Wer sie hat – o der vergrabe

Sie im Leben nie.“

fiel mir in die Augen. Wie ein Blitzstrahl fuhr es mir durch den Kopf und erleuchtete mich, so daß ich zu mir selbst sagte: „Wie, sollte dir denn dein Talent nicht aus dieser schrecklichen Lage helfen können? – Stargard, durch das du schon ein paarmal gekommen bist, ist nur drei Meilen von hier. Dort kennt dich keine lebende Seele. Man liebt die Musik, hat wenig Gelegenheit, etwas zu hören. Wie wäre es, wenn du da hinüberführest und unter einem fremden Namen ein Konzert gäbest? – Stargard ist eine nicht unbedeutende Stadt. Es gilt nur einen Versuch. Schlägt der fehl, je nun, so läuft dir das Totschießen auf keinen Fall davon.“ Dieser Gedanke faßte immer mehr Wurzel bei mir. Ich suchte, was ich an Musikalien bei mir hatte, hervor, fand auch ein italienisches Cahier darunter, rief meinem Burschen, ließ mir einen Wagen für den anderen Morgen um vier Uhr bestellen, vorgebend, daß ich einen Bekannten in der Umgebung besuchen wolle. Ich ließ meine Zivilkleider auspacken, versetzte einen Rubinring, den ich noch hatte, für zehn Taler bei dem Wirt, und fuhr um die bestimmte Stunde ganz allein nach Stargard ab, nachdem ich dem ältesten Unteroffizier des Detachements anempfohlen, es sich recht angelegen sein zu lassen, den Dienst während meiner kurzen Abwesenheit bestens zu versehen. Um sieben Uhr morgens kam ich in Stargard an. Um acht Uhr machte ich dem Herrn Bürgermeister meine Aufwartung, gab mich bei ihm für einen Sänger der italienischen Oper von Wien aus, der sich Matuccio nenne, von Berlin komme und über Königsberg nach Sankt Petersburg reise, um daselbst zu gastieren. – Ich fand an dem Bürgermeister nicht nur einen sehr artigen und zuvorkommenden Mann, sondern auch einen großen Musikliebhaber, dem mein Antrag, noch diesen Abend ein Konzert in Stargard zu geben, sehr willkommen war, und der mir versprach, alles dazu beitragen zu wollen, was in seinen Kräften stünde. Er übernahm es sogar selbst, sogleich ein Einladungszirkular herumgehen zu lassen, auf dem er sich mit seiner Familie zuerst mit fünf Billetten zu einem Taler Kurant unterzeichnet hatte. Er übernahm es auch, ein passables Orchester, meist aus Dilettanten bestehend, zusammenzubringen, schickte den Ratsdiener mit der Subskriptionsliste herum, der noch denselben Morgen über zweihundert Billette absetzte. Jetzt war ich gerettet. Kosten hatte ich außer der Beleuchtung fast gar keine, da mir der gefällige Bürgermeister einen ziemlich großen Saal gratis überließ. Auch führte er mich noch denselben Abend bei mehreren Dilettanten ein, unter denen die junge liebenswürdige Frau von F... und das sehr schöne Fräulein von Z...tz, mit dem schalkhaftesten Kupidogesichtchen von der Welt, sich befanden. Beide Damen hatten die Gefälligkeit, in meinem Konzert mitzusingen, jede trug eine Arie und ein Duett mit mir vor, und zum Schluß sangen wir noch ein Terzett. Die meisten Stücke wurden da capo verlangt. An der Kasse waren auch noch über hundert Taler eingegangen, denn man hatte ausgesprengt, der erste Sänger der italienischen Oper von Wien gebe auf seiner schleunigen Durchreise nach Sankt Petersburg dies Konzert aus Gefälligkeit für den Herrn Bürgermeister. Wer war froher als ich. Nach dem Souper, zu dem mich der Herr Bürgermeister eingeladen, und an dem mehrere Stargarder Familien teilnahmen, empfahl ich mich und fuhr noch in derselben Nacht mit meinem ersungenen Geld, das vollkommen ausreichte, mein Defizit zu decken, wieder nach Stettin ab. Auch meine Effekten konnte ich, wie ich dem Wirt versprochen hatte, wieder auslösen. Nur mein eigenes Geld war beim Teufel; doch daran war mir wenig gelegen. Ich kam anderthalb Stunden nach Mitternacht wieder in Stettin an, mit dem festen Vorsatz, mich nie mehr zum Spiel, wenigstens mit fremdem Geld, verlocken zu lassen. Ich zahlte nun vor dem Abmarsch den Leuten den Sold aus und machte mich mit ganz leeren Taschen auf den Weg. Erst in Magdeburg fand ich ein Haus, das mit dem unsrigen in Verbindung stand, und von dem ich mir fünfzig Taler geben ließ. Dieses Ereignis hatte indessen einen so schlimmen und tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß mich ein höchst unangenehmes Gefühl auf diesem ganzen Marsch nicht verließ und ich gegen meine Gewohnheit weder für Natur-, Kunst-, noch andere Schönheiten Sinn mehr hatte. Ja, ich unterließ es sogar, während dieser Zeit mein Tagebuch zu führen, was ich sonst sehr regelmäßig jeden Abend tat. Ich war über Magdeburg, Kassel, Aachen und so weiter, ohne mich um etwas anderes als meinen Dienst zu bekümmern, nach Frankreich marschiert, wo ich meine Leute an die pommerschen Regimenter abgab, denen sie zugeteilt waren, und dann sogleich die Rückreise per Post nach Kolberg antrat, ohne nur meine Verwandten in Frankfurt zu besuchen, wie ich es mir bei dem Abmarsch vorgenommen hatte. Als ich wieder durch Stargard kam, hielt ich mich möglichst verborgen, so lange umgespannt wurde, da ich fürchtete, man möchte den italienischen Sänger wieder in mir erkennen. Auch in Kolberg währte diese Mißstimmung noch, erhielt mich fortwährend bei übler Laune und machte mich fast menschenscheu. Ich setzte den französischen und musikalischen Unterricht, den ich den Töchtern meines Kommandeurs und der Nichte meines Kommandanten erteilt hatte, nicht mehr fort, zog mich meist von der Gesellschaft zurück, fand mich oft ohne irgend einen erheblichen Grund beleidigt, nahm Scherze übel auf und bekam so alle Augenblicke mehr oder minder ernstlichere Händel. Ein Offizier namens Rosenthal, ein äußerst gutmütiger Mensch, nannte mich scherzweise „Franzos“, ein Beiname, den man mir längst in Kolberg ziemlich allgemein gegeben hatte, weil ich noch viel französische Manieren an mir hatte, wohl auch das, was an den Franzosen zu rühmen war, rühmte und mir deshalb viele heimliche Feinde machte. Ich warf ihm dagegen einige beleidigende Worte hin, die eine Herausforderung nach sich ziehen mußten und ein Duell auf die Klinge zur Folge hatten, das in der Maikuhle abgemacht wurde, und wo ich fast wider Willen, denn ich focht mit der größten Gleichgültigkeit, mir alle Blößen gebend, meinem Gegner eine unbedeutende Armwunde beibrachte. Hätte Rosenthal besser gefochten, so hätte er mir leicht einen tüchtigen Denkzettel anhängen oder gar das Lebenslicht ausblasen können. Wenige Tage nachher hatte ich ein anderes, durch meine üble Laune herbeigeführtes Renkontre, das weit schlimmere Folgen hatte. Ich besuchte den wachthabenden Offizier auf der Hauptwache, Leutnant Campmann, und tadelte gesprächsweise manche Anordnung im preußischen Dienste. Lange nahm der Offizier die Sache im Scherz auf. Als ich aber immer mokanter wurde, machte er mir in einem ernsten Ton die sehr richtige Bemerkung: „Wenn Ihnen die preußischen Dienste so mißfallen, warum bleiben Sie denn? Man wird Sie nicht mit Gewalt halten, wenn Sie gehen wollen.“ – Es gab nun ein Wort das andere, und ich nötigte zuletzt den wachthabenden Offizier, Degen gegen mich zu ziehen, indem ich auf ihn eindrang. Unglücklicher- oder glücklicherweise, denn wer weiß, wie es abgelaufen wäre, trat in diesem Augenblick der Wachtschreiber und ein Unteroffizier, der eine Meldung zu machen hatte, in die Stube, als wir schon mit den Klingen handgemein waren, und diesen folgte der Platzadjutant auf dem Fuße. Jetzt hörte zwar das Gefecht augenblicklich auf, aber die Sache war eklatant geworden und wurde dem Kommandanten gemeldet. Die Folge war eine Untersuchung, während welcher wir beide, und zwar bis zur Bestätigung des von einem Kriegsgericht zu fällenden Urteils, von unseren Funktionen suspendiert wurden. Da sich die Sache sehr in die Länge zog und ich während dieser Suspension keine Gesellschaft, in der sich der Kommandant und die Stabsoffiziere befanden, besuchen konnte, so hatte ich tödliche Langeweile, die mich immer mehr verstimmte und nur hier und da durch die intimere Bekanntschaft, welche ich mit mehreren Damen hatte, unterbrochen wurde. Glücklicherweise kam während dieser Zeit eine wandernde Schauspieler-Gesellschaft nach Kolberg, deren Direktor ein gewisser Romberg war und bei welcher sich ein paar hübsche Aktricen befanden, von denen eine, Madame Vetterlein, nicht ohne Talent und sonst auch recht liebenswürdig war. Ich beschäftigte mich nun viel mit diesem Theater, ordnete das Repertoire an, verschaffte den Schauspielern manche notwendigen Requisiten und lieh ihnen auch manches von meinen kleinen Uniformstücken, und namentlich einem derselben einmal meine Schärpe. Mehrere Offiziere hatten dies bemerkt. Den andern Tag kam es auf der Parade zur Sprache, daß eine preußische Offiziersschärpe auf dem Theater paradiert habe, worüber sich die älteren Offiziere sehr mißbilligend und als über etwas ‚Unerhörtes‘ aussprachen. Der Kommandant ließ durch den Bürgermeister dem Direktor verbieten, künftig wieder eine Schärpe oder ein sonstiges Abzeichen der königlich preußischen Armee auf seinem Theater zu verwenden. Man forschte auch nach, woher der Schauspieler die Schärpe hatte, und bald wußte man, daß ich sie ihm geliehen. Neues Donnerwetter. Der Bataillonskommandeur mußte mir einen Verweis geben und mir verbieten, irgendein Uniformstück den ‚Komödianten‘ zu leihen. Ich hatte mich gut entschuldigen, daß dies in der französischen Armee etwas ganz gewöhnliches sei, ja, daß ich sogar in Berlin, in des ‚Epemenides Erwachen‘ von Goethe, eine ganze preußische Schwadron in Uniform und Schärpen auf der Bühne gesehen. Dies half alles nichts. Ich mokierte mich wieder, so daß es zu den Ohren meiner Vorgesetzten kam, und meine ohnehin schon verdrießliche Lage wurde eben nicht verbessert.

Endlich kam das in meiner Sache mit dem Leutnant Campmann gefällte kriegsrechtliche Urteil bestätigt von Berlin, und lautete für mich auf sechsmonatlichen Festungsarrest, in Weichselmünde bei Danzig zu bestehen, und drei Monate für meinen Gegner in Kolberg. Ich mußte jetzt, von einem höheren Offizier begleitet, mit dem Postwagen nach Danzig abfahren, wohin wir über Köslin, Stolpe, Neustadt und so weiter reisten, wozu wir beinahe drei Tage gebrauchten.

Mit einbrechender Nacht kamen wir in dieser Stadt an und stiegen in dem eben nicht sehr reinlichen Hotel d’Oliva ab, meldeten uns den anderen Morgen beim Kommandanten, der uns artig empfing und eine Empfehlungsorder an den Kommandanten der Feste Weichselmünde gab, wohin wir uns sogleich verfügten. Dieses Fort liegt in einer geringen Entfernung von der Stadt an der Weichsel. Ich bekam ein ziemlich bequemes, aber sehr vielwinkeliges Zimmer angewiesen. Der Kommandant dieses Forts war der Oberstleutnant von Brockhusen, ein artiger Mann, der mich freundlich aufnahm, mir ankündigte, daß ich alle Freiheit habe, in Zivilkleidern hinzugehen, wohin ich immer wolle. Nur müsse ich mich zum Schlafen wieder einfinden. Ich könne aber nach Danzig, nach dem gegenüberliegenden Neufahrwasser, nach Oliva und so weiter gehen und mich nach Belieben amüsieren. Gesellschaft hatte ich große und zum Teil scharmante in Neufahrwasser. Das ganze Offizierskorps eines Landwehrkavallerie-Regiments hatte, samt seinem Kommandeur und Obersten von Himmel, die Offiziere auf achtzehn Monate und der Oberst für drei Jahre, hier Festungsarrest mit derselben Freiheit wie ich. Die Verheirateten hatten sogar ihre Frauen und Kinder bei sich, und alle führten ein ziemlich lustiges Leben. Die Ursache ihres Arrestes war folgende: Das Regiment hatte einmal, als es der Graf Henckel von Donnersmarck zum Manövrieren ausrücken ließ, nicht zu dessen Zufriedenheit exerziert und ein paar Böcke gemacht; der General, darüber erbost, hatte sich gegen das Offizierskorps, welches meistens aus gedienten und wackeren Leuten bestand, sehr beleidigend ausgedrückt und geschrien: „Meine Herren, Sie manövrieren wie die S...“ Die Offiziere hatten sich darauf verabredet, den folgenden Tag, wo das Regiment wieder zum Exerzieren ausrücken sollte, samt und sonders wegzubleiben und dasselbe durch einen Rittmeister dem General vorzuführen, der es ihm mit den Worten: „Ich habe die Ehre, Eurer Exzellenz das Regiment vorzuführen,“ übergab, dann seinen Säbel wieder einsteckte, davonritt, den ganz verblüfften General, der eben angeritten war, stehen lassend. Dem Grafen Henckel von Donnersmarck blieb nun nichts anderes übrig, als die Truppen, vom ältesten Wachtmeister geführt, wieder einrücken zu lassen, und den Vorfall dem Kriegsminister anzuzeigen, was eine umständliche Untersuchung veranlaßte, die das oben erwähnte Resultat hatte, aber auch dem General einen sechswöchentlichen Arrest zuzog. Das ganze, im Festungsarrest befindliche Offizierskorps hatte den Mittagstisch in dem Gasthaus ‚Zum englischen Hof‘ in dem auf dem jenseitigen Ufer der Weichsel liegenden Neufahrwasser, wo auch ich, von meinen Arrestkameraden eingeladen, mich engagierte und man sehr gut bedient war. Die Wirtin namens Wex hatte ein Paar junge Töchter, von denen die jüngere, Jettchen, recht hübsch war. Ein Piano stand im Gastzimmer, die Mädchen sangen leidlich, und so war die Unterhaltung in den Nachmittagsstunden oft recht animiert.

Sobald ich in meiner neuen Residenz, die ich statt der Kriegsschule in Berlin, wie ich das Projekt gehabt, diesen Winter besuchen mußte, installiert war, und mit meinen zum Teil sehr lustigen Arrestkameraden genauer bekannt wurde, verlor sich auch bald mein bisheriger Mißmut. Im englischen Haus gehörte ich bald zur Familie und machte beiden Schwestern zugleich den Hof, aber der älteren, Hannchen, mehr zum Schein, während ich es mit der jüngeren, Jettchen, ernstlicher meinte, und Mama äußerte, ich würde mit keiner übel fahren, welche ich auch wählen möchte. Ich aber vertröstete sie auf ein späteres Avancement, da eine Frau Leutnant doch eine gar traurige Rolle spiele. Es war noch ein anderer guter Gasthof in Neufahrwasser, ‚Zur Stadt Berlin‘, dessen Besitzer zwar keine Kinder, dafür aber zwei allerliebste Nichten hatte, wo ich ebenfalls bald wie zu Hause war, so daß ich in der Regel die Vormittage in dem englischen Hof und die Nachmittage in der Stadt Berlin plaudernd, scherzend, musizierend, küssend und so weiter zubrachte. Auch lernte ich bald noch einige andere Familien daselbst kennen, unter denen die sehr liebenswürdige eines Kriegsrats Schütz, der wieder artige Töchter hatte, und wo noch ein anderes fünfzehnjähriges, ausgezeichnet schönes Mädchen, die Tochter eines grimmigen Seebären, eines Schiffskapitäns, der meist abwesend auf Seereisen war, sich einfand. In diesem Haus wurde auch viel Musik gemacht und die Mädchen sangen recht schöne polnische Lieder, die ich leider nicht verstand. Selbst in dem Fort Weichselmünde fanden sich weibliche, durchaus nicht zu verachtende Reize. Außer der hübschen Tochter des Kommandanten war auch die junge Frau eines Rittmeisters, eine blonde Königsbergerin, die seelenvolle himmelblaue Augen hatte, bei Kuhns, so hieß der Wirt in der Stadt Berlin, wo wir öfters zu Nacht speisten, meine Tischnachbarin, der zu Gefallen ich manchen Abend im Fort zubrachte, wo kleine Kommerzspiele die Hauptunterhaltung ausmachten, bei denen sich die meisten Offiziersdamen einfanden.

Frau Wex, welche mit Kuhns rivalisierte, veranstaltete bald einen Ball paré, an dem alle Honoratioren des Ortes und mehrere Familien aus Danzig teilnahmen. Hier lernte ich unter anderen die Frau eines reichen Kaufmanns, der mehrere Schiffe in der See gehen hatte, kennen, und nach einigen Raschwalzern, die ich mit ihr getanzt, verständigten wir uns schnell in einer Polonäse, begegneten uns zufällig auf einem Korridor, und lagen uns ebenso zufällig in den Armen. Dieser sonderbare Zufall wiederholte sich drei- bis viermal, während der Herr Gemahl in einem Seitenzimmer mit aller Ruhe eine Partie Whist machte. Die Dame vertraute mir, daß sie jeden Abend bis zehn Uhr allein zu Hause zu treffen sei, indem ihr Mann nie verfehle, seine Spielpartie um diese Zeit in Danzig oder in Neufahrwasser zu machen. Dies merkte ich mir wohl und fand mich schon den folgenden Abend in dem mir bezeichneten Hause ein, in das ich in der Dämmerung, in meinen Mantel gehüllt, schlich, wo ich freudig mit offenen Armen empfangen wurde. Diese Besuche wiederholte ich öfters, besonders, wenn ich Herrn G...ch, so hieß der Mann, in der Stadt Berlin wußte, wo eine kleine Pharobank gehalten wurde, und ich ihm gegenüber pointierte, mich auf eine halbe Stunde entfernte, dann zurückkam und ganz ruhig weiterspielte. Bei meinem Arrest in Weichselmünde hing mir der Himmel voll weiblicher Baßgeigen. Aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. G...ch mußte von meinen verstohlenen Besuchen durch irgendeinen gefälligen Freund Wind bekommen haben, und als ich mich eines Abends wieder in seine Wohnung begab, begegnete ich in deren Nähe ein paar wildaussehenden Seegesichtern, vulgo Matrosen genannt. Kaum hatte ich die Haustüre hinter mir zugemacht und wollte eben die Treppe hinaufspringen, als ein paar andere Exemplare dieser Bären aus einem Winkel hervorsprangen, während die, welchen ich begegnet war, in die Haustüre traten, und einer derselben mich mit rauher Stimme fragte: was ich hier suche? – „Dies geht euch Schubiaks nichts an,“ erwiderte ich, indem ich eine Terzerole unter dem Mantel hervornahm und den Hahn spannte. Das Knacken desselben machte die Burschen doch stutzend, und ich sagte mit starker Stimme: „Dem ersten, der eine verdächtige Bewegung macht, jage ich eine Kugel durch den Kopf.“ Die Kerls dadurch verblüfft, ließen mich nun ruhig wieder zum Haus hinausgehen. Ich begab mich nun in die Stadt Berlin, wo wie gewöhnlich gespielt wurde, setzte mich an den Spieltisch und pointierte ganz ruhig mit Viergroschenstücken, als sei nicht das mindeste vorgefallen. Etwa zwanzig Minuten später trat auch G...ch herein, dem ich einen sehr freundlichen guten Abend wünschte. Statt ihn aber zu erwidern, warf er einen grimmigen Seitenblick auf mich, was ich nicht zu bemerken für gut fand, sondern ganz gleichgültig zu ihm sagte: „Warum heute so spät, Herr G...ch, ich bin schon lange hier und spiele wieder einmal glücklich.“ – „Das Glück scheint Ihnen gewogen,“ gab er mir, seinen Zorn verbeißend, zur Antwort, „und das ist Ihr Glück.“ – Den anderen Morgen wurde ich durch ein Briefchen von Madame G...ch unterrichtet, daß sie eine arge Szene mit ihrem Mann gehabt, dem man unsere Zusammenkünfte verraten habe, und sie auf einige Zeit zu ihren Eltern nach Elbing verreise, wo ich sie, wenn ich es möglich machen könne, doch besuchen möge. Dieser Vorfall war mir sehr unangenehm, da es in Neufahrwasser bekannt wurde, daß ich die Ursache einer Trennung der G...schen Eheleute sei, die sich später jedoch wieder vereinigten. Ich suchte von jetzt an mich mehr in Danzig zu zerstreuen. Ich begab mich jetzt jeden Morgen mit dem Frühesten nach Danzig, von wo ich in der Regel erst gegen Mitternacht in meine, wenigstens dreißigwinkelige Arreststube, die eine gar seltsame Bauart hatte, zurückkehrte. Auch im Danziger Kasino, wo jede Woche Tanz und Musik stattfand, wurde ich eingeführt und machte neue Bekanntschaften daselbst, unter denen eine sehr üppig gebaute schöne polnische Gräfin von M...ka aus Posen war, deren schlanker Wuchs, ein fast verschlingendes Auge, rabenschwarzes Glanzhaar, eine äußerst feine und weiße Haut, eine entzückende Anmut mich wie fast alle Männer, die sie sahen, bezauberte. Auf den Maskenbällen, die nun gegeben wurden, und oft glänzend und reich an prächtigen Kostümen waren, gelang es mir, die schöne Gräfin genauer kennen zu lernen. Auf einem derselben hatte ich mich zuerst als Zigeuner, dann als Spanier verkleidet, und setzte der Dame in der Maske des ersteren, durch meine Prophezeiungen ihr die gute Wahrheit sagend, so gewaltig zu, daß ich ihre Neugierde in hohem Grade rege machte. Namentlich, indem ich ihr mitteilte: sie würde, ehe vierzehn Tage vergingen, einen Anbeter haben, dem sie nichts versagen könne. Als der Zigeuner verschwunden war, forderte der Spanier die als kassubisches Landmädchen verkleidete Gräfin zu einer Polonäse auf, und erzählte ihr während der Promenade, daß ihm ein Zigeuner prophezeit habe, er werde in Danzig noch sehr glücklich werden und die Gunst der schönsten Dame dieser Stadt erhalten. – „O, dann ist es gewiß nicht die meinige,“ meinte die Gräfin. – „Und wer sollte sich an Schönheit, Grazie und Liebenswürdigkeit mit Euer Gnaden in Danzig messen können?“ – „Sie sind ein gefährlicher Schmeichler.“ – „Es ist keine Schmeichelei, wenn man die Wahrheit spricht.“ – Die Gräfin erzählte nun auch ihrerseits, was ihr der Zigeuner gesagt. – „Sonderbar, dies hat was zu bedeuten,“ erwiderte ich, dem hübschen Landmädchen die Hand drückend. Die Polonäse löste sich endlich in einen Raschwalzer auf, wir flogen sinnenberauscht dahin und setzten uns endlich etwas ermüdet unter eine entlegene Fensterhalle. Die Gräfin M...ka nahm ihre Larve ab und sagte: „Die Hitze ist unausstehlich, länger halte ich’s nicht aus, machen Sie es ebenso.“ Ich befolgte den Befehl, worauf sie mich erkennend sagte: „Dacht’ ich’s doch, Sie sind der Offizier, mit dem ich schon öfters im Kasino tanzte.“ – Wir engagierten uns dann noch auf eine Tempête, eine Quadrille und ein paar Walzer, und ich erhielt von der Dame das Versprechen, daß ich bei der ersten Schlittenfahrt der sie fahrende Kavalier sein solle. Der bald darauf gefallene Schnee machte auch eine solche möglich, und ich hatte das Vergnügen, das Versprechen in Erfüllung gehen zu sehen, und übte das Schlittenrecht in seiner weitesten Ausdehnung. Kurze Zeit darauf hatte ich das noch weit größere Vergnügen, auch diese Dame in meinem Zimmer zu Danzig zu empfangen und zu bewirten, ohne daß meine niedliche Wirtin, die mich öfters mit Morgenbesuchen beehrte, etwas davon merkte, so wenig wie von anderen Damenbesuchen, die ich natürlich alle nur nach eingetretener Nacht empfing. Mein Zimmer war au rez de chaussée. So schwanden mir denn die sechs Monate Festungsarrest in Weichselmünde wie sechs Wochen hin. Bevor sie um waren, erbat ich mir unter dem Vorwand, meine etwas zerrüttete Gesundheit wieder herzustellen, denn sie war es wirklich, wenn auch nicht durch die Kerkerluft, doch durch Strapazen mancherlei Art, noch einen sechswöchentlichen Urlaub, der mir bewilligt wurde, und den ich zu einer kleinen Reise nach Marienburg und Posen zu verwenden beschloß. Die Gräfin M...ka ging mit dem Frühjahr ebenfalls dahin zurück und gab mir die Erlaubnis, ihr daselbst meine Aufwartung machen zu dürfen, jedoch in allen Ehren, denn dort herrsche der Herr Gemahl, der nicht mit in Danzig gewesen, wo die Dame bei einer Freundin zu Besuch war, etwas streng.

Als ich meine Freiheit und meinen Degen zurückerhalten und die Urfehde geschworen hatte, nahm ich Abschied von Weichselmünde, Neufahrwasser und Danzig und trat die Reise nach Marienburg an.

X.
Marienburg. – Elbing. – Königsberg. – Posen. – Rückkehr nach Kolberg. – Eine furchtbare Mordgeschichte. – Eine Vexierreise. – Diverse Kampagnen unter Amors Fahnen. – Der Esel von Osten. – Noch ein Damensouper. – Arge Skandalosa. – Eine pommersche Hochzeit. – Abermaliger Festungsarrest. – Meine Entlassung.

Was mich hauptsächlich zu einer Reise nach Marienburg bestimmte, war, das weltberühmte Schloß der alten Hochmeister des deutschen Ordens, von dessen Merkwürdigkeiten man mir so viel und erst wieder in Danzig erzählt hatte, daß ich den Wunsch, diese prächtigen Überreste der einst so mächtigen Ordensritter kennen zu lernen, nicht unterdrücken konnte. Ich verweilte nur drei Tage in Marienburg, wo ich, nachdem ich das Schloß von außen und innen sattsam gesehen, bald tödliche Langeweile verspürte.