Auch mehrere Schlittenfahrten hatte ich kurz nach meiner Rückkehr von Berlin arrangiert, die, wenn auch nicht so glänzend wie die in der Hauptstadt, deshalb nicht minder amüsant waren, auch war immer ein Musikschlitten dabei. Nettelbeck war einigemal bei dieser Partie oder lieh mir seinen Schlitten samt Pferdegeschirr. Ich fuhr abwechselnd meine intimsten Bekanntinnen. Bei einer dieser Partien, bei der sich ein sehr schönes Mädchen aus Köslin, ein Fräulein Conrad, die Tochter eines dortigen Beamten, befand, suchte ich bei Tisch mich neben diese zu placieren; dasselbe tat auch ein Ingenieur-Leutnant namens Poselger, und es entspann sich zwischen diesem und mir ein kleiner Wortwechsel wegen der Placierung der Damen. Poselger, der vielleicht ernstliche Absichten auf das Mädchen hatte, verwechselte die von mir auf die Kuverte gelegten Zettel; ich hatte es bemerkt, stellte ihn deshalb zur Rede und bestand darauf, daß die Zettel wieder auf ihre alten Plätze gelegt würden, wogegen er sich weigerte und mir ein trotziges: „Es beliebt mir einmal so!“ entgegnete. Ich nahm aber die Zettel, verwechselte sie abermals und erwiderte: „Und mir beliebt es so, und dabei bleibt es, da ich Zeremonienmeister und Anordner des Festes bin.“ – „Schon gut, Herr Kamerad,“ versetzte jetzt mein Gegner, „das wird sich morgen früh finden, ich erwarte Sie in der Wolfsschanze.“ – „Sie sollen nicht vergeblich warten, und so ist die Sache für jetzt abgemacht, da hier nicht der Ort zu weiteren Erörterungen ist.“ – Ich saß nun neben dem Fräulein Conrad, mit der ich mich, meinem Nebenbuhler zum Trotz, der jetzt etwas schief uns gegenüber saß und wütende Blicke schoß, auf das angenehmste unterhielt und sogar von ihr erlangte, daß sie bei der Heimfahrt in meinem Schlitten neben der Frau Doktor M..., die ich gefahren, Platz nehmen würde. Ich ließ mich indessen durch nichts mehr in den Freuden der Tafel und des darauf folgenden Tanzes stören, sondern unterhielt mich vortrefflich, ja Fräulein Conrad war mir nun um so interessanter, und ich bat um die Erlaubnis, sie in Köslin besuchen zu dürfen. Bei Tisch brachte ich einen Toast auf das Wohl der Kolberger Damen aus, der von diesen eine Erwiderung zur Folge hatte; so endigte alles gut, und mein Schlittenrecht übte ich in vollem Maß. Kaum aber war ich in meiner Wohnung angekommen, so erschien auch schon ein Artillerieoffizier, Hauptmann Müller, der mich im Namen Poselgers aufforderte, mich um sechs Uhr den anderen Morgen mit einem Sekundanten in der Wolfsschanze einzufinden, was ich zusagte, meinen Freund Willmann aufsuchte und diesen bat, mein Sekundant zu sein, wozu er gleich bereit war. Wir stellten uns zur bestimmten Stunde nebst einem Chirurgen an dem bezeichneten Ort ein, und es fand jetzt ein kurzes Pourparler wegen der Art des Fechtens statt. Poselger wollte sich schlechterdings nur auf den Hieb einlassen, was ich nicht gewohnt war und deshalb auf dem Stich bestand oder daß jeder in seiner Weise fechten würde. Der auf den Stich Fechtende hat, besonders im Parieren, einen bedeutenden Vorteil; man machte Schwierigkeiten, und ich sagte: „So bleibt uns nichts übrig, als zu den Pistolen zu greifen.“ Endlich kamen wir überein, daß ich zwar à la pointe parieren, aber nur hauend attackieren dürfe. Nach einigen Gängen hatte ich dennoch meinem Gegner eines ausgewischt, freilich mehr stechend als hauend, weshalb mich dessen Sekundant zur Rede stellte, ich erwiderte aber: „Ich bin es einmal nicht anders gewohnt, deshalb greifen wir zu Pistolen, wenn Sie nicht zufrieden sind.“ – Man fand jedoch für gut, da Poselger eine tüchtige, aber nicht gefährliche Fleischwunde hatte, es dabei bewenden zu lassen und die Sache als abgemacht zu betrachten. Nachdem Poselger verbunden war, ritten wir alle fünf (wir waren sämtlich zu Pferde gekommen) in die Stadt zurück. – Denselben Abend, als ich kaum zu Hause angekommen war, es mochte zehn Uhr vorüber sein, klopfte es leise an meine Stubentür. Auf das laute „Herein!“ trat eine dichtverschleierte Frauengestalt ein und fiel mir mit den Worten: „Du häßliches Ungeheuer, was hast du gemacht!“ in die Arme. An der Stimme und Gestalt erkannte ich Madame G..., deren Mann in Geschäften nach Kopenhagen gereist war und die mir nun eine lange, vorwurfsreiche Predigt hielt, die mit einem Friedensschluß und vollkommener Versöhnung endigte. Erst nach Mitternacht brachte ich sie nach Haus. So lange die Abwesenheit ihres Mannes dauerte, wiederholte sie diese Besuche jeden Abend in Begleitung eines vertrauten und artigen Stubenmädchens. Aber ein anonymer Brief verriet dem wiederheimgekehrten Gatten das täglich bis tief in die Nacht hinein währende Ausbleiben seiner Frau. Der Mann examinierte, Madame leugnete und meinte, man wolle sich einen Scherz mit Herrn G... machen. Er mochte dies nun glauben oder nicht, auf jeden Fall hatte er Verdacht geschöpft, denn als er bald darauf eine zweite Geschäftsreise unternehmen mußte, traf er solche Vorkehrungen, daß es seiner Frau ganz unmöglich wurde, abends unbemerkt das Haus zu verlassen. Wir korrespondierten mit Hilfe einer alten Tante, welche die Zwischenträgerin machte und bei der wir uns auch von Zeit zu Zeit am Tage sahen. Da Madame G... nun nicht mehr zu mir kommen konnte, so wollte sie, daß ich ihr nächtliche Besuche abstatten solle, was indessen nicht so leicht war, da auf Befehl ihres Mannes jeden Abend die Haustür sowie die unteren Fensterläden von einem der Ladendiener mit Vorhängeschlössern und vorgelegten eisernen Stangen gut verwahrt wurden. Aber die Liebe macht erfinderisch, und Schwierigkeiten zu überwinden war von jeher eine Passion für mich. Vor dem Haus des Herrn G... standen, wie vor vielen Häusern Kolbergs, namentlich auf dem Markt, ein paar Lindenbäume, jedoch noch in einer ziemlichen Entfernung von den Fenstern. Ich kam nun auf den Einfall, mit Hilfe eines Brettes, das man des Nachts von einem oberen Fenster auf einen Baumast legen müsse, in das Haus einzusteigen. Die Sache ging auch ganz gut, indem das mit ins Vertrauen gezogene Stubenmädchen diese Art Zugbrücke nach zehn Uhr des Abends herabließ. Sie und ihre Herrin hielten das Brett an dem einen Ende fest, während ich, wenn alles ‚still und stumm war und nur noch die Verliebten und Gespenster umherwandelten‘, auf den Baum kletterte und dann die gefährliche Passage von ein paar Schritten über das Brett zum Fenster machte, wo ich mit offenen Armen empfangen wurde und in die Burg stieg. Dieses Manöver war wohl schon ein halbes dutzendmal geglückt, als sich eines Abends die Frauenzimmer so ungeschickt benahmen, daß das Brett, als ich eben den Fuß darauf setzte, mit großem Gepolter auf die Straße hinabfiel. Glücklicherweise hatte ich mich noch mit der rechten Hand an einem ziemlich dicken Ast festgehalten, und so kam auch ich mit einem kleinen Schrecken davon, die Frauenzimmer schrien aber beide laut auf und glaubten mich verloren. Dies und das Gepolter des fallenden Brettes hatte die nicht sehr entfernte Schildwache von der Hauptwache gehört und Lärm gemacht, so daß der wachthabende Offizier mit einem Unteroffizier die Ronde um das Rat- und Blockhaus machten, da sie aber alles still und ruhig fanden und nichts Verdächtiges entdeckten, sich wieder in die Wachtstuben begaben. Nachdem ich nun die hinter dem Fenster ängstlich harrenden Frauengemüter hinsichtlich meiner gehörig beruhigt hatte und wir nach längerem Überlegen kein Mittel fanden, wie ich den Übergang ins Haus jetzt bewerkstelligen könne, denn sie hatten kein zweites passendes Brett bei der Hand, und das unten liegende konnte ich zu ihrem großen Verdruß nicht auf den Baum bringen, da Hände und Füße vollauf zu tun hatten, allein hinaufzuklettern, so mußten wir uns damit begnügen, uns für diesen Abend gegenseitig eine angenehme Ruhe zu wünschen, und das Mädchen sollte mit Tagesanbruch die Diele möglichst unbemerkt ins Haus schaffen. Als ich aber den Baum hinabkletterte, führte das Unglück den Nachtwächter herbei, der mich bemerkte, da ich zur Hälfte herab war, mich für einen Dieb hielt, schon „Diebe!“ zu schreien begann und eben zu rasseln anfangen wollte, als ich mit einem Sprung auf dem Boden war, auf ihn zueilte, in der einen Hand ein Terzerol, das ich bei solchen Abenteuern immer bei mir zu tragen pflegte, in der anderen zwei Taler Kurant haltend, ihm den Mund stopfend und mich als Offizier zu erkennen gebend; aber es war zu spät, denn schon eilte eine Patrouille von der nahen Wache herbei, wo man das Geschrei gehört hatte. Ich ging ihr jedoch entgegen und sagte ihr, daß auch ich den Ruf des Nachtwächters gehört habe und auf denselben hergekommen sei, daß aber die Diebe, als sie mich erblickten, davongelaufen wären; dies bestätigte auch der bestochene Nachtwächter, und so lief alles glücklich ab. – Dies hinderte indessen nicht, daß, Gott weiß wie, die Kunde von diesem nächtlichen Ereignis, mit allen möglichen Zutaten ausgeschmückt, bald in allen Mäulern Kolbergs war, und ich fand für gut, diese gefährlichen Besuche einige Zeit auszusetzen.

Wenige Tage darauf hatte ich wieder ein, wenn auch nicht so gefährliches, doch bei weitem unbequemeres Abenteuer zu bestehen. Ich hatte jetzt eine Wohnung bei einem Schornsteinfeger namens Neugebauer gemietet, der zwei artige Töchter besaß, die nichts weniger als schwarz waren. Das Haus war neben dem des Dr. M..., dessen Frau ich auf seine eigene Einladung fast täglich besuchte und dessen Hausfreund ich war. Madame G..., die immer noch nicht wegen ihrer Cousine beruhigt war, besuchte dieselbe häufig und oft zu den unpassendsten Stunden, um zu entdecken, ob ich mich nicht bei ihr befinde. Eines Nachmittags war ich kaum ein paar Minuten bei der Doktorin, welche später eine Kaffeegesellschaft bei sich erwartete, als Madame G... wenigstens um anderthalb Stunden zu früh erschien. Da wir sie hatten kommen hören, so sprang ich rasch in das Nebenzimmer. Kaum war ich daselbst, als sie in das vordere Zimmer trat und sagte: „Du wirst dich wundern, daß ich so früh komme, aber ich wollte dir nur sagen, daß ich nicht lange bleiben kann, weil ich mit meinem Mann nach Treptow fahren muß. Indessen will ich doch sehen, wie du alles arrangiert hast.“ – Da ich dies hörte und fürchtete, sie möchte auch in das Seitenzimmer kommen, in dem das Kaffeegeschirr schon aufgestellt war, so kroch ich schnell unter das daselbst befindliche Sofa. Madame G... machte nun wirklich Anstalt, auch in dieses Zimmer zu kommen, wogegen sich die Doktorin wehrte. Sie schob aber dieselbe mit den Worten: „Mein Gott, so sei doch kein Kind,“ beiseite, trat ins Zimmer, sich allenthalben umsehend, und sagte: „Nun, das ist ja scharmant.“ Die Doktorin M..., die etwas verlegen war, schien erstaunt, mich nirgends zu sehen, konnte sich indessen wohl denken, wo ich sein müsse, da das Zimmer keinen weiteren Ausgang hatte. Madame G... warf sich nun auf das Sofa, das sie, trotzdem daß sie ihre Cousine persuadieren wollte, wieder in das andere Zimmer zurückzukehren, nicht eher verließ, als bis die ersten Damen, unter denen Frau von Schätzel und die Kriegsrätin Wißling waren, erschienen. Dann empfahl sie sich. Nun war an kein Fortkommen für mich mehr zu denken und ich war verurteilt, wenigstens noch drei gute Stunden bewegungslos in der fatalen Lage zu bleiben, in die ich mich selbst versetzt hatte, das Geschnatter all dieser Kaffeegänse, unter denen manche überbejahrte war, zu vernehmen, und ein halbes Dutzend ihrer Füße, derjenigen, die den Ehrenplatz auf dem Sofa einnahmen, beständig vor mir zu sehen. Es waren die Fußgestelle der Damen Schröder, Julius und Wißling, die ich in diesen untersofaischen Räumen zu beobachten Gelegenheit hatte, die alle ziemlich groß waren und mich mit einer fast ägyptischen Finsternis umgaben. Mehr als einmal kam mir die fast nicht zu überwindende Lust an, eine oder die andere dieser Schönen in die Beine zu zwicken, und nur mit großer Selbstüberwindung vermochte ich sie zu bekämpfen. Die Unterhaltung, die mir in meinem engen Versteck die Gespräche der einige dreißig Frauen starken Versammlung, die sich von keinen Männerohren belauscht glaubten, gewährten, verkürzten mir indessen meine unbequeme Lage sehr, denn es kamen Dinge zur Sprache, Dinge, über die ich fast noch hätte erröten können, und alle nicht Anwesenden wurden unter die Hechel dieser Weiberzungen genommen. Auch das sämtliche Offizierkorps und meine Wenigkeit mußte die Musterung passieren, und uns wurden oft nicht die schönsten Epitheten. Oft war es nahe daran, daß ich vor Lachen hätte bersten mögen, und konnte dies nur verhindern, indem ich mir die Lippen fast blutig biß, während die Doktorin M... immer wie auf Nadeln saß, fast alles verkehrt anordnete und beantwortete. Indessen nahm sie doch meine Partei, wenn die große Mehrzahl der älteren Frauen auf das unbarmherzigste über mich herfielen, ebenso über Madame G... Wir waren dank dieser schon längst das Stadtgespräch. Die Häßlichen schimpften am meisten. Sogar die nicht anwesende Kommandantin mußte herhalten und ihre Haushaltung wurde eine schlampige und liederliche genannt. Was mit am drolligsten, war die Erzählung von einem Kaffeebad, das die Frau eines Tuchhändlers namens Darkow genommen, von der man wußte, daß die volle Kaffeekanne den ganzen Tag nicht aus ihrer Stube kam und daß sie wohl mehr denn dreißig Tassen dieses edlen Getränkes täglich zu sich nehme. Ihr Mann, dem diese Liebhaberei sehr mißfiel, besonders da sie außerdem sehr wenig und bei Tische fast gar nichts aß, wurde erzählt, sei nun auf den Einfall gekommen, um seiner Frau den unmenschlichen Kaffeegelust zu vertreiben, dieselbe ein Kaffeebad nehmen zu lassen, unter dem Vorwand, die hysterischen Zufälle, an denen sie von Zeit zu Zeit litt und die wahrscheinlich von diesem Kaffeetrinken herrührten, dadurch zu heilen. Ein Spaßvogel von seinen guten Freunden hatte ihm zu diesem Mittel geraten. Er hatte zu diesem Zweck zwölf Pfund Kaffee rösten, mahlen und in dem großen Waschkessel kochen, zwanzig Maß Milch dazutun und mit diesem Gebräu die Badewanne seiner Frau füllen lassen, die er dann mit der Versicherung, der berühmteste Berliner Arzt habe es angeraten und schon Wunderkuren damit verrichtet, zu dem Bade persuadierte. Die Dame, die schon den Geruch des Kaffeedampfes wohltuend fand, fand das Bad selbst köstlich und hätte sich zugleich dabei satt getrunken, wenn ein halbes Dutzend Zuckerhüte darin verschmolzen gewesen wären. Aber der Mann, der gegenwärtig war, sagte seiner Gattin, daß, wenn das Bad die gehörige Wirkung haben solle, so müsse sie wenigstens ein dutzendmal in demselben untertauchen. Er nahm sie dann beim Schopf und hielt ihr den Kopf mit Gewalt einige Sekunden unter dem Kaffee. Trotz dem Sträuben der Dame wiederholte er das Manöver einige Male schnell hintereinander, wobei ihr der Kaffee in die Nase, in die Ohren, den Mund und alle Öffnungen ihres Leibes drang, worüber die Frau in großen Zorn geriet und wie wütend in dem Kaffee umherplätscherte. Jetzt fand der Herr Gemahl für geraten, sich aus dem Staub zu machen, die Zofe als den Wetterableiter für die Wut der Madame zurücklassend, die auch die ganze Fülle ihres Unwillens an dem unglücklichen, aber dennoch fortwährend lachenden Geschöpfe ausließ. Diese Pferdekur soll in der Tat der Dame den Kaffee, wenigstens für eine Zeitlang, gänzlich verleidet haben. – Diese Erzählung machte mich unter meinem Sofa beinahe ersticken. – Nachdem auch diese Damen reichlich Kaffee, Kuchen und süße Weine geschluckt, bequemten sie sich zum Aufbruch, und ich wurde endlich aus meinem Versteck erlöst, nachdem sich auch die letzte unter mir endlos scheinenden Komplimenten empfohlen hatte. – Mit einem minutenlangen „Uff!“ kroch ich unter dem Sofa hervor, nachdem die Doktorin das Zimmer inwendig abgeschlossen. Sie war wegen der Gespräche, die ich mit angehört hatte, nicht wenig verlegen und überrot. Ich redete ihr die Sache lachend aus, indem ich zu ihr sagte: sie möge sich deshalb keinen Kummer machen, es sei nicht das erstemal, daß ich dergleichen und noch weit tollere Frauenunterhaltungen mit angehört. – Wir amüsierten uns nun noch eine Stunde auf das angenehmste; sie lachte mit mir über mein Verstecken und was ich gehört, und wir trennten uns zuletzt beide seelenvergnügt.

Am anderen Morgen wurde ich schon um sieben Uhr durch eine Ordonnanz zum Bataillonskommandeur Oberstleutnant von Witke gerufen, der mir ankündigte, daß ich mich sogleich marschfertig zu machen habe, um einen Transport Rekruten, der in einer Stunde abgehen müsse, zum preußischen Okkupationsheer nach Frankreich zu führen. Ich wußte zwar, daß dieser Transport abgehen solle, wußte aber auch, daß Premierleutnant R... zu dessen Führung kommandiert gewesen, was ich dem Kommandeur bemerkte, worauf er mir erwiderte: „Allerdings, aber der wurde mir ja soeben krank gemeldet. Indessen weiß ich schon, was ich von dieser Krankheit zu halten habe, doch ich will niemand unglücklich machen.“ – Herr von R... hatte die unglückliche Leidenschaft, sich von Zeit zu Zeit dem Trunke zu ergeben, und diesen Morgen in aller Frühe, wahrscheinlich, um sich zu dem bevorstehenden Marsch zu stärken, schon so tief ins Glas gesehen, daß er kaum auf den Beinen hatte stehen können, und also außerstande war, abzumarschieren, noch viel weniger, zu kommandieren. Ich mußte daher in aller Eile meine Vorbereitungen treffen, und ehe eine Stunde verging, stand ich marschfertig an der Spitze meines, über hundert Mann starken Detachements, zu dem noch eine Abteilung in Stettin stoßen sollte. In Stettin hatte ich drei Ruhetage, weil die Leute, die ich noch mitzunehmen hatte, erst den anderen Tag eintreffen sollten.

Nachdem ich mich in der Stadt umgesehen und die nötigen Gelder zur weiteren Verpflegung des Detachements in Empfang genommen hatte, kehrte ich in mein Quartier, den englischen Hof, zurück. Gegen Abend fanden sich daselbst allerlei Leute ein, unter denen auch ein verabschiedeter Rittmeister, eine wahre Samielsphysiognomie, die durch zwei tüchtige Schmarren noch mehr entstellt war. In seinem verzerrten Gesicht lag etwas hämisch-diabolisches, welches sich besonders, wenn er sprach, und noch mehr, wenn er lachte, ausdrückte. Seine Züge schienen alsdann aus Schadenfreude und Hohn zusammengesetzt zu sein. Nachdem die meisten Gäste ihr Abendbrot eingenommen hatten, näherte sich mir der Rittmeister, indem er mich mit einem: „Herr Kamerad!“ ansprach, erkundigte sich nach meiner Bestimmung, erzählte mir von seinen Feldzügen und endigte damit, mir mit einer affreusen, geheimnisvollen Miene zu vertrauen, daß jeden Abend in einem oberen Zimmer des Gasthofes ein honettes Pharospielchen gemacht werde, wobei sich verschiedene Kaufleute, Offiziere, Beamte und so weiter einfänden und etwas zu gewinnen sei. Er endigte damit, auch mich einzuladen, mein Glück zu probieren.

Noch jetzt ist es mir ein Rätsel, wie ich mich von dem vor mir stehenden, ganz unverkennbaren Mephistopheles, dessen betrügerische Tendenz aus seinen Blicken leuchtete, zu einem heimlichen Spiel konnte überreden lassen. Genug, es ging mir wie dem Vogel bei der Klapperschlange, und ich nahm die Einladung an. Er bezeichnete mir das Zimmer und ich folgte ihm bald. Ein Aufwärter leuchtete mir zwei Stiegen hinauf und führte mich in ein im hinteren Teil des Hauses gelegenes Gemach. Noch an der Schwelle desselben schien mich mein guter Engel warnen zu wollen, denn ich machte eine unwillkürliche Bewegung zum Umkehren und zog die Hand von der schon ergriffenen Türklinke wieder ab, als sich dieselbe von innen öffnete und mich die daselbst versammelte Gesellschaft wahrnahm, so daß ich mich des Rücktrittes schämte und in das verhängnisvolle etwas spärlich erleuchtete Zimmer trat.

Der Rittmeister in Satansgestalt, oder besser, der Satan in Rittmeistergestalt hielt Bank, und es wurde schon frisch darauf los pointiert. Ich fing mit Viergroschenstücken, dem niedrigsten Satz, zu pointieren an. Anfänglich wollte mir das Glück wohl. Ich gewann bedeutend, was mich immer mehr anfeuerte. Doch nur zu bald wandte mir die launige Göttin den Rücken. Ich fing zu verlieren an und in weniger als einer halben Stunde war der letzte mir gehörige Taler fort. Jetzt nahm ich, durch meinen Verlust und das Spiel in die Hitze getrieben, ein paar Taler von dem zur Bezahlung der Truppen bestimmten Gelde. Auch sie waren bald fort. Ich nahm vier, sechs, zwölf, zwanzig, und in wenigen Minuten war das Geld, von dem meine Leute zehn Tage leben sollten, verspielt. In dieser schrecklichen Lage nahm ich den Wirt beiseite und versetzte ihm meine Uhr, dann meine silberne Schärpe und die silbernen Fangschnüre für einige vierzig Taler, die, da ich das Spiel forcieren wollte, bald genug ebenfalls in des Satans Krallen waren, und stürzte, nachdem der letzte Taler verschwunden, in einem fast bewußtlosen Zustand aus dem Spielzimmer, warf mich verzweiflungsvoll auf einen Stuhl des meinigen. – Jetzt erst traten mir die schrecklichen Folgen meines unbegreiflichen Leichtsinns klar und deutlich mit den grellsten Farben vor die Augen. Hier war weder Ausweg noch Rettung. In einer mir weltfremden Stadt, wo ich auch nicht eine Seele kannte, war an keine Hilfe zu denken. Kassation, Entehrung, zehnjährige Festungsstrafe schwebten mir als unvermeidlich vor. Die gräßlichste Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Nachdem ich meine Pistolen scharf geladen hatte, klingelte ich, ließ mir Briefpapier und eine Flasche Champagner kommen, schloß dann die Türe ab, setzte mich, die Mordgewehre zu meiner Rechten legend, nieder, um noch einige Briefe an meine Verwandten und mir teure Personen zu schreiben, mit dem festen Vorsatz, mir nach deren Beendigung eine Kugel durch den Mund in das Gehirn zu jagen. Die Batterien rieb ich mit wollenem Tuch, schärfte die Steine, um ja das Versagen zu verhindern, stürzte dann ein paar Gläser hinunter und machte mich zum Schreiben fertig. Zur Unterlage nahm ich ein deutsches Liederbuch, aus dem ich öfters in Kolberg gesungen hatte, das gerade mit Beckers Romanze, „Der Sänger“ betitelt, begann. Ich hatte sie schon so manchmal in fröhlichen Zirkeln in Berlin und Kolberg gesungen, und gerade der letzte Vers, der da heißt:

„Doch jetzt mach’ ich eine Pause,

Nehmt die Lehre mit nach Hause

Und beherzigt sie.

Sing und Sang ist eine Gabe,