Unterdessen vermehrte sich die Zahl meiner Abnehmer so, daß mein Einkommen immer bedeutender wurde, denn die Zeitschrift wurde auch sehr viel in den umliegenden Städten wie Darmstadt, Mainz, Hanau, Wiesbaden, Heidelberg, Mannheim, Koblenz, Wetzlar und so weiter gelesen, wohin ich von Zeit zu Zeit kleine Reisen machte, um Stoff von dortigen Lokalitäten zu sammeln.
Meine Zeitschrift hatte damals eine solche Furcht in Frankfurt und auch bei der vornehmen Frauenwelt erregt, daß manche derselben, wenn sie mich auf den Promenaden von ferne kommen oder reiten sahen, schnell einen Seitenweg einschlugen oder sich hinter ein Gebüsch versteckten, und wenn man sie fragte, woher diese übertriebene Furcht? erwiderten sie: „Ja, wann mer ebbes Dummes schwätzt oder ebbes Albernes mächt, dann setzt der’s gleich in sein Blatt.“ – Da mir dies mehrmals wieder zu Ohren gekommen war, so ließ ich in einer Nummer abdrucken: „Diese Furcht sei durchaus unbegründet, denn, wenn ich all das dumme Zeug, das in Frankfurt geschwatzt oder gemacht wird, in meiner Zeitschrift abdrucken lassen wollte, so könnten mir alle Papiermühlen in ganz Deutschland nicht Papier genug liefern.“
Zu jener Zeit erhielt ich ein Schreiben von der Signora Catalani, worin diese mir meldete, daß sie zu der bevorstehenden Herbstmesse nach Frankfurt kommen und daselbst ein paar Konzerte geben wolle, ich möchte einstweilen Zimmer in einem Hotel für sie bestellen. Dies tat ich im Englischen Hof, und bald darauf kam die Signora mit ihren Kindern, aber ohne ihren Mann, auch ohne den dicken Burgmüller, nur ein alter adliger französischer Ehrenkavalier, Monsieur le Baron de Weber, begleitete sie. Da sie schon früher in Frankfurt gewesen und daselbst gesungen hatte, so gab ich ihr den Rat, jetzt die Eintrittskarten zu ihrem Konzert von einem Dukaten auf vier Gulden herabzusetzen, den sie auch befolgte, doch wollte sie deshalb auch nicht mehr als vier Gulden für jedes mitwirkende Glied des Frankfurter Orchesters bezahlen, die früher ebenfalls einen Dukaten erhalten hatten. Dies wollten sich aber die Herren durchaus nicht gefallen lassen, sie bestanden auf ihrem Dukaten, und der Kapellmeister der Frankfurter Oper, Guhr, riet ihnen, fest darauf zu beharren. Signora Catalani, die ihrerseits, wie wir wissen, ihr Köpfchen hatte, bestand auf den vier Gulden, und wollte lieber kein Konzert mehr in Frankfurt veranstalten als nachgeben. Ich dachte einen Augenblick über die Sache nach, und sagte dann zu der aufgebrachten Primadonna: „Beruhigen Sie sich, ich schaffe Ihnen ein treffliches Orchester.“ „Wie das?“ „Ich fahre nach Mainz und hole dort die für Ihr Konzert nötigen Virtuosen.“ „Glauben Sie, daß sie kommen werden?“ „Gewiß, nur muß man sich es etwas kosten lassen.“ „Gleichviel, es mag kosten, was es will, das Doppelte, das Dreifache, wenn wir nur den Frankfurter Musikern zeigen, daß wir auch ohne sie ein Konzert geben können, und ihrer nicht bedürfen.“ Ich ritt nun sogleich in vollem Trabe nach Mainz, nachdem ich der Catalani noch eingeschärft, durchaus niemand etwas von unserem Vorhaben merken zu lassen. In Mainz begab ich mich zu dem Kapellmeister des dortigen Theaters, engagierte ihn nebst fünfzehn Orchestermitgliedern für das bestimmte Konzert, und versprach, die Herren selbst am festgesetzten Tag früh genug abzuholen, um vorher noch die nötige Probe mit Madame Catalani halten zu können. Das Konzert war angekündigt, der Tag bestimmt, und die Frankfurter Orchesterherren glaubten ihre Dukaten schon in der Hand zu haben, denn ohne sie war nach ihrer Meinung das Konzert schlechterdings unmöglich; sie erwarteten jede Stunde die Einladung zur Probe, die – nicht kam. Als der Tag herangekommen, ritt ich in aller Frühe wieder nach Mainz, mietete daselbst vier Wagen und fuhr um zwei Uhr nachmittags mit meinen Virtuosen und ihrem Kapellmeister in den Englischen Hof ein, wo ihrer ein köstliches Mittagsmahl harrte, worauf probiert wurde. Zu dem Konzert hatte ich den Dickischen Saal im Roten Haus gemietet, und ehe es sechs Uhr war, die bestimmte Stunde zum Anfang, fuhr ich mit meinen Mainzern in den Hof des Roten Hauses und führte sie in ein Nebenzimmer des Saales, ohne daß sie jemand bemerkte. Den Kapellmeister Guhr hatte die Neugierde, um zu erfahren, wie sich dies Rätsel lösen werde, mit noch ein paar Virtuosen von seinem Orchester in den bereits überfüllten Saal getrieben, und statt die gehofften Dukaten zu erhalten, mußten auch sie den Eintrittspreis von vier Gulden bezahlen. Jetzt schlug es sechs Uhr, auftaten sich die Flügeltüren, welche in das Nebenzimmer führten, und aus demselben traten zwanzig Mann hoch der Mainzer Kapellmeister mit seinen Musici, ihre Instrumente in der Hand, und stellten sich an ihre Notenpulte. Wie rissen Guhr und seine Begleiter die Augen auf! „Den Streich hat uns wieder der verdammte Fröhlich gespielt,“ rief ersterer aus. „Ja, wäre es nur nicht gerade Messe, wir ließen die Herren sämtlich durch die hochlöbliche Polizei abführen,“ sagte ein anderer, „aber so ist Meßfreiheit, da darf jeder Landstreicher mit seiner Fiedel frei in unserer freien Stadt einziehen und den Leuten die Ohren voll geigen.“ Madame Catalani verweilte noch einige Tage in Frankfurt, und ich geleitete sie bei ihrer Abreise bis Mainz.
Unterdessen war das Projekt, Napoleons Befreiung zu bewirken, ziemlich vorgeschritten. Lord C... hatte zwei Mittel vorgeschlagen, den Exkaiser von St. Helena zu entführen. Das erste war vermittels eines Luftballons, an den man ein Schiffchen befestigen müsse, das zu gleicher Zeit im Wasser zu gebrauchen sei und eine Last von zwei Menschen tragen könne. Doch gab er diese Idee bald selbst wieder als unausführbar auf, da, wenn man auch die Unmöglichkeit, den Ballon zu leiten, nicht berücksichtigen wollte und das Steigen desselben auch nur bei Nacht tunlich war, wo man dann in der Höhe Laternen angezündet, so hätte der Ballon, vom Wind getrieben, ja leicht nach der entgegengesetzten Seite des zu seinem Empfang bereiten amerikanischen Schiffes steuern können, oder sich vielleicht gar wieder auf die Insel selbst niederlassen müssen. Das zweite Mittel bot keine dieser Schwierigkeiten. Es bestand darin, ein Boot konstruieren zu lassen, das mehrere Schuh tief unter dem Wasser gehe, und Raum für acht bis zehn Menschen habe. Dieses war auch schon in Amerika bei einem geschickten Mechanikus, der zugleich Kenntnisse von der Schiffsbaukunst besaß, bestellt und in Arbeit, das Modell dazu aber schon in London angekommen, und man hatte damit vollkommen genügende Versuche gemacht. Vermittels eines angebrachten Räderwerkes konnte man die Maschine nach Belieben tiefer oder höher unter die Oberfläche des Wassers bringen und durch Einhaken das fernere Sinken oder Steigen des Bootes verhindern, so daß es in der Tiefe, in der es sich befand, vermittels anderer ruderartiger Räder ohne große Anstrengung mit einer ziemlichen Schnelligkeit horizontal fortbewegt werden konnte. Die Sache war nun schon so weit gediehen, daß ich mich zur baldigen Abreise nach London anschicken konnte, wo ein Schiff mit solchen Waren beladen werden sollte, die England nach Ostindien exportiert, wie Eisen, Zinn, Woll- und Manufakturwaren und so weiter. Lord C... hatte selbst eine Reise nach den Vereinigten Staaten gemacht, um daselbst einstweilen die nötigen Vorkehrungen zu treffen und Schiffe von verschiedener Größe auf längere Zeit zu mieten, die dann später in einer gewissen Entfernung von Sankt Helena kreuzen, sich einander ablösen und eine beständige Kommunikation mit Amerika unterhalten sollten. Ehemalige französische Marineoffiziere, die sich in den Vereinigten Staaten oder in dem sogenannten Champ d’Asyle befanden, sollten sie befehligen. Schon war alles so weit bereit, daß meine Abreise nach England und von da nach Ostindien festgesetzt war, als einige Wochen früher die offizielle Nachricht von Napoleons erfolgtem Tode eintraf. Mit ihr waren alle unsere Projekte, Pläne und Vorkehrungen zu Wasser geworden, und schon sehr bedeutende Summen vergebens verschwendet.
Mit dem Frühling dieses Jahres hatte ich mein Hauptquartier in Offenbach aufgeschlagen, wo noch immer ein heiteres und geselliges Leben herrschte, wenn auch mehrere Häuser, wie Bernhards und d’Orvilles, sehr zurückgekommen waren. Diese hatten gerade damals noch an dem Weinlandschen Prozeß zu laborieren, der endlich durch einen Vergleich, bei welchem diese Tabaksfabrikanten für ihre jetzigen Verhältnisse schwere Opfer bringen mußten, beseitigt wurde. Auch die Maskenbälle waren bei weitem nicht mehr das, was sie früher, sondern sehr ins Gemeine ausgeartet, dagegen wurden mehrere geschlossene auf Subskription veranstaltet, die schön und glänzend waren. Auf einem derselben wechselte ich siebenmal das Kostüm, um meine guten Frankfurter desto besser intrigieren zu können. Aus einem Zuckerhut schlüpfte ich als Figaro, aus einem Eremiten verwandelte ich mich in Ritter Roland und so weiter. – Noch früher, als ich nach Offenbach gezogen war, hatte ich Seiner Durchlaucht dem Fürsten Y..., der sich damals in Birstein aufhielt, einen Besuch daselbst gemacht, aber Höchstdieselbe in den allerpitoyabelsten Umständen gefunden, krank und schachmatt an Leib und Seele, und die Krankheit von so böser Art, daß es unmöglich war, länger als ein paar Minuten in der verpesteten Stubenluft auszuhalten. Der Fürst war durch den Wiener Friedenskongreß mediatisiert worden; seine zahlreichen Gläubiger hatten sich jetzt alle gemeldet und hörten nicht auf, ihn zu bestürmen. Mit einem jämmerlichen Armensünder-Gesicht geruhten Seine Durchlaucht, mich von ihren schrecklich fatalen Umständen zu unterhalten, und endigten damit, daß ihm hoffentlich seine unbarmherzigen Gläubiger noch so viel lassen müßten, daß er wenigstens eine Suppe und ein Stückchen Rindfleisch essen könne. – „Auch noch etwas mehr,“ tröstete ich den armen Mann, der mir in der Tat Mitleid einflößte, war aber doch froh, als ich mich beurlaubend wieder entfernt hatte und frische Luft atmete. Wenig Monate darauf starb er, erst 55 Jahre alt.
In Offenbach wohnte damals ein Mensch, der sich Broli nannte und eine Art Cagliostro im Kleinen war. Er besaß wie jener die Gabe und das Talent, alle Einfaltspinsel, Schwach- und Dummköpfe, besonders weibliche, so von sich einzunehmen, daß sie einen von Gott gesandten Propheten in ihm sahen, ihn als einen solchen verehrten und ihm den letzten Groschen, das letzte Hemd vom Leibe gaben, wenn er es verlangte. Dieser Mensch, dessen eigentlicher Name Bernhard Müller war, hatte sich in äußerst dürftigen Umständen und in Gesellschaft zweier feilen Dirnen in Offenbach niedergelassen, wo alle drei die Rollen frommer Schwärmer spielten. Müller hatte sich früher in Aschaffenburg, Regensburg und eine Zeitlang in England herumgetrieben, durch seine Heuchelei fromme Pietisten und Pietistinnen gehörig zu prellen verstanden und sich den Namen Broli beigelegt. Plötzlich aber hatte er das gastfreie England wegen seiner an den Tag gekommenen Betrügereien verlassen müssen, sich dann nach Stuttgart und Würzburg geflüchtet, von wo er wegen daselbst verübter Gaunereien wieder flüchtig werden mußte, sich nach Offenbach begab und arm wie Hiob daselbst ankam. Bald aber gelang es ihm, die Bekanntschaft einiger sehr reichen Pietistenfamilien in Frankfurt, namentlich Häusers und Zickwolfs, zu machen, welche den überfrommen Mann so reichlich mit Geld bedachten, daß derselbe bald instand gesetzt wurde, ein wahrhaft sardanapalisches Leben in Offenbach zu führen. Wie es derselbe verstand, sich bei dummen Frömmlingen einzuführen und als Prophet geltend zu machen, mag folgendes Pröbchen beweisen. Als er der Madame Häuser in deren Wohnung vorgestellt wurde und die Frau zum erstenmal erblickte, kreuzte er die Arme über die Brust, verdrehte die Augen, gen Himmel blickend, und rief aus: „Großer Gott, was sehe ich, dies ist das leibhaftige Gesicht, das du mir so oft als reine Jungfrau, als himmlischen Engel bei meinen mitternächtlichen Gebeten hast erscheinen lassen.“ Jetzt warf sich der Mann Gottes vor der Dame auf die Knie und sagte: „Reiner Engel Gottes, ich bete dich an, du bist eine der Gebenedeiten des Herrn, Heil und Segen ist mit dir.“ Jede vernünftige Frau würde den Menschen für einen Tollen gehalten und zur Türe haben hinauswerfen lassen. Dies tat aber Madame Häuser nicht, deren schwache Seite Müller längst erforscht hatte, sondern sie hob den Mann liebreich auf, war entzückt von ihm, händigte ihm noch in derselben Stunde mehrere tausend Gulden zu frommen Zwecken ein, und vermochte alle ihre Verwandten und Bekannten, die Pietisten waren, sowie die Familie Zickwolf, dem groben Betrüger ungeheure Summen, immer zu frommen Zwecken, zu geben, die derselbe in Offenbach auf einem prächtigen Landgut, das er daselbst erstanden, in den schamlosesten Orgien verpraßte, bei denen seine eingeweihten Helfershelfer und liederliche Dirnen nackend allerlei Tänze und so weiter aufführten. Aber mit großer Ostentation spendete er viel Almosen an die Offenbacher Armen, um sich bei den Einwohnern beliebt zu machen und von den Behörden geduldet zu werden. Nichts vermochte, den Betrogenen die Augen zu öffnen, nichts half es, ihnen die klarsten Beweise der Betrügereien des Gauners zu liefern, sie waren und blieben so verblendet, daß sie alles nur für Verleumdung gegen den von Gott zur Rettung der Menschheit gesandten Mann hielten, und ihm, nachdem er es zu bunt gemacht und von der Darmstädter Regierung gezwungen wurde, auch Offenbach wieder zu verlassen, mit den Rudera ihres Vermögens nach Amerika folgten, wobei er ihnen verkündigt hatte, daß eines der mitreisenden Mädchen, das bereits in der Hoffnung war, unterwegs einen neuen Sohn Gottes gebären würde! – Daß alle und er selbst in Amerika ins größte Elend und Unglück kamen und Broli auf dem Mississippi sein Leben endete, ist bekannt.
Noch hielten sich mehrere Polacken in Offenbach auf, die mit dem sogenannten Polackenfürsten gekommen waren und nun ein sehr eingezogenes Leben daselbst führten. Das Mysteriöse dieser Fremdlinge hatte sich jetzt auch so ziemlich aufgeklärt und viel Ähnlichkeit mit Müllers Treiben gehabt. Der sogenannte Polackenfürst, der im Jahre 1788 schon nach Offenbach mit einem großen Gefolge prächtig gekleideter und bewaffneter Leute gekommen, er hatte sogar eine Leibwache von mehr als siebzig Mann, in kostbare Uniformen gekleidet, mitgebracht, von denen immer zwei an seiner Wohnung Schildwache standen, und den zwölf in Rot, Grün und Gold gekleidete Ulanen mit langen Piken begleiteten, wenn er in seiner reichen Karosse, mit vier schönen Schecken bespannt, ausfuhr, war nichts als ein polnischer Jude namens Dobrusky, der sich zuerst hatte taufen lassen, dann eine eigene Sekte stiftete, die da glaubte, daß Gott bald als Mensch verkörpert erscheinen würde, und ihn endlich selbst für den auf Erden verkörperten Gott hielt. Er hatte zuerst mit gleichem Prachtaufwand in Brünn und Wien gelebt, von wo er endlich ausgewiesen worden war, und sich nach Offenbach begab, wohin ihm seine Gläubigen aus Polen, Böhmen, Mähren, der Lausitz und so weiter fortwährend ungeheure Geldsummen übermachten. In schweren Fässern kam das Gold und Silber an. Alle seine Umgebungen verehrten den Betrüger wie einen Gott und hielten ihn für unsterblich. Auch er gab ungeheure Almosen an die Armen. Als er aber endlich doch starb, da war die Betrübnis groß unter seinen Zurückgebliebenen. Dennoch wurde ihm ein fast königliches Leichenbegängnis zuteil, und nahe an tausend Personen, alle prächtig geschmückt, folgten seiner Leiche, heulten und jammerten, daß es hätte Steine erbarmen mögen. Diese Betrübnis mag sehr aufrichtig gewesen sein, denn mit dem Aufhören seiner Unsterblichkeit hörten auch bald die Geldsendungen auf und die Not begann. – Offenbach war von jeher und bis auf die neueste Zeit ein von Schwärmern, Frömmlingen und ihren dummen Kreaturen gesuchter Aufenthalt. Das Warum ist mir nie recht klar geworden, da im allgemeinen die Einwohner ein ziemlich nüchterner und vernünftiger Menschenschlag sind. Das nahe geldreiche Frankfurt aber mag wohl der Hauptmagnet sein.
Da ich damals das Frankfurter Theater seltener besuchte und die Abende lieber im Freien, nach Bergen, Wilhelmsbad, Berkersheim, Seligenstadt und so weiter reitend, zubrachte, als mich in dem immer mit einer verpesteten Luft geschwängerten Haus drei Stunden aufzuhalten, so hatte ich mit dem das Orchester dirigierenden Kapellmeister abgemacht, daß er mir hauptsächlich die Opernkritiken für meine Zeitschrift liefern möge. Da diese nun mit außerordentlicher Sachkenntnis geschrieben waren und bis in die kleinsten Details der Exekution gingen, auch nicht ganz unparteiisch waren und man mich oft nicht im Theater sah, so hatte das Theaterpersonal bald Verdacht hinsichtlich des wahren Verfassers, und fand es abscheulich, daß ein Mitglied des Institutes dasselbe so kritisiere. Eines Morgens, nachdem sich wieder ein ausführlicher Artikel über die letzten Operndarstellungen in der Zeitschrift befunden hatte, vereinigte sich ein Teil der Sänger und Schauspieler während der Probe, um nach Beendigung derselben sogleich zu mir nach Offenbach zu fahren, um über den Namen des Verfassers dieser Kritiken von mir Gewißheit zu erlangen, und versicherten, ehe sie abfuhren, ihren Kameraden auf ihr Wort, sie würden nicht zurückkommen, ohne den Namen schwarz auf weiß mitzubringen. – Es war kurz vor Essenszeit, als es an meinem Zimmer im Isenburger Hof klopfte, und auf mein „Herein!“ trat der Schauspieler Henkel ein. Kaum hatte ich diesen gefragt, was mir das Vergnügen seines Besuches zuziehe, so trat auch der Sänger Dobler, nach diesem der Tenorist Kastner, und so weiter, in allem sieben Mann, in das Zimmer, deren Sprecher mir nun rund heraus erklärte: sie seien gekommen, um von mir den Namen des Verfassers der Opernrezensionen zu erfahren, und als ich ihnen darauf erwiderte, ich könne hierauf keine andere Antwort geben, als daß ich die ganze Verantwortlichkeit derselben auf mich nehme, sagte Herr Henkel: „Damit können wir uns nicht begnügen. Wir müssen durchaus wissen, wer sie schreibt, und werden nicht eher Offenbach verlassen, als bis wir dies schriftlich von Ihnen haben, denn wir gaben unseren Kameraden in Frankfurt das Wort, es schwarz auf weiß mitzubringen.“ „Das bedauere ich sehr, meine Herren, denn ich gebe Ihnen mein feierliches Ehrenwort, daß Sie ohne dieses Offenbach verlassen oder meinetwegen ewig hier bleiben werden.“ „Das wollten wir doch sehen,“ meinten die Herren, „da gibt es noch Mittel,“ und so weiter, und nahmen nun eine drohende Haltung und Miene an. Ich aber griff nach meinem neben mir hängenden Jagdgewehr und sagte mit starker Stimme: „Dies ist also auf einen meuchlerischen Überfall abgesehen, wo Notwehr zur Pflicht wird. Wer von Ihnen noch einen Schritt weiter tut, dem jage ich die Posten ins Gehirn!“ (Notabene, das Gewehr war nicht geladen), und meine beiden Hunde schlugen an. Die Herren sahen sich jetzt bestürzt an, in demselben Augenblick ging meine Stubentüre auf und mein Reitknecht und der Wirt, Herr Ziegler, traten ein und fragten, was es da gebe. „Nichts,“ erwiderte ich lachend, „die Herren sind Schauspieler und haben hier nur so eine Art Probe halten wollen.“ Alle standen nun ganz beschämt, wie ausgezischte Schauspieler, da. Ich aber sagte zu Herrn Ziegler: „Belegen Sie noch sieben Kuverte an der Tafel, die Herren sind sämtlich meine Gäste. Nicht wahr, meine Herren, Sie nehmen doch die Einladung an? Damit Sie sich nicht ganz umsonst nach Offenbach bemüht haben, erzeigen Sie mir die Ehre?“ Sie murmelten nun ein allerlei unverständliches Durcheinander, von zuviel Ehre, nicht annehmen können und so weiter, dem ich ein Ende machte, indem ich sagte: „Zu Tisch, meine Herren, man hat bereits serviert, nicht wahr, Herr Ziegler?“ „Freilich, die Suppe steht schon auf dem Tisch.“ „Wohlan, so lassen Sie uns gehen.“ Ich öffnete nun die Türe und bat sie, mich in den Speisesaal zu begleiten, wo wir noch einige Fremde fanden. Anfänglich war die Unterhaltung, so sehr ich sie auch zu animieren suchte, ziemlich einsilbig. Nachdem jedoch einige Flaschen geleert waren und auch noch Champagner geperlt hatte, wurden die Herren gesprächiger und endlich sehr munter. Nach Tisch bequemten sie sich bald zur Heimfahrt, baten mich aber dabei dringend und mit Armensündergesichtern, ich möchte doch ja nichts von diesem Vorfall in meiner Zeitschrift erwähnen, was ich ihnen auch versprach. Als sie nach Frankfurt zurückkamen und von allen Kameraden gefragt wurden: „Nun, habt Ihr’s, wer ist’s? Heraus damit!“ standen sie wieder wie ausgezischte Komödianten da, und mußten noch oft bei den Proben hören: „Nun, wann fahren wir wieder nach Offenbach, den Namen des Opernrezensenten zu holen?“
Ungefähr um dieselbe Zeit gastierte die Sängerin Canzi in Frankfurt, die bei einer silberreinen, glockenhellen Sopranstimme eine außerordentliche Kehlenfertigkeit hatte, und mit ihrem Ziehvater, einem pensionierten österreichischen Major und dessen Frau Kunstreisen machte, wo sie überall außerordentlich gefiel. Der Major, welcher frühzeitig das Talent des jungen Mädchens wahrgenommen, hatte ihr ein paar Jahre Gesangunterricht erteilen lassen und sich dann mit ihr auf Reisen gemacht, um zu ernten, was er gesät. Die Ernte fiel auch so reichlich aus, daß sich der gute Mann nach einem Jahrzehnt vollkommen mit dem Erworbenen in den Ruhestand setzen konnte, und dann sein Pflegekind, das bei dem Stuttgarter Hoftheater eine gute Anstellung erhielt, seinem weiteren Schicksal überließ. Damals war gerade ein großer Teil des Hessen-Darmstädtischen Städtchens Bentheim abgebrannt. Ich veranstaltete eine musikalische Abendunterhaltung zum Vorteil der armen Abgebrannten im Offenbacher Theater, welches der Wirt Schlosser, der es in Pacht hatte, gratis dazu hergab, und bat Demoiselle Canzi, dabei mitwirken zu wollen, was sie mir auch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit zusagte. Sodann hatte ich mehrere Dilettanten vermocht, ein zweiaktiges Vaudeville, ‚Der moderne Don Juan‘ betitelt, das ich geschrieben, zu diesem Zweck einzustudieren. Das Ganze hatte den besten Erfolg und brachte eine sehr ergiebige Einnahme. Viele Frankfurter waren zu der Vorstellung gekommen, von denen mehrere in der Absicht, um sich zu rächen, dieselbe störend unterbrechen wollten. Als nun das Vaudeville begann, in dem ich die Titelrolle übernommen hatte, fingen sie im Parterre an, zu stampfen, zu treten und Lärm zu machen. Mehrere Offenbacher aber verstanden den Spaß übel und warfen die ungeschliffenen Herren zur Türe hinaus, worauf die Vorstellung ihren ungestörten Fortgang hatte und mit großem Beifall endigte. Ein fröhliches Bankett im Isenburger Hof machte den Beschluß.
Schon seit längerer Zeit war mir Metternichs kurzsichtige Politik und sein ganzes widersinniges System, das nimmermehr ein gutes Ende nehmen konnte, in hohem Grad zuwider. Weit entfernt, ein unsinniger Demagoge zu sein, mochte ich ebensowenig ein solches Stockregiment, wie das österreichische war, leiden, während man in Preußen längst in hohem Grad liberal und human war. – Die Bedingung, unter welcher mir die Konzession zu meiner Zeitschrift gegeben worden, war, daß ich mich durchaus aller Politik enthalten müsse. Ich durfte also nichts, was einen politischen Anstrich haben konnte, in derselben aufnehmen. Dagegen gab ich öfters lithographierte Beilagen, meistens Karikaturen, die wohl an das Politische streiften. So hatte ich das unselige Papierwesen und die Anleihen, die Börsenspiele und so weiter, schon scharf genug auf diese Weise bezeichnet. Jetzt aber fiel es mir ein, den staatsklugen Metternich samt seinen Helfershelfern mit unverkennbaren Attributen zu zeichnen und alle auf einem großen Krebs reiten zu lassen, der rückwärts gehend, sich an dem Rand eines tiefen Morastes befand. – Dies war denn doch zu toll. Es kamen Reklamationen von Wien, der Bundestag mischte sich darein, und eines Morgens ward ich plötzlich auf das Amt in Offenbach beschieden, wo mir eröffnet wurde, daß meine Zeitschrift auf höheren Befehl verboten sei. Noch hatte ich von Glück zu sagen und es einer besonderen Fürsprache zu verdanken, daß ich nicht wenigstens auf sechs Wochen die hessische Festung Rokenburg besuchen durfte. – Groß war der Jubel und die Freude, als dies Verbot in Frankfurt bekannt wurde. Meine zahlreichen Feinde wünschten sich gegenseitig Glück, man begrüßte sich auf den Straßen, sich die große Neuigkeit zurufend, und wenig fehlte, daß nicht ein hoher Senat ein Festessen diesem Ereignis zuliebe veranstaltet hätte. Aber die Freude sollte nicht von sehr langer Dauer sein, wie wir bald sehen werden. Ich machte gleich nach dem Verbot eine Rheinreise bis Köln mit einer sehr lustigen Gesellschaft von Offenbachern und mehreren Damen. Wir hatten zu diesem Zweck in Mainz eine eigene Jacht gemietet, einen Flügel und mehrere andere Instrumente, Feuerwerk und Fackeln, nebst allerlei Mundvorrat eingeschifft, so daß die Fahrt eine äußerst unterhaltende werden sollte. Ich hatte dafür gesorgt, daß sich unter den Damen meine intimsten Bekannten in Offenbach, wie die Hofrätin M..., Annchen F..., Delphine A..., sowie Fanny M... aus Frankfurt und so weiter befanden. Am Fahrtor zu Frankfurt bestiegen wir die Jacht und brachten die erste Nacht in den ‚Drei Reichskronen‘ in Mainz zu. Den anderen Morgen fuhren wir weiter, landeten aber allenthalben, wo es etwas zu sehen gab, eine Ruine zu besteigen, ein Ort oder ein Schloß zu besuchen war, bei welcher Gelegenheit immer romantische Spaziergänge gemacht wurden, und sich manches Pärchen, unter denen auch ich, über die Gebühr in den Felsen, Ruinen oder Gebüschen verirrte. So kamen wir den ersten Tag, wo wir im Garten zu Bibrich und auf Schloß Johannisberg lange verweilt hatten, nicht weiter als bis Bingen, den zweiten bis Sankt Goar, den dritten noch nach Boppart, den vierten nach Koblenz, wo wir drei Tage verweilten, einen Abstecher nach Ems machten, dann nach Neuwied, Andernach, Bonn und so weiter, und erst den zwölften Tag in Köln an. Wir waren meistens vom schönsten Wetter begünstigt, bestiegen die Bergruinen abends beim Mondenschein, ließen Sang und Hörnerklang bei Fackelschein in denselben erschallen, die Geister ihrer modernden Bewohner zu erfreuen, und Raketen steigen. Unterwegs, in Koblenz, Bonn und Köln, schrieb ich in den frühesten Morgenstunden mehrere pikante und satirische Artikel über Frankfurter Zustände, die ich: ‚Aus dem Nachlaß der verblichenen Offenbacher Zeitung‘ überschrieb, welche vollkommen geeignet waren, die übermäßige Freude der guten Frankfurter über das Verbot derselben zu mäßigen, da ich sie in den am Rhein erscheinenden Blättern abdrucken ließ und zu vielen Hunderten zur Verteilung nach Frankfurt schickte. Nachdem wir uns auch in Köln und seinen Kirchen, besonders dem Dom, gehörig umgesehen, auch den elftausend Jungfrauen in Sankt Ursula einen Besuch gemacht hatten, traten wir vergnügt die Rückreise über die Taunusbäder an und kamen nach einer Abwesenheit von ungefähr drei Wochen wieder glücklich nach Frankfurt und Offenbach. Hier war während derselben zu meiner Verwunderung ein neues Blatt entstanden, das den Titel ‚Offenbacher Unterhaltungsblätter‘ führte, welches mein Buchdrucker, ein gewisser Hauch, auf seine eigene Faust herauszugeben sich unterfangen und an alle Abonnenten meiner Zeitschrift gesandt hatte, diese zu vertreten. Dieser Hauch, der höchstens ein mittelmäßiger Setzer war und in seiner Jugend in Offenbach Gänse hütete, hatte den bekannten Doktor Pfeilschifter gebeten, ihm bei der Redaktion des Blattes zur Hand zugehen. Aber das ganze Unternehmen ging um so schneller den Krebsgang, meine Abonnenten wollten nichts davon wissen, und als ich mich mit dem Eigentümer einer Frankfurter politischen Zeitung verband und diesen vermochte, derselben eine belletristische Beilage beizugeben, da fiel das Hauchsche Unternehmen zusammen. Um diese Zeitung und ihr Beiblatt schnell zu heben, machte ich eine Reise auf vierzig bis fünfzig Stunden im Umkreis, bis Karlsruhe auf der einen und Köln auf der anderen Seite, und als ich meine Tour geendet und nach Frankfurt zurückkam, fand ich zu meiner großen Satisfaktion, daß sich die Zahl der Abonnenten dieser Zeitung während meiner Reise schon um zwölfhundert vermehrt hatte. Von allen Orten, wo ich hinkam, sandte ich sogleich möglichst pikante Artikel über die neuesten Vorfälle in denselben nach Frankfurt ein, die auf der Stelle abgedruckt werden mußten, und dann von der Nummer, in welcher sie standen, nach der Größe des Ortes, aus welchem sie datiert waren, viele hundert Exemplare per Post dahingeschickt wurden, die ich selbst allda verteilen ließ. Dieses Manöver war über alle Erwartung geglückt, und die Zeitung nahm fortwährend außerordentlich an Abonnenten zu, deren sie bald an fünftausend zählte, was mir sehr wohl zu statten kam, da ich verhältnismäßig dafür honoriert wurde, und als das Verbot meiner Zeitschrift erschien, meine Finanzen sich eben nicht im besten Zustand befanden, ich auch wenigstens ein paar tausend Gulden laufende Schulden hatte. Dies war bei der Lebensart, die ich geführt, und den Geschenken, die ich an viele Damen gemacht, kein Wunder, obgleich ich noch bedeutende Honorare durch meine Arbeiten in französischen Journalen nebenher erhielt. Ein guter Rechenmeister war ich nie gewesen, glücklicherweise wußte ich aber die Defizits durch gut berechnete Unternehmungen immer wieder zu decken. Ein ganz besonderes Ereignis machte, daß sich damals meine Ausgaben noch gewaltig mehrten.