Dieses Histörchen machte ziemliches Aufsehen in Berlin, so daß für ein paar tausend Groschen mehr als gewöhnlich vom ‚Beobachter an der Spree‘ verkauft wurden und mich die Redaktion um mehr solcher Beiträge ersuchte.
Außer dem Fräulein von Campke hatte ich auch noch einer hübschen Tänzerin, an die mir Graf Schulenburg eine Empfehlung gegeben hatte, den Hof gemacht. Alte Bekannte, wie Minchen Pfeifer, die noch immer eine unglückliche Braut, Demoiselle D..., die seit einigen Jahren an einen der bedeutendsten Künstler des Berliner Theaters verheiratet war, und so weiter, suchte ich auch auf, und so schwanden mir die wenigen Wochen, die ich ziemlich planlos in Berlin verlebte, schnell dahin.
Schon längst hatte ich das Projekt im Sinn, Bremen und meine daselbst verheirateten Cousinen zu besuchen, unter denen eine meiner ersten Jugendfreundinnen, die liebe Henriette, war, an die mich von Frankfurt und Homburg so manche angenehme Erinnerung gemahnte und die an einen der angesehensten Kaufleute Bremens verheiratet war. Die vier Töchter meines Oheims Scholze hatten sich in Bremen, nachdem sie daselbst ein paar Jahre gelebt, da es schöne und reiche Mädchen waren, kurz nacheinander an angesehene Kaufleute verheiratet. Die zweite, Sophie, hatte den Senator H..., die dritte, Minna, den für sehr reich geltenden Kaufmann G..., und die vierte, Hannchen, einen in Hamburg etablierten Kaufmann namens P... gefreit. Henriette hatte aber eine sehr zarte Gesundheit und kränkelte fast immer. Sophie kam nach ihrem ersten Wochenbett zehn Jahre lang nicht mehr aus dem Bett und mußte in Betten jedes Jahr in die Bäder gefahren werden; als Mädchen war sie ein wahrer Dragoner gewesen. Minna, die wie die Mama allerlei Liebesabenteuer gehabt, war närrisch geworden und in einem Haus in Berlin zur Genesung, wo sich die Prinzessin Wilhelm ihrer auf das freundlichste annahm, sie in lichten Stunden zu sich auf das Schloß holen ließ, bis sie endlich einmal in ihrer Gegenwart die tollsten Streiche machte, daß das fernere Kommen unterbleiben mußte. Ihr Mann aber fallierte später und wurde ganz arm, so daß die Schwestern die Unglückliche unterhalten mußten. Hannchen war neun Monate nach ihrer Verheiratung im ersten Wochenbett gestorben. Mein Oheim Scholze war noch nicht lange, nachdem er noch die Hälfte seines Vermögens durch unvorsichtige Güterkäufe verloren hatte, ebenfalls gestorben. Dennoch sollten die Töchter noch sehr reich werden, da sie einen alten kinderlosen, noch lebenden Bruder ihres Vaters, den man in Bremen nur den reichen Scholze nannte, zu beerben hatten. Aber auch diese Erbschaft ging später durch allerlei Spekulationen der Männer meist wieder verloren. – Dies war das Ende der Früchte einer Ehe, die unter den glücklichsten Auspizien in Frankfurt vollzogen worden war, und wegen der man unsere ganze Familie so sehr beneidet hatte.
Von Berlin reiste ich über Potsdam, wo ich noch einmal dessen Herrlichkeiten besuchte und zwei Tage verweilte, und Brandenburg, nach Magdeburg, wo ich wieder in einem ‚Goldnen Engel‘ auf dem breiten Weg, dessen Eigentümer, Neuschäfer, früher Kellner in Frankfurt war, abstieg, mir aber, da ich einige Zeit in Magdeburg zu bleiben beabsichtigte, ein paar Tage darauf eine Privatwohnung mietete. Zuerst suchte ich meine liebenswürdige Reisegefährtin von Köslin nach Berlin, die Regierungsrätin von M... auf, bei deren Eltern ich sehr gut aufgenommen wurde, und die mich noch denselben Tag zu einer Promenade auf dem Fürstenwall, vom Fürsten von Anhalt-Dessau angelegt, einlud, was ich mit Vergnügen annahm. Hier zeigte man mir den alten Republikaner Carnot, der einer der Direktoren der französischen Republik gewesen und jetzt von den Bourbons als Königsmörder verbannt war. Er hatte im Konvent für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt. Mit Genehmigung des Königs von Preußen lebte er in Magdeburg. Obgleich ich mir schon längst vorgenommen, keine Zelebritäten mehr aufzusuchen, da meine Besuche bei Goethe und Fiesco so schlimm ausgefallen waren, so glaubte ich hier doch als ehemaliger französischer Offizier eine Ausnahme machen zu müssen, und tat wohl daran, denn ich wurde sehr gut aufgenommen. Der alte Republikaner, ein zweiter Cato, der eigentlich die Pläne zu den glänzenden italienischen Feldzügen Napoleons entworfen hatte, war äußerst angenehm und sehr mitteilend im geselligen Umgang. Ich war öfters bei ihm zu Tisch und machte dann eine mehrstündige Promenade auf dem Fürstenwall mit ihm, wo er sich durch sein einfaches Kostüm, einen grauen Oberrock und einen sehr breitrandigen runden Hut, auszeichnete. Der Umgang und die Unterhaltung mit diesem berühmten Mann war in hohem Grad lehrreich für mich. Er erzählte mir vieles von den Begebenheiten der französischen Revolution, der Republik, des Kaiserreiches, wodurch ich über manche Dinge, die mir bisher dunkel und rätselhaft waren, vollkommenen Aufschluß erhielt. Obgleich strenger Republikaner, gestand er mir doch zu, daß die Welt zu sehr im Argen liege, daß es der Schurken, Betrüger, Selbstsüchtigen, Schwachen und Herrschsüchtigen viel zu viele gebe, als daß man hoffen könne, eine die Völker beglückende Republik dauerhaft zu gründen. Eines Tages kam auch die Rede auf die Werke und Schriften, welche über die französische Revolution schon erschienen seien, und daß er keine einzige Geschichte derselben kenne, welche vom Standpunkte der Unparteilichkeit, mit Wahrheit, vollkommener Sachkenntnis und ohne Leidenschaft geschrieben sei. Ein solches Werk fehle gänzlich, denn alle herausgekommenen atmeten mehr oder weniger gehässigen Parteigeist, seien voller Vorurteile und bewiesen oft die krasseste Ignoranz bei den wichtigsten Begebenheiten. Endlich sagte er mir: „Sie sollten es versuchen, ein solches, wahrhaft verdienstliches Werk zutage zu fördern. Ich halte Sie für fähig dazu und auch unparteiisch und vorurteilsfrei genug, wie ich aus Ihren Reden entnommen habe.“ – „Ja, mein General,“ versetzte ich lächelnd, „wo denken Sie hin, hierzu gehören ganz andere Fähigkeiten, Talente und Kenntnisse, als ich besitze.“ – „Das glaube ich nicht. Wenn Ihre Darstellungsgabe in deutscher Sprache, denn in dieser müßten Sie es schreiben, ebenso klar und faßlich ist, wie Sie sich in der französischen ausdrücken, dann haben Sie schon den Vorteil eines sehr anziehenden Vortrags. In der Geschichte sind Sie hinlänglich bewandert, Hilfsquellen will ich Ihnen die zuverlässigsten und besten geben. Ich werde Ihnen einige Notizen aufsetzen, sowie, welche französischen Schriften und Werke Sie hauptsächlich als Hilfsquellen benutzen können.“ – Ich schüttelte sehr unschlüssig und ungläubig den Kopf und lächelte. Carnot, der es bemerkte, versetzte: „Nur Mut und Selbstvertrauen. Die Sache ist nicht so schwer, wie Sie glauben, und man kann leider von vielen Geschichtschreibern das sagen, was Oxenstierna von den Staatsmännern gesagt: ‚Wenn die Welt wüßte, mit wie wenig Sachkenntnis sie schreiben.‘“ – Etwa acht Tage darauf händigte mir der General ein Cahier von zwanzig beschriebenen Blättern ein, welche Daten und Anmerkungen zu den hauptsächlichsten Begebenheiten der französischen Revolution und des Kaiserreiches enthielt. Zugleich übergab er mir auch eine Liste, auf welcher die Titel von einigen hundert historischen Werken und politischen Broschüren, die seit 1789 in Frankreich erschienen, verzeichnet waren, und die ich teilweise und mit Umsicht benützen müsse. Ich nahm alles dankbar an, aber an die Herausgabe eines solchen Riesenwerkes dachte ich im Ernste nicht; doch teilte ich in müßigen Stunden das Ganze oberflächlich in Abteilungen und Kapitel ein und entwarf so nach und nach einen Plan, dessen Ausführung mir sehr problematisch erschien.
Gleich nach meiner Ankunft zu Magdeburg hatte ich, wie gesagt, die Regierungsrätin von M... bei ihren Eltern aufgesucht und besuchte nun in ihrer Gesellschaft die zum Teil recht angenehmen Umgebungen Magdeburgs, den Vogelgesang, den Herrnkrug, das rote Horn und so weiter. Nirgends sah ich in Deutschland und Frankreich niedlichere Landmädchen als in der Gegend um Magdeburg. Nur die Strohhutflechterinnen im Arnotal übertreffen sie noch. Dabei das kokette Kostüm, die allerliebsten Häubchen, die ihnen so bezaubernd zu Gesichte stehen. Es war kein Wunder, wenn ich einer solchen Vilanella zu Gefallen mehr als einmal meine Frau Regierungsrätin im Stich ließ. Außerdem sind diese Mädchen äußerst graziös und selbst fein in ihrem Benehmen, die meisten sehr wohlhabend, ja mitunter reich. In einem solchen Bauernhaus findet man nicht selten einen großen Luxus, in manchen Stuben sogar ein Klavier. Die Wohnungen dieser Landleute sind durchgehends sehr reinlich, zierlich, mitunter elegant. Kommen sie an Markttagen in die Stadt, so haben sie oft Pferde vorgespannt, die einem Staatswagen keine Unehre machen würden.
Das nicht schlechte Theater stand damals unter der Direktion der Herren Fabricius und Hostovsky. Ich sah hier gerade den Sturm von Magdeburg durch Tilly, ein Schauspiel von F. L. Schmidt, aufführen, dessen mise en scène meisterhaft war und mit einem großen Aufwand von Dekorationen, Komparsen, Kostümen und so weiter gegeben wurde. Obgleich es keinen hohen dichterischen Wert hat, so ist es doch eine getreue historische Darstellung der furchtbaren Zerstörung Magdeburgs und hat ergreifende Szenen, namentlich am Schluß, wo die Stadt im Schutt liegt und nur noch der Dom und die in ihm Geretteten vorhanden sind.
Durch die Familie der Regierungsrätin wurde ich auch noch bald mit anderen Häusern bekannt, in denen ich unter anderen die hübsche und sehr lebenslustige Frau eines Postsekretärs kennen lernte, ein junges schalkhaftes Weibchen, das sich gern allerlei drollige Streiche erlaubte, auch eine ebenso joviale Schwester hatte, die an einen nahen Gutsbesitzer verheiratet war und fast jede Woche ein paarmal selbstkutschierend in die Stadt kam. Beide Schwestern waren besonders gut gewachsen, hatten viel Verstand und waren sehr beliebt in der ganzen Stadt. Die Gutsbesitzerin lud mich ein, sie mit ihrer Schwester zu besuchen, und ich machte mit der Frau Postsekretärin mehr als eine lustige Fahrt nach dem Gut des Schwagers.
Mein Aufenthalt in Magdeburg hatte nun schon über die Gebühr gedauert, aber die Zeit war mir schnell und angenehm verflogen. Die Stunden, die ich nicht bei Carnot zubrachte, vertändelte ich mit Damen und machte Landpartien. Auch lieferte ich dem hier erscheinenden ‚Beobachter an der Elbe‘ einige komische Anekdoten. Endlich mußte ich doch an die Abreise, denn mein Leben in Magdeburg hatte keinen Zweck, an ein weiteres Fortkommen und eine mir anständige Zukunft denken. Aber, wie ich beides bewerkstelligen wollte, war mir noch ziemlich dunkel. Ernstlich hatte ich noch nicht darüber nachgedacht; auch zog es mich nach Bremen. Indessen sollte ein sehr unglücklicher Zufall meinen Aufenthalt hier noch verlängern.
Ich hatte auf der breiten Straße ein paar möblierte Zimmer in dem zweiten Stock eines Hinterhauses gemietet. Die Fenster meines Schlafzimmers gingen in den Hof. Zwei Tage früher, als ich meine Abreise festgesetzt hatte, wurde ich gleich nach Mitternacht, ich war noch nicht lange eingeschlafen, durch das Geschrei: „Feuer, Feuer!“ geweckt und sah, die Augen öffnend, eine außerordentliche Helle vor meinen Fenstern im Hof. Zugleich hörte ich das ganz nahe Knistern einer großen Flamme. Mit einem Satz war ich aus dem Bett, zog ein Paar Beinkleider an, öffnete meine Stubentüre, durch welche sogleich ein gewaltiger Qualm drang, hinter dem die Flammen auf der Treppe schon hoch emporloderten. Zugleich vernahm ich das Angst- und Hilfegeschrei einer Frau, die mit ein paar kleinen Kindern neben mir auf demselben Gang wohnte. Ich eilte zu ihr hinüber und fand sie in Verzweiflung, ihre Kinder in den Armen. Auch sie hatte schon gesehen, daß es eine Unmöglichkeit war, sich auf den schon in vollem Brand befindenden Treppen zu retten. Das Feuer näherte sich mit jedem Augenblick mehr unseren Zimmern. Ich faßte jetzt schnell einen Entschluß, warf alles, was sich von Betten, Kissen und Strohsäcken in den Zimmern vorfand, durch das Fenster hinab, band schnell sechs Bettücher zusammen und hieß die Frau, sich zuerst hinablassen. Sie ließ aber noch, bevor sie ganz unten war, los, tat sich jedoch, auf die Betten fallend, keinen Schaden. Ich rief ihr nun zu, daß ich die Kinder wolle folgen lassen; sie möge nur unten das Bettzeug so ordnen, daß keines daneben fallen könne, worauf ich die beiden Kleinen, eines nach dem anderen hinabwarf, dann in mein Zimmer lief, das Kistchen mit meinen Tagebüchern und anderen Schriften, meinen Koffer, sowie, was ich von Kleidern, Wäsche und so weiter geschwind zusammenraffen konnte, hinabwarf, und dann selbst, an den Bettüchern hinabgleitend, mich folgen ließ. Schon war ich vor dem Fenster, da fiel mir ein, daß ich meine Brieftasche, in der noch für ungefähr hundertfünfzig Taler Tresorscheine waren, vergessen hatte. Noch einmal schwang ich mich zum Fenster hinein, und es gelang mir, auch diese zu retten. Doch war es die höchste Zeit, denn schon ergriffen die Flammen mein Schlafzimmer und wenig Augenblicke darnach stürzte der Boden desselben brennend und krachend ein. Ich aber kam mit einem Sprung vom ersten Stock wohlbehalten unten an, wo ich auch die Frau mit ihren Kindern unbeschädigt antraf. Das Bettzeug lag vier Schuh hoch aufgetürmt. Der Hof fing an, sich nun allmählich mit Menschen zu füllen; da aber das Vorderhaus keinen Torweg, sondern nur einen schmalen Durchgang hatte, so kostete es große Mühe, bis man die Spritzen in die gehörige Tätigkeit setzen konnte. Doch ward man noch vor Tag Meister des Feuers, aber das Hinterhaus und die Seitengebäude waren gänzlich niedergebrannt. Die arme Frau, die man mehr tot wie lebendig samt ihren Kindern in ein benachbartes Haus gebracht hatte, wurde sehr krank und lag mehrere Tage in einem beständigen Delirium, Feuer und Hilfe schreiend. Auch auf mich hatte diese unglückliche Begebenheit einen so gewaltigen Eindruck gemacht, daß ich mehrere Tage brauchte, bevor ich mich wieder ganz erholen konnte.
Endlich saß ich in dem nach Braunschweig fahrenden Postwagen, wo ich eine gut unterhaltende Gesellschaft traf, nämlich einen sächsischen Rittmeister mit seiner jungen Frau, die er zu ihren Eltern nach Celle brachte. Da ich der hübschen Dame gerade gegenüber saß, so verursachte das Rütteln des Wagens beständig ein unwillkürliches Berühren der beiderseitigen Knie, das bald in ein willkürliches, aber doch zufälliges Drücken von meiner Seite überging und mein vis-à-vis zu einem allerliebsten Lächeln brachte, dem bedeutungsvolle Occhiaten folgten. Unglücklicherweise konnte die Dame das Fahren nicht vertragen; es wurde ihr auf einmal übel und schwach, woran die große Hitze schuld sein mochte. Man mußte ihr das Busentuch lüften, sie aufschnüren und ihr kölnisches Wasser vorhalten und die Schläfen damit reiben, worauf es ihr bald besser wurde. Wir fuhren über Helmstädt, Königslutter und so weiter, die ganze Nacht durch und kamen morgens gegen acht Uhr in Braunschweig an, wo wir in demselben Gasthof abstiegen und verweilten, obgleich der Rittmeister von M... schon den anderen Morgen wieder weiter wollte. Aber hier hieß es: ‚Der Mann denkt und die Frau lenkt.‘ Die Frau Gemahlin war nicht dieser Meinung, klagte über Unwohlsein, und so mußte man bleiben. Da sich der Offizier bei der unpäßlichen Frau langweilte, so machte er Spaziergänge in der Stadt. Ich hatte zwar das Haus mit ihm zusammen verlassen, trennte mich aber nach wenig Minuten unter einem Vorwand von ihm und kehrte in den Gasthof zurück, wo ich mich sogleich bei der Dame auf das angelegentlichste nach ihrer teuren Gesundheit erkundigte und ihr Befinden ganz leidlich fand. Nach einigen Weigerungen pro forma wurde mir schnell ein Schäferstündchen, halb erzwungen, bewilligt, worauf wir übereinkamen, daß das Unwohlsein der Frau Rittmeisterin noch ein paar Tage dauern müsse. Ich entfernte mich endlich wieder, um die Stadt Braunschweig näher kennen zu lernen.