„Wohl möglich.“

Die Herren sahen sich gegenseitig wieder ebenso perplex an; denn wie man das Frankfurter Bürgerrecht so aufgeben konnte, ging über ihr Fassungsvermögen. „Nein, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen, da steht einem der Verstand still,“ ließ sich einer und der andere vernehmen, und ich fand für gut, lächelnd mich gehorsamst zu empfehlen, damit der Verstand wieder in Gang kommen möge. Aber ...

Indessen drangen meine Eltern in mich, doch irgendeinen Entschluß zu fassen, und besonders meine Mutter wünschte, daß ich nach so vielen Jahren mich endlich in meiner Vaterstadt fixieren möchte, mir zugleich versichernd, es würde mir gewiß an einer für mich passenden Anstellung nicht fehlen, wenn ich mich nur im Geringsten darum bemühen wolle. Ein mit unserer Familie befreundeter Schöffe, der schon zweimal einjähriger wohlregierender Bürgermeister gewesen, habe ihr im Vertrauen mitgeteilt, daß man eine Polizeidirektorstelle zu kreieren beabsichtige, und dem zu ernennenden Direktor zu gleicher Zeit der Auftrag würde, in den Angelegenheiten der Stadt mit dem Bundestag zu verkehren, wozu sich keiner der dermaligen Senatoren wohl eigne; es müsse ein Mann sein, der mehrere Sprachen, besonders auch das Französische geläufig spreche, mancherlei Kenntnisse und namentlich viel Welterfahrung habe und so weiter, und damit geendigt, daß er glaube, eine solche Stelle sei ganz für mich gemacht, ich möge mich nur einstweilen bei den Senatsmitgliedern präsentieren und empfehlen. Ob mir gleich ein solches Amt, das mich wieder von hunderterlei Dingen und Leuten abhängig machen mußte, durchaus nicht konvenierte, so bequemte ich mich dennoch, meinen Eltern zuliebe, die es überaus wünschten und meinten, es würde ihnen ein wahrer Trost im Alter sein, mich durch eine solche Anstellung gesichert bei sich zu sehen, sogenannte Empfehlungsbesuche bei mehreren der hochweisen Herren und auch den beiden einjährig Wohlregierenden zu machen. Die Fragen, die man dabei an mich richtete, bezweckten durchaus nicht, zu erforschen, ob ich wohl auch die nötigen Fähigkeiten, Talente, Kenntnisse, die ein solches Amt erfordert, besäße. Von dem allem war gar keine Sprache, wie denn überhaupt bei der Besetzung irgendeiner Stelle die Kapazität zu derselben in Frankfurt niemals in Anschlag gebracht oder auch nur darnach gefragt wird, sondern Protektion und Konnexionen allein erwogen werden. Man erkundigte sich, ob ich auch schon diesem oder jenem meine Aufwartung gemacht habe, ob ich mich auch recht erkenntlich zeigen würde, wenn man mir die Stelle gebe. Einige Senatoren, an die ich besonders empfohlen war, gaben mir den guten Rat, mich bei dieser und jener Dame hauptsächlich beliebt zu machen, ja recht höflich gegen Senatorsfrauen und -Töchter und alle Anverwandte bis ins zehnte Glied zu sein, denn schon gar mancher habe eine gute Stelle erhalten, weil die Frau Schöffin so und so zu ihrem Mann gesagt: „Dem mußt du derzu helfe, dann es is doch gar ä höflicher Mensch, er grüßt mich allemal, wann er mich sieht, schon fünfzig Schritt weit, und nimmt den Hut tief herunner.“ Auch einige Köchinnen, welche großen Einfluß auf gewisse Senatoren hätten, da sie vortrefflich kochten, wurde mir geraten, mit kleinen Geschenken zu bedenken. Eine Freundin meiner Mutter brachte dieser sogar eine Liste, auf welcher an zweihundert Personen figurierten, fast alle Verwandte, Vetter, Basen, Schwäger, Schwiegermütter, Tanten und so weiter von Senatoren, denen ich ja nicht vergessen dürfe, sämtlich meine Aufwartung zu machen, denn man habe schon öfters das Beispiel gehabt, daß eine einzige Hintansetzung einer solchen wichtigen Person das Nichterhalten der Stelle des Aspiranten zur Folge gehabt, wie noch neulich mit dem Herrn S..., der es vergessen, der Großtante des Senators B... seine Aufwartung zu machen, und deshalb bei aller Tüchtigkeit das Amt, als ein Mensch, der nicht zu leben wisse, nicht erhalten habe. – Dies war mir denn doch ein wenig zu toll – „Nein, lieber Vater, und wenn man mir Millionen anböte, so würde ich eine solche Stelle nicht annehmen, nachdem ich die hiesigen Verhältnisse näher kennen gelernt und ziemlich durchschaut habe,“ sagte ich zu meinen Eltern, als wieder die Rede darauf kam, „auch würde ich sie keine drei Wochen behalten; denn wer in dem faulen und stinkenden Sumpfpfuhl der Frankfurter Behördenwelt leben kann, der muß eine Lunge und ein Gewissen haben, weiter und durchlöcherter als das Danaidenfaß. Ich werde aber dennoch in Frankfurt bleiben und mir eine unabhängige Existenz zu gründen suchen.“ – Darauf gingen nun meine Gedanken und meine Bemühungen vorerst aus, während ich unter der Hand täglich an meinem historischen Werk arbeitete und viel las. – Aber was beginnen? Darüber konnte ich eine Zeit lang nicht ins Reine kommen. – Eines Tages fielen mir unter meinen Papieren einige Nummern des ‚Beobachters an der Spree‘ in die Hand, die ich von Berlin mitgenommen, weil meine Aufsätze in denselben standen, und plötzlich sagte ich zu mir selbst: Wie wäre es, wenn ich hier ein ähnliches Volksblatt herausgebe. An Stoff dazu fehlt es wahrlich nicht. Ich habe durch das Projekt einer Anstellung den hiesigen Augiasstall zur Genüge kennen gelernt, und es wäre wohl noch ein Verdienst, zu versuchen, etwas zu seiner Reinigung beizutragen, obgleich man keinen Mohren weiß wäscht. Diese Idee bildete sich immer mehr in meinem Kopf aus, und ich hatte damals wirklich noch den einfältigen Glauben, wenn ich auf die gräßlichen Übelstände der Verwaltung und Regierung Frankfurts aufmerksam machte und den Leuten über gewisse Dinge die Augen öffnete, dies wohl etwas bessern könnte.

Aber ein Umstand machte mich zweifelhaft: Börne, der geistreichste, witzigste Kopf, der in ganz Deutschland lebte, gab damals ‚Die Zeitschwingen‘ heraus und schwang in denselben eine Geißel, die kein anderer so zu handhaben vermochte. Dieser, fürchtete ich, würde meinem Vorhaben im Wege stehen. Ich machte ihm deshalb einen Besuch, teilte ihm mein Projekt mit, zu dem er mich nicht nur ermunterte, sondern mir versprach, was zu dessen Förderung an ihm liege, würde er gerne tun, darauf könne ich mich verlassen. Auch teilte er mir manche Dinge mit, die er, als früher bei der Polizei angestellt, in Erfahrung gebracht, und die zu benutzen er mir freistellte. Daß ich unter den erbärmlichen Frankfurter Zensurverhältnissen[4] kein solches Blatt herausgeben konnte, war mir auch klar, ohne daß mich Börne darauf aufmerksam gemacht hätte, und ich kam deshalb bei der großherzoglich-hessischen Regierung um die Erlaubnis ein, eine Zeitschrift in Offenbach herausgeben zu dürfen, die mir auch bald gewährt wurde. Mehrere Umstände veranlaßten mich indessen, von der erhaltenen Bewilligung nicht sogleich Gebrauch zu machen und die Herausgabe der Zeitschrift vorerst noch zu verschieben.

Damals lebte nämlich die ehemalige Königin von Spanien, früher Königin von Neapel, wo ich sie schon kennen gelernt hatte, unter dem Namen einer Gräfin Survilier mit ihren beiden Töchtern zu Frankfurt in dem Gartenpavillon des roten Hauses, sehr eingezogen. Sie war, wie bekannt, die Gattin Joseph Bonapartes, der sich in Amerika aufhielt. Diese Dame war eine der trefflichsten weiblichen Charaktere, die ich jemals kennen gelernt. Die Tochter eines Marseiller Kaufmanns, hatte sie der Besitz von Thron und Krone nicht im mindesten hochmütig, ja noch bescheidener gemacht. Ein unendliches Wohlwollen gegen alle Menschen, die sie so gerne glücklich gewußt und gemacht, wenn es in ihrer Macht gelegen hätte, war ein Hauptzug im Charakter dieser würdigen Frau, ein Engel an Sanftmut, Güte, Tugend und Seelenreinheit, ihre Wohltaten hatten keine Grenzen. Obgleich keine ausgezeichnete Schönheit, war sie doch selbst im vorgerückten Alter noch höchst liebenswürdig. Sie beschäftigte sich in Frankfurt, sowie schon früher, fast einzig mit der Erziehung und Ausbildung ihrer beiden Töchter, von denen die älteste, Zenaïde, damals neunzehn, und die jüngere, Charlotte, etwa siebzehn Jahre alt sein mochte. Beide Mädchen waren durch ihren hohen Geist, ihre Talente, ihre treffliche Erziehung und ihre körperliche Bildung ausgezeichnet. Charlotte hatte besonders in der Malerei kein gewöhnliches Talent, und in der Musik waren beide ziemlich vorangeschritten. Piano, Harfe und Gesang dienten zu ihrer Erholung, während sie die meisten Stunden den höheren wissenschaftlichen Kenntnissen widmeten.

Ich ließ mich bei den Damen als ehemaligen französischen Offizier melden, wurde an- und freundlich aufgenommen und gebeten, meine Besuche recht oft zu wiederholen. Wie ungemein anziehend mir die Unterhaltung dieser Damen war, die sich meistens um Ereignisse und Begebenheiten Napoleons und seiner Angehörigen drehte, kann ich nicht sagen. Ich erhielt über manche Verhältnisse, namentlich über die Napoleons zu seinem Bruder Joseph und anderer, Aufschlüsse, die von hohem Wert für das Werk waren, das ich herauszugeben beabsichtigte. Indessen waren nicht immer die Politik und Staatsangelegenheiten das Thema der Konversation, sondern es wurde auch musiziert, vorgelesen und so weiter. Die einzige Person in Frankfurt, die außer mir noch Zutritt bei der Familie hatte, war die Tochter aus einem der ersten Bankierhäuser daselbst, Fräulein M..., deren Haus die Geldangelegenheiten der Gräfin Survilier besorgte. Dieses Mädchen hatte einen aufgeweckten, sehr munteren und heiteren Humor, liebte gern kleine Abenteuer und machte den Damen manche kleine Zerstreuung durch die Stadthistörchen, die sie ihnen auf die launigste Weise und mit oft sehr witzigen Bemerkungen erzählte. Es wurden von Zeit zu Zeit auch kleine Komödien aufgeführt, bei denen die Gräfinmutter und ein paar Kammerfrauen die einzigen Zuschauer abgaben, und ich der einzige männliche Akteur war. Dennoch aber machten sie uns allen vielen Spaß. Fräulein M..., die bisweilen eine kleine Rolle übernahm, machte die erste Liebhaberin so natürlich, obgleich mit einem etwas sehr germanischen Akzent, daß sie mich bezauberte, und sich bald auch außer der Bühne ein kleines Liebesverhältnis unter uns entspann, von dem die Familie Survilier aber nichts ahnte, da wir uns Rendezvous außer dem roten Haus und meist im alten verschwiegenen Pfarrturm gaben. Da wir fast nie Gelegenheit hatten, uns im roten Haus nur ein paar Worte allein zu sagen, und deutsch zu sprechen in Gegenwart der anderen Damen unschicklich gewesen wäre, so tauschten wir gegenseitig unbemerkt kleine Briefchen aus, in denen das weitere verabredet war. Eines Tages hatte Madame M..., die Mutter, das Töchterchen bei dem Lesen eines solchen überrascht und wollte es ihr, da sie sich weigerte, dasselbe herauszugeben, mit Gewalt entreißen. Aber das Mädchen lief ihr davon, die Mutter ihr nach und verfolgte sie alle Treppen hinauf bis auf den obersten Boden, wo erstere, da sie sich nicht mehr zu helfen wußte, das Billett zerriß und es verschluckte, ehe Mama noch bei ihr war, und beinahe daran erstickt wäre. Es gab nun ein arges Donnerwetter zwischen Mutter und Tochter, und Madame M... war einfältig genug, die Sache publik und also zum Stadtskandal zu machen, so daß vier Wochen lang in allen Teeklatschen die Begebenheit, reichlich verziert, Stoff zur Unterhaltung gab.

Zu jener Zeit kam auch der General Gourgaud von Sankt Helena zurück, wo er Napoleon, seinen Herrn, schon kränklich verlassen hatte, und hielt sich eine Zeitlang in Frankfurt auf, nachdem er in Hamburg vom dortigen Senat wegen einer Damenintrige, in deren Folge er sich eine Herausforderung hatte zu Schulden kommen lassen, ausgewiesen worden war. Auch in Frankfurt gestattete man ihm nicht, eine Privatwohnung zu beziehen, sondern er mußte in einem Gasthaus, dem Pariser Hof, während der Dauer seines Aufenthaltes wohnen bleiben. Diesen lernte ich zuerst bei der Gräfin Survilier kennen, die er oft besuchte, und wo er äußerst interessante Mitteilungen über das Leben des Exkaisers auf Sankt Helena machte. Da er hörte, daß ich an einem großen Werke der Geschichte unserer Zeit arbeite, zu dem mir der General Carnot die erste Anleitung gegeben, so erbot auch er sich, mir wichtige Notizen mitzuteilen, die ich aber wenig benutzte, da sie offenbar der Wahrheit nicht getreue Entstellungen enthielten und höchst parteiisch waren.

Übrigens kam jetzt ein sehr ernstes Thema bei den Abendunterhaltungen der Gräfin Survilier zur Sprache, dessen Gegenstand kein geringerer als ein Projekt zur Befreiung Napoleons aus der englischen Gefangenschaft zu Sankt Helena war, das aber die Krankheit und das bald darauf erfolgende Ableben des Gefangenen nicht zur Ausführung kommen ließ. Nachdem mancher abenteuerliche Vorschlag gemacht, mancher Luftpalast erbaut und wieder niedergerissen oder als unausführbar verworfen worden war, blieb man bei folgendem, gewiß sehr gut kombinierten Plan stehen: Ich sollte nach London reisen und dort den Chef eines Handelshauses, der als großer Verehrer Napoleons bekannt war, in das Geheimnis ziehen, um durch ihn und in seinem Namen ein Schiff nach Ostindien ausrüsten zu lassen, auf welchem ich mich als Privatspekulant und mit guten Empfehlungsschreiben an das dortige Gouvernement versehen, dahin begeben sollte. Nachdem ich mich daselbst einige Zeit aufgehalten, sollte ich den Verlust meines ganzen Vermögens angeben und möglichst veröffentlichen, und mich dann auf einem anderen, nach England zurückkehrenden Ostindienfahrer, der in Sankt Helena anhielt, einschiffen, bei dem dortigen Gouverneur Hudson Lowe melden und ihm vom Ostindischen Gouvernement mitgebrachte Empfehlungsschreiben vorzeigen, die ich durch die aus England mitgebrachten Empfehlungen leicht erhalten könnte, und in denen von meinem angeblichen Verlust die Rede sei. Alle diese großen Weitläufigkeiten waren nötig, um auch den leisesten Verdacht zu entfernen. Auch noch andere Empfehlungen an einen in Sankt Jamestown etablierten Mann sollte ich durch das Londoner Haus erhalten, dem ich jedoch nicht eher etwas von der beabsichtigten Unternehmung mitteilen dürfe, bevor ich mich von seiner Zuverlässigkeit vollkommen überzeugt habe. In Sankt Helena sollte ich krank werden und allerlei Mittel anwenden, damit mein Aussehen die angebliche Krankheit bestätigte, namentlich Brustbeschwerden und Husten fingieren, unter diesem Vorwande auf der Insel zurückbleiben, und nachdem ich allmählich etwas besser geworden, um die Erlaubnis einkommen, eine Taverne in Sankt Jamestown errichten zu dürfen, die mir vermittelst der von Ostindien mitgebrachten Schreiben und unter der Ägide eines Bürgers der Stadt wohl gewährt werden würde. Durch vorzüglich gute Qualität der Getränke und billige Preise, jedoch nicht auffallend, sollte ich mir namentlich unter dem Militär, bald eine große Kundschaft verschaffen, mit gehöriger Vorsicht viel Kredit geben, diejenigen Personen, von denen ich glaube, daß nichts mit ihnen anzufangen sei, hauptsächlich Soldaten, gehörig ans Bezahlen mahnen, ohne sie jedoch gerade zu brüskieren; bei denen aber, wo ich das Gegenteil merke, das Anschreiben von Zeit zu Zeit vergessen. Durch dieses Mittel sollte ich meine Leute kennen, die Brauchbaren unterscheiden lernen, und womöglich auch einige Offiziere zu gewinnen suchen, namentlich solche, die Mißvergnügen mit ihrer Lage bezeigten. Nachdem ich mich auf diese Art nach und nach dem Ziele näher gerückt, sollte ich bei den bereits Erprobten es weder an großen Versprechungen, Geschenken, noch Versicherungen auf reichliche Versorgung für die Lebenszeit fehlen lassen. Wenn ich mir auf diese Weise nun einen kleinen Anhang verschafft, so sollte ich suchen, jemand von Napoleons Umgebung mit dem Plan bekanntzumachen und am Tage der Ausführung durch die gewonnenen Offiziere alle Posten um Longwood von den ebenfalls gewonnenen Soldaten besetzen lassen, auch eine Fischerbarke an dem steilsten Ufer von Sankt Helena in der zur Ausführung des Planes bestimmten Nacht bereithalten, welche den Gefangenen, nachdem man ihn mit Stricken hinabgelassen, entführen und auf ein zu diesem Behuf so nahe als möglich kreuzendes amerikanisches Kauffahrteischiff bringen müßte. Sollte ich indessen dies für untunlich oder zu gewagt halten, so bliebe es meiner Einsicht überlassen, durch eine förmliche Revolte der Verschworenen diese Befreiung zu bewerkstelligen, wobei man viel auf die wegen der mancherlei Beschränkungen höchst unzufriedenen Einwohner von Sankt Helena, sowie auf einen großen Teil der Garnison und der Neger zählen zu können glaubte, da diese über mancherlei Vexationen und schlechte Behandlung, die ihnen zuteil geworden, seitdem man ihre Insel zu Napoleons Kerker gemacht, sehr aufgebracht waren. Auch dieses sollte in der Stille der Nacht vor sich gehen, damit die nicht bestochenen Signalposten verhindert würden, zu früh Lärm zu schlagen, und so die Kreuzer aufmerksam gemacht würden, bevor die Barke glücklich durchgekommen. In diesem Fall sollte auch versucht werden, sich der Person des Gouverneurs zu bemächtigen, aber womöglich alles Blutvergießen vermieden werden. Unterdessen sollte man auch dafür Sorge tragen, so viel wie möglich Leute, die man als große Verehrer Napoleons kenne, als Bediente, Handwerker, Köche und so weiter, in Sankt Helena unterzubringen, um sich ihrer im Fall des Aufstandes bedienen zu können, ohne sie vorher in irgendetwas einzuweihen. Amerikanische Kauffahrteischiffe sollten sich beständig in gehöriger Distanz von der Insel aufhalten, aber keines länger als ein paar Tage, um keinen Verdacht zu erregen und damit sie als nur vorübersegelnd betrachtet würden. Auch sollten sie nur in Zwischenräumen von acht bis vierzehn Tagen sichtbar werden, verschiedene Flaggen aushängen und nie so nahe herankommen, daß man sie anrufen oder ihnen nur signalisieren könne. Im übrigen sollte es mir überlassen bleiben, einmal auf der Insel, noch diejenigen Mittel anzuwenden und Vorkehrungen zu treffen, die ich für dienlich halten würde, den großen Zweck zu erreichen.

General Gourgaud hatte der Gräfin Survilier manche Details über die Bewachung Napoleons und das Innere der Insel von Sankt Helena mitgeteilt, welche die großen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens dartaten, die man jedoch nicht für unüberwindlich hielt. Es sollte nun vorerst die Sache mit dem Londoner Haus eingeleitet werden und wurde auch mit einem, als Napoleons außerordentlich großen Verehrer bekannten englischen Lord C... deshalb verhandelt. Dieser schenkte zwar dem entworfenen Plan seinen Beifall, aber das Fortschaffen Napoleons vermittelst einer Barke schien ihm zu gefährlich. Ich selbst hatte mehrere Konferenzen mit diesem Engländer zu Paris, wohin ich auf wenige Tage reiste, wobei er mir sagte, daß, wenn man auch die Befreiung des Exkaisers, es sei durch List und Bestechung oder durch offene Gewalt, errungen habe, dennoch die Kreuzer, selbst wenn die nächsten Signalposten gewonnen, zu wachsam und gefährlich seien, als daß man hoffen könne, unangefochten durchzukommen. Er riet mir übrigens von offener Gewalt ganz ab, nur durch List und Bestechung sei etwas zu hoffen. Jede Gewalttätigkeit würde sogleich auf den Schiffen bekannt, und ein Aufstand sogleich eine förmliche Belagerung der Insel herbeiführen. Am sichersten wäre es freilich, wenn man einen oder ein paar der die Kreuzer befehligenden Kommandanten gewinnen könne; doch daran sei nicht zu denken. Außerdem war seine Meinung, man dürfe hier durchaus nichts übereilen, es müsse alles auf das reiflichste überlegt und geprüft werden, er hoffe noch ein Mittel zu finden, das unfehlbar zum Ziele führe. Mit diesen Vertröstungen kam ich nach Frankfurt zurück, und man kam überein, die ferneren Berichte des Lords abzuwarten, bevor man in der Sache weitere Schritte tue.

Einstweilen arbeitete ich an meinem Werk fort, machte öfters Exkursionen in das Taunusgebirge und die mir zum Teil noch sehr unbekannte Umgegend Frankfurts und hatte allerlei kleine, mehr oder minder unterhaltende Abenteuer, mitunter auch mit einigen Gespielinnen aus meiner Kindheit, wie die an einen reichen Kaufmann verheiratete Karoline Th..., Lili O... und Tinchen L..., die sich alle noch gut konserviert hatten. Pikantere Bekanntschaften waren mir aber die einer jungen angehenden Schauspielerin, Betty U..., und eines allerliebsten und sehr geistreichen jungen Mädchens, Jeannette G..., beide sehr schön und letztere die Tochter einer Witwe, die eine Kaffeewirtschaft hatte.