der Kommandantur, um mich zu melden. Oberst Streit aber empfing mich mit einem Wischer, weil ich mich nicht früher gemeldet und doch mit der Morgenpost angekommen sei. Es war gerade zur Parade; er beschied mich nach derselben wieder zu sich. Ich meldete mich nun auch bei meinem Bataillons-Kommandanten, dem Major von Hackwitz, der aber das Bataillon nur interimistisch kommandierte. Dieser empfing mich sehr artig, und auf der Parade umringten mich meine neuen Kameraden, unter denen viele Westfalen und einige ältere Offiziere waren. Als ich mich nach der Parade der erhaltenen Order gemäß wieder auf die Kommandantur begab und anklopfte, da empfing mich der barsch: „Eintreten!“ rufende Oberst mit den Worten: „Bettelleute klopfen an, aber nicht die Herren Offiziere.“ Dieser abermalige unfreundliche Empfang machte einen äußerst unangenehmen Eindruck auf mich, und ich konnte mich nicht enthalten, zu erwidern: „Aber, Herr Oberst, ich trete eben erst in preußische Dienste und kann unmöglich schon alle Details derselben kennen.“ – „Wohl, Sie müssen sich aber bemühen, sie so schnell wie möglich kennen zu lernen.“ – „Dies wird mein Bestreben sein.“ – Nun frug mich der Kommandant Verschiedenes, was auf meine früheren Dienstverhältnisse Bezug hatte, und war dann weniger mürrisch, so daß wir zuletzt ziemlich gut voneinander schieden. Ich übernahm jetzt das interimistische Kommando der ersten Kompagnie des Bataillons, deren Hauptmann, ein Herr von Pfündöl, in Bälde von Gumbinnen hierher versetzt, eintreffen sollte. Der Feldwebel brachte mir nebst dem Kompagnierapport ein Quartierbillett, vermittelst dessen ich zu einem Kaufmann namens Hackstock, unweit dem Markt in der Börsenstraße, einquartiert wurde. Johanna hatte sich indessen zu ihrem Oheim begeben, der an ihre Eltern nach Danzig geschrieben, und deren Antwort sie bei demselben abwarten wollte. Wir brachten einstweilen jeden Abend vergnügt und traulich miteinander zu. Ich trat meinen neuen Dienst an, bestrebte mich, die mir obliegenden Verrichtungen möglichst bald kennen zu lernen, was auch schnell der Fall war. Doch zog sich gleich in den ersten acht Tagen ein artiges Donnerwetter aus folgender Veranlassung über meinem Haupt zusammen. In französischen Diensten hatten wir fast nie die Degenquasten, die man im Deutschen ganz fälschlich Portepee nennt, angemacht, namentlich trug sie fast kein Offizier im Feld, und sie galten für eine sehr unwesentliche Verzierung. Ich hatte mir zwar in Berlin eine solche von Silber und schwarz, wie sie im preußischen Heer sein muß, angeschafft und an meinen Säbel gemacht, jetzt mußte ich jedoch einen preußischen Degen tragen, kaufte mir einen solchen, vergaß aber die Quaste an denselben anzulegen, und so kam ich ohne Portepee auf die Parade. Bald bemerkten dies mehrere ältere Offiziere, man zischelte sich einander zu, auf mich sehend, der Major und der Kommandant wurden endlich auch aufmerksam, und Oberst Streit fuhr mich nun mit einem schweren Donnerwetter an, so daß es ein allgemeines Aufsehen erregte und sich alle älteren Offiziere nicht genug verwundern konnten, wie ein Offizier ohne Portepee erscheinen könne, sich zum Teil auch etwas hämisch deshalb ausließen; dies alles machte mir zuletzt den Kopf so warm, daß ich ganz pikiert und laut, daß es jedermann verstehen konnte, sagte: „Der Offizier steckt doch wahrlich nicht in der Degenquaste; wenn der Mann nichts taugt, so läuft gewiß kein Feind vor dem Portepee davon, und ich habe mich lange genug ohne ein solches tüchtig geschlagen.“ Diese Worte machten einen furchtbaren Rumor, der damit endigte, daß mir der Kommandant sofort einen vierundzwanzigstündigen Arrest ankündigte und noch obendrein einen Verweis gab. Diese Vorfälle machten mir gleich anfänglich den Dienst sehr zuwider und setzten böses Blut, hierzu kam noch mein langes Unwohlsein infolge der Erkältung. Die sehr öde und traurige Lage Kolbergs an der Persante, unweit der Mündung dieses Flusses in die Ostsee, wo sich nur ein einziger, kaum leidlicher Spaziergang nach der sogenannten Maikuhle, einem kleinen Gehölz, befand, war nicht geeignet, diese Mißstimmung zu mindern. Ich hatte anfangs auch nicht einen einzigen Bekannten, und den neunten Tag nach unserer Ankunft verließ auch Johanna die Stadt wieder, um sich zu ihren Eltern, die sie mit großer Sehnsucht erwarteten, zu begeben. Ich fühlte mich jetzt recht einsam und verlassen, um so mehr, da die Festung vorerst auch nicht die mindeste Zerstreuung bot; die Offiziere standen sich alle noch sehr fremd gegenüber, der Garnisondienst war sehr streng und mußte recht pedantisch kleinlich versehen werden. Nachdem ich ungefähr vierzehn Tage hier verweilt, erhielt ich plötzlich eine Einladung zur Tafel bei dem Kommandanten, der nun zuvorkommend freundlich war, allerlei Scherze machte und eine sehr liebenswürdige feingebildete Dame zur Frau hatte, die früher Hoffräulein am Dessauer Hof war und die er als Witwer heiratete; von jetzt an wurde mir der Aufenthalt etwas erträglicher. Es kamen auch immer mehr Offiziere an, von denen mehrere verheiratet waren und eine liebenswürdige Familie mitbrachten, unter ihnen auch unser wirklicher Bataillonschef, der Oberstleutnant von Witke, ein verdienstvoller Militär, der drei sehr liebenswürdige, eben aufblühende Töchter hatte.

Die Stadt Kolberg selbst liegt einsam und öde in einem Winkel an der Ostsee, hat nur wenige und eben nicht sonderlich anmutige Gärten; keine Baumstücke, keine Gemüsefelder, keine bunten Blumenwiesen umgeben die ernste Festung. Ein Spaziergang um das Glacis derselben oder nach Kuhphals Wirtsgarten war die ganze Rekreation in der Nähe der Stadt, etwas weiter war die schon genannte Maikuhle, ein mit Bäumen bepflanzter und mit Blockhäusern und Schanzen versehener Sandhügel; eine gute Stunde von der Stadt befand sich ein Wald, der Busch genannt, in dem ein Jägerhaus lag, nach dem im Sommer bisweilen Partien zu dem Förster Ott gemacht wurden; der Weg dahin war aber kahl und zog sich zwischen lauter Kartoffelfeldern hin. Das Innere der Stadt war womöglich noch unfreundlicher, die Straßen hatten fast lauter uralte Giebelhäuser, andere sah man nur ausnahmsweise. In einem solchen Haus befand sich in der Regel nur eine lange schmale Stube mit einem sehr großen Fenster und einem Alkoven im Hintergrund, in welchem die Familie schlief. Diese Gebäude waren meist von Stein, aber schlecht und ohne alle Symmetrie gebaut, sehr hoch, mit einem ungeheuern Vorplatz und großen Türen; der einzigen Stube gegenüber und durch einen Gang getrennt befand sich in der Regel ein Laden, Magazin oder die Werkstätte; der übrige Raum bis zum Giebel bestand in vier bis fünf ungeheuren Böden für Frucht, Gerste, Malz und dergleichen, nebst ein paar Kammern. Diese Einrichtung schreibt sich noch aus den Zeiten her, wo in Kolberg die Niederlage des großen Kornhandels an dem Baltischen Meer war, der sich aber schon länger als ein Jahrhundert weg und meist nach Danzig gezogen hatte. Obgleich die meisten Einwohner, etwa achttausend, wohlhabende und mehrere enorm reiche Leute waren, so dachten doch nur wenige daran, sich bequemere Wohnhäuser zu bauen; sie waren einmal an diese größtenteils höhlenartigen Wohnungen von Eltern und Ureltern her gewöhnt, wußten es nicht besser und befanden sich ganz behaglich in denselben. Obgleich Mauern und Wände feucht, besonders in den Alkoven salpeterartig waren, sind ihre Bewohner dennoch gewöhnlich ein starker und gesunder Menschenschlag. Der wenige Luxus, der hier herrschte, und die geringe Gelegenheit, Geld auszugeben, während doch immer noch ansehnlich verdient wurde, machte, daß es sehr viel reiche Leute gab, die von Urgroßeltern und noch länger her schon die alten Taler in Kisten und Kasten aufgespeichert. Mädchen mit einer baren Aussteuer von fünfzig-, achtzig- und hunderttausend Talern waren gerade keine so große Seltenheit. Unter den Merkwürdigkeiten der in vieler Hinsicht sonderbaren Stadt steht die große Marienkirche oben an; es ist ein hohes, weitläufiges Gebäude, dessen ungeheurer, fast ganz leerer Raum ihm ein schauerliches Ansehen verleiht, um so mehr, da die Kirche in einem so schlechten Zustand war, daß überall Wind und Luft Zugang fanden und Eulen und andere Nachtvögel ihre Residenz in derselben aufgeschlagen hatten, ja die Sperlinge waren so unverschämt, während des Gottesdienstes die Nase des Predigers auf der Kanzel zu umschwirren. Die Kirche hat viele Seitengebäude und Anhängsel, ist uralt und von dem Ertrag der Pfennige erbaut worden, die zwei Mönche von den frommen Seelen in ganz Deutschland erbettelten. Sie war ursprünglich dem katholischen Glauben gewidmet. Eigentlich war es nur noch eine guterhaltene Ruine mit sehr dürftiger Ausschmückung; mehr als tausend Scheiben der großen Fenster waren zerbrochen; sie machte die Wirkung eines unermeßlichen Grabgewölbes auf mich. Wer sich so plötzlich aus einem Klima wie das von Korfu, wo ich noch einen Teil des vorjährigen Sommers zubrachte, hierher versetzt findet, dem scheint dies Land ein wahres Sibirien. Dabei ist die Stadt das wahrhafte und wirkliche Krähwinkel, jedoch nicht in Bezug auf ihre braven Bewohner, denn in dieser Beziehung sind es viel größere Städte, wie zum Beispiel Frankfurt, weit mehr, sondern weil sich die geflügelten wirklichen Krähen zu Hunderttausenden die Giebeldächer der alten Stadt seit undenklichen Zeiten zu ihren Sitzen ausersehen haben, deren Geschrei und graues Aussehen das Düstere noch vermehrt. Übrigens sind die Einwohner sehr biedere, wackere und brave Leute, noch von altem Schrot und Korn, und stehen ihren Mann auch vor dem grimmigsten Feind, wie sie es schon öfters zur Genüge bewiesen haben; sie sind dabei gesellig, zuvorkommend gegen Fremde und freundlich gegen die Garnison; sie selbst scheinen sich ihrer Verdienste unbewußt und erwähnten nur mit der äußersten Bescheidenheit der letzten heldenmütigen Verteidigung Kolbergs, zu der sie doch das meiste beigetragen. Der gesellschaftliche Verein der hiesigen gebildeten Welt führte den Namen ‚Harmonie‘, und zwar mit Recht, denn diese herrschte damals ungestört in demselben.

Der alte Nettelbeck war gewiß Kolbergs bester Bürger. Er war damals schon sechsundsiebzig Jahre alt, aber immer noch ein sehr rüstiger Mann, von dem lebhaftesten Geist. In seiner Jugend war er ein Seemann, hatte mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht, und in seinem hohen Alter bildete er noch junge Leute zu Matrosen und Steuermännern aus. Bei seinen großen Verdiensten war er der einfachste und anspruchsloseste Mann, dessen große Rechtschaffenheit und Redlichkeit zum Sprichwort geworden war, und Friedrich der Große, den er noch gekannt, stand in hohem Ansehen bei ihm; sein Mut war über alles Lob erhaben. Eines Tages hatte der Blitz in den hohen Turm der Marienkirche geschlagen und dessen Spitze schon gezündet, da eilte der alte Nettelbeck ganz allein mit einer Handspritze hinauf und löschte das Feuer. Als bald nach der Schlacht bei Eylau Napoleon ein beträchtliches Korps gegen Kolberg sandte, welches, nachdem es die Verschanzungen bei Naugard genommen, sich zur Belagerung der Festung anschickte, da stellte sich der edle Greis Nettelbeck an die Spitze der wackeren Bürgerschaft und war überall bei der Hand, wo die Gefahr am größten war. Die Franzosen hatten sich bereits der Schanze auf dem hohen Berg bemächtigt, aber die Kolberger befestigten nun die Mündung der Persante und die Maikuhle und brannten die Lauenburger Vorstadt ab. Schill, der sich in die Festung geworfen hatte, machte fast jeden Tag Ausfälle und vertrieb die Belagerer wieder aus den Schanzen. Nun wurde auch noch die Geldern-Vorstadt abgebrannt, und Schill schlug mit seiner Reiterei, die eine große Tapferkeit bewies, einen Teil der Belagerer in die Flucht. Aber der Kommandant Kolbergs, ein Oberst Loucadou, von französischer Abkunft, war eine Schlafhaube, sprach von Übergabe, bis ihm Nettelbeck mit einigen Bürgern auf die Stube rückte und ihm erklärte, daß sie den, der von Übergabe spräche, für einen Hochverräter ansehen und als solchen bestrafen würden. Loucadou wurde auch bald abberufen und durch den braven Gneisenau ersetzt, der sogleich dem Feind die Schanzen am Bullenwinkel wieder abnahm. Die Franzosen beschossen jetzt die Stadt heftig und fast ununterbrochen, aber Nettelbeck und seine Bürger, die mit der Besatzung in der Verteidigung der Stadt wetteiferten, waren überall bei der Hand, wo es eine Gefahr gab; sie hatten sich in mobile Kompagnien eingeteilt, bedienten einen Teil des Geschützes, und Gneisenau tat fast nichts, ohne den Rat oder die Meinung Nettelbecks zu hören, der sein bester Adjutant und überall war. Zündete eine Haubitzgranate irgendwo, so stand gewiß Nettelbeck mit seinem Schlauch an der gefährlichsten Stelle, die er nicht verließ, bis das Feuer wieder gelöscht war, und gab es außerhalb der Stadt ein Gefecht mit dem Feind, so saß er hoch zu Pferde, die Truppen anfeuernd, versorgte sie mit Munition und brachte dem Kommandanten unter einem Kugelregen die Berichte. Er besorgte die Überschwemmungen mit einer Umsicht, welche Scharfsinn und den richtigsten Überblick verriet. Durch seinen Mut und Patriotismus versetzte er die Bürger in Enthusiasmus, und all diese Dienste tat er, ohne die mindeste Vergütung oder Besoldung zu erhalten, obgleich er durchaus ohne Vermögen war und von seinem bürgerlichen Verdienst lebte. Viermal hatten die Bomben und Granaten ein gefährliches Feuer angefacht, und viermal hatte es Nettelbeck gelöscht. Diese tapfere Verteidigung Kolbergs ist ein Lichtpunkt in dem sonst so düster-unglücklichen preußisch-französischen Krieg von 1807. Hätte sich das mächtige Magdeburg und die anderen Festungen so gehalten, niemals wäre Preußen von den Franzosen unterjocht worden. Der König erkannte Kolbergs und Nettelbecks Verdienste wohl an, sprach das erste von aller Kriegskontribution, nahe an zweihunderttausend Taler, frei, und dem braven Nettelbeck wurde die Ehre zuteil, an die königliche Tafel gezogen zu werden, wo er den Ehrenplatz zwischen dem König und der Königin einnehmen mußte; seine Tochter, noch ein Kind, wurde auf königliche Kosten erzogen, erhielt eine bedeutende Aussteuer, und aus Kolbergs Besatzung wurde ein Regiment gebildet, das auf alle Zeiten den Namen Kolberg führen sollte.

Ich begann nun mich nach und nach heimischer zu finden, obgleich meine Dienstverhältnisse gerade nicht immer die angenehmsten waren, woran ich indessen zum Teil selbst große Schuld trug, da ich mich über manche Dinge, die mir ungewohnt waren oder ungereimt schienen, ganz unverhohlen und oft sehr schonungslos ausließ, was mir dann sowohl bei meinen Vorgesetzten als älteren Kameraden Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten verursachte, die oft nur durch die Klinge beigelegt werden konnten und mich in den Ruf eines händelsüchtigen Menschen brachten. Ich konnte zu wenig den französischen Felddienst und das französische Leben vergessen und mokierte mich gern über manches, was wohl nach Pedantismus roch, doch war damals schon der preußische Dienst fast von allen kleinlichen Erbärmlichkeiten gereinigt und in hohem Grad human, besonders auch gegen den gemeinen Mann. Das große Rechtlichkeitsgefühl und Wohlwollen des Königs war von den höchsten bis zu den untersten Klassen der militärischen Hierarchie gedrungen.

Die ersten Bekanntschaften unter den Einwohnern machte ich bei der Feier des Geburtstags des Königs, die mit großem Jubel begangen wurde. Nach der großen Parade war ein Diner und abends Ball in der Harmonie, den der Kommandant mit einer Polonäse eröffnete. Unter den anwesenden Damen bemerkte ich sogleich eine sehr zierlich und fein gebaute junge Frau, die sich mit außerordentlicher Anmut im Tanz bewegte. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß es die Gattin eines Kaufmanns namens G... war, und engagierte sie zum ersten Walzer. Auf diesem Ball waren so ziemlich alle Schönheiten der Honoratioren Kolbergs beisammen und wunderschöne und liebliche Mädchen unter denselben, wie die Fräulein von Gundenreich, drei sehr reiche Erbinnen, ein Fräulein Justke, von Bajinsky, eine Frau Doktor M. und so weiter, eine wahre Flora von Schönheiten und Liebenswürdigkeiten, daß einem die Wahl hätte schwer werden können. Doch fand ich in Madame G... ein so anmutiges, aufgewecktes und zierliches Weibchen, daß ich, von soviel Liebenswürdigkeit hingerissen, mich von diesem Tag ihrem Dienste vorzüglich zu widmen beschloß. Ein tragikomischer Vorfall machte, daß dieses Fest auf eine kurze Zeit unterbrochen würde. Der Chef der Artillerie hatte nämlich mit dem Kommandanten von Kolberg, Oberst Streit, als die Herren schon ziemlich allegro bei einer Bowle Punsch saßen, um ein Dutzend Flaschen Ungarwein gewettet, daß letzterer auch nicht einen Kanonenschuß in der Festung tun lassen könne ohne sein Wissen und seine Genehmigung (die Order dazu mußte erst an den Artilleriechef gelangen und ihm gemeldet werden, da kein Artillerieoffizier ohne diese abfeuern lassen konnte). Oberst Streit aber gab dem Platzadjutanten insgeheim Befehl, ein paar Reserve-Kanonen aus dem Zeughaus, wozu die Schlüssel bei der Kommandantur waren, holen, sie so geräuschlos wie möglich in der Börsenstraße gegen die Harmonie zu auffahren und richten sowie durch Artilleristen aus dem Invaliden-Bataillon bedienen zu lassen und dann auf ein von ihm mit einem weißen Schnupftuch am Fenster gegebenes Zeichen abzufeuern. Als man dem Kommandanten berichtet hatte, daß alles nach seiner Order bereit wäre, sagte er zum Major von Gaeti, Chef der Artillerie: „Nun, Herr Major, lassen Sie uns die Gesundheit Seiner Majestät unseres hochverehrten Königs ausbringen und mit Kanonendonner akkompagnieren.“ Der Major erwiderte lächelnd: „Ich bin es zufrieden,“ und stieß mit dem Oberst an, der ausrief: „Hoch lebe unser edler König!“ Zugleich winkte er mit dem Schnupftuch am Fenster, und in demselben Augenblick, es war gegen Mitternacht, donnerten die Kanonen zum Schrecken und Erstaunen der ganzen Harmoniegesellschaft, aber auch alle Fensterscheiben fielen klirrend in den Saal, so daß die Damen schreiend die Flucht ergreifen wollten; man sah sich betroffen gegenseitig an und wußte nicht, was man von dem Vorfall denken sollte, zumal da sich die Kanonenschüsse erneuerten und deren einige zwanzig fielen; doch klärte sich die Sache bald auf, und das unterbrochene Fest nahm wieder seinen nicht ferner gestörten Fortgang. Der Herr Oberst hatte zwar den Ungarwein gewonnen, mußte aber ein paar hundert Taler für die zerbrochenen Scheiben zahlen, denn nicht allein alle Fenster der Harmonie waren zerschmettert, sondern auch links und rechts die der Häuser in der Börsenstraße, von dem Platz, wo die Kanonen standen, bis zum Harmoniegebäude, welches Face machte. Es war demnach eine sehr teuer gewonnene Wette. – Erst um drei Uhr endigte das Fest, auf dem ich mit Madame G... schon so weit gekommen war, daß sie mir mit vielsagendem Blick eine beste Nacht wünschte. Wenige Tage darauf sah ich sie nebst noch anderen Damen wieder in dem Harmoniegarten, wo die neue Bekanntschaft freundlichst fortgesetzt wurde. Kurz vorher war der Hauptmann von Pfündöl angekommen, dem ich nun die Kompagnie hatte übergeben müssen. Er befand sich auch bei der Gesellschaft im Garten, und als die Sprache auf Berlin kam, erzählte ich, daß ich daselbst bei meinem Wirt, einem Herrn von Pogwisch, eine so überaus freundliche Aufnahme gefunden und überhaupt die Berliner nur zu rühmen hätte. Pfündöl fragte mich hierauf mehr und sehr genau nach den näheren Umständen der Familie von Pogwisch, so daß es mir auffallen mußte. Ich konnte ihm indessen nur Gutes und Lobenswertes von jedem Mitglied derselben mitteilen. Endlich fiel er mir lächelnd mit den Worten in die Rede: „Herr Kamerad, das war Ihnen geraten; wissen Sie, daß die alte Frau von Pogwisch meine Schwester und deren Sohn folglich mein Neffe ist; die junge Frau habe ich aber noch nicht gesehen.“ Von diesem Augenblick an waren wir die besten Freunde und Kameraden.

Noch denselben Tag schritt ich in der Gunst der Madame G... so weit voran, daß sie mir das Haus einer ihrer Bekannten, einer gewissen Madame Sparschuh, empfahl und zu verstehen gab, daß ich sie in demselben oft antreffen könne; ich fand auch schnell Mittel, mich bei dieser schon etwas älteren Dame, deren Gatte die meiste Zeit abwesend war, zu introduzieren, und bald brachte ich ganze Nachmittage in Gesellschaft der Madame G... daselbst zu, während Madame Sparschuh so gütig war, sich mit Haushaltungsangelegenheiten zu beschäftigen und uns manches Stündchen ganz allein zu lassen, wohl auch dafür zu sorgen, daß wir nicht unangenehm überrascht werden konnten, was wir dann bestens zu benutzen verstanden.

Außer Madame G... machte ich bald noch die Bekanntschaft ihrer hübschen Cousine, der Frau Doktor M., bei einer Kaffeegesellschaft im Bullenwinkel. Die Kolberger Damen veranstalteten nämlich sehr häufig solche Kaffeeklatsche, im Winter in ihren Häusern, im Sommer aber auf einem nahegelegenen ländlichen Ort, wobei außer Kaffee und Kuchen noch reichlich süße Weine, Spickgans und andere Leckerbissen serviert wurden. Diejenigen Damen, welche intimere Bekanntschaft mit Offizieren hatten, ließen diese wissen, wenn eine solche Zusammenkunft auf dem Land, wozu man fast immer den Bullenwinkel wählte, stattfinden sollte, und sie stellten sich bei denselben wie auf einem zufälligen Spaziergang ein; man lud sie dann höflichst, eine Tasse Kaffee anzunehmen, und brachte so den Nachmittag recht vergnügt mit ländlichen Spielen: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum; Gut Bier feil, und besonders Versteckens und so weiter zu. Der romantische Bullenwinkel bestand aus einigen Wirtschafts- und Ökonomiegebäuden, die an den Ufern eines mit Erlen, Eschen und Weiden besetzten Baches lagen. Die Gesellschaften waren immer einige zwanzig bis dreißig Personen und mehr stark, und die Blüte der Kolberger Frauen und Mädchen kam da zusammen, um Kaffee oder auch Buttermilch zu schlürfen und neue Bekanntschaften zu machen, während die Männer und Väter dieser Damen ganz ruhig auf ihren düsteren Schreibstuben bis zum Untergang der Sonne arbeiteten und in Kaffee, Zucker, Weinen und so weiter spekulierten. Mit einem anderen jungen Offizier, dem Leutnant Willmann, hatte ich nähere Freundschaft geschlossen, so daß wir uns unsere Abenteuer und Verbindungen gegenseitig mitteilten und einander behilflich waren. Seine Auserkorene war eine junge Witwe, die Kriegsrätin W., eine ziemlich türkische, das heißt korpulente Schönheit, denen ich nie einen Geschmack abgewinnen konnte; dagegen hatten Madame G... und ihre Cousine beide Sylphidengestalten, erstere war aber von einem so zarten Nervenbau, daß sie vor lauter Entzücken oder auch aus Ärger und Gemütsbewegung leicht in einen völlig bewußtlosen Zustand versank und bis zur Beängstigung in demselben verblieb. Bald merkte sie, daß ich mit der Frau Doktor M. auf einem freundschaftlicheren Fuß stand, als ihr lieb war, was zu Neckereien und unangenehmen Szenen Veranlassung gab. Als eines Nachmittags im Bullenwinkel wieder Verstecken gespielt wurde, hatte mir ihre Cousine leise zugeflüstert: „Ich verstecke mich in das hohe Federbett der Wirtin, dort findet mich gewiß niemand.“ – „Außer mir,“ erwiderte ich. – „Das dürfen Sie nicht, weil ich es Ihnen gesagt habe.“ – „Nun, wir werden sehen.“ – Als alle versteckt waren, schlich auch ich mich in die Schlafkammer der Wirtin, wo ich richtig die Frau Doktorin fand, die ihr allerliebstes Köpfchen aus den berghohen Federbetten der Wirtin streckte. – „Beste Frau Doktorin,“ ließ ich mich vernehmen, „ich kann Ihnen nicht helfen, aber ich weiß keinen anderen Platz zum Verstecken zu finden, als bei Ihnen im Bett.“ – „Ja unterstehen Sie sich!“ – „Und warum nicht?“ Ich unterstand mich und war mit einem Hui in den Federmassen, unter der Decke und mit der liebenswürdigen Frau vereint. – „Aber mein Gott, wenn man uns hier zusammen findet!“ – „Man wird uns nicht finden, ich habe es mit der Wirtin abgemacht, lassen Sie uns also den günstigen Augenblick benützen.“ – Sophie wollte protestieren, mich wieder hinaus haben, aber ich war nicht der Mann, der, einmal in einer Festung, diese so leicht wieder aufgab, da half kein Sträuben und Ach; aber plötzlich knarrte die Tür, und ich schlüpfte tief unter die schwere und breite Bettdecke, bis zum Ersticken zugedeckt. Es war Madame G..., die mich überall gesucht hatte und endlich auf den Einfall gekommen war, zu sehen, ob ich mich nicht in der Wirtin ihr und mir schon wohlbekanntem Schlafzimmer befände. Sie trat an das Bett, und ihre Cousine mit sehr erhitztem Aussehen in demselben liegen findend, sagte sie: „So, du hast dich hier verborgen, das ist so übel nicht, ich will mich mit dir zusammen verstecken.“ – „Bewahre der Himmel, das geht nicht, wo denkst du hin.“ – „Ich sehe nicht ein, warum ...“ – „Nein, das leide ich ein für allemal nicht, du gehst deiner Wege.“ – Aber Madame G... war nicht die Frau, die sich so leicht abschrecken ließ, und zog und zerrte schon an der Bettdecke, welche die Doktorin um so fester an sich hielt, wobei ich ihr unterbettischerweise so behilflich war, daß es der Madame G... nicht gelang, die Decke herabzureißen, und so entstand ein gewaltiges Hin- und Herzerren. Da beide Cousinen sehr laut wurden, so daß ich fürchtete, noch andere Personen möchten dazu kommen, entschloß ich mich, der Sache rasch ein Ende zu machen, warf die Decke von mir, sprang zum Bette heraus und stellte mich zwischen beide, fast gleich verblüffte Damen, suchte sie zu besänftigen, indem ich ihnen vorstellte, daß sie beide gleiches Interesse hätten, daß die Sache verschwiegen bliebe und der türkische Sultan ja ein paar hundert Frauen zumal habe, ich also wohl auch zwei Geliebte auf einmal besitzen dürfe, besonders da ich beide gleich heftig liebe, wie sie versichert sein könnten. Um dieser Versicherung mehr Nachdruck zu geben, küßte ich beide abwechselnd, wenn schon Madame G... sich gewaltig sträubte; die Doktorin aber, die sich besser in das Geschehene zu finden wußte, rief ihr zu: „So ziere dich doch nicht so, Minchen, es ist jetzt einmal nicht anders, und dann bleibt’s ja unter der Verwandtschaft.“ – Es wurde endlich, wenigstens scheinbar, der Frieden geschlossen und besiegelt, wir begaben uns alle drei wieder zur Gesellschaft, nahmen kühlende Buttermilch zu uns und spielten dann wieder: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum, bis mit der Dämmerung ich beide Cousinen am Arm heim führte. Madame G... konnte aber diesen Vorfall nicht so leicht verschmerzen, sondern spielte die Eifersüchtige fort, ließ soviel wie möglich alle meine Schritte beobachten und durch eine ihrer Mägde sogar meinen Burschen bestechen, der mir jedoch alles wieder rapportierte und, von mir gehörig instruiert, nur sagte, was ich für gut fand, ihn sagen zu lassen. Indessen ließ sie dennoch ihre Cousine so genau bewachen, daß es dieser fast unmöglich wurde, einen Schritt zu tun, ohne daß es Madame G... erfahren hätte, die es so einzurichten verstand, daß wir uns fast nie allein sprechen konnten. Um dies bewerkstelligen zu können, kam ich mit der Frau Doktorin überein, daß sie eine kleine Reise zu einer nahen Anverwandten nach dem fünf Meilen von Kolberg entfernten Köslin machen und ich für einige Tage Urlaub dahin nehmen solle, das Vorhaben aber so geheim zu halten, daß Madame G... vor unserer Abreise nichts erfahre. Dies glückte, und um sie irre zu führen, hatten wir hinterlassen, daß Sophie nach Treptow und ich nach Köslin gegangen sei, fanden uns aber schon eine halbe Meile hinter Kolberg zusammen und setzten nun den Weg nach Köslin in einem offenen Wagen fort.