Ein Vorfall anderer Art, bei dem ich beteiligt war, machte Lärm und Aufsehen in Frankfurt. Es war nämlich Feuer in der kleinen Eschenheimer Gasse ausgekommen, und da man in der engen Straße dem brennenden Haus nicht wohl mit den Spritzen beikommen konnte, so wollten die Führer derselben in den Hof des Thurn und Taxisschen Palais, dem Sitz des Bundestages, in den man von der großen Eschenheimer Gasse einfährt, um von da aus, wo man die Schläuche durch einige Fenster leiten konnte, dem Feuer Einhalt zu tun. Dagegen stellte sich aber ein Mensch, der, obgleich es noch ziemlich früh in den Vormittagsstunden war, sich doch schon ein artiges Räuschchen angetrunken hatte und zu den Spritzenleuten in echt österreichischem Dialekt sagte: „Un’ Se dürfens halt nit rein, wir hobens hier alle Bundestagsakten und Papier’, und dürfen kane Spritzen rein, dos könnt’ a saubere Geschicht’ werden.“ – Ich kam gerade zu dieser Diskussion und stellte dem Mann vor, daß, wenn das Feuer mehr um sich griffe, die Papiere des durchlauchtigen Bundestages weit mehr gefährdet würden, als durch die Spritzen. – „Un’ ’s geht halt ämol nit, un’ es kann halt nit sein,“ lallte der Trunkene und befahl dem Portier, das Tor zuzumachen. Als ich nochmals Vorstellungen dagegen machte, sagte er zu mir: „Und Sie, wem sein’s? Sie sinn jetzt hier im Arrest im Palais.“ – Ich lachte dem Menschen ins Gesicht, der aber nun in höchsten Zorn geriet und laut schrie: „Korporal von der Wacht, doß er’s weiß, der Mensch hier is im Arrest, und lassen’s en net raus!“ – Dieser erwiderte: „Ganz wohl, Herr Kassierer.“ – Ich erfuhr nun, daß der Trunkenbold der österreichische Kassier beim Bundestag sei und sich Horrak nenne. Ich begab mich jetzt zum österreichischen Präsidialgesandten, Buol-Schauenstein, selbst und teilte ihm den Vorfall mit. Dieser gab natürlich gleich Order zu meiner Freilassung, indem er sagte: „Es ist doch kein Auskommen mit dem Trunkenbold, er macht einen Eselsstreich nach dem anderen.“ Als ich durch den Hof kam, in welchem ich den Horrak noch traf, sagte ich im Vorübergehen: „Sie sollen zu Ihrem Herrn kommen, der sich Ihre Eselsstreiche verbittet.“ – „Wos sagen’s da, i mach’ halt kane Eselsstreich’, das will i mir verbeten haben.“ – Mit einem: „Schlafen Sie Ihren Rausch aus, Sie werden das Weitere von mir hören,“ ließ ich den Kerl stehen und entfernte mich nun ungehindert. Ich schrieb ihm aber noch denselben Tag ein paar Zeilen, durch welche ich Genugtuung von ihm wegen des verübten Gewaltstreichs und so unbefugten als lächerlich angebotenen Arrests begehrte. Horrak aber lief mit dem Brief auf das Frankfurter Polizeiamt, dem er mit der Ungnade des österreichischen Gesandten drohte, wenn es mich wegen dieser Herausforderung nicht vornehme. – „Schauen’s, meine Herren,“ sagte er, „was soll i mi dann mit dem Menschen schlagen? I bin ja gar nit ämol Soldat, und z’dem habe ans unser gnädigster Kaiser an- für allmol verboten, daß wir uns duellieren dürfen, das is ä Narretei.“ – Ich wurde nun auf das Polizeiamt, das, gleich allen Frankfurter Behörden, gewaltig Respekt und Furcht vor den Bundestagsgesandten hatte, und besonders, wenn der österreichische, russische oder preußische Gesandte nur gnädig hustete, schon ein Angstfieber bekam und nicht schnell genug ein Loch finden konnte, sich zu verkriechen, gefordert, wo mir der damals demselben vorstehende Senator Wüstefeld ankündigte: daß ich mich nicht unterstehen dürfe, in Frankfurt an irgend jemand eine Herausforderung ergehen zu lassen, und am allerwenigsten an Personen von dem durchlauchtigsten Gesandtschaftspersonal, sonst könne es mir schlimm ergehen, und es sei nicht schön von mir, daß ich die Frankfurter Behörden mit dem Bundestag, der ihnen ohnehin so viel zu schaffen mache, in solche Konflikte bringe, und so weiter. Meine ganze Antwort war: „Herr Senator, wir werden uns doch am Ende nicht noch von den Schuhputzern des Bundestages auf der Nase herumtanzen, oder von Trunkenbolden, wie dieser Horrak, insultieren lassen sollen?“ – „Das nicht, aber Duelle können hier nicht gestattet werden, das ist gegen unsere Gesetze, und Sie würden sich großen Unannehmlichkeiten aussetzen, wenn Sie wieder jemand herausforderten.“

Außer den Besuchen bei der Gräfin Survilier war es das Theater und in dessen Folge das von dem Personal desselben sehr besuchte Dörfchen Hausen, was mir die angenehmste Unterhaltung und meiste Zerstreuung in Frankfurt gewährte. In Hausen, im Garten Braumanns, fanden sich namentlich alle Freitage die Frankfurter Theaterprinzessinnen, einige Literaten, Familien von dem Gesandtschaftspersonal des Bundestags, Offiziere von der Militärkommission und andere joviale Leute ein, und diese Versammlung nannte man das Hauser Kasino. Das Theater war damals, wenigstens was das Schauspiel anbetrifft, gut besetzt, besonders hinsichtlich der Frauen. Unter allen war es Frau von Busch, welche das meiste Aufsehen erregte, und eine Unzahl erhörter und nicht erhörter Liebhaber hatte, unter denen sogar einige der reichsten, eben nicht mehr sehr jugendlichen Kaufleute waren, deren Frauen darob verzweifeln wollten. Frau von Busch war eine geborene Großmann und hatte, nachdem sie schon einmal verheiratet gewesen, ihren jetzigen Gatten, einen hannoverschen, nicht unbemittelten Edelmann, die Spröde spielend, vermocht, sie zu ehelichen. Als sie in kurzer Zeit dessen Vermögen verschwendet hatte, ward ihr der Mann bald zur Last, und sie überließ sich, wie früher, ihrem ausschweifenden Leben wieder, sammelte ein Heer von Liebhabern um sich, mit denen sie Orgien in der eigenen Wohnung feierte. Herr von Busch, ein Schwachkopf, statt den Herrn im Hause zu spielen oder sich wenigstens von ihr zu trennen, nahm sich die Sache so zu Herzen, daß er ganz tiefsinnig wurde, sich absonderte und meist in einem düsteren Zimmer, auf einem Lehnstuhl sitzend, Tag und Nacht vor sich hinstarrend, zubrachte. Seine Frau, wenn sie überlustig bei den Abendgelagen geworden, machte sich manchmal das Vergnügen, zu ihrer Gesellschaft zu sagen: „Nun wollen wir auch meinem einfältigen Mann einen Besuch abstatten,“ öffnete sodann die Türe des Gemaches, in welchem der Unglückliche brütete, und sprach: „da seht den Simpel, wie er da sitzt!“ – Ihr erklärter Liebhaber war damals ein Baron von A..., früher Offizier in holländischen Diensten und sehr reich. Dieser fuhr jeden Tag mit der heillosen Armida, zum großen Ärger der ehrbaren Frankfurter Frauen, in einer vierspännigen offenen Kalesche spazieren. Eines Morgens aber verbreitete sich plötzlich das Gerücht in der ganzen Stadt, Herr von Busch habe sich den Hals abgeschnitten. Doch war dies nicht der Fall, sondern der arme Mann hatte sich nur mit einem Rasiermesser die Adern an der Hand geöffnet, allerdings in der Absicht, sich um das Leben zu bringen. Sein Aufwärter hatte es aber gleich wahrgenommen, um Hilfe geschrien, und ein Chirurg kam noch zeitig genug, um ihn vom Verbluten zu retten. Die Sache machte außerordentliches Aufsehen in der Stadt, und als den folgenden Abend Frau von Busch im Theater, wenn ich nicht irre, als Lady Milford auftrat, wurde sie mit einem so furchtbaren Gezische, Pfeifen, Stampfen und Geschrei empfangen, daß sie durchaus nicht zu Wort kommen konnte. Sie ließ sich aber nicht schrecken, sondern stellte sich mit der schamlosesten Frechheit mit übereinander gekreuzten Armen vor das Parterre, ihre Blicke ringsumher werfend, als wollte sie sagen: „Nun, was wollt ihr von mir?“ – Als der Lärm nachließ, wollte sie wieder zu sprechen anfangen, aber der Sturm erhob sich von neuem und weit ärger als vorher, das Schreien artete in ein wahres Gebrüll aus, und man hörte deutlich die Worte: „Fort, hinaus mit der unverschämten H...“ Nachdem sie noch ein paarmal vergeblich zu sprechen versucht hatte, war man gezwungen, den Vorhang fallen zu lassen, und die Vorstellung war für diesen Abend beendigt. Den anderen Tag fuhr Frau von Busch vierspännig mit ihrem primo amoroso, dem Baron von A... in einem offenen Wagen und mit lächelnder Miene durch die Straßen der Stadt und um die Promenaden. Nun legte sich die Polizei darein und ließ es ihr verbieten, ferner eine ‚ehrsame Bürgerschaft durch solchen Skandal zu indignieren.‘ – Ein paar Tage darauf fuhr sie mit ihrem Baron zum Stadttor hinaus nach Mannheim, wo sie ihre Residenz aufschlug, ein Engagement erhielt und das Publikum durch ihre Kunst entzückte.

Damals machte ich in der Befreiungsangelegenheit Napoleons wieder eine Reise nach Paris, von der ich jedoch wenig befriedigt zurückkam, da ich die Personen, an welche ich von der Gräfin Survilier empfohlen war, eben nicht sehr empfänglich für unser Projekt fand. Dagegen hatte ich die Gelegenheit benutzt, um mit den bedeutendsten Pariser Zeitungen Verbindungen anzuknüpfen, denen ich Artikel in französischer Sprache über die damaligen Zustände Deutschlands lieferte, und welche mir so gut honoriert wurden, daß ich oft hundert Franken und mehr für die Seite erhielt. Da ich nun in Frankfurt fortwährend einen ziemlichen Aufwand machte, wenigstens keine Ausgaben scheute, und meine Eltern nicht mehr in den brillantesten Vermögensumständen waren, mein Vater hatte sich seit dem österreichischen Bankrott nie mehr recht erholen können, so sagte die Frankfurter Welt: ich erhalte das Geld zu meinen Ausgaben von verschiedenen Damen. Da mir daran gelegen war, daß niemand erfuhr, daß ich für die französischen Journale arbeite, ließ ich die Einfaltspinsel bei ihrem Glauben und galoppierte, sie auslachend, durch die Straßen.

Zu jener Zeit machte ich auch häufige Exkursionen nach meinem lieben Homburg und dessen Umgegend, die mich immer mit einer gewissen Wehmut an die Zeiten der daselbst so fröhlich verlebten Kinderjahre erinnerten. Mein guter Oheim Oberpfarrer war schon seit Jahren gestorben, Breitenstein und seine Familie aber waren wohlauf. Von meinen früheren Amouretten daselbst waren die meisten verheiratet, Eleonore von Brandenstein aber war immer noch Hofdame, und zwar nicht nur verblüht, sondern sehr brustleidend. Auch starb sie bald darauf im Bad Ems. Heimliche Sünden mochten dem Mädchen das frühe Grab bereitet haben. Ihre Mutter war ihr nur ein paar Jahre vorangegangen. Der alte brave Landgraf Friedrich war erst kürzlich gestorben und sein Sohn Friedrich Joseph ihm in der Regierung gefolgt. Dieser hatte sich noch als Erbprinz (1818) mit einer Tochter des Königs Georg III. von Großbritannien, der Prinzessin Elisabeth, vermählt. Diese Heirat hatte man in Homburg als ein großes Glück für das kleine, sehr arme Land gehalten, da die Prinzessin eine bedeutende Mitgift und ansehnliche Apanage hatte. Aber wie ich schon so oft erlebte, war auch hier, was man für ein Glück hielt, eher ein Unglück für das Land. Der neue Herr wollte nun à tout prix ein kleines London aus seiner kleinen Residenz machen. Damit die Hauptstraßen breiter scheinen sollten, mußten alle Wirte ihre Schilder, welche die Arme in die Gasse ausstreckten, einziehen und platt an den Häusern anmachen. Das alte Rathaus wurde abgerissen; es sollte später ein neues erbaut werden, was aber aus guten Gründen unterblieb. Allerlei kostspielige Anlagen wurden in den herrschaftlichen Gärten gemacht. Über einen Bach, der die nach dem großen Tannenwald führende Allee durchschnitt, und den man zur Not mit einem Bein überschreiten konnte, wurde eine Brücke aus Quaderstein erbaut, die über dreißigtausend Gulden kostete. Die Gärten und Lustwäldchen wurden gewaltig gelichtet, obgleich ihr Herr eben kein großer Freund vom Licht war. Bei jeder Gelegenheit wollte der neue Landgraf den großen, großmütigen und freigebigen Souverän spielen, allenthalben russische Trinkgelder spendend. Ward er zu irgendeiner Taufe gebeten, so durfte das Patengeschenk nicht unter fünfhundert Dukaten sein. Die Hofküche, aus der eine Unzahl Homburger Angestellter aller Art und andere gespeist wurden, kostete eine Unsumme Geld, und so ging es durch alle Branchen, wobei sich gewisse Leute ganz vortrefflich standen und bereicherten, hauptsächlich diejenigen, welche die Einkäufe für den Hof in Frankfurt zu machen hatten und sich mit den dortigen Juden zu verständigen wußten. So kam es, daß nicht nur die englischen Gelder nicht ausreichten, sondern, da diese Heirat Ursache war, daß der Landgraf großen Kredit erhielt, so stürzte er sich bald in ein Schuldenmeer, das in gar keinen Verhältnissen zu seinen Einkünften stand, und dem Land bald eine schwere Last werden mußte. Mehr als Gold aber regnete es mit Titeln auf die Homburger, von Geheimräten bis ich weiß nicht auf was alles für Räte und so weiter herab. Ein alter Kammerdiener seines Vaters namens Walther, der zugleich Barbier war und eine Barbierstube gehabt hatte, in welcher die Soldaten barbiert wurden, ward zum Medizinalrat gestempelt, und so weiter. – Meine Anhänglichkeit an Homburg machte, daß ich alles mögliche tat, um mehr Leben in die kleine Stadt zu bringen. Wurden kleine Konzerte veranstaltet, so brachte ich Dilettanten und Künstler mit, dieselben zu verherrlichen, und sang öfters selbst mit einigen Homburger jungen Damen, die hübsche Stimmen hatten. War ein Ball, so engagierte ich wenigstens ein Dutzend Tänzer, an denen in Homburg gänzlicher Mangel war, und nahm sie auf meine Kosten mit, ebenso ganze Kisten mit Orangen, Konfekt und Körbe mit Champagner, womit ich die guten Leute in Homburg reichlich regalierte. Außerdem war außer Breitenstein noch ein Haus da, welches mich anzog, und dieses war das des Homburger Generalissimus, Oberst F..., der das sechzig bis achtzig Mann starke Heer, jedoch jetzt lauter junge Leute, kommandierte, und ein Paar liebenswürdige Töchter hatte, von denen die eine Bertha und die andere Emma hieß. Eines Tages, bevor ich noch die Namen der beiden Fräuleins gekannt, sang ich in einem Konzert ein komisches Lied, in welchem eine Stelle vorkam, in der es heißt:

Verschmähet Bertha meine Liebe,

Schenk ich Emma gleich mein Herz usw.

Nun gab es ein Gezische und Geflüster in dem Saal, man sah auf die beiden Mädchen, die überrot wurden, und behauptete, ich habe es auf diese abgesehen, und so weiter.

Da sich das Projekt der Befreiung Napoleons sehr in die Länge zog, auch immer beunruhigendere Nachrichten hinsichtlich seines Gesundheitszustandes von Sankt Helena eintrafen, so entschloß ich mich nun, einstweilen das Wochenblatt, für welches ich schon längst die Konzession in der Tasche hatte, in Offenbach erscheinen zu lassen. Ich hatte mir vorgenommen, besonders die erbärmlichen und jämmerlichen Zustände Frankfurts in demselben tüchtig mitzunehmen und zu geißeln, und hatte zu dem Ende öfters Rücksprache mit dem genialen Börne gepflogen. Ich ließ eine Vignette mit einem Januskopf und ein paar Steckenpferde geißelnde Satyre in Holz stechen, um sie an die Spitze des Blattes zu setzen. Börne lieferte mir ein kleines einleitendes Gedicht dazu, und in der Probenummer, von der ich zwanzigtausend abziehen und in Frankfurt und der Umgegend verteilen ließ, waren schon einige artige Histörchen, die in der guten Stadt kein geringes Aufsehen machten. Ich hatte nicht überlegt, daß Frankfurt nicht Berlin ist, daß in meiner guten Vaterstadt, wo Klatschsucht und Kleinstädterei eine so große Rolle spielen, daß sich jedermann um das bekümmert, was der andere zu Mittag speist, und wo, wenn man am Bockenheimer Tor niest, man am Allerheiligentor Prosit sagt, daß ein solches Blatt die ganze Stadt, in welcher alte eingerostete Vorurteile die Herrschaft hatten, in Aufruhr bringen müsse, während die ohnehin witzigen und meist geistreichen Berliner, wie die Pariser, sich an solchen Dingen ergötzten, wenn sie auch noch so arg, sobald es nur mit Geist und Witz geschah, mitgenommen wurden. Freilich verloren sich in der Größe jener Städte persiflierende Anspielungen in der Volksmenge, während in Frankfurt, wenn etwas dergleichen in dem Blatt auch noch so verblümt enthalten war, doch jedermann gleich mit Fingern auf die Personen deutete, denen es galt, oder von denen man auch nur vermutete, daß es ihnen gelten könnte, denn auch für solche Dinge, welche die Stadt durchaus nicht anfochten, ruhte man nicht bis man den Gegenstand, den sie betrafen, in Frankfurt aufgefunden haben wollte. Auch machte die Wochenschrift gleich nachdem ein paar Nummern derselben erschienen waren, fast die halbe Stadt rebellisch, und die Geld- und Familienaristokratie, die ich arg mitgenommen, verschwor sich, nicht zu abonnieren. Dagegen erhielt das Blatt um so mehr Abonnenten unter dem Mittelstand in Frankfurt und in der ganzen Umgegend, und die sogenannten Vornehmen Frankfurts brachten heimlich die Nummern einzeln an sich, welche ich durch die Buchhandlung, die die Expedition übernommen hatte, à vierundzwanzig Kreuzer per Nummer verkaufen ließ, während das Abonnement nur wenige Gulden für das ganze Jahr betrug, und fand sich irgendein Klatschgeschichtchen in einer Nummer, was fast jedesmal der Fall war, so wurden oft für ein paar Hundert Gulden von dieser an einem Tag geholt, und das Blatt trug mir bald sechs- bis siebentausend Gulden jährlich reinen Gewinn ein. Doch ging es auch nicht ohne alle Unannehmlichkeiten ab, von denen mir die meisten die Theaterkritiken verursachten, da diese oft beißend waren, und besonders die hohe, aus Kaufleuten bestehende Oberdirektion in gewaltigen Harnisch brachten. Nun hatte mir ein Frankfurter Bürger und Zahnarzt namens R..., bei dem die erste Liebhaberin und sehr beliebte Schauspielerin Demoiselle L... zur Miete wohnte, mit der er sich überworfen hatte und vor dem Polizeigericht lag, einen Aufsatz mit der Überschrift: „Nicht mehr als sieben Hausschlüssel,“ zugesandt, der nicht ohne Witz die Geschichte einer keuschen Jungfrau erzählte, welche sieben Liebhaber gehabt und jedem derselben einen Hausschlüssel zu ihrer Wohnung und eine Nacht in der Woche zugestanden habe. Namen waren keine oder doch nur ganz fremde genannt, und ich selbst ahnte den Zusammenhang der Sache nicht. Aber kaum war die Nummer, welche diesen Aufsatz enthielt, erschienen, so wußte die ganze Stadt auch schon, daß es der Demoiselle L... gelte; der Einsender, der die ganze Geschichte, die nur Verleumdung war, um sich zu rächen, erfunden, hatte gehörig dafür gesorgt, es unter die Leute zu bringen, wer damit gemeint sei. Unglücklicherweise hatte sich Demoiselle L... so übel beraten lassen, daß sie die Sache auf sich bezog, und die Herren vom Theater veranstalteten eine Komödie in der Komödie. Es wurden nämlich einige achtzig Freibillete auf die Galerien ausgeteilt, unter der Bedingung, daß die Inhaber derselben den Abend, für den sie gültig waren, Demoiselle L... herausrufen sollten. Diese sollte alsdann unter Tränen dem Publikum mitteilen, daß, so sehr sie auch dasselbe zu achten und zu schätzen wisse und so äußerst lieb und teuer ihr der Aufenthalt in Frankfurt sei, sie doch unter solchen Umständen, da ihre Ehre so empfindlich in der Offenbacher Zeitung gekränkt sei, unmöglich länger bei dieser Bühne bleiben könne. Diese Worte sprach sie wirklich in einem weinerlichen Ton, schluchzend, und begleitete sie mit einem Strom von Tränen. Kaum hatte sie geendigt, als sich auf den Galerien ein furchtbarer Tumult erhob, die achtzig Freibillette taten, wie ihnen empfohlen worden, brüllten: „Hier bleiben, hinaus mit dem Rezensenten!“ und andere machten Chorus, ohne zu wissen, was dies zu bedeuten habe. Ich befand mich mit ein paar Bekannten mitten im Parterre, und da ich vorher schon durch einige Mitglieder vom Theater mündlich und durch Briefe unterrichtet worden war, so hatte ich mich auf den Fall eines etwaigen Angriffs gut vorgesehen. Um mich herum blieb indessen alles sehr ruhig, ich ließ die gedungenen Lärmmacher sich ausschreien, verließ dann das Parterre, dessen Reihen sich vor uns öffneten, mit meinen Freunden, und man ließ uns unangetastet, ja sogar ehrfurchtsvoll durch. Damit war indessen die Sache noch nicht abgemacht, sondern zwei Tage darauf wurde ich vor das hochlöbliche Polizeigericht gefordert, wo ich die untertänige Unterdirektion Ihleh und seinen Adjunktus M... vorfand, die mich im Namen der Oberdirektion als einen Ruhestörer des Theaters verklagt hatten und Genugtuung und sogar Entschädigung für den großen Nachteil, welchen die Rezensionen meines Blattes dem Theater schon gebracht hätten, begehrten. Herr Senator Wüstefeld, Vorstand der Polizei, teilte mir mit polizeilicher Wichtigkeit diese Klagen der Direktion mit und meinte, wenn ich dies Rezensieren nicht unterließe, so könne mich dies noch teuer zu stehen kommen, ja der hohe Senat der Stadt Frankfurt könne sich wohl veranlaßt finden, mein Blatt in der Stadt und deren Distrikt zu verbieten, und forderte mich auf, mich gegen die angebrachte Klage zu verteidigen. Ich erwiderte ihm mit wenig Worten, daß, da die Zeitschrift im Großherzogtum Hessen und mit Großherzoglicher Zensur erscheine, ich mich in Frankfurt auf solche Klagen gar nicht einlassen könne, die Herren müßten sich an die Großherzoglich-hessischen Behörden deshalb wenden. „Gut, dann wird man das Blatt verbieten,“ sagte der Polizeisenator. „Das kann ich nicht verhindern, aber dann könnte es der Großherzoglichen Regierung leicht einfallen, die in Frankfurt erscheinenden Blätter ebenfalls zu verbieten, und dann,“ fügte ich lächelnd hinzu: „ich kenne meine Frankfurter, verbieten Sie das Blatt, so mache ich bekannt, daß es im kurhessischen Städtchen Bockenheim zu haben, das, wie Sie, als in der Geographie gut bewundert, wissen, nur zehn Minuten von den Toren Frankfurts entfernt ist, und ich bin überzeugt, es wird noch zweimal soviel davon abgesetzt.“ Nun fing man an, mit mir zu unterhandeln, und die Theaterherren gaben den Wunsch zu erkennen, ich möchte doch wenigstens erklären, daß mit den sieben Hausschlüsseln die Demoiselle L... nicht gemeint sei, damit diese beruhigt, und die Frankfurter Bühne nicht eines so eminenten Talentes beraubt würde. Zu was die Erfüllung dieses mehr als einfältigen Begehrens führen würde, sah ich im Augenblick ein und versprach lächelnd, diesem, als bescheidene Bitte vorgetragenen Wunsch nachzukommen. In der nächsten Nummer des Blattes las man: „Mit dem größten Erstaunen haben wir vernommen, daß eine so tugendhafte Person und ausgezeichnete Künstlerin, wie Demoiselle L..., die Geschichte mit den sieben Hausschlüsseln auf sich bezogen hat. Wir erklären hiermit, daß es uns auch im Traum nicht einfallen konnte, Demoiselle L... damit zu meinen, übrigens wurde uns das Histörchen eingesendet.“ War vorher der Lärm nur unter dem Theaterpersonal groß, so machte jetzt die Geschichte in der Stadt und den benachbarten Orten, wo fast niemand wußte, was es mit den sieben Hausschlüsseln eigentlich für eine Bedeutung habe, ein ungeheures Aufsehen. Demoiselle L... hatte viele Feinde und besonders Neiderinnen, welche jetzt alle triumphierten, und zu spät sah die Ober- und Unterdirektion des Stadttheaters ein, welche Dummheit sie gemacht, diese Komödie aufführen zu lassen und mich noch obendrein zu einer solchen Erklärung aufzufordern.

Eine andere Sache, durch welche ich mir viele Feinde machte, unter denen auch die Mehrzahl meiner Anverwandten, die ich freilich nicht sehr schonend behandelte, war die Kasinofähigkeit. Nach den Gesetzen des Frankfurter Kasinos durften nämlich keine Kommis oder Buchhalter, keine Künstler, die Schauspieler oder Musiker waren, keine Juden und so weiter dasselbe betreten und noch weniger dessen Mitglieder werden. Kasinofähig waren nur Kaufleute ersten Ranges, Senatoren, höhere Angestellte in Frankfurt und dergleichen. Wollte man jemand als was Rechtes herausstreichen, so sagte man von ihm, statt es ist ein Ehrenmann: „er ist kasinofähig,“ und manche Personen, die sich anmeldeten, fielen durch, weil man sie für nicht reich oder vornehm genug hielt; dies war auch kürzlich einem Ehrenmann geschehen, den mehrere Kasinomitglieder vorgeschlagen hatten. Diese Gelegenheit hatte ich ergriffen, den kasinofähigen Herren ihre Albernheiten recht derb unter die Nase zu reiben, indem ich erzählte, wie jüngst ein Kaufmann seine Aufnahme durchgesetzt, weil er durch die Akten eines Prozesses dargetan, daß sein Großvater wirklich schon mit Schwefelhölzern gehandelt habe. – Als Iffland das letztemal in Frankfurt Gastrollen gab, war der Kasinoausschuß in großer Verlegenheit, was er zu tun habe, ob er dem großen Künstler eine Gastkarte schicken dürfe oder nicht, da die Kasinogesetze jedem Komödianten den Zutritt verweigerten. Endlich fiel einer der beratenden Herren auf folgenden Ausweg und schrie: „Wissen Sie was, meine teuren Kollegen, in Ifflands Person finden sich zwei verschiedene Naturen vereinigt, nämlich der Komödiant und dann der Generaldirektor der Königlichen Schauspiele zu Berlin; den ersten lassen wir weg, dem Generaldirektor aber schicken wir eine Gastkarte.“ „Bravo!“ rief man einstimmig, „das war ein kluger Gedanke, der uns aus aller Verlegenheit zieht.“ Man fertigte die Gastkarte aus und übersandte sie dem Herrn Generaldirektor, nachdem derselbe schon mehrere Tage in Frankfurt gewesen und schon einigemal aufgetreten war. Iffland, der die Frankfurter Kasinogesetze kannte und von der Sache unterrichtet war, schickte den Herren die Karte mit dem Bemerken zurück: „Er bedauere, keinen Gebrauch von derselben machen zu können, indem er keine Orte besuche, die seine Kameraden nicht betreten dürften, er sei auch Schauspieler; zwar habe er schon die Ehre gehabt, von fürstlichen Personen und selbst von seinem König zum Frühstück eingeladen worden zu sein, aber er gebe gern zu, daß ihn dies alles nicht berechtige, sich in Frankfurt für kasinofähig zu halten.“ Was machten die kasinofähigen Herren für Augen, als sie dies mit der zurückgeschickten Karte zu Gesicht bekamen, und welche, als sie die Geschichte in meiner Zeitschrift abgedruckt fanden! – Mit dem hohen Senat und der nicht minder hohen Polizei hatte ich es ohnehin schon längst verdorben, die Albernheiten, Gewalttätigkeiten und dummen Streiche derselben geißelnd. – Eines Tages war ich mit ein paar Damen nach Wiesbaden gefahren, und hörte, mit denselben hinter dem Kursaal auf- und abspazierend, wie ein daselbst sich zur Kur befindender Senator namens Lucius, den andere Kurgäste gefragt hatten, wer wir seien, denselben antwortete: „Wer werd’s sein, es sin anige von unsern Unertane, der än schreibt ä Zeitung.“ Natürlich gab dies wieder Stoff für mein Blatt und zum Lachen für meine Leser.

Es fehlte mir auch nicht an Mitteilungen der naiven Urteile, die über die verschiedenen Aufsätze in meiner Zeitschrift gefällt wurden. Da der Kastengeist oft herhalten mußte, so fragte einst ein junges Mädchen eine ihrer Bekannten, eine gewisse Jungfrau Jacobine B..., die sich in Bockenheim aufhielt und gern die Gelehrte spielte: „Mei, sag mer doch, Jacobinche, was is dann des ä Kastegeist?“ „Dumm Os,“ erwiderte die Gefragte, „was werd’s sei, ä Gespenst in ere Kist!“ Dieselbe Jacobine hatte einst im Theater einer Vorstellung von Schillers Kabale und Liebe beigewohnt, und bei der Stelle, wo Ferdinand, von der Milford sprechend, sagt: „Ich will hin zu ihr, will ihr einen Spiegel vorhalten,“ gefragt: „Ei, war se denn so garstig?“ Und als ihr jemand das Lied: „Hebe, sieh, in sanfter Feier,“ gebracht (sie miaute ein wenig, was sie singen nannte, und klimperte falsche Akkorde auf der Gitarre dazu), sagte sie: „Aber das Lied fängt doch dumm an, da steht: Hebe sie, aber nit, wen mer hebe soll.“