Von Marienburg fuhr ich nach der nur wenige Meilen entfernten Stadt Elbing, die samt einer Burg im Jahre 1237 auch von den Ordensrittern erbaut wurde, und von hier nach Königsberg. Eine starke Erkältung zwang mich, ein paar Tage das Bett zu hüten. Mein erster Ausgang, als ich wieder hergestellt, war nach der ehemaligen Zitadelle, der alten Friedrichsburg, in der man mir den Moskowitersaal und die Bernsteinkammer zeigte. Hierauf begab ich mich in den vom Großmeister Lothar von Braunschweig vierzehnten Jahrhundert erbauten Dom. In dem Schauspielhaus, das gerade nicht vorzüglich ist, sah ich einige nicht sehr gut exekutierte Opern und Schauspiele aufführen. Mehr erfreuten mich die zum Teil sehr schön angelegten Promenaden, besonders die am Schloßteich, dem Königsgarten und dem von Hippel angelegten Philosophendamm. Von Königsberg eilte ich nach Posen und fuhr über Elbing, Marienwerder, Graudenz, Kulm, Bromberg, Gnesen und so weiter dahin ab, ohne mich an einem dieser Orte umzusehen.
Erst mit der einbrechenden Nacht kam ich in Posen an und schlief in einem herzlich schlechten und eben nicht sehr reinen Bett doch trefflich. So wie der Hunger der beste Koch ist, so ist Ermüdung der beste Schlafbereiter. Auch erwachte ich erst spät am Vormittag. Nachdem ich meine Toilette gehörig gemacht, schickte ich mich an, die Stadt zu besichtigen. Bei der Parade sah ich mehrere Offiziere, die ich schon in Berlin kennen gelernt hatte und die mich zur Offizierstafel einluden, was ich mit Dank annahm. Denselben Tag zog ich noch Erkundigungen nach der schönen Gräfin M...ka ein und erfuhr, daß kein Offizier Zutritt in dem Haus des Grafen habe. Indessen ließ ich mich doch, wie ich es mit der Dame in Danzig verabredet, bei ihr melden, wurde auch angenommen, jedoch von dem Herrn Gemahl ziemlich frostig empfangen, der mich auch nicht ersuchte, meinen sehr kurzen Besuch zu wiederholen, mir indessen eine kurze Gegenvisite machte. Noch den nämlichen Abend kam ein sehr niedliches Mädchen in polnischem Kostüm, das kein Deutsch, aber so ziemlich französisch sprach und mir ein Billettchen brachte, in dem man mich ersuchte, dem hübschen Kammerzöfchen zu folgen, das mir ein Haus zeigen würde, wohin ich mich den folgenden Abend zu begeben habe, um eine gewisse Dame sprechen zu können. Das Mädchen war so gesprächig und lud mich so zutraulich ein, mich ihrer Führung zu überlassen, daß ich nicht umhin konnte, ihr auf die Wangen zu klopfen, ihr etwas tief in die schwarzen Augen zu blicken und mit einem Kuß auf den runden Nacken und einen Taler in die Hand drückend, zu danken. – Oh, ihr galanten Damen, wenn ihr euch auch nur auf eine kurze Zeit der Treue eurer Anbeter versichern wollt, so nehmt um Himmelswillen kein hübsches Kammerkätzchen zu eurer Unterhändlerin und Liebesbotin. Der Teufel mag solchen verführerischen Dingern widerstehen, aber kein junger Mann von Fleisch und Blut. Alte Weiber, Hexen mit triefenden Augen, die man kaum mit der Feuerzange berühren möchte, dies sind die zuverlässigsten Diplomaten bei solchen Unterhandlungen. – Auch ich widerstand nicht, wohl aber tat das Mädchen so und lispelte: „Mais Madame la contesse! Mais Monsieur finissez donc, vous aimez ma maîtresse!“ – „Sans doute, mais cela ne m’empêche point d’aimer aussi la confidente.“ Die weiteren Antworten des allerliebsten Rosenmundes erstickte ich mit Küssen, und ließ mich nach einer halben Stunde von der Donetta nach dem erwähnten Haus führen, das in einer ziemlich engen Straße lag, klein und schmal war und nur zwei Fenster Front hatte. Ich trat mit meinem ange polonais ein, der mich der parterre wohnenden Frau vorstellte, welche früher in Diensten der Mutter der Gräfin gestanden hatte und aus alter Anhänglichkeit für die Tochter sich derselben möglichst gefällig zeigte. Von hier begab ich mich zu der Soiree eines verheirateten Majors, der mich bei der Parade eingeladen hatte, und wo ich mehrere hübsche polnische Damen traf, von denen aber die wenigsten deutsch, einige ziemlich französisch sprachen. Die Polinnen sind recht sinnlich liebenswürdig, meist sehr üppig gebaut, haben mit den Spanierinnen die größte Ähnlichkeit, nicht die mindeste mit den Französinnen. Hätte ich die polnische Sprache gekannt, so würde ich gewiß auch mehrere recht artige polnische Abenteuer erlebt haben. Es wurde viel Musik gemacht, einige der polnischen Damen hatten herrliche Stimmen, sangen aber nur polnische Lieder, die, wie man mir sagte, meist politischen Inhalts waren und sich auf Polens Schicksale bezogen.
Als den nächsten Tag das Gestirn des Tages untergegangen war, fand ich mich zur bestimmten Zeit in dem bewußten Haus ein, wo mich die Frau willkommen hieß, aber nur wenig schlechtes Deutsch sprach, so daß wir uns mehr durch Pantomimen verständlich machen mußten. Ich hatte beinahe schon eine gute Stunde gewartet, als endlich die Gräfin, im Kostüm eines polnischen Dienstmädchens und in Begleitung des ihrigen erschien. Beide sahen so reizend aus, daß mir fast die Wahl wehe tat. Aber hier war keine Wahl mehr möglich. An drei Stunden brachte ich in einem Hinterstübchen mit der verkleideten Gräfin zu, während die beiden anderen in der vorderen Wache hielten. Beim Weggehen sagte sie mir, sie würde mich es jedesmal durch ihr Mädchen wissen lassen, wenn sie abkommen könne. Dies ließ ich mir gern gefallen, und die hübsche Abgesandte war mir so lieb, daß in ihren Armen ermüdet, ich mehr als einmal die Einladung zum Stelldichein unter dem Vorwand, schon bei einem General oder Stabsoffizier zugesagt zu haben, ausschlug, wobei ich auf die Mithilfe des mich entschuldigenden Mädchens sicher zählen konnte. – So hatte ich ungefähr drei Wochen in Posen zugebracht. Es war Zeit, an die endliche Rückreise nach Kolberg zu denken, die ich nach gehörigem Abschiednehmen bei sehr schlechtem Wetter und auf abscheulichen Wegen antrat, und zwar in einem offenen Wagen, über Czarnikau, Schneidemühl und Neustettin, wo Weg und Wetter erst wieder etwas leidlicher zu werden begannen. In meinem Leben habe ich keine unangenehmere und langweiligere Reise gemacht. Übernachten in ekelhaften Wirtshäusern, elenden Krügen, schmutzige und so unreinliche Betten, daß ich das ganze Bettzeug hinauswarf und auf frischem Stroh, das ich mir bringen ließ, schlief, jämmerliche Kost, auch nicht ein interessanter Gegenstand auf dem ganzen Weg. Dies alles gehörte zu meinen Reiseannehmlichkeiten.
Als ich endlich zu Kolberg durch das Lauenburger Tor wieder einfuhr, da war mir ganz sonderbar zumute und so unheimlich, daß ich mich gerne wieder hundert Meilen weit weggewünscht hätte. Ich machte meine schuldigen militärischen Meldungen und hatte einige Flaschen Danziger Goldwasser und einen ziemlichen Vorrat Königsberger Marzipan mitgebracht, die ich an die Töchter meines Kommandeurs und andere verschenkte, um mir eine gute Aufnahme zu bereiten. Ich trat nun meine Dienste, sowohl bei der Garnison wie bei den mir befreundeten Damen wieder an, und allenthalben hieß es: „Fröhlich ist wieder da; wir werden bald wieder Neues hören.“ Ich ließ es indessen vorerst beim Alten, scherzte mit Madame G..., besuchte fleißig die Frau Doktor M..., sang mit Frau von Schätzel, brachte mit Hilfe der letzteren einige kleine theatralische Vorstellungen zustande, die im Haus der Madame Schröder und bei Kuhpfahls aufgeführt wurden, und so weiter.
Ein höchst greulich-tragischer Vorfall, der sich um dieselbe Zeit in meiner Vaterstadt Frankfurt am Main zutrug, machte auch in Kolberg großes Aufsehen, da das Individuum, welches denselben veranlaßt hatte, aus dieser letzteren Stadt gebürtig war, in der sein Vater, ein ehrenwerter alter Zimmermann namens Moog, noch lebte, und so unglücklicherweise die in Frankfurt von seinem Sohn begangene furchtbare Tat erfahren mußte. Der junge Moog, ein Tischler, hatte sich in Frankfurt mit einer Bürgerstochter verheiratet und war so Bürger und Meister daselbst geworden. Obgleich fleißig, arbeitsam und sehr mäßig lebend, konnte er daselbst doch nicht vorankommen, woran hauptsächlich schuld war, daß er unbarmherzigen Menschenschindern, vulgo Wucherern in die Hände gefallen war. Er wurde trübsinnig, sah das Elend seiner Familie, er hatte bereits fünf Kinder, von denen das älteste noch nicht sieben und das jüngste anderthalb Jahre alt war, unabwendbar, und wurde namentlich von einem gewissen Konrad R...s, dem er einige Gulden schuldete, bis aufs Blut gemartert. Er faßte nun einen verzweifelten Entschluß, und nachdem er eines Morgens früh, er sollte an diesem Tag gepfändet werden, das Dienstmädchen in einen von seiner Wohnung im Löwengäßchen weit abgelegenen Stadtteil unter dem Vorwand, daß bei einem Bäcker daselbst ganz vorzüglich gute Milchbrote zu haben seien, weggeschickt, schnitt er seiner Frau, seinen fünf Kindern und zuletzt sich selbst den Hals ab, so daß das rückkehrende Mädchen sieben in einem Blutbad liegende Leichen antraf und ohnmächtig niederfiel. Diese schreckliche Tat hatte die ganze Stadt in Alarm gebracht. Der unglückliche Moog, den besonders die Ambition, daß niemand von den Seinigen der Stadt zur Last fallen solle, zu der schrecklichen Tat vermocht hatte, wurde von der unsinnigen Frankfurter Kriminaljustiz noch verurteilt, nach dem er auf einem Schinderkarren zum Rabenstein geschleift worden, daselbst, obgleich schon tot, enthauptet zu werden, worauf man seinen Kopf auf eine Stange steckte und den Körper auf das Rad flocht. Dies geschah im Ihre 1817 zu Frankfurt!
Auf diese Veranlassung hin erließ der Frankfurter Senat ein Schreiben an den Magistrat zu Kolberg, worin er demselben Bericht über den gräßlichen Vorfall erstattete und dabei bemerkte: daß es ihm (dem Senat) zum Troste gereiche, daß der schreckliche Mörder kein geborener Frankfurter, sondern ein Kolberger sei. – Der Kolberger Magistrat, zehnmal vernünftiger, zuckte die Achseln über diese unpassende Bemerkung und meinte, eine Regierung, deren Behörden solche absurde Mitteilungen zu machen imstande seien, müsse eben nicht zu den vernünftigsten gehören, und er hatte vollkommen recht. – Mehrere Jahre nachher wiederholte sich ganz dasselbe furchtbare Schauspiel, das diesmal ein geborener Frankfurter namens Lichtwerk aufführte, ebenfalls durch Wucherer dazu veranlaßt, wozu denn auch die den Armen so ungünstige als den Reichen günstige Frankfurter Ziviljustiz das ihrige beitrug. Der Reiche, besonders wenn er recht vollbesetzte Mittagessen zur rechten Zeit zu geben versteht und sich gewisser Rabulisten versichert, vermag bei der Frankfurter Themis alles.
Als der arme alte Moog in Kolberg, den ich persönlich gekannt, die Untat seines Sohnes erfuhr, sagte er, wie von stillem Wahnsinn überwältigt: „Dies war ja nicht mein Sohn,“ und wiederholte diese Worte, so oft die Sprache von dieser Tat war. Er starb ein halbes Jahr darauf.
Ich führte nun mein früheres Leben in Kolberg wieder fort, ging noch einige Male auf Urlaub nach Berlin, wo ich mich immer sehr vergnügte, und mehrere kleine komische Vorgänge, die ich in Gesellschaften oder auch auf Promenaden beobachtet hatte, dem dortigen, damals sehr beliebten Volksblatt ‚Der Beobachter an der Spree‘ mitteilte, dessen Redaktion sie auch sehr willig und gerne aufnahm. Damals ahnte ich noch nicht, daß diese von meiner Feder dem Druck übergebenen Erstlinge den Anfang einer, einige Jahre später zu beginnenden literarischen Karriere sein würden. – Man fand sie, ohne daß man den Verfasser kannte, geißelnd und satirisch genug, namentlich gefielen sie der alten Frau von Pogwisch außerordentlich.
Ein Streich, den ein paar Studenten der reichen Madame Schröder gespielt hatten, gab der ganzen Stadt Kolberg viel zu lachen. Die Dame machte jetzt jedes Jahr eine Pläsierreise in Gesellschaft ihrer Freundin Julius. Schon einige Male waren sie bis nach Berlin gekommen, hatten sich aber noch nicht weiter gewagt, diesmal hatten sie sich jedoch Dresden zu sehen vorgenommen. Sie reisten ohne andere männliche Begleitung als einen pommerschen Kammerdiener, der nicht mehr Erfahrung und Weltkenntnis hatte als seine Herrinnen. In Dresden führte sie der Zufall an der Table d’hôte des Gasthofes, in dem sie logierten, in die Nachbarschaft von ein paar Studenten, lustigen Zeisigen, welche die große Naivität der reisenden Damen schnell lehrte, wes Geistes Kind dieselben waren. Sie redeten ihnen zu, da sie so nahe bei Prag seien, doch auch diese merkwürdige Böhmenstadt, von deren Raritäten sie ihnen Wunderdinge erzählten, zu besuchen und kennen zu lernen. Madame Schröder meinte, das sei allerdings der Mühe wert, aber auf der Reiseroute, die ihnen Herr Julius in Kolberg ausgefertigt, stünde nichts davon geschrieben, und sie wüßten also nicht, wie sie es anzufangen hätten, den Weg dahin zu finden. – „Oh, wenn es weiter nichts ist, meine Damen,“ sagte der eine Studiosus, „die will ich Ihnen schon angeben.“ – „Wollen Sie die Gefälligkeit haben?“ – „Mein Gott, warum denn nicht? Sie müssen Ihre Pferde nur genau von einer Station zur anderen so bestellen, wie ich es Ihnen hier aufzeichnen werde.“ – Er nahm nun ein Papier zur Hand und schrieb eine Reiseroute von etwa zehn bis zwölf Stationen auf, die bis wenige Meilen vor Prag führte, dann aber wieder auf einem anderen Weg bis auf eine Station vor Dresden zurück. Prag selbst schrieb er nicht auf, indem er zu den Damen sagte: „Das ist unnötig, auf dieser letzten Station bestellen Sie die Pferde nur nach Prag.“ – Die Damen bedankten sich recht höflich für die ihnen erwiesene Gefälligkeit und befolgten die erteilten Instruktionen auf das genaueste. Frau Julius, welche sich die klügste dünkte, bestellte die Pferde von Station zu Station, wie es auf dem Zettel stand. Als sie aber, auf der letzten angekommen, dieselben nach Prag requirierte, glaubte der Posthalter, die Dame habe sich versprochen, und sagte: „Sie werden meinen, nach Dresden.“ – „Oh, bewahre der Himmel, nach Prag, nach Prag.“ – „Ja, da kann ich Sie nur für die nächste Station bedienen, dann müssen Sie weiter bestellen, bis zur letzten vor Prag.“ – Die Damen wußten nicht, was das zu bedeuten habe, und glaubten, der Herr Posthalter sei nicht recht bei Sinnen. Endlich, nach vielem Hin- und Herreden, und nachdem die Damen ihre, vom Studenten erhaltene Reiseroute vorzeigten, klärte sich die Sache auf. Der Posthalter konnte das Lachen kaum verbergen und die Damen waren im höchsten Grade erbost, als sie inne wurden, welchen Streich man ihnen gespielt. Sie fanden nun für gut, die Reise nach Prag ganz aufzugeben, kehrten wieder nach Dresden, und zwar in denselben Gasthof zurück, wo sie sogleich dem Wirt die Geschichte erzählten und nach dem boshaften Studenten fragten, der aber nach der Versicherung des Wirtes mit seinen Kameraden gleich, nachdem die Damen weg waren, nach Leipzig abgereist sei, sich aber vorher noch des Geniestreichs, den er gemacht, rühmte, so daß der Wirt und andere Gäste vor der Rückkehr der Damen schon davon unterrichtet gewesen, die nun Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit in dem Gasthof waren, und verschönert kam die Geschichte in ganz Dresden herum. Sie selbst, sowie ihr Kammerdiener erzählten, nach Kolberg zurückgekommen, ebenfalls das gehabte Abenteuer, über den Studenten schimpfend, während die ganze Stadt lachte und man sich allenthalben zurief: „Nun, machen wir bald wieder eine Reise nach Prag?“
Herz und Zeit teilte ich jetzt zwischen literarischen Studien und der Unterhaltung mit einem halben Dutzend Damen. Unter den letzteren war auch eine neue Amourette mit einem hübschen Klosterfräulein, die sich von B... nannte. Doch war sie in keinem Kloster, sondern in einer Stiftung, die aus einem früheren Kloster, das, wie so viele nach der Reformation, einging, dotiert war und von der junge Mädchen aus guten, aber zurückgekommenen Familien einen Jahrgehalt erhielten, der wegfiel, so bald sie sich verheirateten. Diese wohnte bei einem Kaufmanne G...l, mit dem sie verwandt war, der mehrere Kinder hatte und die hübsche Klostercousine ebenfalls gerne sah, was indessen seine Frau, Vertraute des Fräuleins, wußte, und deshalb deren Bekanntschaft mit mir begünstigte, während mich der Mann ungern in seinem Haus vorfand. Ich sah indessen Fräulein von B... oft in einem dritten Haus, bei einer Frau Witt auf dem Markt, die so gefällig war, uns ganze Stunden in eine obere Kammer einzusperren und daselbst mit allerlei Erfrischungen zu versehen. Auch sie ließ ihren Herrn Gemahl gerne blinde Kuh spielen. Da indessen Herr G...l der Cousine immer mehr zusetzte, so entschloß sich dieselbe, aus diesen und noch anderen Ursachen sein Haus und sogar Kolberg zu verlassen und in dem nahen Belgard zu wohnen, wo ich sie dann öfters heimsuchte. Eine andere Dame, mit der ich ein Verhältnis angeknüpft hatte, konnte ich nur, da sie zu sehr bewacht war, mit Hilfe der gefälligen Frau Witt, auf der Dachrinne zwischen dem Giebel ihres Hauses und dem der Dame sprechen, indem wir jedes aus einem Gaubloch (Dachfenster) stiegen. So oft es ihr zu kommen möglich wurde, gab sie mir das Zeichen dazu durch ein Stückchen weißes Papier, welches sie an das Fenster klebte, und zwar zu einer bestimmten Nachmittagsstunde, die ich in einer nahen Weinwirtschaft, die man ‚Zur Mutter Blaurock‘, ein Spottname, den man der etwas korpulenten und gutmütigen Wirtin gegeben, abpaßte. Eines Abends, als wir nach eingebrochener Nacht uns wieder in der Rinne zwischen den zwei Giebeldächern recht angenehm unterhielten, hörten wir plötzlich Tritte auf dem Boden, die sich dem offen stehenden Gaubloch näherten. Wir flüchteten uns schnell durch das Dachfenster des Wittschen Hauses auf den Boden. Madame L... glaubte ihren Mann zu erkennen, eilte die Stiegen hinab, über die Straße in ihr Haus und in ein hinteres Gemach. Als der Herr Gemahl, denn er war es richtig gewesen, langsamen Schrittes vom Boden herabkam, fand er seine teure Ehehälfte ganz ruhig in demselben etwas räumen. Er schüttelte zwar bedenklich den Kopf, sagte aber nichts. Den andern Tag war jedoch das auf die Rinne führende Dachfenster mit einem Vorlegeschloß verwahrt, was aber nicht hinderte, daß wir andere Mittel und Wege fanden, uns zu sehen, und dies mit Hilfe kleiner Papierchen und gewisser Zeichen am Fenster. Ein paar alte Türkenjungfern halfen gerne aus; der Mann begleitete die Frau zu ihnen und holte sie auch später wieder ab, nicht ahnend, daß ich schon vorher im Haus verborgen war. Die Dame erhielt bald darauf einen Besuch von einer jungen Anverwandten, einem Fräulein von Campke aus Berlin, das sie nun zu ihrer Liebesbotin machte. Das Mädchen war sehr schön, hatte besonders einen ätherischen Wuchs und einen Sylphidengang, eine wahre Hebegestalt. War es ein Wunder, daß mich eine solche verführerische Abgesandte, deren Stimme noch obendrein den harmonischsten Klang hatte, zur Untreue und zum Verrat an der Schönen, die sie sandte, verleitete? Auch war es fast immer auf dem alten Marienkirchhof, zwischen Gräbern und Gespenstern, wo sie mir zu sagen hatte, ich möchte mich bei Türks einfinden, und ich sie dann persuadierte, sich vorher bei mir einzustellen. Leider blieb das hübsche Mädchen eine viel zu kurze Zeit in Kolberg, sie gab mir aber die Adresse ihrer Wohnung in Berlin, in der Hamburger Straße, wo sie sich bei ihrer Tante, der Frau von Osten aufhielt, die eine Verwandte eines Majors von Osten war, der in Berlin bekannt, weil ihn ein Feldprediger, den er gerne aufzog und zum besten hatte, einst auf eine arge Weise heimgeschickt, ohne daß er deshalb etwas hätte erwidern können, so sehr er sich auch getroffen fühlen mußte. Die Sache war folgende: Bei dem Dessert eines splendiden Mittagmahles, das ein Oberst seinen Offizieren gab, neckte sich der Major wieder mit dem Feldprediger, und zog ihn namentlich wegen der Wunder der Bibel arg auf. Der Pastor, in die Enge getrieben, wußte sich nicht anders zu helfen, als indem er zu seinem Gegner sprach: „Oh, die Wunder, die Sie da erwähnen, sind noch gar nichts gegen die bei der Sündflut, wo unser Herrgott dem Vieh jeder Art befahl, sich in die Arche zu verfügen, und dann unter anderem zu den verschiedenen Tieren sprach: ‚Du, Löwe von Süden, geh’ in den Kasten hinein; du, Kamel aus Westen, geh’ in den Kasten hinein; du, Bär von Norden, geh’ in den Kasten hinein, und du, Esel von Osten, geh’ in den Kasten hinein‘, und sämtliches Vieh gehorchte ohne Murren.“ – „Bravo, Herr Pastor,“ erschallte es von allen Seiten des Tisches. Der Major biß sich in die Lippen, war stumm und ließ den Feldprediger fortan ungehudelt.