Nachdem ich mit Sophie den dreitägigen Aufenthalt in Köslin auf das beste benutzt hatte und bei ihren Verwandten sehr gut aufgenommen worden war, fuhr ich einen Tag früher ab, damit man in Kolberg, namentlich Madame G..., weniger argwöhnisch sein und uns nicht auf die Spur kommen möge. Aber die Dame hatte bereits Verdacht geschöpft, da ihre Cousine ihr kein Wörtchen von der Reise mitgeteilt. Bald kam sie auch durch ihre Spione hinter die Wahrheit, und es setzte Szenen in der Doktorin Wohnung, wobei die nervöse Madame G... furchtbare Krämpfe bekam und in gänzliche Bewußtlosigkeit fiel. Um der Doktorin den Streich wett zu machen, veranstaltete sie nun gleichfalls eine kleine Lustreise, wobei ich ihr schwören mußte, das Vorhaben ihrer Cousine nicht zu verraten, ein Schwur, den ich aber nicht hielt, und da ich wußte, daß Sophie weit vernünftiger als Minchen war, ihr die Sache mitteilte, worauf wir beide herzlich darüber lachten. – Diesmal sollte die Fahrt auf das Gut eines pommerschen Landedelmannes gehen, mit dem der Mann der Madame G... einige nicht sehr bedeutende merkantilische Geschäfte machte und der der Dame einst en passant hingeworfen hatte, sie möge ihn doch einmal auf seinem Gut besuchen. Madame G... arrangierte nun eine Partie dahin, wozu sie auch noch außer mir Herrn und Madame Sparschuh und ein Fräulein von Bajinsky einlud, um die Sache nicht zu auffallend zu machen. Wir fuhren eines Sonnabends nachmittags ab und langten erst gegen neun Uhr abends in dem Dorf des Edelmannes an. Je näher wir kamen, desto ängstlicher wurde Madame G..., die anfing, einzusehen, daß sie auf eine so oberflächliche Einladung hin wenigstens nicht noch vier fremde Personen hätte mitbringen sollen, und erst nahe bei dem Dorf entdeckte sie mir und den anderen ihre Bedenklichkeiten. Ich war sogleich dafür, daß wir anderen in der Schenke des Dorfes übernachten müßten, während Madame G... allein von der Einladung des Edelmannes Gebrauch machen solle, aber dies wollte sie ebensowenig, namentlich nicht, daß ich mit dem Fräulein von Bajinsky, einem niedlichen jungen Mädchen, der Tochter eines pensionierten Majors, ohne sie unter einem Dache schlafen sollte. Auch war der Krug in dem Dorf so beschaffen, daß wir alle in einer Kammer auf einer Streu hätten liegen müssen. Wir hielten indessen am Krug an, von wo sich Madame G... allein nach dem Schloß des Edelmannes begab und diesem, indem sie ihm ihren Besuch ankündigte, zu gleicher Zeit auf eine Weise mitteilte, daß sie in Gesellschaft von noch vier Personen gekommen, die im Krug geblieben, daß der gute Mann wohl nicht anders konnte, als ihr den Vorschlag zu machen, sie zu ihm zu bringen; sie kam nun triumphierend zurück, uns einladend, ihr zu folgen. Wir wurden indessen ziemlich frostig empfangen, besonders von der gnädigen Frau, die, Unwohlsein vorschützend, sich bald, nachdem sie uns gemustert, wieder entfernte, uns dann durch einen Bedienten unsere Zimmer anweisen – zum großen Verdruß der Madame G... eines für die Damen mit drei Betten und ein anderes für die Herren – und uns auch ein ziemlich frugales Abendessen auf denselben servieren ließ, nach welchem wir alle etwas verstimmt und kleinlaut uns zur Ruhe verfügten, da wir niemand von dem Haus mehr zu sehen bekamen. Den anderen Morgen wurde uns um acht Uhr der Kaffee gebracht, und der aufwartende Bediente teilte uns mit, daß sich seine Herrschaft bestens entschuldigen lasse und bedaure, uns nicht mehr sehen zu können, sie habe aber mit Tagesanbruch auf ein benachbartes Gut fahren müssen, dessen Eigentümer sie diesen Besuch schon vor vierzehn Tagen versprochen. – Dies war denn doch ein wenig zu arg, ich dankte für das Frühstück, befahl sogleich anzuspannen, die übrigen waren vollkommen meiner Meinung, und den Domestiken fünf Taler in Gold als Trinkgeld hinwerfend, verließen wir den gastfreien Edelhof und waren zu Mittag wieder in Kolberg zurück, samt und sonders von dieser Pläsierreise wenig erbaut und Madame G... ein wenig beschämt. – „Der soll mir aber nach Kolberg und zu uns kommen,“ sagte sie wohl hundertmal unterwegs, „ich will ihm wieder mit Ungarwein aufwarten, dem Flegel!“ Niemand war über dies Resultat erfreuter als Frau Doktor M., der ich alles nebst den kleinsten Nebenumständen mitteilte und die sich darüber kindisch freute und halbtot lachen wollte. Ich hatte indessen bei dieser Gelegenheit nähere Bekanntschaft mit dem liebenswürdigen Fräulein Bajinsky gemacht, die ich nun auch bald auf mein Register setzen zu können hoffte. Ich gefiel mir immer mehr in Kolberg und hatte eben einen Wechsel von vierhundert Talern von Haus erhalten, die mir der Bankier Mendelsohn in Berlin bei dem Haus Plüddemann in Kolberg, einem der reichsten Kaufleute, anwies, und da dies schnell in der Stadt herumkam, so galt ich für sehr reich, und alle Leute waren jetzt noch dreimal so artig wie früher gegen mich. Den hübschen Töchtern meines Bataillonschefs sowie der elfjährigen Tochter des Kommandanten gab ich Unterricht in der französischen Sprache und im Singen. So war ich sehr gern gesehen und erhielt mehr Einladungen, als mir lieb war; eine junge Majorin von G... bat mich ebenfalls, ihr doch einige Stunden auf der Gitarre geben zu wollen, was ich unmöglich ausschlagen konnte, da es nicht nur eine hübsche, sondern auch sehr geistreiche Frau war. Nach vielen Bemühungen brachte ich auch ein kleines Liebhabertheater zustande und wurde sogar in der Harmonie zum Maître des plaisirs et des cérémonies ernannt. Ich arrangierte nun Extrabälle, kleine Konzerte, gab alle Gesellschaftsspiele an und war in der Tat l’enfant chéri des dames, und auch hier mußte mir die zum Turm der Marienkirche führende Treppe bei den gefährlichsten und geheimsten Rendezvous zum verschwiegensten Gelegenheitsmacher dienen. Eine dieser Damen, die von ihrem Gatten, einer hohen Militärperson, sehr überwacht wurde und deren Gängen man nachspürte, machte den Abend, wenn wir ein Stelldichein in dem Turm verabredet hatten, drei bis vier Besuche in verschiedenen Häusern, bevor sie sich im Turm einfand, um im Notfall eine gute Ausrede zu haben und besser ein Alibi beweisen zu können. – Auch an Heiratsanträgen, die mir so unter der Hand angegeben wurden, fehlte es nicht; es waren meist hübsche und reiche Mädchen, mit denen mich gefällige Basen und Tauten, trotzdem meine galanten Aventüren so ziemlich bekannt waren und Aufsehen erregten, beglücken wollten. Schöne und reiche Mädchen waren die Fräulein von Gundenreich, von denen man mir die älteste durchaus freien wollte. Aber kaum sechsundzwanzig Jahre zählend, hatte ich noch wenig Sinn für Hymens Freuden in der Ehe, und ebensowenig Wert hatte der Mammon für mich.

So kam allmählich der Winter heran. Hauptmann von Pfündöl und ich erhielten sehr freundliche Einladungen von Pogwischs in Berlin, einen sechswöchentlichen Urlaub zu nehmen und sie zu besuchen. Trotz aller Freuden, die mir jetzt in Kolberg blühten, ließ ich mich doch bereden, die gutgemeinte Einladung anzunehmen, auch hatte ich so halb und halb die Absicht, die Versetzung an den Rhein auszuwirken. Ich erbat und erhielt Urlaub und machte mich vierzehn Tage vor Weihnachten mit Pfündöl auf den Weg nach Berlin. Bis Naugarten hatten wir Extrapost genommen und uns dann in den von Danzig kommenden Postwagen gesetzt, in dem wir eine liebenswürdige Polin, die Gattin eines polnischen Ulanen-Rittmeisters, der bei der Armee in Frankreich stand, trafen, die ebenfalls nach Berlin und von da weiter nach Frankreich zu ihrem Mann reiste und gut französisch sprach, das Pfündöl, der außerdem schon ein Sechziger war, so wenig verstand wie die anderen Passagiere. Ich fand die junge Frau, die aus Königsberg kam, allerliebst und konnte mich um so ungestörter mit ihr unterhalten, als niemand verstand, was wir sprachen. Es war schon neun Uhr abends, als wir in Berlin ankamen, was ich zum Vorwand nahm, um nicht sogleich zu Pogwischs zu gehen, sondern im ‚Goldnen Engel‘, wo ich schon früher logierte, mit der Frau Rittmeisterin abzusteigen, worauf auch Pfündöl einging, da er seine Verwandten nicht noch so spät inkommodieren wollte. Ich schlich mich nach elf Uhr auf Kathinkas nicht verschlossenes Zimmer, in dem noch Licht brannte, sie lag aber schon mit hochwallendem, zur Hälfte entblößtem Busen im Bette und schlief, oder wenigstens tat sie so. Ich weckte die Scheintote mit Küssen, die sich nun stellte, als erwache sie aus tiefem Schlaf. Es war aber schon zu spät, ihre Unschuld zu retten, aber immer noch früh genug, um im Hochgenuß mitfühlend zu schwelgen. Ihre bald weitgeöffneten schwarzen Feueraugen verrieten alle Glut hoher Lust, die Frau war so üppig und reizend gebaut, daß ich selbst in Spanien nie einen schöneren Frauenkörper kennen gelernt; erst gegen Morgen verließ ich das Zimmer der schönen Polin wieder, kleidete mich an und begab mich dann in das Pfündöls, um mit diesem zu frühstücken und hierauf zu Pogwischs zu fahren, wo wir mit großem Jubel empfangen und freudig aufgenommen wurden. Die Frau Rittmeisterin verweilte mir zu Gefallen noch acht Tage in Berlin, das sie noch nicht kannte und das sie kennen zu lehren, ich mich der Mühe unterzog. Wir führten sie bei Pogwischs ein, wo sie während ihres kurzen Aufenthaltes täglich in dem gastfreien Haus zu Tische geladen wurde. – Minchen Pfeifer, bei der wir den anderen Tag die Aufwartung machten, war unterdessen förmlich die Braut des bei dem Armeekorps in Frankreich stehenden Regimentschirurgus geworden; dies hinderte nicht, daß wir das frühere Verhältnis wieder anknüpften, obgleich sie, als sie von Pogwischs erfuhr, daß ich wiederkommen würde, diesen gesagt hatte: „Wenn Herr Fröhlich kommt, so suchen Sie doch ja zu verhindern, daß er mich unter den jetzigen Umständen besucht.“ Als sie mir bei der ersten Visite, die ich mit Pfündöl machte, zuflüsterte: „Nun, werde ich Sie recht oft bei uns sehen?“ erwiderte ich ihr: „Sie haben es sich ja verbeten.“ – „Ach, das war nicht so gemeint,“ versetzte sie, „aber man muß den Leuten ein wenig Sand in die Augen streuen, damit man nicht für so leichtsinnig gehalten wird; wir können indessen immer zusammen musizieren, wenn ich auch Braut bin, das tut nichts, aber versteht sich alles in Ehren.“ – „Ja, mein Fräulein, in Ehren kann man alles tun, und so wollen auch wir es machen.“ – Wir sangen nun wieder öfters miteinander und trugen die Duette, wenn wir allein waren, mit so großem Ausdruck und so handgreiflicher Aktion vor, daß auch der strengste Kritiker und Rezensent hätte bezeugen müssen, daß die vollkommenste Natur dabei herrschte. – Auch auf dem Schloß machte ich meine untertänigste Aufwartung bei der Prinzessin Wilhelm, die mich wieder sehr freundlich empfing und mich unter anderem fragte, wie es mir in den preußischen Diensten gefalle, worauf ich ein: „Vortrefflich, Hoheit!“ erwiderte. Während meines Aufenthaltes in Berlin wiederholte ich noch einige Male meine Aufwartung. – Nachdem acht Tage verflossen, setzte die schöne Polin ihre Reise nach Frankreich fort, und ich wurde dadurch freier in meinem Tun und Treiben. Der diesmalige Aufenthalt in Berlin war noch unterhaltender für mich als der frühere, denn wir machten viele neue Bekanntschaften, da wir Empfehlungsbriefe von in Kolberg garnisonierenden Offizieren an deren Verwandte mitgebracht hatten, wodurch wir viele Einladungen erhielten, die uns manche angenehme Stunde hinbringen halfen. Unter anderen lernte ich auch die liebenswürdige Gattin des Herrn von L..., eines Abgeordneten aus Stralsund, das eben erst preußisch geworden war und deshalb Deputierte nach Berlin gesandt hatte, kennen, sowie eine Justizrätin von M... und eine Oberstin von M... Jede dieser Damen war gleich anziehend für mich, und lange schwankte ich, welcher ich den Vorzug geben solle; die Munterkeit und das heitere Wesen der Justizrätin machte bald, daß ich mich vorzugsweise für diese entschied. Sie war eine Schwägerin der Frau von L..., und ich hatte nun freien Zutritt in all diesen Häusern, wo ich manche höchst vergnügte Stunde zubrachte. Dabei hatte ich auch einige der älteren Bekanntschaften wieder erneuert, namentlich die der reizenden Schauspielerin Demoiselle D..., die aber, wie sie mir selbst gestand, jetzt Besuche von einer hohen Person erhielt und mich deshalb nur verstohlen empfangen konnte. Mein Verhältnis mit der Justizrätin wurde indessen durch einen unangenehmen Zufall bald unterbrochen. Ich hatte eines Morgens einen Korb mit schönen Austern an dieselbe durch meinen Bedienten geschickt und ihr in einem Billettchen dazu geschrieben, daß ich mich um elf Uhr – die Zeit, wo ich wußte, daß ihr Mann in Amtsgeschäften sei – bei ihr einfinden würde, um die delikaten Schaltiere mit ihr zu frühstücken. Das in unser Geheimnis eingeweihte Stubenmädchen empfing den Korb, etwas später mich, und wir aßen die Austern fröhlich zusammen und ließen sie in süßem Ungarwein schwimmen. Alles ging nach Wunsch und lief ungestört ab. Vor ein Uhr entfernte ich mich, weil nach dieser Stunde der Herr Gemahl sich zum Mittagessen einzufinden pflegte. Nun hatte aber das unbesonnene Mädchen die Austernschalen auf einem Wasserstein in der Küche stehen lassen, und als Herr von M... gegen zwei Uhr kam und zufällig gegen seine Gewohnheit einen Blick in die Küche warf, um zu fragen, ob das Essen fertig sei, sah er die Austernschalen. – „Was ist denn das?“ fragte er das erschrockene Mädchen, das nach einigem Zögern stotterte: „Madame hatte plötzlich ein so großes Gelüst nach Austern, daß ich deren holen mußte.“ – „So, und wie mir scheint, eine ziemliche Quantität; da sind ja mehr als hundert Schalen.“ – Der Justizrat eilte nun in das Wohnzimmer und sagte zu seiner Frau: „Du hast heute morgen Austern gegessen?“, worauf sie erschrocken versetzte: „Ich glaube, es träumt dir, mein lieber Mann.“ – „Wie, die ganze Küche liegt voller Schalen, und das Mädchen sagte mir, du habest plötzlich eine so große Lust nach diesem Leckerbissen gehabt, daß sie deren habe holen müssen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es ein Dutzend gewesen wäre, aber über ein Hundert, das kostet ja an zwei Friedrichsdor.“ – Die Frau sah jetzt wohl ein, daß sie die Sache auf Rechnung ihrer Genäschigkeit schieben müsse, und dankte Gott, auf diese Weise, doch mit einem wenn auch etwas derben Verweis davonzukommen, indem der Mann sagte: „Du bist ja doch nicht in der Hoffnung, soviel ich weiß, und wäre es, gleich ein Hundert zu verzehren, dergleichen Sprünge verbitte ich mir, sonst werde ich dir einen Riegel vorschieben, der dich verhindern soll, künftig so extravagante Ausgaben zu machen; ein Hundert Austern, solche Depense macht der König nicht!“ – So wäre die Sache abgemacht gewesen, wenn der Justizrat nicht zwei Tage darauf ein anonymes Billettchen erhalten hätte, in dem man ihm schrieb: „Sie sind sehr schwachköpfig, zu glauben, daß Ihre Frau die Austern – es waren ihrer anderthalb Hundert – allein verspeist habe. Sie hat sie bei einem tête-à-tête mit einem Offizier gegessen, und beide haben Ungarwein dazu getrunken.“ – Jetzt war der Teufel los, der Mann rannte heim, stellte seine Frau zur Rede, examinierte als geübter Jurist wie in einem peinlichen Verhör die Mägde, aber alle leugneten beharrlich, schrien über schändliche Verleumdung, und seine Frau sagte: „Mein Gott, siehst du denn gar nicht ein, lieber Mann, daß dich irgendein Spaßvogel zum besten hat und den Austernschmaus zum Vorwand nimmt, um dich zu hetzen, Zwietracht unter uns zu stiften und sich dann ins Fäustchen zu lachen? Besinne dich nur, mit wem du von der Sache gesprochen, und es muß dir klar werden, wer den Wisch geschrieben.“ Die Zofen stimmten so kräftig mit den Worten ihrer Herrin überein, daß es dem armen Mann ganz schwül wurde und er endlich den Gläubigen spielte; in der Tat hatte er mit einigen Freunden von der Nascherei seiner Frau gesprochen, aber dennoch traf er solche Anstalten, daß dergleichen Frühstücke oder Soupers wenigstens in seinem Hause künftig unmöglich wurden. Dagegen fand sich Gelegenheit, uns außerhalb desselben zu entschädigen. Wer den anonymen Brief geschrieben, konnten wir nicht herausbringen, aber wahrscheinlich hatte eines der Mädchen, das einen Liebhaber gehabt, geplaudert, und so war die Sache weiter gekommen und wurde dann in den Berliner Salons, mit allerlei Zusätzen ausgeschmückt, erzählt. Meine alte Liebhaberei, zu einer Garde zu kommen, erwachte auch hier wieder, als ich der Musterung der königlich preußischen Garden, die von Paris zurückgekommen waren, beiwohnte, und die nicht nur eine vortreffliche militärische Haltung, ein martialisches Aussehen hatten, sondern auch fast ausgesucht schöne und noch junge Leute und sehr elegant und geschmackvoll uniformiert waren, namentlich die Kavallerie, besonders die Ulanen und Husaren. Da ich nun in den Soireen und bei Diners mehrere Generäle, unter anderen auch den Geheimrat Schmalz kennen gelernt und außerdem an der Prinzessin Wilhelm eine einflußreiche Beschützerin hatte, so hoffte ich wohl mein Vorhaben durchsetzen zu können, aber vergeblich; man machte mir wenig Hoffnung. Es hieß, daß nicht nur alle Garderegimenter vollzählig seien, sondern auch überdies eine große Zahl aggregierte Offiziere hätten; das Haupthindernis mochte indessen wohl sein, daß ich nicht zu der Klasse derer gehörte, die man von Adel nennt, gewiß eines der albernsten und stupidesten Vorurteile, welche menschliche Dummheit je geschaffen! Ich hatte indessen Gelegenheit gehabt, bei einem großen Diner, das im Börsensaal gegeben wurde und wozu Pfündöl und ich von einem Oberst Scholten von der Artillerie, von dessen Sohn wir an ihn empfohlen worden waren, eingeladen worden, den so tapferen als hochehrwürdigen Feldmarschall Fürsten Blücher kennen zu lernen, ohne den schwerlich Deutschland von dem napoleonischen Sklavenjoch jemals befreit worden wäre, ohne den die Verbündeten noch weniger Paris erblickt haben würden und ohne den die Schlacht bei Waterloo, wo Wellington mit seinen Engländern schon vollkommen geschlagen war, – und mit ihr die deutsche Sache, – wieder verloren gewesen wäre. Nie hat mich ein Mann in so hohem Grade angesprochen wie Blücher. Ich hatte nur Gelegenheit, wenige Worte mit ihm zu wechseln, aber was er sagte, war voll Kraft und Wahrheit. Biederkeit leuchtete aus seinen Augen und ging aus jedem seiner Worte hervor; vor diesem greisen Helden fühlte ich mich von Ehrfurcht und Hochachtung durchdrungen, während ein Napoleon nur ein unheimliches und unangenehmes Gefühl in mir erregt hatte und ich keine Spur von Achtung empfand.

Die Weihnachten waren herangekommen. Mit ihnen wurde es auch in Berlin recht lebendig, der ganze Weihnachtsmarkt war mit grünen Pyramiden, Spiel- und anderen Waren und den schönen und eleganten Kindern Berlins, zum Teil in kostbare Pelze gehüllt, von morgens bis abends angefüllt, was mir Gelegenheit gab, diese lebendigen Christpuppen die Musterung passieren zu lassen, manchen von ihnen auch in den nahegelegenen Konditorladen Josty oder den entfernteren eleganten des Konditors Fuchs unter den Linden zu folgen, wo sich die schöne Welt versammelte, unter grünen Laubdächern flüssige und kompakte Süßigkeiten einnahm und der Harmonie einer hinter Gebüsch und Teppichen verborgenen Musik zuhörte. Fast alle Konditorläden, welche von den Berlinern und besonders den schönen Berlinerinnen fleißig besucht werden, haben um diese Zeit sogenannte Ausstellungen, das heißt, es werden ganze Szenen aus Opern oder Schauspielen, ganze Volksfeste, wie der Stralauer Fischzug und so weiter, aus Figuren und Dekorationen von Kraftmehl in einem solchen Laden ausgestellt, die manchmal so meisterhaft ausgeführt sind, daß sich selbst ein Canova ihrer nicht zu schämen hätte. So entsinne ich mich, unter anderen eine Szene aus Wallensteins Lager von Schiller, die ein vollendetes Meisterstück genannt werden konnte, in einem Konditorladen unter den Linden gesehen zu haben; nicht allein, daß die Gruppierungen und der Ausdruck in den Gesichtern und den Stellungen ganz vortrefflich waren, sondern alle Figuren und Gesichter sahen den Schauspielern, welche die verschiedenen Rollen gaben, so sprechend ähnlich, daß man sie auf den ersten Blick erkannte, namentlich war dies mit dem Komiker Wurm und mit Devrient, der den Kapuziner machte, der Fall.

Bei meinen freundlichen Wirten veranstaltete ich eine kleine Bescherung, zu der auch Minchen Pfeifer und noch einige andere Damen eingeladen wurden. Ich bestellte einen ungeheuren Baumkuchen, ein in Berlin sehr beliebtes Gebäck, bei Josty und besteckte ihn mit allerlei kleinen Gaben, deren Bestimmung durch Zettelchen angedeutet war und die meist aus kleinen Bijouterien bestanden. Der Hauswirtin aber verehrte ich noch besonders ein Teeservice von Porzellan, von dem sie eine große Freundin war und das ich in der königlichen Porzellanfabrik erstanden hatte. Auch das Neujahr ging recht vergnügt herum. Herr von Pogwisch arrangierte einen kleinen Ball, auf dem wir bis gegen Morgen tanzten. Die Karnevalszeit brachten wir ebenfalls recht fröhlich zu. Ich besuchte die prächtigen Redouten im Opernhaus, die freilich mit denen in San Carlo in Neapel unter Murat nicht verglichen werden konnten, aber trotzdem sehr glänzend waren und Freuden die Fülle gewährten, namentlich durch die Porzellanfuhren, die ich mit meinen Bekanntinnen machte und deren ich oft zwei bis drei in einer Nacht mit verschiedenen Damen veranstaltete. Für diejenigen, die Berlin nicht kennen, muß ich mit ein paar Worten erklären, was es mit diesen Fuhren für eine Bewandtnis hat. Während der Redouten halten beständig eine ziemliche Anzahl großer und bequemer Wagen vor dem Opernhaus, bereit, diejenigen aufzunehmen, die sich paarweise von dem Ball schleichen, um sich in einer solchen Karosse recht bequem längs der Linden auf- und niederfahren zu lassen. Diejenigen, die sonst keine Gelegenheiten oder nur sehr schwer zu Zusammenkünften haben können, finden sie hier am besten, denn wie leicht kann man sich nicht in einem solchen Gewühl unbemerkt auf ein halbes Stündchen entfernen und von lästigen Bewachern trennen.

Etwas, das mir großes Vergnügen machte, war, daß man während meiner diesmaligen Anwesenheit die ‚Zauberflöte‘, die seit vielen Jahren in Berlin nicht mehr gegeben worden war, neu einstudiert, neu dekoriert – die herrlichen Dekorationen waren von Schinkel – und neu kostümiert, wieder in Szene setzte. Bei einer Vorstellung dieser Oper, der ich in einer Loge des ersten Ranges beiwohnte, führte mich der Zufall in die Nähe von ein paar Damen, die in der Nebenloge saßen, von denen die eine, kaum siebzehn Jahre alt, das schönste blondgelockte Engelsköpfchen hatte, das ich in meinem Leben sah. Die andere redete sie immer mit Luise an. Sie war wirklich so auffallend schön, daß während der ganzen Darstellung die Operngläser nicht aufhörten, sie zu lorgnettieren und sie der Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung war, denn man sah fast mehr nach ihr als auf die Bühne. Da die Damen ganz vorn saßen, ich aber in meiner Loge etwas zurück, so war es mir unmöglich, eine Unterredung mit ihnen anzuknüpfen. Mit Ungeduld erwartete ich das Ende der Oper, um womöglich ihre Wohnung ausfindig zu machen. Auch folgte ich ihnen nach Schluß an den Wagen, der aber so rasch davonfuhr, daß ich trotz allem Rennen denselben bald aus den Augen verlor; gerne wäre ich hinten aufgesprungen, wenn mich nicht der da befindliche Bediente abgehalten hätte. Ein paar Tage trug ich mich mit dem Bild dieser Luise herum; die Logenschließerin konnte mir keine Auskunft geben, und obgleich ich alle Hunde losließ, so blieb doch jede Erkundigung fruchtlos. Schon hatte ich es aufgegeben, das Mädchen je wiederzusehen, und sie mir also aus dem Sinn geschlagen, als ich eines Sonntags gerade bei Beendigung der deutschen Kirche auf dem Gendarmenmarkt über diesen Platz ritt und plötzlich unter der herausströmenden Menge die so lange gesuchte Schöne wiedererblickte, als sie aus der Tür trat. Diesmal sollst du mir nicht mehr entwischen, sagte ich zu mir selbst, indem ich mir vornahm, ihr in einiger Entfernung zu folgen und es dabei verwünschte, daß ich gerade zu Pferde sein mußte. Das Roß gehörte Herrn von Pogwisch und war ein sehr schönes aber etwas wildes Tier. Um mich meiner Schönen bemerkbar zu machen, setzte ich die Schenkel an, ließ es kurbettieren, sich hochbäumen; aber unglücklicherweise war etwas Glatteis auf dieser Stelle, die Eisen waren nicht geschärft, es glitt aus und stürzte mit mir, so daß ich unter das Tier zu liegen kam und lange brauchte, ehe ich mich hervorarbeiten konnte. Glücklicherweise war es auf die Seite gefallen, so daß ich mit einigen Quetschungen davonkam, denn hätte es sich überschlagen, so hätte ich sicher den Hals gebrochen. Ich war sogleich von einem Haufen Neugieriger umringt, von denen einige behilflich waren, mir aufzuhelfen. Meine Uniform, Beinkleider, die silberne Schärpe waren ganz beschmutzt und mein Federhut zerdrückt. Der Vorfall machte weit mehr Aufsehen, als mir lieb war, und ich hinkte, mein Pferd an der Hand führend und mich verschämt durch die Kirchenleute drängend, möglichst schnell in eine Seitengasse. Was mir bei der Geschichte das unangenehmste, war, daß ich die langgesuchte Schöne zum zweitenmal und wahrscheinlich für immer aus dem Gesicht verloren hatte, und sie mir, wie ich glaubte, nun auch für immer aus den Gedanken schlagen mußte.

Der Kommandant von Spandau war ein alter Kriegskamerad von Pfündöl, den er zu besuchen sich vornahm. Er lud mich ein, ihn zu ihm zu begleiten. Ich kannte das berüchtigte Spandau noch nicht und willigte daher mit Vergnügen in den Vorschlag; auch Pogwisch war mit von der Partie, und wir ritten eines Morgens früh nach Spandau ab. Als wir in das alte Nest kamen, hatte ich beinahe einen Schauder, und es war mir ganz unheimlich zumute; besonders machte die feste Zitadelle einen schlimmen Eindruck, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn du hier einmal als Staatsgefangener dein Leben beschließen müßtest? – Beim Kommandanten wurden wir aber so wohl aufgenommen und so gut bewirtet, daß ich schnell wieder andere Gedanken bekam. Als wir nach Tisch alle Spandauer Herrlichkeiten und Traurigkeiten besehen hatten und uns zur Heimkehr nach Berlin anschicken wollte, da fiel es Pogwisch ein, noch einen alten Major, einen Freund seines verstorbenen Vaters, aufzusuchen, wohin wir ihn begleiteten. Als wir bei dem braven Mann eintraten, saßen zwei Damen auf dem Sofa, die, uns bewillkommnend, sich sogleich erhoben. Aber kaum traute ich meinen Augen: in der einen derselben erkannte ich sogleich meine so lange gesuchte Luise! – Vor freudigem Erstaunen war ich fast starr und sprachlos. Das holde Mädchen, in einem sehr einfachen weißen Kleid, sah lieblicher aus wie ein Seraph und so frischblühend, als sei es die eben den Meereswogen entstiegene Aphrodite, die unmöglich reizender gewesen sein kann als dieses sozusagen in Lieblichkeit und Anmut schwimmende Kind, ein Engel scheinend, wie sie vor Gottes Thron schweben müssen. Der invalide Major hieß uns freundlich willkommen und stellte uns den Damen vor, wovon die älteste seine Schwester, die Oberstleutnant von D..., und die jüngere deren Tochter, seine Nichte war. Nie in meinem Leben habe ich das banale: „Es freut mich außerordentlich, Ihre werte Bekanntschaft zu machen,“ mit mehr Wahrheit als diesmal ausgesprochen, und noch glücklicher fühlte ich mich, als ich erfuhr, daß die Damen sich nur zur Geburtstagsgratulation ihres Bruders und Oheims hier eingefunden und diesen Abend ebenfalls nach Berlin zurückzufahren gesonnen seien, wo sie in der Kronenstraße wohnten; daß wir sie eskortieren würden, nahm ich nun als ausgemacht an. Wir verweilten noch anderthalb Stunden in ihrer Gesellschaft, während welchen ich Luisens Mutter um die Erlaubnis bat und sie erhielt, ihr in Berlin meine Aufwartung machen zu dürfen. Bei der Rückreise wich ich nicht vom Schlag der Kutsche und unterhielt mich auf das anziehendste mit dem ebenso geistreichen als schönen Mädchen, während Mama bald in Morpheus Armen ruhte. Tief in der Nacht oder vielmehr nach Mitternacht kamen wir bei der Wohnung der Damen an, die in geringer Entfernung von der unsrigen war, und erst jetzt bemerkte ich, daß ich längst meine beiden Reisegefährten verloren hatte. Was so nahe war, hatte ich so lange und so weit gesucht; so geht es aber in der Regel. Noch eine ganze Stunde mußte ich zu Hause auf die Rückkunft meiner beiden Begleiter warten, die ganz gemächlich angeritten kamen und mit dem viel rascher fahrenden Wagen nicht gleichen Schritt hatten halten wollen; als ich sie deshalb zur Rede stellte, erwiderten sie mir: „Uns spornt auch kein Gott Cupido!“ – Ich hatte jetzt fast für nichts mehr Sinn, als dem schönen Fräulein von D... emsig den Hof zu machen, wozu mir wieder die Musik den Weg bahnte und Gelegenheit gab, da Luise eine schöne Stimme hatte und gut sang. Die neue Bekanntschaft machte mich glut- und feuersprühend wie noch wenige, aber vergeblich, denn Mama ließ das schöne Töchterchen, das selbst noch ein gar schüchternes Täubchen war, auch keine Sekunde allein; ein verstohlenes Händedrücken machte sie schon am ganzen Leibe zittern. Sollte mich die innere Glut nicht verzehren, so mußte ich sie wohl von Zeit zu Zeit bei anderen Schönen löschen, was ich denn auch nicht unterließ. – Daß ich alles mögliche versuchte, auch Luise zu verführen, gestehe ich ein, ebenso, daß ich es trotz der unsäglichsten Mühe nicht dahin bringen konnte, dank der Mama und den Grundsätzen, die sie dem Mädchen eingeprägt, das durchaus nicht einmal ein Briefchen von mir annahm. Unter den vielen Manövern und Umtrieben, die ich veranstaltete, Luise zu Fall zu bringen, war auch eine glänzende Schlittenfahrt en Costume, die ich mit Hilfe Pogwischs veranstaltete. Der erste, für die Musik bestimmte Schlitten stellte ein altgriechisches Schiff vor, dessen Mast bunt bewimpelt war und an dessen Vorderseite eine goldene geflügelte Viktoria, die Siegesfahne in der Hand schwingend, schwebte. Vier prächtig geschmückte Rappen zogen dasselbe. Wir hatten über achtzig schöne Rennschlitten, fast alle vergoldete Tier- oder allegorische Figuren vorstellend, zusammengebracht, jeder hatte zwei Vorreiter, mehrere auch noch Nachreiter. Nun ging es, nachdem man sich rangiert hatte, mit rauschender Musik, Peitschengeknall und Schellengerassel die Linden auf und nieder, dann über den Schloßplatz durch die Königsstraße, die neue Friedrichsstraße, die Heiligegeist-Straße, wieder über den Schloßplatz, am Hausvogteiplatz vorbei, dann durch die Jerusalemerstraße, die Leipzigerstraße hinab, durch die Wilhelmsstraße und am Wilhelmsplatz vorbei, die Mohrenstraße wieder hinauf, durch die Markgrafenstraße über den Gendarmenmarkt, die Charlottenstraße entlang, dann durch die lange Friedrichstraße bis unter die Linden, diese hinab und über den Pariserplatz zum Brandenburger Tor hinaus nach Charlottenburg, wo ein splendides Mittagessen bestellt war und eingenommen wurde. Wir fuhren fast durch alle Straßen, in denen Teilnehmer an dieser Schlittenfahrt wohnten, und ich hatte es zu veranstalten gewußt, daß beinahe alle Berliner Damen, mit denen ich näher bekannt, von der Partie waren. Die Kostüme waren zum Teil sehr geschmackvoll, reich und prächtig, meistens der romantischen Theater- und Dichterwelt entnommen, so zum Beispiel die Hauptpersonen aus Ariosts Orlando, Wielands Oberon und Tassos befreitem Jerusalem. Luise, die zu fahren mir gelungen war, saß in einem einen goldenen Schwan vorstellenden Rennschlitten und war als Diana kostümiert. Nach Tisch, der bis zur sinkenden Nacht währte, wurde getanzt, und erst gegen zehn Uhr fuhren wir bei dem Schein von einigen hundert Fackeln wieder nach Berlin zurück und durch dessen Hauptstraßen jede Dame heim.

Ich war jetzt so enchantiert von Berlin, seinen Vergnügungen und der spröden Luise, die mir denn doch, wenn auch in Gegenwart der Mama das Schlittenrecht hatte gewähren müssen, daß ich mir vornahm, alles aufzubieten, den nächsten Winter ganz in Preußens Hauptstadt zubringen zu können; zu diesem Ende meldete ich mich bei dem Oberst von Witzleben mit der Bitte, mich doch für das nächste Jahr in der Kriegsschule verwenden zu wollen, wo ich Vorlesungen über Fortifikation und den Felddienst überhaupt sowie über Strategie zu halten beabsichtige. Da ich von mehreren Generälen und von der Prinzessin Wilhelm, der ich dieses Vorhaben, das sie vortrefflich fand, mitgeteilt, gute Empfehlungen hatte, so wurde mir auch eine solche Anstellung für den nächsten Winter zugesagt, wenn ich das hierzu erforderliche Examen bestünde, wofür mir nicht bange war, da ich den Felddienst und was dazu gehörte sehr praktisch kennen gelernt und außerdem noch acht Monate hatte, mich auch theoretisch mehr vorzubereiten. Aber die Vorsehung hatte mir eine andere Schule als die Kriegsschule zu Berlin reserviert, auch eine Art Prüfungsschule; doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen. Noch wohnte ich dem Ordensfest, das diesmal äußerst glänzend gefeiert wurde, sowie einem dieserhalb zu Ehren gegebenen großen Diner bei, an dem fast die ganze in Berlin anwesende Generalität und die meisten Stabsoffiziere teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit sah ich den König, einen Monarchen, der vollkommen die seltene Liebe und Hochachtung, die man ihm zollte, verdiente, in der Domkirche über eine Stunde ganz in der Nähe und konnte bemerken, daß seine Andacht bei der religiösen Feier gewiß keine erheuchelte war, sondern ihm von Herzen ging.

Über zwei Monate waren wir nun schon in Berlin und hatten um vierzehn Tage Verlängerung unseres Urlaubs gebeten und erhalten. Meine Kasse, obgleich ich für den gewöhnlichen Unterhalt nicht zu sorgen hatte und trotzdem ich die des Bankiers Mendelsohn auf Rechnung meines Vaters einigemal angesprochen, war durch die vielen außerordentlichen Ausgaben, wozu auch noch die Geburtsfeste der beiden Frauen von Pogwisch gekommen waren, denen ich nicht umhin konnte, elegante Präsente zu machen, so ziemlich erschöpft, und es war daher hohe Zeit, wieder nach unserer Garnison Kolberg abzureisen, was wir auch nach gehörigem Abschied von dem schönen Berlin und seinen anmutigen Bewohnern und besonders Bewohnerinnen taten. Wir traten die Reise im Königsberger Postwagen an, gelangten Mitte Februar ohne alle Abenteuer wieder in die treffliche Festung und wurden freundlich und fröhlich empfangen.

IX.
Frau v. Schätzel. – Madame Schröder, der Kolberger Krösus. – Ihre Feste und Landpartien. – Eine Schlittenfahrt mit Folgen. – Ein Duell. – Eine gefährliche Fensterpassage. – Ich belausche wider Willen eine Kaffeegesellschaft. – Ein Kaffeebad. – Ich führe einen Transport zu dem Okkupationsheer nach Frankreich. – Stettin. – Ein Konzert rettet aus Not und Tod. – Ich werde vom Dienst suspendiert. – Rombergs Schauspieler-Gesellschaft zu Kolberg. – Sechsmonatlicher Festungsarrest in Weichselmünde. – Neufahrwasser. – Danzig und seine Vergnügungen. – Abreise nach Marienburg.

Auch in Kolberg waren bei unserer Ankunft die Winterfreuden, wenn auch im Vergleich mit Berlin in sehr verjüngtem Maßstab, in vollem Gang. Ich knüpfte die alten Bekanntschaften wieder an, machte dazu neue, unter denen die liebenswürdige Frau von Schätzel, eine geborene Schick, die früher in der Oper zu Berlin als treffliche Sängerin glänzte und den Landrat von Schätzel, der sich sterblich in sie verliebte, geheiratet hatte. Aber kaum ein Jahr dauerte das Glück dieser Ehe ungetrübt fort, als der Landrat plötzlich verhaftet und in strengen Arrest gebracht wurde. Er hatte sich einen Unterschleif von mehr als zehntausend Talern zu schulden kommen lassen, wurde kassiert und auf zehn Jahre auf die Festung Kolberg gesetzt. Seine Frau war ihm dahin gefolgt und gab in den ersten Häusern daselbst Unterricht im Klavier und Gesang, wodurch sie sich anständig ernährte. Ihrem Mann gestattete der Kommandant, in der Stadt wohnen zu dürfen, und mit Hilfe seiner Frau gelang es ihm, einen Journalzirkel zu errichten, der ihm ein paar hundert Taler jährlich einbrachte; somit war die Familie wenigstens in leidlichen Umständen. Da Frau von Schätzel eine sehr liebenswürdige, geistreiche und talentvolle Dame war, so wurde sie zu allen Gesellschaften und Partien de plaisir eingeladen. Ich hatte zuerst ihre Bekanntschaft bei einem Fest gemacht, das der Kolberger Krösus, eine Madame Schröder, gab und nicht weniger als drei Tage hintereinander währte. Den ersten Tag war großes Diner und Ball in ihrem neuerbauten Haus auf dem Markt in der Stadt, an den beiden folgenden wurden Landpartien auf die Rittergüter der Dame gemacht, die deren nicht weniger als ein halbes Dutzend der ergiebigsten in der Umgegend von Kolberg besaß, ein Einkommen von mehr als vierzigtausend Talern jährlich hatte und dabei eine Witwe von etwa achtunddreißig Jahren sein mochte. Wie sie oder vielmehr ihr seliger Mann, der bis zum Jahre 1807 nur ein ganz unbedeutender armer Krämer gewesen, der Tee, Kaffee, Zucker und so weiter lotweise verkaufte, zu diesem Reichtum kamen, verdient wohl angeführt zu werden. Als Napoleon die Kontinentalsperre gegen England in beinahe ganz Europa angeordnet hatte, ernannte er auch einen französischen Konsul in Kolberg, das, wie wir bereits wissen, keine Franzosen – Gefangene ausgenommen, unter denen sogar der Marschall Victor war, den man dahin gebracht – gesehen hatte. Das Haupt- oder alleinige Geschäft dieses Konsuls war hauptsächlich, streng darauf zu sehen, daß keine englischen Waren und von England kommende Kolonialwaren hier eingeschmuggelt würden. Der Kaffee kostete damals über einen Taler das Pfund, der Zucker ebensoviel in ganz Preußen und Deutschland; Schröder und noch ein anderes Haus namens Plüddemann verständigten sich mit dem Herrn Konsul und erhielten ungeheure Quantitäten Kolonialwaren von England, die als von Dänemark kommend eingeführt wurden. Der außerordentliche Gewinn, den dieses gewagte Unternehmen abwarf, wurde mit dem Konsul geteilt, und über vier Jahre, bis 1813 Preußen gegen Frankreich aufstand, währte dieser lukrative Schmuggelhandel, bei dem die Beteiligten so klug waren, ihre gewonnenen Reichtümer so geheim zu halten, daß niemand etwas davon ahnte. Erst als Schröder zu Anfang des Jahres 1814 starb und sein Testament eröffnet wurde, fand es sich, daß er bereits Besitzer von vier fetten pommerschen Rittergütern war, wenigstens ein halbes Dutzend Kauffahrteischiffe auf der See gehen hatte, die von den Engländern nichts zu riskieren gehabt, und an barem Geld und pommerschen Pfandbriefen fanden sich mehrere hunderttausend Taler vor. In seinem Testament hatte er unter anderem verordnet, daß seine Witwe – er hinterließ vier Kinder –, so lange sie lebe und sich nicht wieder verheirate, über den Nießbrauch des Vermögens verfügen, ihr aber im letzteren Fall nur ein Jahresgehalt von fünfzehnhundert Talern verbleiben solle; zu Testamentsvollstreckern und Vormündern der Kinder hatte er den Kaufmann Dresow und den Apotheker Julius ernannt, und Madame Julius ward nun die Gesellschaftsdame der Madame Schröder, wobei sie und ihr Mann sich trefflich standen, da die Dame ebenso schlau und listig als ihr Gatte stupid und Madame Schröder borniert war. Letztere, die sich nun plötzlich von einer armen Krämersfrau, denn sie selbst hatte den Reichtum ihres Mannes nicht geahnt, in eine reiche Guts- und Kapitalienbesitzerin verwandelt sah, wußte sich gar nicht in ihr großes Glück zu finden und beging eine Albernheit nach der anderen, zu der sie durch ihre gute Freundin verleitet wurde, da diese ihren Vorteil bei den dummen Streichen fand. Das alte kleine Häuschen, in welchem der selige Mann so viel Geld erworben, war natürlich jetzt keine passende Wohnung mehr für die Frau Rittergutsbesitzerin. Sie mußte einen Palast auf dem Markt haben; da sich aber kein solcher auf demselben befand, so mußten einige alte Häuser erstanden und niedergerissen werden, damit er gebaut werden konnte. Madame Julius wollte ihre beste Freundin zur nächsten Nachbarin haben. Ein neben der Apotheke stehendes Haus war zu verkaufen, hatte aber nur eine sehr schmale Fassade auf dem Markt, jedoch einen langen Hof, dessen Mauer in ein enges Seitengäßchen ging. Madame Julius beredete nun ihre Freundin, dieses zu einem sehr hohen Preis – sie erhielt von dem Eigentümer das Dritteil als Maklergeld – zu kaufen. Das Haus wurde niedergerissen und der Palast an dessen Stelle erbaut, der nur drei Fenster in der Front auf den Markt, aber eine lange Fassade in das Gäßchen erhielt, und da doch ein Stück vom Hof bleiben sollte, so waren die Gänge, welche zu den Zimmern führten, so schmal, daß kaum zwei schmächtige Personen nebeneinander gehen konnten, Madame Schröder und ihre Freundin am wenigsten, da beide sehr korpulent waren. Nicht einmal die vier Pferde, prächtige Mecklenburger, die Madame Schröder gekauft, konnten einen Stall in diesem Palast erhalten und mußten auswärts einlogiert werden. Die Ameublierung dieses Hauses war so barock wie dessen Bauart. Die Decken der Gemächer waren alle mit wunderlichen Figuren bemalt, an allen Ecken waren Amors angebracht, die ihre Pfeile abdrückten, und ein vergoldeter Cupido schwebte über dem Betthimmel der Dame und schoß seinen Pfeil gerade auf die Mitte des Bettes ab. In dem größten Salon war der ganze Olymp abkonterfeit, und zwar bei einem Göttermahl, bei dem pommersche Gänsebrüste, Hamburger Pökelfleisch, Kolberger Neunaugen, Lachs, Pasteten dampfend vor Jupiter und Frau Juno standen, und Apoll und Frau Diana tranken Gesundheiten aus Champagnergläsern; Minerva trank Schokolade, Mars Ale, und Venus hatte eine Tasse Kaffee vor sich. Dies alles hatte Madame Julius so angegeben. In den nicht sehr großen Zimmern waren so viel Mobilien, Sofas, Kommoden, Kanapees, Sessel und Quincaillerien aufgestellt, daß sie wie bei vielen Pariser Parvenües eher Warenmagazinen als Wohnzimmern glichen. Madame Schröder und ihre Freundin fuhren nicht mehr anders als in einer Staatskarosse mit den vier Mecklenburgern lang bespannt aus, und wenn sie sich nur zu einer Kaffeegesellschaft in das Nebenhaus begaben, so daß oft die Kutsche noch an der Haustür der Madame Schröder hielt und die beiden Vorderpferde schon mit ihren Köpfen fast an das Haus, wo man sich hinbegab, reichten. Zu dem Einweihungsfest dieses Hauses waren alle Honoratioren und das ganze Offizierkorps der Garnison geladen; von Mittag bis zur Nacht währte die Mahlzeit. Ich hatte schon gar mancherlei Essen in so verschiedenen Ländern beigewohnt, aber noch nie war mir eine solche An- und Aufhäufung von allen möglichen Speisen durcheinander vorgekommen. Unmittelbar nach dem Essen, von dem manche der Gäste mit beschwerten Köpfen und zum Zerplatzen gefüllten Mägen den Tisch verließen, folgte der Tanz. Während der Pausen sang ich einigemal Duette mit Frau von Schätzel aus verschiedenen Opern und tanzte dann mit der hübschen Sängerin mehr als ich sollte, wodurch ich Madame G..., die Frau Doktor M... und noch andere Damen in üble Laune versetzte. Die ganze Nacht durch wurde getanzt, gebechert und geschmaust, und mit Tagesanbruch wurden Anstalten gemacht, die Landpartie auf die Güter der Dame anzutreten. Jedermann begab sich ein paar Stunden nach Haus, um seine Landtoilette zu machen, und gegen zehn Uhr morgens fuhr die ganze Gesellschaft, über hundert Personen, in einigen zwanzig Wagen, größtenteils Korbwagen mit Bauernpferden bespannt, welche alle die freigebige Wirtin besorgt hatte, nach dem nächsten Rittergut derselben ab, wo man wieder mit Schmausen und Zechen begann, musizierte, tanzte und spielte und dann weiter nach einem anderen Gut fuhr. Am Tag sang und beschäftigte ich mich viel mit der äußerst liebenswürdigen Frau von Schätzel, und wenn die Nacht herankam, machten wir tête-à-tête romantische Promenaden in die Gärten und Felder au clair de lune, von denen wir immer etwas ermüdet heimkehrten. Drei Tage währte dies seltsame Nomadenleben, von dem alle, die es mitgemacht, fatiguiert und abgespannt nach Kolberg zurückkamen und froh waren, wieder in das Geleise des Alltagslebens einzutreten.