Aus Mangel an anderen Feldzügen und aus Langeweile, die in Friedensgarnisonen das Militär immer plagt, denn man kann auch mit dem besten Willen nicht ewig hinter den Büchern hocken, und der Dienst will nicht viel sagen, machte ich fortwährend Pläne, neue Kampagnen unter Amors Banner zu eröffnen. So kam ich auf die Idee, die Szene, die ich schon einmal in Berlin gespielt, auch in Kolberg zu wiederholen, nämlich alle meine Teuren, jedoch nur die Verheirateten, bei einem Abendmahl zu vereinigen. Ich wohnte damals bei einem Brauer namens Paul, der ein Paar scharmante junge Töchter, Minchen und Karolinchen, besaß, mit denen ich mich schnell auf einen vertrauten Fuß gesetzt hatte. Meine Wohnung war Parterre und hatte einen eigenen Eingang im Torweg. Nachdem ich nun sieben Frauen zu diesem Abendessen, versteht sich, ohne daß eine etwas von der anderen wußte, eingeladen, bat ich die beiden Mädchen, mir doch ein Essen zu bereiten, indem ich einige Kameraden bewirten wollte. Es solle aber nur aus kalter Küche bestehen. Sie machten ihre Sache vortrefflich und bereiteten besonders einige sehr gute Gelees und Blancmangers. Pasteten hatte ich in der Stadt London machen lassen. Als die festgesetzte Stunde gekommen und der Tisch vollständig serviert war, daß keine Bedienung mehr nötig, kamen nacheinander: Madame G..., Frau Doktor M..., Frau von Sch...l, Frau von St..., Madame Z...ke und Madame W..., die ich alle auf das freundlichste empfing und, sowie eine zweite leise anklopfte, jedesmal erstere teils in meine Schlafkammer, teils in eine andere Nebenkammer eiligst verbarg, ihr tiefstes Schweigen empfehlend. Als endlich alle da waren, die siebente blieb aus, trat ich mit einem Licht in die Kammern und bat die ebenso überraschten als verschämten Schönen, mir zu erlauben, sie an den Tisch führen zu dürfen. Hier war die Szene eine ganz andere wie zu Berlin, da sich die sämtlichen Damen sehr genau kannten; auch blieben alle stumm und bewegungslos. Bei einigen verriet sich aber Zorn und Scham im Angesicht. Keine wollte meiner Einladung Folge leisten. Dies wäre eine Gruppe für einen Hogarth gewesen; in allen seinen Zeichnungen findet sich nichts ähnliches. Auch ich gaudierte mich nicht wenig an dem Anblick derselben. Die einen waren blutrot, die anderen leichenblaß, und keine getraute sich umzusehen. Ich nahm endlich das Wort und sagte: „Wohlan, meine Damen, das Souper erwartet Sie; es ist zwar ein kaltes, wird Ihnen aber doch schmecken. Verderben Sie sich den Appetit nicht, wir sind ja lauter Bekannte. Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes übrig und es ist immer das Beste, gute Miene zu bösem Spiele zu machen. Seien wir einig, Sie haben ja alle gleiches Interesse, daß dies Spiel nicht verraten werde, also keine etwas von der anderen zu fürchten. Ein wenig Scham ist schnell vorüber.“ Noch immer gab keine einen Laut von sich. Ich nahm nun Frau von Sch...l und die Doktor M... am Arm, führte sie halb mit Gewalt an den Tisch, placierte sie und machte es dann mit den anderen ebenso. Ich servierte, aber keine wollte zugreifen. Endlich machte Madame G... zuerst den Mund auf und löste ihre geläufige Zunge, indem sie sprach:
„Meine Damen, der Streich ist zwar unerhört, nein, so etwas lebt nicht mehr und ist gewiß noch nicht vorgekommen, so lange die Welt steht. (Hier ließ ich ein leises: „Doch, doch,“ hören.) Fröhlich ist ein Ausbund von Verrat und Falschheit, aber was wollen wir armen verratenen Geschöpfe machen. Kommt die Geschichte an den Tag, so sind wir alle verloren. Es bleibt nichts anderes übrig, als reinen Mund zu halten oder unserem abscheulichen Wirt die Augen auszukratzen, ihn bis in den Tod zu hassen, oder noch besser, zu erwürgen.“ – Dies war eine schöne Aussicht für mich. Glücklicherweise machte keine der Damen Anstalt, einen so abscheulichen Rat zu befolgen, und ich, mich ermannend, versetzte: „Mein Tod, meine Damen, würde das Übel, wenn es eines ist, in dem Sie sich befinden, nur noch zehnmal ärger machen, denn Sie könnten in den Fall kommen, alle gehängt zu werden. Deswegen ist mein Rat, statt den der Madame G... zu befolgen, sich sofort an die auf Sie schon längst harrenden, gut zubereiteten Speisen zu machen, sich es wohl schmecken zu lassen.“ Dabei küßte ich eine nach der anderen, trotz ihrem Sträuben, und nötigte sie zum Essen. Sie fanden sich nach und nach in das Unvermeidliche, wurden gesprächiger, und nachdem erst einige Gläser Champagner geleert waren, fand sich das Übrige. Ich spielte lustige Tänze am Klavier, man wurde zuletzt heiter und fröhlich, und gegen zehn Uhr verließen sie sämtlich meine Wohnung, mir beim Umarmen eine angenehme Nacht wünschend. Der Spaß war nicht mit Gold zu bezahlen, wurde aber doch verraten, denn Pauls Töchter hatten uns belauscht und die Damen fortschleichen gesehen, ohne sie jedoch alle und genau erkannt zu haben, sondern mehr vermutet, wer sie waren. Als sie noch denselben Abend zu mir kamen, den Tisch wieder abzuräumen, lächelten sie malitiös, und die jüngere, Karolinchen, eine frische, kaum sechzehnjährige Blondine, sagte: „Ihre bewirteten Kameraden waren ja alle ohne Bart.“ – Ich küßte sie und erwiderte: „So wie du, mein Kind,“ und da ich wohl merkte, daß sie gelauscht haben mußten, nahm ich ihnen das feierliche Versprechen ab, gegen niemand etwas von diesem Souper zu erwähnen, und behielt sie zum Dessert bei mir. Sie hatten noch eine dritte Schwester, eine junge, an einen Salinenbeamten verheiratete Frau, die öfters ihre Eltern besuchte, mit der ich etwas später auch noch ein kleines Abenteuer hatte. Dieser erzählten sie im tiefsten Vertrauen, was bei mir vorgegangen war, und so machte die Historie mit vielen Varianten der Namen der Beteiligten dennoch bald die Runde in der Stadt, wurde aber glücklicherweise von den meisten Personen für ein Märchen oder doch wenigstens als sehr ausgeschmückt und übertrieben gehalten, besonders, da man sich hinsichtlich der Namen der beteiligten Personen durchaus nicht verständigen konnte. Auch wurde diese Geschichte schnell wieder durch eine andere verdrängt.
Mein Freund Willmann, der in der Liebe weit beständiger war als ich, hatte noch immer großes Wohlgefallen an seiner korpulenten Kriegsrätin. Eines Nachmittags wurde im Garten bei Kuhpfahls die Chronique scandaleuse der damaligen Zeit von Kolberg verhandelt, wo denn auch das Verhältnis Willmanns mit der Wißling zur Sprache kam, und ein Kaufmann namens Hackstock, bei dem Willmann wohnte, erzählte ganz ohne Hehl in dem Harmoniegarten, daß die Kriegsrätin gewisse Futterale von den feinsten Blasen für den Offizier per Dutzend nähe. Dies wurde dem Vater der Kriegsrätin, einem Beamten namens Juske, der noch andere hübsche unverheiratete Töchter hatte, hinterbracht, und der Mann war einfältig genug, die Sache anhängig zu machen und den Erzähler als Verleumder zu verklagen, der sich nun zu beweisen erbot, was er gesagt, indem er selbst ein ganzes Paket solcher Dinger, von der Wißling geschickt, einem Mädchen abgenommen hätte, und so weiter. Man kann sich denken, welch ein ungeheures Aufsehen diese Skandalosa in ganz Kolberg machte, so daß die Kriegsrätin für gut fand, die Stadt zu verlassen und sich nach Bromberg zurückzuziehen. Doch auch hierher drang diese Historie, und sie zog nochmals weiter gen Norden, und zwar bis Königsberg. Dies und noch ein anderer Vorfall, durch einen Grafen Schulenburg, einen verabschiedeten Gardeleutnant und Festungarrestanten, bei der Mutter Blaurock veranlaßt, machte mein Souper und alle anderen Dinge auf vierzehn Tage vergessen.
Ich hielt mich nun mehr an meine Hausdamen Pauls und deren verheiratete Schwester, zu denen außerdem noch eine ganze Menge artiger Bürgermädchen kamen, unter denen eine Louise Zielken, ein Louischen Platzer, ein Hannchen Sinel, eine Sophie Reisinger, eine Madame Igel und eine wunderschöne Schornsteinfegersfrau mit einer feinen schneeweißen Haut, ganz allerliebst waren, denen zuliebe ich allerlei Spiele, namentlich auch Versteckens und Waldpartien veranstaltete, und mich bald mit der einen, bald mit der anderen in der Malzdarre des Hauses oder einem undurchdringlichen Gebüsch des Hains verbarg.
Eine recht unterhaltende Partie war eine Hochzeitsfeier, die ein wohlhabender Pächter der Madame Schröder im Bullenwinkel zu Ehren seiner Tochter, die einen Krämer in Kolberg heiratete, veranstaltete, zu der er alle Honoratioren Kolbergs durch reitende, mit Bändern und Blumen geschmückte Boten, wie es dort zu Lande Sitte ist, eingeladen hatte. Diese Feier währte nicht weniger als drei volle Tage und Nächte, während welchen unaufhörlich gegessen, getrunken, getanzt, gespielt und geküßt wurde. Die ersten vierundzwanzig Stunden hatte ich das etwas wilde Hochzeitsfest ununterbrochen mitgemacht, den zweiten und dritten Tag aber fand ich mich immer erst gegen Abend ein, um ein nächtliches Abenteuer zu bestehen. Ein recht hübsches Landmädchen, das ich zu einer kurzen Mondscheinpromenade beredete, sagte mir ganz naiv: „Aber Sie wollen mich doch nicht verführen?“ – „Bewahre, nur liebhaben, mein schönes Kind.“ – Bei diesem Verführen fiel mir ein gar nicht lange vorher vorgefallenes Histörchen ein. Bei einer Paternitätsklage hatte der Richter der Klagenden gesagt: „Mein Kind, was Ihr da vorbringt, ist nicht hinlänglich, Ihr müßt mir gültigere Beweise bringen, daß Euch der Mensch verführt hat.“ – Einige Tage darauf erschien das Mädchen wieder vor dem Richter und sprach: „Jetzt habe ich die besten Beweise, Herr Richter!“ – „So laßt hören.“ – „Ja, er hat mich gestern Abend schon wieder verführt!“ – Am vierten Morgen kehrte ich, sowie alle Gäste, etwas stark ermüdet mit einem kleinen Fieber heim.
Mein Fieber nahm indessen zu, sowie ein arger Husten, der mir die Brust stark angriff. Das etwas wilde Leben, das ich führte, mochte freilich viel schuld sein, indessen trug das frühe Exerzieren am Strand der Ostsee, wo man sich oft bei kaltem nebligem Wetter bei dem beständigen Kommandieren heiser schrie und sehr erhitzte, wohl auch das Seinige dazu bei, wozu noch kam, daß ich öfters, noch lange nicht abgekühlt genug, durch ein Bad in den Fluten des Baltischen Meeres mich von der Erhitzung und Ermüdung zu befreien suchte. Verdruß und mancher Ärger, die ich mir allerdings meist selbst zuzog, setzten mir auch zu.
Eines Tages war Feuer in der Stadt ausgebrochen. Ich wurde an das Geldertor kommandiert, wo ein Leutnant Göricke die Wache hatte. Die Instruktion lautete, daß bei einem Brand niemand aus der Stadt gelassen werden dürfe, so lange er währte. Nun kam eine Menge Mädchen, welche in der Vorstadt Milch für ihre Herrschaften holen wollten. Es war noch früh am Morgen, und da sie der wachehabende Leutnant nicht hinausließ, so wuchs ihre Zahl bald auf ein halbes Hundert, mit denen sich dann die Soldaten neckten und schäkerten. Das Feuer währte an drei Stunden, bevor es gelöscht war. Die Mädchen, denen wohl auch dies Spiel gefiel, harrten, bis die Passage wieder frei sei, und ihre Damen, vergeblich auf die Milch wartend, mußten diesen Morgen ohne den gewohnten, nicht zu entbehrenden Kaffee bleiben oder ihn ohne Milch genießen, und wurden noch obendrein über das Ausbleiben ihrer dienstbaren Geister, wodurch der ganze Morgen verloren ging und das Mittagessen nicht zur rechten Zeit bestellt werden konnte, erbost. Auch dies kam wieder zu Ohren des Kommandanten, der mich bei der Parade deshalb zur Rede stellte und dabei sagte: „Der Befehl, niemand aus der Stadt zu lassen, erstreckt sich nicht bis auf die Milchmädchen, aber es unterhielt die Herren, diese Possen mit den Soldaten treiben zu sehen.“ – Ich erwiderte dem Kommandanten, daß ich nicht der wachehabende Offizier gewesen, sondern nur das Kommando der auf diesen Alarmplatz beorderten Truppen gehabt, folglich mich diese Konsigne gar nichts angegangen habe. – Hierauf versetzte er: „Das ist keine Entschuldigung, Sie waren der ältere Offizier im Grad und hätten also auf Ordnung sehen müssen.“ – Dabei hatte es sein Bewenden und er konnte mir wegen dieser Sache nicht wohl etwas anhaben. Dagegen gelang es ihm den Sonntag darauf, wenn auch mit noch weit geringerem Grund, mich so zu reizen, daß ich nach den Kriegsgesetzen allerdings sehr straffällig wurde.
Es war große Parade auf dem Markt. Nach gehöriger Inspektion schwenkten die Bataillone rechts ab, um zuerst im Paradeschritt vor dem Kommandanten zu defilieren. Der Offizier, der den dem meinigen folgenden Zug kommandierte, hatte die gehörige Distanz beim Schwenken nicht behalten, sondern war meinem Zug viel zu nahe gerückt. Daß sich dies so verhielt, konnte niemand besser als der außerhalb der Kolonnen stehende Kommandant bemerken. Dennoch wandte er sich laut schreiend mit den Worten: „Herr Leutnant Fröhlich, Sie halten ja gar keine Distanz, Ihr Zug marschiert wie Rekruten!“ an mich. Der ganze Markt und die Fenster waren voll Zuschauer, welche alle diese Apostrophe gehört haben mußten. Dies versetzte mich in einen solchen Zorn, daß ich nicht mehr Meister über mich selbst war und dem Kommandanten noch lauter erwiderte: „Herr Oberst, wenn Sie nicht sehen wollen, daß mein Hintermann und nicht ich die Distanz verloren hat, so lassen Sie auf der Stelle einschwenken, und Sie werden sich zur Genüge davon überzeugen.“ – Statt aller Antwort wurde die Kolonne durch ein donnerndes „Halt!“ zum Stehen gebracht, mir sogleich der Degen abgenommen, ich vom Platzmajor in Arrest geführt und dann meine abermalige Suspension vom Dienst bis nach abgemachter Untersuchung verordnet. Gleich den andern Tag kam ich bei meinem Kommandeur mit einem Gesuch um meinen Abschied ein, worauf mir aber erwidert wurde, daß erst nach beendigter Untersuchung mein Gesuch berücksichtigt werden könne. – Ich hatte schon längere Zeit im Sinn, meine Entlassung zu nehmen, da ich einsah, daß unter den bewandten Umständen eben kein großes Glück mehr für mich in preußischen Diensten zu hoffen sei, und ich auf kein baldiges Avancement rechnen könne. Mehrere Gesuche um eine Versetzung zu einem Regiment in den Rheinprovinzen waren mir abgeschlagen worden, und ich hatte durch einen Zufall in Erfahrung gebracht, daß ich in den Konduitenlisten, welche die Chefs alljährlich von den Offizieren einreichen, ziemlich schwarz angeschrieben stand. Wenn ich gerecht sein will, muß ich gestehen, daß ich durch mein oft sehr unpolitisches Benehmen dies mit veranlaßt hatte. Nach vierundzwanzig Stunden wurde ich vom Arrest wieder befreit, blieb jedoch suspendiert, und die Untersuchung begann. Während dieser Zeit, es dauerte über fünf Monate, bevor das bestätigte Urteil von Berlin zurückkam, lebte ich ziemlich eingezogen in meiner Wohnung, wo ich mich mit den liebenswürdigen Töchtern meines Wirtes und deren zahlreichen Freundinnen recht angenehm unterhielt, viel las und studierte und den Nachmittag ein paar Stunden in dem Harmoniegarten mit Lesen der Zeitungen und belletristischen Blätter zubrachte. Eines Tages befanden sich die Töchter meines Obersten, die des pensionierten Generals von Fiebig und noch andere, zum Teil noch ganz junge Mädchen in dem an das Lesezimmer stoßenden Gartensaal und machten nicht nur einen so gewaltigen Lärm, daß es unmöglich war, einen Gedanken zu fassen, sondern sie rannten wohl dreißigmal in einer Viertelstunde, Türen auf- und zuschlagend, durch das Lesezimmer, so daß sich auch einige Bürger in demselben laut beschwerten. Ich schloß endlich die Türe des Gartensalons ab, so daß die Mädchen nicht mehr herauskonnten, da er keinen anderen Ausgang hatte, und ließ sie eine geraume Zeit an der Türe pochen und rufen, bevor ich ihnen aufmachte, was ich endlich lachend tat, worauf mir das jüngste Fräulein von Witke, ein kaum elf Jahre altes, naseweises Ding, sagte: „Ich werde es dem Papa sagen, der soll Sie wieder in Arrest schicken.“ – Ich erwiderte ihr darauf: „Mein artiges Fräulein, bei mir zu Lande ist es Gebrauch, daß man die Gänschen jeden Abend einsperrt.“ – Aber nun fielen alle auf einmal über mich her und schnatterten so gewaltig, daß ich auch kein Wort verstand, sondern mich lachend entfernte. Durch Frau von Sch...l aber, die ich noch denselben Tag sprach, erfuhr ich, daß sich das ältere Fräulein von Witke gegen die anderen Mädchen geäußert habe: „Laßt es nur gut sein, der kommt schön an, der Vater hat ohnehin schon in die Konduitenliste gesetzt, daß er unanständige Liebesintrigen habe, sich ungebührlich gegen seine Vorgesetzten benehme und Schulden mache.“ – Ich mochte ungefähr ein paar hundert Taler Schulden haben, die jedoch meist auf laufende Rechnung waren, und die ich am Ende wohl noch bezahlen konnte und bezahlte. Dies und die Intrigen hätte man mindestens von einem Dritteil der Offiziere in die Konduitenliste setzen können. Aber die Hauptsache waren die Vorgesetzten. Mein Urteil kam endlich von Berlin und war abermals sechsmonatlicher Festungsarrest, den ich diesmal in Kolberg selbst absitzen sollte. Der Kommandant wies mir eine Stube auf dem Geldertor an, mit dem Verbot, mein Arrestzimmer nicht verlassen und noch weniger in die Stadt gehen zu dürfen. Ja, er trieb es so weit, daß die wachthabenden Offiziere Order erhielten, daß ich ohne seine Erlaubnis keine Besuche annehmen dürfe und alle an mich gerichteten Briefe durch die Hände der Kommandantur gehen sollten. Nur zwei Stunden vor- und zwei nachmittags war mir ein sehr kurzer Spaziergang auf dem Wall unter den Augen der Schildwache erlaubt. Was die Briefe anbelangte, so wußte ich es schon zu machen, daß ich sie auf anderem Wege erhielt. Ich ließ meinen Burschen eine Bürste mit einem verborgenen Schieber machen, in welche er jeden Morgen, wenn er kam, um meine Kleider zu reinigen und das Frühstück zu bringen, die an mich in meiner Wohnung eingegangenen Briefe und Billetts aus der Stadt hineinlegte, und so auch meine Antworten wieder mit fortnahm. Hatten Offiziere, mit denen ich auf einem vertrauteren Fuße stand, wie Willmann, Bocksfeld, Melzer, Sanft und so weiter, die Wache, so empfing ich auch abends Besuche, und sogar weibliche. Indessen wurde die Sache mit der Briefbürste doch verraten. Ein Unteroffizier, der den Burschen fragte und visitierte, ob er keine Papiere für mich bei sich habe, nahm zufällig die Bürste in die Hand, entdeckte den Schieber, schob ihn zurück und fand zwei Zettelchen von Pauls Töchtern und einen Brief von einer gewissen Frau Geib, welche die Unterhändlerin für eine andere Dame machte, die sie glücklicherweise nicht in dem Schreiben genannt hatte. Diese drei Personen ließ der Kommandant nun durch die bürgerlichen Behörden, den Oberbürgermeister und den Polizeidirektor, vernehmen und verwarnen, künftig sich in keine Korrespondenz mehr mit Festungsarrestanten einzulassen. Dies gab abermals einen heillosen Stadtskandal, die Mädchen konnten sich gar nicht mehr sehen lassen, und ich war außer mir. Übrigens wurde mir die Zeit eben nicht lang auf meinem Tor. Ich hatte Kameraden und Unterhaltung genug. Ein alter, sehr lustiger Rittmeister, drei andere Offiziere, ein Bürgermeister, der einen Landrat geprügelt, ein Forstmeister, der aus Versehen einen Wilddieb erschossen hatte, saßen alle auf demselben Tor in verschiedenen Arreststuben. Wir kamen morgens und abends zusammen und jeder wußte eine Schnurre oder unterhaltende Begebenheit aus seinem Leben zu erzählen, besonders der Leutnant von Stolzenbach, der außerdem die niedlichsten Papparbeiten, ganze Burgen, Festungen, Tempel, Kirchen und andere Gegenstände aus Pappe zu seiner und unserer Unterhaltung verfertigte. Die Offiziere saßen meistens wegen gehabter Duelle. Auch ich hatte mein Klavier heraufbringen lassen und vertrieb mir und den anderen manche Stunde mit Musik. – Was mich aber quälte, waren mein Husten und meine Brustbeschwerden, die immer bedenklicher zu werden begannen, so daß sich schon schleichendes Fieber, starke Nachtschweiße und sogar einiges Blutspeien einstellte. Der Stabsarzt Clebsch ließ mich nun eine Kur von isländischem Moosgelee, Roggensuppen und Honigtee während vier Monate ununterbrochen nehmen, durch welche ich so ziemlich wieder hergestellt wurde. Kurz vor Beendigung meines Festungsarrestes erhielt ich die Anzeige vom Tode meiner Großmutter mütterlicherseits, die mir ein besonderes Vermächtnis von zweitausend Talern zugedacht hatte, und zwar aus dem Grund: ‚weil ich kein Komödiant geworden sei.‘ Diese Worte standen im Testament. Dieses Geld kam mir gerade trefflich zustatten, denn ich konnte nun die paar hundert Taler Schulden, die ich hatte, gleich tilgen und behielt ein kleines Kapital in der Hand, wodurch ich vorerst gedeckt war und den kommenden Ereignissen mit Ruhe entgegensehen konnte. Meines Arrestes entlassen, bestand ich um so mehr auf meinem Abschied, der mir dann auch sechs Wochen später ward. Ich hielt mich jetzt nur noch wenige Tage in Kolberg auf, wo sich zufälligerweise ein Frankfurter Weinhändler namens G..., ein guter Bekannter meiner Familie, eingefunden hatte, um Geschäfte zu machen. Während dieser Zeit wohnte ich bei dem Speisewirt Sack, der auch Kastellan der Freimaurerloge, von der der Kommandant ein Mitglied war. Eines Abends schlich ich mich in die sogenannte Probekammer und malte daselbst einen gehörnten und langgeöhrten Kopf mit Kohle an die Wand und schrieb darunter: der Kommandant. – Als dieser es erfuhr und sich augenscheinlich davon überzeugt hatte, – ich machte keinen Hehl daraus, daß ich es getan, – ließ er mich deshalb wieder vernehmen. Ich gab aber auf alle an mich gerichteten Fragen keine andere Antwort, als: „Ich habe damit den Kommandanten von Kalkutta gemeint, findet sich der von Kolberg dadurch getroffen, desto schlimmer für ihn.“ – Dabei blieb es, und nachdem ich gehörig Abschied von allen Bekannten und auch von dem braven Nettelbeck genommen hatte, der bei allen Gelegenheiten immer so sehr bescheiden war, daß man hätte glauben sollen, er schäme sich, so viele Verdienste zu haben, fuhr ich, von Kolberg abreisend, wo ich über vier Jahre zugebracht, dem Freund G... zuliebe über Köslin, wo ich mich noch ein paar Wochen aufhielt, nach Berlin.
XI.
Ein Polterabend. – Ich gebe ein paar Gastrollen. – Reise von Köslin nach Berlin. – Eine Reise nach Paris ohne Paris zu sehen. – Schicksale meiner Cousinen. – Abreise nach Magdeburg. – Carnot. – Er fordert mich auf, ein Geschichtswerk herauszugeben. – Aventuren. – Ich gerate in große Feuersgefahr. – Abreise nach Bremen. – Angenehme Reisegesellschaft. – Braunschweig. – Vetter K... und Cousine Henriette. – Ein Hausfreund. – Gesinchen. – Die Giftmischerin Gottfried. – Signora Catalani in Bremen. – Abreise nach Frankfurt. – Hannover. – Hildesheim. – Goslar. – Eine Partie auf den Blocksberg. – Kassel. – Wilhelmshöhe. – Zopfwut des Kurfürsten. – Ankunft zu Frankfurt.
In Köslin wohnte ich mit Freund G... bei Homanns auf dem Markt, wo zufällig den anderen Tag die Hochzeit der Tochter aus dem Haus stattfinden und gefeiert werden sollte. Als ich mich den Abend nach meiner Ankunft, nach zehn Uhr, ziemlich ermüdet zu Bette gelegt hatte und eben eingeschlafen war, hörte ich plötzlich unter meinem Fenster einen gewaltigen Lärm, der durch das Zusammenschlagen von Töpfen, Flaschen, Krügen, Gläsern und anderem Geschirr entstand, und kein Ende nehmen wollte. Wohl an zwei Stunden hatte der Skandal gewährt und mich am Einschlafen verhindert. Ich konnte gar nicht begreifen, was dies zu bedeuten habe. Als ich das Fenster öffnete, um zu erforschen, was es sei, sah ich mehrere Mädchen nacheinander ankommen, die einen Topf, eine große Schüssel oder sonst ein leicht zerbrechliches Gefäß mit aller Kraft auf die Steine vor der Haustüre warfen. Nachdem ich ihnen zugerufen, sie sollten mit dem Unfug aufhören, erwiderten sie mir lachend: „Es ist Polterabend!“ Als ich mich, nebst anderen Reisenden, am Morgen wegen der unruhigen Nacht beschwerte, wurden wir sämtlich zur Hochzeit geladen, die uns eine Entschädigung gewähren sollte. Die Braut war so übel nicht, unter den Brautjungfern waren einige recht hübsch; man konnte sich schon mit der Entschädigung begnügen und so eine zweite Nacht schlaflos hinbringen. In Köslin traf ich wieder Romberg mit seiner Gesellschaft an, bei der noch Madame Vetterlein war, mit der ich die alte Bekanntschaft wieder erneuerte. Die Gesellschaft hatte gerade ihren ersten Liebhaber durch Durchgehen verloren. Madame Vetterlein meinte, ich könne ihr zu Gefallen wohl ein paar Liebhaberrollen übernehmen, und wenn ich mich nicht bei Romberg engagieren wolle, doch gastieren. Ich lachte über den Einfall der hübschen Aktrice, die sich noch hinter den Direktor steckte, den ich einige Male in meinen Gasthof zum Mittagessen eingeladen hatte, ließ mich der liebenswürdigen Frau zu Gefallen wirklich verleiten, ein paar Rollen, nämlich die des Karl Moor in Schillers Räubern und die des Ferdinand in Kabale und Liebe, zu geben, und fand bei dem Kösliner Publikum so große Gnade, daß alle Welt in Romberg drang, mich doch zu engagieren, was aber nicht in des guten Mannes Willen stand, da ich den Antrag ablehnte. Ich reiste nach vierzehntägigem Aufenthalt zu Köslin, wo man sich mit allen möglichen Märchen über meine werte Person herumtrug, mit einer jungen Französin, welche 1815 zu Paris einen preußischen Armeebeamten geheiratet hatte, und nun à tout prix dieses ‚pays du diable‘ verlassen wollte, um in ihr geliebtes Frankreich heimzukehren, nach Berlin ab. Sie hoffte, daß ich sie wenigstens bis an den Rhein begleiten würde, obgleich ich ihr gesagt, daß ich vorerst nach Bremen gehen müsse. Sie traute aber ihrer französischen Liebenswürdigkeit zu, mich noch anderen Sinnes zu machen. Daß sie sich zu viel zugetraut, wurde ihr schon den ersten Tag nach unserer Abreise aus Köslin klar, denn eine sehr niedliche Frau, die Gattin eines Regierungsrates zu Köslin, die zu ihren in Magdeburg wohnenden Eltern zum Besuch reiste, nahm meine Aufmerksamkeit weit mehr in Anspruch, als die unglückliche Französin, die, wenn auch nicht häßlich, doch etwas so Verzerrtes und Fratzenartiges an sich hatte, daß sie mir bald zuwider werden mußte. Frau Regierungsrätin von M..., die sogleich den Künstler in mir wieder erkannte, der als Major Walter ihren vollsten Beifall zu erhalten das Glück gehabt, wunderte sich sehr, im Postwagen mit mir zusammenzutreffen, und war äußerst neugierig, von mir selbst etwas Näheres über meine Verhältnisse zu erfahren, indem man in Köslin die allerextravagantesten Dinge über meine Person ausgesagt habe. Lachend teilte ich ihr davon mit, was ich für gut hielt. – „Aber wie mochten Sie sich nur unter solches Komödiantenpack mischen?“ rief zuletzt die schöne Frau aus. – „Dies ist nun einmal meine Passion, gnädige Frau, und ich stehe nicht dafür, daß, nachdem sich die Umstände gestalten, ich nicht heute oder morgen noch einmal ein wirklicher Komödiant werde, wenn ich bei einer guten stehenden Bühne eine passende Anstellung finde.“ – Die Dame schüttelte etwas unwillig das Köpfchen. Unterdessen wurde mir die Reise bis nach Berlin sehr kurzweilig, da ich mich mit den beiden Frauen, der Französin und der Magdeburgerin, recht angenehm unterhielt, obgleich erstere, die nur wenig Deutsch verstand und sprach, gar oft böser Laune wurde, wenn ich mit der anderen zu lange und ihr unverständlich sprach. In Berlin begaben sich die beiden Damen auf meinen Rat in den Gasthof ‚Zum Engel‘ in der Heiligengeist-Straße, wo sie noch ein paar Tage mit mir zusammen wohnten, hierauf die Frau Regierungsrätin zuerst nach Magdeburg abfuhr, wo ich sie in ein paar Wochen zu besuchen versprach, und ich dann die Französin nach Frankreich abzureisen veranlaßte, indem ich ihr sagte, daß mich meine Geschäfte wohl noch jahrelang in Berlin zurückhalten könnten. Ich machte nun meine Besuche bei Pogwischs, Pfeifers und anderen alten Bekannten, hütete mich aber, der Prinzessin Wilhelm unter den jetzigen Umständen meine Aufwartung zu machen, und ließ mir bei dem Bankier Mendelssohn fünfhundert Taler auf Rechnung meines großmütterlichen Legats geben, von dem ich erst fünfhundert Taler in Kolberg durch Freund G... empfangen hatte. Wen ich aber zuerst in Berlin aufsuchte, das war Frau von Osten in der Hamburger Straße, bei der ich das schöne Fräulein von Campke wußte, mit welcher ich das in Kolberg angeknüpfte Verhältnis fortspann. Ich blieb diesmal in meinem Gasthof wohnen, obgleich mich Pogwischs einluden, wieder bei ihnen zu logieren. Aber ich wollte ganz ungeniert sein, wußte ohnehin nicht, wie lange ich in Berlin bleiben würde, und widmete mich ganz dem Dienst des Fräulein von Campke, mit dem ich recht romantische Partien nach Potsdam, Charlottenburg und so weiter veranstaltete. Daneben lieferte ich dem ‚Beobachter an der Spree‘ wieder manche ziemlich pikante Beiträge von Geschichtchen, die mir zu Ohren kamen und von denen ich hier nur ‚Die Reise nach Paris‘ erwähne. Sie hatte folgenden Vorfall zum Grund: Ein preußischer Offizier wurde als Kurier in Staatsangelegenheiten nach Paris geschickt. Dieser hatte einen guten Freund, dessen sehnlichster Wunsch schon längst gewesen, einmal Frankreichs Hauptstadt zu sehen, wozu ihm aber die nötigen Geldmittel fehlten. Der Offizier machte ihm nun das Anerbieten, ihn frei mitzunehmen und auch wieder zurückzubringen, da ihm dies selbst keinen Pfennig Kosten verursache. Er brauche nur soviel Geld, als er während eines acht- bis vierzehntägigen Aufenthaltes in Paris zu seinem Vergnügen auszugeben gedenke. – Wer war froher als unser Freund, auf eine so wohlfeile Art nach Paris kommen zu können. Beide Freunde fuhren nun mit Extrapost rastlos Tag und Nacht, ohne sich irgendwo aufzuhalten, bis Paris, wo sie gegen acht Uhr abends ankamen, in einem Hotel abstiegen, worauf sich der Offizier ankleidete, um seine Depeschen in dem preußischen Gesandtschaftshotel abzugeben und seinem Reisegefährten, der außerordentlich ermüdet war, empfahl, einstweilen der Ruhe zu pflegen, um den folgenden Tag die Sehens- und Merkwürdigkeiten von Frankreichs Hauptstadt neugestärkt in Augenschein nehmen zu können. Der Freund befolgte den Rat, begab sich zur Ruhe und schlief auch gleich ein. Es mochte beinahe Mitternacht sein, als der andere zurückkam und den vortrefflich schnarchenden Schläfer nicht ohne große Mühe aus seinem großen Schlafe weckte und mit den Worten anredete: „Du, stehe rasch auf und kleide dich an, wir müssen auf der Stelle wieder fort.“ – Der andere rieb sich die Augen, ließ sich die Worte zwei- und dreimal wiederholen und sagte endlich gähnend: „Bist du toll? Ich glaube, du träumst.“ – „Nichts weniger als dies, ich habe hier schon meine Depeschen,“ – hier zeigte er ihm einen Pack Briefe – „und in einer Stunde muß ich schon wieder auf dem Weg nach Berlin sein. Dies ist mir von dem Gesandten auf das strengste anempfohlen worden. Also, spute dich, sonst mußt du hierbleiben. Wenn dir dies recht ist, so ist es etwas anderes.“ – „Wie kannst du so einfältig reden. Du weißt doch, daß ich nur fünfundzwanzig Taler mitgebracht, wie kann ich bleiben, und mit was zurückreisen?“ – „Darum rasch, kleide dich an, wir haben keine Minute zu versäumen, die Pferde sind bereits bestellt und werden bald angespannt sein.“ – Fluchend und wetternd erhob sich nun der andere mit noch ganz zerschlagenen Gliedern aus dem Bett und kleidete sich, fortwährend brummend und murrend, an: „Der Teufel soll die Reise nach Paris holen. Ich wollte lieber, ich hätte das Miserere gekriegt, als daß ich mit dir gereist wäre,“ und so weiter. Aber das half alles nichts. Schon hörte man das Trappeln der Pferde vor der Haustüre. Man trank noch ein paar Tassen schwarzen Kaffee, den der Offizier in der Eile hatte kommen lassen, mußte sich dann, in die Mäntel gehüllt, in den harrenden Wagen werfen, und bei ebenso finsterer Nacht, als man angekommen, fuhr man wieder aus Paris hinaus, und mit derselben Eile, wie man hergereist, nach Berlin zurück, wo der Freund wahrhaft gerädert ankam und über acht Tage im Bette zubringen mußte, bevor er sich von den ausgestandenen Strapazen wieder ganz erholt hatte. Daß der gute Freund für den Spott wegen dieser unglücklichen Reise nicht zu sorgen hatte, kann man sich denken. Auch konnte man ihn nie daran erinnern, ohne daß ihm der Zorn das Blut ins Gesicht jagte.