Den zweiten Tag fand Frau von M... für gut, sich etwas besser zu befinden, und zwar so, daß sie imstande war, mit ihrem Gemahl und mir ebenfalls die Schönheiten der Stadt zu besichtigen. Wir begaben uns indessen bei Zeit nach Haus, weil ich von einem argen Schnupfen befallen war. Frau von M..., die großen Anteil an meinem Unwohlsein nahm, lud mich zu einem köstlichen Tee ein, der mich nach ihrer Meinung über Nacht von meinem Katarrh befreien sollte. Wir blieben bis Mitternacht beisammen. Den anderen Morgen hielt ich es für passend, das Zimmer zu hüten. Aber während der Herr Rittmeister wieder eine Frühpromenade machte, stahl ich mich zur Dame, mit der ich eine recht goldene Morgenstunde zubrachte. Der zurückkehrende Herr Gemahl fand mich aber noch in meinem Bette liegend, als er die Güte hatte, sich nach meinem Befinden zu erkundigen, mir aber zugleich verkündete, daß er heute noch weiterreisen wolle, da sich seine Frau nun wieder in einem vollkommen reisefähigen Zustand befinde und die kleine Tour nach Celle bequem machen könne. Auch ich sehnte mich, weiter und nach Bremen zu kommen, und mußte geschehen lassen, was ich nicht verhindern konnte. Wir speisten noch miteinander zu Mittag, und mit Erlaubnis des Rittmeisters küßte ich seine Frau zum Abschied in seiner Gegenwart, half beiden in den Wagen und nahm mir vor, am anderen Morgen mit dem frühesten ihrem Beispiele zu folgen. Leider ließ ich mich aber an dem Abend wieder zu einer Spielpartie in dem Gasthof verführen und verlor abermals all mein Geld bis auf den letzten Groschen. Den anderen Morgen überlegte ich, was zu machen sei und erkundigte mich dann nach den ersten Bankierhäusern Braunschweigs bei meinem Wirt. Er nannte mir Herrn Johann Degener. Ich ging nun zu diesem, wies mich mit meinen Papieren aus, sagte ihm, welches Geschick mich in Braunschweig plötzlich ganz aufs Trockene gesetzt habe, und bat ihn, mir gegen eine Anweisung auf Frankfurt so viel Geld geben zu wollen, als ich noch zur Reise bis Bremen bedürfe. Nach einigem Bedenken fragte er mich, wieviel ich zu gebrauchen gedenke? – „Fünfundzwanzig bis dreißig Taler.“ – „Wohlan, ich will sie Ihnen geben, mit der Bedingung, daß Sie sie meinem, sich in einem Bremer Haus befindlichen Sohn daselbst gegen Ihren Schein wiedererstatten.“ – Mit Vergnügen ging ich diese Bedingung ein, dankte für das gütige Zutrauen, empfing dreißig Taler und reiste noch denselben Tag, mich nirgends mehr aufhaltend, über Hannover, Nienburg, Verden und so weiter nach Bremen, wo ich wohlbehalten und wohlgemut mit einbrechender Nacht ankam, aber nicht bei meinen Verwandten, sondern im Gasthof ‚Zum deutschen Haus‘ abstieg, auch mich diesen Abend nicht mehr meldete, sondern noch den letzten Akten von Grillparzers Sappho im Theater beiwohnte und mich in allen Logen umsah, ob ich vielleicht Cousine Henriette erkennen würde, aber vergeblich.
Den anderen Morgen konnte ich kaum die schickliche Stunde erwarten, um meinem Vetter K... die Aufwartung zu machen. Es war gegen elf Uhr, als ich mich dahin auf den Weg begab. Man war von meiner Anwesenheit präveniert. Herr K... empfing mich auf das freundlichste, sagte mir, ich möge sein Haus während meines Aufenthaltes wie das meinige ansehen, entschuldigte aber seine Frau, daß sie mich noch nicht empfangen könne, da sie noch im Negligé sei, und bat mich, den Nachmittag um zwei Uhr wiederzukommen, wo sie mich erwarte. Dies lähmte meine gehoffte Freude des Wiedersehens ein wenig. Ich empfahl mich, nachdem ich eine halbe Stunde mit K... verplaudert, um auch meinen anderen Herrn Cousins und dem noch lebenden reichen Bruder meines Oheims Scholze die Visite zu machen. Senator H..., ein schlichter Mann, nahm mich recht gutmütig auf, auch Kaufmann G..., sonst ziemlich hochmütig, bewies sich doch sehr freundlich gegen mich. Ihre Frauen bekam ich aus den schon erwähnten Ursachen nicht zu sehen; Hannchen war bereits längst tot. Beim reichen Scholze wurde ich mit Danziger Goldwasser regaliert, hörte dann nichts weiter von ihm, als bis ich Abschied nahm. Endlich war die ersehnte zweite Nachmittagsstunde herangekommen, in der ich Henriette wiedersehen sollte, deren Anblick mich in der Tat überraschte, denn statt der lieblichen Engelsgestalt mit dem überaus feinen Amorettengesichtchen sah ich eine ziemlich lange, sehr hagere Frau, deren Gesicht zwar noch immer schön war, aber sehr markierte Züge hatte, welche die erfahrene Ehefrau nur zu sehr verrieten. Was tun fünfzehn Jahre nicht! Sie war jetzt einige dreißig alt. In ihrer Haltung lag indessen etwas majestätisch Imponierendes und ihre Unterhaltung war nicht nur geistreich und pikant, sondern verriet auch eine nicht gewöhnliche wissenschaftliche Bildung. Ihre Musik hatte sie so ziemlich vernachlässigt, dagegen malte sie nicht schlecht in Öl, aber sie spielte und affektierte dabei etwas stark die sentimentale Mondscheinprinzessin, etwas, das mir in den Tod verhaßt war und mich meilenweit jagen konnte. Ihre Toilette war ausgesucht, nicht ohne Geschmack, aber mit großer Kunst fast zu jugendlich angelegt, und es war mir bald klar, warum sie mich nicht im Morgenanzug hatte empfangen mögen. Indessen war der Empfang bei diesem Wiedersehen ein sehr herzlicher, und sie bat mich, den Rest des Nachmittags mit ihr zubringen zu wollen, da wir uns nach so langer Trennung doch gewiß manches zu sagen hätten und manche Rückerinnerungen aus den glücklichsten Zeiten der Kindheit wieder ins Gedächtnis rufen könnten. Ihr Mann, sich wegen seiner Geschäfte entschuldigend, hatte sich sogleich, nachdem er mich eingeführt, wieder entfernt. Ich brachte einen äußerst angenehmen Nachmittag mit der immer noch sehr liebenswürdigen Frau zu, indem wir uns gegenseitig im Umriß mitteilten, was wir seit unserer Trennung erlebt und was uns widerfahren war. Daß von beiden Seiten die Aufrichtigkeit dieser Mitteilungen nicht vollkommen sein konnte, ist natürlich. Doch erfuhr ich durch andere, was meine Cousine, welche, die Reisen zur Prinzeß Wilhelm nach Berlin, nach Homburg und einige andere abgerechnet, ununterbrochen in Bremen gelebt hatte, für mancherlei Abenteuer gehabt. Ich blieb nicht nur den ganzen Nachmittag, sondern auch zum Abendessen bei K...s. Mit innigem Vergnügen hatten wir uns an die Kinderspiele, Partien und in Homburg genossenen Freuden erinnert, und erst spät in der Nacht trennten wir uns, nachdem ich das Versprechen, den anderen Tag zum Mittagessen zu kommen, hatte geben müssen. Vetter K... hatte die Güte, mich mit allem, was die alte Hansastadt Merkwürdiges enthielt, selbst bekannt zu machen, wozu er als Sohn eines Bürgermeisters und mit den Senatoren verwandt oder befreundet, allerdings sehr geeignet war. Auf den Nachmittag lud mich K... in seinen Garten vor dem Tor ein, in welchem seine Frau jetzt gerade einen hübschen Pavillon bauen ließ. Als ich daselbst ankam, öffnete mir, nachdem ich geklingelt, meine Cousine. In ihrer Begleitung befand sich ein Mann von etwa vierzig Jahren, den sie mir als den Kaufmann K...p und einen intimen Hausfreund ihres Gemahls vorstellte. Dieser maß mich mit großen Augen vom Kopf bis zu den Füßen und schien eben kein großes Behagen an meinem Kommen zu finden. Auch war die Unterhaltung recht reichsstädtisch-steif und folglich hochlangweilig. Henriette schien verlegen und ich befand mich unbehaglich. Glücklicherweise kam bald der Senator H... hinzu, was die Unterhaltung weniger gezwungen machte, und als er den Hausfreund K...p endlich in Geschäftsangelegenheiten mit sich fortnahm, bekam sie eine andere und traulichere Wendung. Henriette wies mir das nach ihren Angaben neuerbaute und noch nicht ganz vollendete Gartenhaus, welches von ihrem guten Geschmack zeigte, aber eine sehr kostbare Liebhaberei war, denn es war für ihre Verhältnisse fast zu prächtig. Wir verweilten eine gute Stunde in demselben, frühere, sehr glückliche Momente durch sehr handgreifliche Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufend, wobei ich aber nicht das selige Entzücken wie früher, sondern bald eine Art Überdruß empfand, den jedoch die hierauf folgende geistreichere Unterhaltung wieder verscheuchte. Der Hauptinhalt unseres Gespräches war die Prinzessin Wilhelm, von der sie mir mich sehr interessierende Dinge erzählte; ebenso vom Prinzen Gustav, dessen Namen sie nicht ohne einen unterdrückten Seufzer aussprach. Wir waren noch recht eifrig im Gespräch begriffen, als sich auf einmal eine rauhe Baßstimme mit den Worten: „Frau K..., sind Sie hier, wo, zum Henker, stecken Sie denn?“ vernehmen ließ. Es war die des Hausfreundes K...p, der zurückgekommen war, die Dame vom Hause aufsuchte, und als er sie tête-à-tête mit mir fand, ihr einen vielbedeutenden, Zorn verratenden Blick zuwarf. Ich tat, als bemerkte ich es nicht, und sagte etwas malitiös: „Mein Herr, wir haben uns einstweilen trefflich unterhalten,“ worauf er ein trockenes: „So,“ von sich gab, und jetzt die vorige Verlegenheit und das gezwungene steife Wesen wieder zurückgekehrt war. Wir gingen höchst einsilbig in den Gängen des Gartens spazieren, bis auch Henriettens Mann dazukam, der durch einige Neuigkeiten, die er mitbrachte, der Sache wieder eine andere Wendung gab, und uns bald darauf zu dem unserer harrenden Vespermahl einlud, wodurch wieder mehr Leben in Henriette und auch in den Hausfreund kam.
Noch den nämlichen Abend, als ich K...s verließ, begegnete ich auf dem Markt einem Kaufmann namens Kreibig, der die Reise von Hannover hierher im Postwagen mit mir gemacht, und mich einlud, ein Glas Punsch mit ihm in einer nahen Weinstube zu nehmen, in der sich ein allerliebstes blutjunges Mädchen, das Töchterchen vom Haus, Gesina geheißen, befände. Mit Vergnügen nahm ich das Anerbieten an und fand, daß der Mann nicht zuviel gesagt. Mit einer unendlich freundlichen Grazie kredenzte uns das hübsche Kind den verlangten Punsch, antwortete auf unsere Fragen mit der liebenswürdigsten Naivität, und wir verplauderten ein paar Stunden auf das angenehmste daselbst, so daß ich mir vornahm, der mir beim Weggehen gewordenen Einladung, recht bald wiederzukommen, Folge zu leisten. Den anderen Morgen um elf Uhr war ich schon wieder daselbst, um ein kleines Frühstück einzunehmen, und wurde von dem allerliebsten Gesinchen recht herzlich empfangen. Bald war ich mit dem schönen Kind so vertraulich, daß, obgleich ich ihr gesagt, daß ich ein naher Verwandter von K... sei, sie mir dennoch alles, was die Verhältnisse Henriettens betraf, mitteilte und meine Vermutung, daß Hausfreund K...p ihr erklärter Liebhaber sei, vollkommen bestätigte, was übrigens ein stadtkundiges Geheimnis war. In dem Haus Langenaus, wo ich nun täglich meine meisten müßigen Stunden zubrachte, ich arbeitete jeden Morgen an dem Plan des mir von Carnot angegebenen Werkes, ohne jedoch noch ernstlich an die mögliche Herausgabe desselben zu glauben, machte ich noch eine andere weibliche Bekanntschaft, die mir aber, ohne daß ich es mir zu erklären vermochte, ein unheimliches Gefühl und eine Art Scheu einflößte. Die obgleich junge und nicht häßliche Frau hatte doch für mich etwas sehr Unangenehmes, ja fast Abstoßendes in ihren Gesichtszügen, und war außerdem schon deshalb unausstehlich, weil sie sich immer zwischen Gesina und mich drängte, unser Verhältnis zu erforschen suchte und eine widerliche Freundlichkeit gegen uns beide affektierte. Gesina war ganz einverstanden mit mir hinsichtlich dieser sehr zudringlichen Person, die sie aber fürchtete, sich zur Feindin zu machen und deren viel zu häufige Besuche sie deshalb duldete. Wie sehr meine Abneigung gegen dieselbe, wenn auch nur instinktartig, gegründet war, bewies sich später auf eine schreckliche Weise, denn dieses weibliche Wesen war keine andere als die berüchtigte Giftmischerin Gottfried, welche, nachdem ihre schrecklichen Greueltaten, – sie hatte damals schon ihre Mutter, ihren Vater, ihre drei Kinder, ihren ersten Gatten, ihren Bruder und ihren Liebhaber Gottfried, den sie aber noch auf dem Sterbebette zur Trauung mit ihr beredete, nacheinander vergiftet, – endlich an den Tag gekommen, auf dem Schafott ihr abscheuliches Leben endete. Ich besuchte jetzt meine Verwandten weit seltener und suchte bei jeder sich darbietenden Gelegenheit den wütend eifersüchtigen Hausfreund K...p wild zu machen, was mir auch zum großen Verdruß Henriettens so wohl gelang, daß er einmal den Garten, in dem er mich wieder mit ihr getroffen, höchst aufgebracht verließ und schwur, er würde nie mehr wiederkommen, wenn ich nicht wegbliebe. Meine arme Cousine, welche das Verhältnis mit Herrn K...p, wie es schien, aus mehreren Gründen, wohl nicht aufgeben konnte und mochte, kam dadurch in eine große Verlegenheit und wußte sich nicht zu raten. Da ich ihre mißliche Lage sah, so war ich ganz offen mit ihr und bat sie, sich wegen mir keinen Unannehmlichkeiten mit ihrem Freund mehr auszusetzen, ich wollte durchaus kein Störenfried sein und habe ohnehin vor, dieser Tage nach Frankfurt abzureisen. Erst war die arme Frau verlegen, dann wußte sie mir Dank, daß ich so handelte, meinte aber, ich brauchte deshalb nicht abzureisen, und sie könnte es wohl veranstalten, daß wir uns von Zeit zu Zeit ohne Wissen des Herrn K...p sehen könnten, wofür ich aber dankte. – Trotz der Liebenswürdigkeit der hübschen Gesina hatte ich dennoch beschlossen, Bremen zu verlassen, als ein zufälliges Ereignis mich noch drei Wochen länger daselbst zurückhielt. Signora Catalani hatte ihre Ankunft den Bremern ankündigen lassen und sollte in wenigen Tagen dieselben mit ihrem bezaubernden Gesang beglücken. Man kann sich keine Vorstellung machen, welches Aufsehen diese Neuigkeit in der guten Stadt erregte. Ich glaube, wenn Napoleon von Sankt Helena entwischt und in Vegesack gelandet wäre, so hätte dies keine größere Sensation unter den Bremern hervorbringen können. In allen Häusern, im Museum, sogar in den Kirchen hörte man nur von der Catalani sprechen. Wem ich erzählte, daß ich die berühmte Sängerin nicht nur schon gehört, sondern persönlich kenne, der gaffte mich wie einen Wundermann mit offenen Augen an. Henriette und ihr Mann, sowie Gräwe und Senator H... baten mich, sie doch bei ihnen einzuführen. – Wo, wann, was wird sie singen? fragte man sich auf allen Straßen, und der Schauspieldirektor Ringelhard, dessen Haus in der Regel ziemlich leer stand, wurde mit Logenbestellungen bestürmt, bevor man nur wußte, ob sie auch im Theater singen würde. Als es endlich hieß, die in ganz Europa gefeierte Sängerin sei angekommen, war der Gasthof in dem sie abgestiegen, von einer unermeßlichen Menge Volkes belagert, und ganz Bremen auf den Straßen und wie von einer Tarantel gestochen. – „Sie ist da,“ hieß es, „sie ist da, die berühmteste Frau des Jahrhunderts, die alles erwärmende Sonne des musikalischen Horizonts, die Gefeierte Europas!“ Um zu ihr zu gelangen, mußte man sich mit Rippenstößen Bahn bis an die Türe des Gasthofes brechen, der vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht von Tausenden umringt war. Die gefeierte Primadonna empfing mich wie einen alten Bekannten mit großer Herzlichkeit und sagte mir: „Ich bin sehr froh, Sie hier zu treffen, Sie werden sich bequemen, so lange, bis mein Mann kommt, mein Cavaliere servente zu sein, denn ich bin ganz verlassen und habe auch keine Empfehlungen für hier mitgebracht.“ – „Die bedürfen Sie nicht,“ versetzte ich, „übrigens wird es mir eine große Ehre sein, Signora, den dienenden Ritter einer Dame zu machen, welche sich die größten Monarchen zur Ehre rechnen, am Arm zu führen.“ Während des Aachener Kongresses hatten sie der Kaiser Alexander, der König von Preußen und der Kaiser von Österreich auf den Bällen umhergeführt, und von diesen hatte sie die kostbarsten Geschenke in Schmuck erhalten. Ihre Begleitung bestand aus ihrem Reisekapellmeister Burgmüller aus Düsseldorf und dessen Gattin, nebst dem dienenden Personal. Burgmüller, dessen Bauch einen nicht viel geringeren Umfang hatte als der des alten Königs von Württemberg, machte durch seine außerordentliche Eßlust fast ebensoviel Aufsehen wie die Signora, deren Konzerte er dirigierte, durch ihre Kehle. Sein Vorfrühstück in Bremen bestand oft in einem Kapaun, ein paar Hummern, einer Schüssel geräucherten Lachs, einer Gänsebrust, ein paar Dutzend Eiern und ein paar Flaschen Portwein! was er alles mit einer Gier verschlang, die mich in Erstaunen versetzte. Ich schlug nun der Catalani vor, sie bei meinen Verwandten einzuführen, was sie mit Freude annahm, worauf ich ein paar Zeilen an meine Cousine schrieb und ihr meldete, daß ihr den anderen Morgen um elf Uhr die Ehre des Besuches der Signora Catalani bevorstehe, die ich ihr präsentieren würde. Als wir zu diesem Zweck in einen Wagen steigen wollten, war es kaum möglich, durch das Gedränge zu kommen, und die polizeiliche Hilfe mußte uns Platz machen. Signora rief aus: „Sollte man nicht glauben, ich sei irgendein wildes Wundertier! Una bestia curiosissima!“ – Daß des Gesanges Königin einen Besuch bei K... gemacht hatte, erregte Staunen und Neid bei der steifen Bremer Handelswelt, besonders bei den Damen, die zum Singverein gehörten. Da meine Cousine ohnehin sehr wenig mit der Bremer Welt umging, sondern mehr in einem sehr kleinen Kreis für sich lebte, auch immer noch schön genug und reich war, so fehlte es ihr an Feinden und besonders Feindinnen nicht, welche alle möglichen Lügen auf ihre Kosten verbreiteten, wozu ihr Verhältnis mit K...p freilich Stoff genug gab. Den anderen Morgen machte sie schon ihren Gegenbesuch bei der Catalani, und zwar in einem von Kopf bis zu Fuß ziemlich phantastischen Rosa-Anzug, sogar Strümpfe, Schuhe und Handschuhe waren Rosa. Manchmal kleidete sie sich auch ebenso in Himmelblau. Dies paßte wenigstens nicht mehr ganz zu ihren Jahren, sie war in der Mitte der Dreißiger, und hatte, wie gesagt, schon sehr markierte Züge. Die Catalani konnte sich auch des Lächelns nicht erwehren, als sie diese Rosagestalt erblickte. Als sechzehnjähriges Mädchen würde ihr ein solcher Anzug auf einem Ball ganz vortrefflich gestanden haben. Sie lud die Catalani zu einem Frühstück ein, was diese auf mein Zureden annahm, und was wieder Veranlassung zu Neid und Mißgunst gab. Bei diesem Frühstück, wo die größten Leckerbissen, die aufzutreiben waren, und sogar Schiraswein serviert wurden, fand sich auch Burgmüller ein und tat sich gütlich. Doch mußte er schon durch ein solides Vorfrühstück einen guten Grund gelegt haben, sonst hätte er für sich allein alles, was aufgetragen, verzehrt.
Ich hatte es übernommen, die Arrangements der Konzerte, Madame Catalani wollte deren drei geben, zu besorgen, und mich zu dem Direktor Ringelhard verfügt, um das Theater zu diesem Zwecke zu mieten. Dieser aber stellte die Bedingung sine qua non, eine Tantieme von der Einnahme für die Überlassung des Schauspielhauses zu erhalten, zu welcher sich die berühmte Sängerin durchaus nicht verstehen wollte, sondern, als ich ihr sagte, daß in ganz Bremen kein anderes, für ihre Konzerte passendes Lokal zu finden sei, äußerst aufgebracht ausrief: „Wohlan, so bestelle man sogleich Postpferde, ich werde in Bremen nicht singen.“ – Nur mit der größten Mühe gelang es mir, die Signora zu besänftigen. Ich überlegte hin und her. Endlich sagte ich zu den Bremer Herren: „Wäre es denn nicht möglich, die Konzerte in einer der Kirchen zu geben?“ – Dieser Plan wurde, wenn auch nicht ohne tüchtige Kämpfe, besonders mit einigen geistlichen Herren und Behörden, durchgesetzt; so hatte ich auch nicht ohne Mühe die Signora beredet, sich dazu zu verstehen, in einer protestantischen Kirche zu singen. Man hatte die Erlaubnis erwirkt, ein Concert spirituel in der Domkirche geben zu dürfen, wobei die Armen reichlich bedacht werden sollten, da keine Saalmiete bezahlt werden durfte. Wegen der Kirche aber waren die Stimmen sehr geteilt und die Frömmler schimpften gewaltig über diese Entheiligung, wie sie es nannten. Man kehrte sich indessen nicht daran und der große Dom war trotz des Eintrittspreises von einem Dukaten dennoch zum Ersticken voll. Das Orchester und die Chöre des Singvereines trugen nur geistliche Tonstücke vor, während Madame Catalani ihre Variationen von Rhode und ein paar ernstere Arien mit Rezitativen sang. Der Erfolg war, wie allenthalben, unermeßlich und der Beifall rasend, Ringelhard aber in Verzweiflung, denn jetzt stand ihm sein Theater gänzlich leer; selbst die Abonnenten wollten es nicht mehr besuchen. Seinen Ruin vor Augen sehend, suchte er mich auf, erbot sich, der Signora Catalani das Theater um jeden Preis, ja umsonst zu überlassen, und bat mich, die Sache doch vermitteln zu wollen. Da mich der Impresario in angustie wirklich dauerte, so versprach ich ihm, mein Möglichstes zu tun, machte aber zur Bedingung, daß ich der großen Sängerin einen Empfang auf der Bühne ganz nach meinen Anordnungen bereiten dürfe, wozu er sich nicht nur sogleich verstand, sondern mir auch sein ganzes Theaterpersonal zur Verfügung stellte, und die Miete für das Haus ganz der Großmut der Dame überließ, worauf ich ihm erwiderte, daß ich dafür sorgen wolle, daß er sich in derselben nicht täusche. Er erhielt die Einnahme eines überfüllten Hauses bei gewöhnlichen Preisen. Ich ließ sie nun bei ihrem Erscheinen durch das als Genien gekleidete weibliche Chorpersonal auf der Bühne empfangen, und die junge Schauspielerin Demoiselle Hauff überreichte ihr auf einem Samtkissen ein italienisches Gedicht, das ich zu dieser Feier verfaßt hatte und welches: ‚Al alto merito della Signora Angelicà Catalani, l’unica‘ überschrieben war.
Von diesem Gedicht ließ ich mehrere tausend Exemplare durch die Ventilatoren auf das Publikum herabwerfen, sowie Blumenbukette und Kränze ohne Zahl auf die Bühne, während ein dreimaliger Tusch von Pauken und Trompeten und das donnernde Vivatgeschrei das Haus bis in seine Grundfesten erschütterte.
Nachdem sie eine Arie von Lafond gesungen, die mit dem ungestümsten Beifall applaudiert worden, fiel sie mir mit tränenden Augen hinter den Kulissen um den Hals, ohne sich vor dem umstehenden Theaterpersonal zu scheuen, das erstaunt aufschaute. Das Konzert hatte nun seinen ungestörten Fortgang; Angelika sang noch die schöne Polonäse Portogallos: La placida Campagna, eine Arie von Pucitta, und die Variationen von Pär über das Thema: La Biondina. Von Entzücken trunken und taumelnd, verließen die Bremer das Haus.
Die gefeierte Primadonna gab, um ihren Dank für so viel erwiesene Ehre zu bezeigen, auch noch ein geistliches Konzert zum Besten der Armen in der Ansgarikirche und machte außerdem der Demoiselle Hauff, welche ihr das Gedicht überreicht hatte, ein wertvolles Geschenk.
Während des Aufenthaltes der Catalani ging mir die Zeit in Bremen auf das angenehmste hin und zur Arbeit blieb mir wenig Muße übrig. Jeden Morgen fand ich mich um elf Uhr bei ihr ein und verließ sie in der Regel erst nach Mitternacht wieder. Den ganzen Tag über ging es bei ihr ab und zu wie in einem Bienenkorb. Nicht nur die Bremer Herren, sondern auch die angesehensten Damen ließen sich der berühmtesten aller Sängerinnen vorstellen. Am unterhaltendsten aber waren die Abende, wo man teils musizierte, teils Kommerzspiele machte, die aber so hoch gespielt wurden (Whist zu einem Dukaten der Point), daß sie wahre Hasardspiele genannt werden konnten, während welchen en attendant der dicke Burgmüller das aus kalter Küche bestehende Souper unter der Hand zur Hälfte zu sich nahm, und dann, wenn man sich zu Tisch setzte und fand, daß es nicht hinreichend sei, sagte: „Ja, mein Gott, ich habe doch kaum eine Brotrinde und ein Stückchen Wurst gekostet!“ – Kurz vor ihrer Abreise kam auch ihr Mann, der ehemalige Rittmeister Vallabregue, der Adjutant des Generals Moreau gewesen war, und jetzt einen großen Teil der Schätze seiner Frau durchs Spiel wieder unter die Leute, namentlich die Pariser, brachte, in Bremen an. Als sie abreiste, begleitete ich sie noch eine Station zu Pferde. Wir hatten uns beiderseitig das Versprechen gegeben, uns bald wieder in Frankfurt zu sehen. Ihre Einnahmen in Bremen hatten über sechstausend Taler betragen. Bevor ich die Stadt verließ, machte ich noch einen Abstecher in das nahe Hamburg, wo mich aber das durch und durch merkantilische Gewühl und Treiben nur ein paar Tage rasten ließ, und kehrte ohne viel mehr als den Jungfernsteig, das Alsterbassin, den Hafen, die Michaeliskirche mit ihrem hohen Turm, die Börse und das Theater gesehen zu haben, wieder nach Bremen zurück, ließ mir durch K... noch das nötige Reisegeld geben, und trat dann nach gebräuchlichem Abschied die Reise nach meiner Vaterstadt an.
Ich fuhr erst nach Hannover und von hier im Eilwagen weiter bis Hildesheim, und hatte diesmal ein allerliebstes Kammerzöfchen einer vierspännig reisenden Herrschaft zur Nachbarin, welche in dem Reisewagen des Herrn Barons und seiner Begleitung keinen Platz mehr fand und daher die Reise in dem Eilwagen mitmachen mußte. – „Sophiechen, hab’ acht auf dich,“ hatte ihr die Frau Baronin noch beim Einsteigen zugerufen, und so hatte ich den Namen des holden Kindes erfahren. Es war eine holsteinische freiherrliche Familie, welche eine Rheinreise zu machen beabsichtigte und daher auch nach Frankfurt fuhr. In Hildesheim trafen wir wieder zusammen und ich besuchte in Gesellschaft des Herrn Baron G..., seiner Frau und seiner neunzehnjährigen Tochter samt Sophiechen die uralte Domkirche daselbst, in der man die Fremden besonders auf die in derselben befindliche Irmensäule, aus einem siebzehn Fuß hohen grünen Stein bestehend, die Karl der Große 772 umgestürzt, aufmerksam macht. Die Familie wollte von hier nach Goslar, von da nach Göttingen und so weiter, und auch den Brocken vulgo Blocksberg besteigen. Die Attraktionskraft dieser Damen, oder vielmehr der zierlichen Zofe, war so groß, daß auch ich sogleich von meinem ursprünglichen Reiseplan abwich, um auch nach Goslar zu gehen. Ich nahm eine offene Postkalesche, in der ich Sophien einen Platz anbot, den anzunehmen ihr aber die Baronin untersagte, und das Mädchen lieber in ihrem Wagen sitzen ließ. In Goslar stieg ich in demselben Gasthof wie die Herrschaften, dem Schleßlerischen, ab. Wir waren die ganze Nacht durchgefahren und erst gegen Morgen angekommen. Um Mittag hatte ich Gelegenheit, das Kammermädchen zu sprechen, die mir mitteilte, daß sich ihre Damen sehr angelegentlich nach meinem Stand und Charakter erkundigt, und als sie ihnen gesagt, daß ich ein Offizier sei, sie diese Mitteilung wohlgefällig aufgenommen hätten. Das Mädchen war die Herzensvertraute des jungen Fräuleins, die sie mir als den Männern gar nicht abgeneigt schilderte. Für diese Nachrichten dankte ich Sophien mit ein paar Küssen. Sie entzog sich jedoch durch eilige Entfernung meinen weiteren Gunstbezeigungen, indem sie davonlaufend rief: „Ach, die Herrschaft hat mich gerufen.“
Die hochadelige Familie geruhte an der bürgerlichen Table d’hôte des Gasthofes zu speisen und mir mitzuteilen, daß sie nach derselben die Stadt zu besehen beabsichtige. Die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen, wurde mir freundlichst gewährt, und die Partie nach dem Harzgebirge und dem Blocksberg für den kommenden Tag festgesetzt.