Es war in der Frankfurter Herbstmesse, als ich die Buden auf dem Paradeplatz mit ihren Sehenswürdigkeiten besuchte, um Bericht über dieselben abstatten zu können. Unter diesen befand sich die Menagerie eines gewissen Tourniaire, Bruders des bekannten Kunstreiters dieses Namens, der auf seinem Anschlagezettel angekündigt hatte: Zwei ganz junge, sehr schöne Zirkassierinnen von siebzehn und achtzehn Jahren würden die Riesenschlangen seiner Menagerie dem Publikum vorzeigen. Die beiden jungen Mädchen, die auf beiden Seiten eines bärtigen, wildaussehenden Mannes standen, waren wirklich schön und in der ersten Jugendblüte. Besonders aber war die eine, welche die ältere schien, eine vollendete Schönheit, mit einem unvergleichlichen seelenvollen Ausdruck im Auge und Angesicht; dabei fiel ihr ein rabenschwarzes Seidenhaar auf die nackten Schultern bis zu den Knien herab. Ihr Körperbau war äußerst zart und zierlich. Die andere hingegen hatte, was die Franzosen la beauté du diable nennen, Jugendfrische, hochrote Wangen und ziemlich derbe Glieder, war dunkelblond und manipulierte die Schlangen ganz ungeniert, während die ältere, so lange diese Tiere gezeigt wurden, sichtbar zitterte und eine Art Fieberschauer hatte, bis sie abtrat. Da mich die Mädchen, besonders die ältere, sehr angesprochen und interessiert, so erkundigte ich mich, wo die Leute wohnten, und nachdem ich erfahren hatte, daß sie bei Günther im Pariser Hof logierten, traf ich sie nach mehreren vergeblichen Gängen endlich eines Abends sehr spät in dem allgemeinen Gastsaal, wo die Mutter mit ihren beiden Töchtern ganz europäisch ein sehr bescheidenes Abendbrot einnahm. Ich ließ mich mit den Leuten in ein Gespräch ein; sie schienen mir aber verlegen und ängstlich. Die Kinder sprachen ganz geläufig österreichisches Deutsch, die Mutter französisch mit dem normännischen Akzent. Während ich mich so mit ihnen unterhielt und sie schon anfingen, zutraulicher zu werden, trat plötzlich der Menageriebesitzer Tourniaire in den Saal, worüber sie gewaltig zu erschrecken schienen und zusammenfuhren. Er ging sogleich auf den Tisch zu, an dem wir saßen, und sagte zu der Frau: „Madame, il est temps d’aller se coucher.“ Sie machten auch sofort Anstalt, diesem Befehl zu gehorchen, und als sie aufbrachen, begleitete sie Tourniaire bis an die Türe, im Vorübergehen flüsterte mir jedoch das älteste Mädchen halbleise und mit einem fast flehenden Blick zu: „Mein Herr, werden wir Sie nicht wiedersehen?“ worauf ich, ihr eine gute Nacht wünschend, ein bejahendes Zeichen zunickte. Den anderen Tag ging ich gegen Mittag wieder in die Menagerie, wo ich indessen nur das jüngste Mädchen mit dem bärtigen Mann die Schlangen zeigen sah, und auf mein Befragen bei der Mutter, die wieder am Eingang saß, erfuhr, daß die ältere unwohl im Bette hätte bleiben müssen. Ich ließ mich mit der Frau tiefer in ein Gespräch ein, die mir jetzt mitteilte, daß sie die Witwe eines österreichischen Hauptmanns namens Peche, sie selbst aber aus der Gegend von Rouen sei, wo ihr Vater Gutsbesitzer gewesen, aber in der Revolution alles verloren hätte. Ihr Mann habe kurz vor seinem Tod seine Stelle verkauft, worauf sie mit den Kindern nach Prag gezogen und während den Sommermonaten einen Laden mit Modewaren in Karlsbad gehabt, wo sie aber keine Fortune gemacht. Wie sie mit ihren Kindern an Tourniaire gekommen, wolle sie mir ein anderes Mal erzählen, da dies zu umständlich sei. Nur so viel könne sie mir noch mitteilen, daß sie und die Kinder sich sehr unglücklich fühlten und in einer peinlichen Lage befänden. Ich bezeigte Teilnahme an ihrem Schicksal und versprach der Madame Peche, mich ihrer anzunehmen, worauf die Frau freundlich dankend einging und was sie zu trösten schien.

Noch einige Male besuchte ich die Menagerie, in welcher die hübschen Schlangenmädchen figurierten, bekam aber die ältere nicht mehr zu sehen, die, wie mir Madame Peche sagte, jetzt einen solchen Abscheu vor den Tieren habe, daß, als man ihr die ungeheure Boa das letztemal um den Hals hängen wollte, sie Konvulsionen bekommen hätte. „Morgen reisen wir nach Köln ab,“ sagte Madame Peche, „wollen Sie Therese“ (so hieß das schöne Mädchen) „noch einmal sehen, so besuchen Sie sie auf ihrem Zimmer.“ Ich ließ mir dies nicht zweimal sagen, eilte zu ihr und fand sie sehr niedergeschlagen und angegriffen. Ich unterhielt mich ziemlich lange mit ihr, und sie ergänzte die mir von der Mutter schon gemachten Mitteilungen, indem sie sagte, daß, nachdem das Karlsbader Geschäft verunglückte, sie und ihre Schwester ein paar Monate als Choristinnen bei der Bühne zu Prag gestanden, wo sie Tourniaire auf dem Theater gesehen, sich nach ihnen erkundigt, und als er erfahren, daß die Mutter eine Französin sei, derselben unter dem Vorwand der Landsmannschaft einen Besuch gemacht und, ihre dürftigen Umstände kennen lernend, ihr endlich den Vorschlag getan habe, daß sie samt den beiden Mädchen ihr reichliches Brot bei ihm finden sollten, wenn sie sich bequemen würden, mit ihm zu reisen. Sie habe dann nur die Kontrolle an der Kasse seiner Menagerie zu führen und die Billette abzunehmen; für die Mädchen werde er auch sorgen und ihnen eine passende Beschäftigung geben. Madame Peche hatte diesen Vorschlag sogleich mit Vergnügen angenommen und verkaufte, was sie noch an Mobilien hatte. Tourniaire gab ihr einiges Geld; sie folgte ihm wenige Tage nach seiner Abreise von Prag mit ihren Töchtern und wurde anfänglich sehr gut aufgenommen. Als aber der schon ziemlich bejahrte grauköpfige Führer der wilden Bestien allzu zärtliche Absichten auf Therese blicken ließ, die einen wahren Abscheu gegen ihn empfand, und von ihr verächtlich zurückgewiesen worden war, da zog er andere Saiten auf. Die Familie, die jetzt ganz in seinen Händen, ohne Schutz und Hilfe war, Madame Peche hatte zwar noch einen älteren Sohn von ungefähr achtundzwanzig Jahren, der jedoch ein völliger Taugenichts und gemeiner österreichischer Soldat war, mußte tun, was er wollte. Madame Peche wurde Billetteinnehmerin und ihre Töchter mußten als Pseudo-Zirkassierinnen die Schlangen zeigen. „O Gott, wenn uns nur jemand aus dieser schrecklichen Lage befreien wollte, auf den Knien würden wir es ihm danken,“ schloß Therese ihren traurigen Bericht.

„Leider hörte ich von Ihrer Mutter, daß Sie morgen schon abreisen werden,“ versetzte ich, „die Zeit ist zu kurz, um bis dahin noch etwas Entscheidendes unternehmen zu können, aber seien Sie ruhig, liebes Kind, ich werde Ihnen in wenig Tagen nach Köln folgen und Sie dann aus dieser Lage befreien.“ Mit halb zweifelhaften, halb erkenntlichen Blicken sah mich das schöne Mädchen an, der ich nochmals versicherte, daß es keine leeren Worte seien, was ich sage, sie bat, sich vertrauensvoll auf mich zu verlassen, und ihr versprach, daß sie mich in möglichst kurzer Zeit wiedersehen werde. Hierdurch getröstet, nahm sie mit Tränen in den Augen Abschied von mir und nach einem langen Kusse entfernte ich mich.

Da ich im Interesse der von mir redigierten Zeitschrift abermals eine Rundreise zu machen vorhatte, um Stoff für dieselbe zu sammeln und einige Korrespondenten zu gewinnen, da die erbärmliche Frankfurter Zensur alles strich, was auch nur die entfernteste Beziehung auf Frankfurter Behörden, Verwaltung und die städtischen Zustände überhaupt haben konnte, so mußte ich wohl das Blatt ganz mit auswärtigen Berichten zu füllen suchen. Sogar an den Rezensionen über die Frankfurter Bühne vergriff sich der erbärmliche Rotstift, und erst, nachdem ich dem Zensor gedroht, daß ich die von ihm gestrichenen Stellen in auswärtigen Blättern als von ihm gestrichen abdrucken lassen würde, unterließ es der Jammermann.

Die beabsichtigte Reise konnte ich nicht so schnell, als ich es gewünscht, unternehmen, da ich als Zeuge in eine polizeiliche Sache verwickelt war, die meine Gegenwart in Frankfurt erheischte. Bei dem Hepp-Hepp-Krawall gegen die Juden, der vor mehr als einem Jahr früher stattgefunden, waren ein paar dieser Kinder Israels, als sie, nach Offenbach flüchtend, nahe dem Frankfurter Wald vorüberkamen, durch einige Frankfurter Hauderersknechte derb abgeprügelt worden, und wären vielleicht auf dem Platz liegen geblieben, wäre ich nicht zufällig dazugekommen und hätte die Unglücklichen durch Bitten, Drohungen und Versprechungen aus den Händen der Barbaren befreit. Die Sache wurde erst jetzt verhandelt und untersucht. Sobald ich aber abgehört war, machte ich mich auf die Reise und ging zuerst nach Mannheim und Speier.

Als ich ein paar Tage darauf in Bonn ankam, erblickte ich sogleich an den Straßenecken die Anschlagezettel von Tourniairs Menagerie. Ich eilte auf der Stelle dahin und fand Therese allein an der Kasse sitzend. Als sie mich erblickte, sprang sie, freudig in die Hände schlagend, auf und rief aus: „Ach, so haben Sie doch Wort gehalten, das ist schön von Ihnen.“ Sie erzählte mir nun, daß ihre Mutter krank in Köln sei, wo sich auch ihre Schwester Toni und Tourniaire in diesem Augenblick befänden, indem sie alle drei mit dem Wagen umgeworfen worden seien, wobei ihre Mutter durch die auf sie fallende Geldkiste stark an dem Schienbein verletzt wurde, in Köln aber die kaum erbaute Menageriehütte zusammengebrochen wäre, weshalb Tourniaire, bis dort eine neue gezimmert, die Menagerie einstweilen nach Bonn geschickt. Er selbst sei den vorhergehenden Tag, ihr die Kasseneinnahme empfehlend, wieder nach Köln zurückgereist. Dabei klagte sie mir aufs neue bitter ihren Kummer. „Wohlan,“ sagte ich, „wir müssen der Sache schnell ein Ende machen. Lassen Sie die Kasse Kasse sein und kommen Sie mit mir, eine Promenade machen. Wo wohnen Sie?“ „Im Klotz.“ „Gut, so werde ich mich auch daselbst installieren. Warten Sie noch einen Augenblick, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen.“ Ich ging nun in den ‚Goldenen Klotz‘, wo ich zwei Zimmer in Beschlag nahm, und kehrte dann zu Theresen zurück, mit der ich eine Promenade in den Schloßgarten von Bonn machte, wo ich das Mädchen überredete, noch heute Tourniaire und seine Menagerie zu verlassen, ich habe bereits ein anderes Zimmer für sie im Klotz neben dem meinigen genommen. Sie war es zufrieden, und als wir gegen Abend heimkehrten, ließ ich ihre Sachen auf das für sie bestimmte Zimmer bringen. Wir soupierten recht vergnügt und brachten ebenso die halbe Nacht wachend miteinander zu. Den anderen Morgen machten wir in aller Frühe eine Partie nach den Ruinen des alten, eine gute Stunde von Bonn entfernten Godesberg. Als wir in unseren Gasthof zurückkamen, erfuhren wir, daß Tourniaire schon diesen Morgen von Köln gekommen sei, sogleich nach seiner Nichte, er gab sich überall für den Oheim der Mädchen aus, gefragt und in gewaltigen Zorn und große Wut geraten sei, als er gehört, daß sie schon in aller Frühe mit einem Fremden ausgefahren sei, und dann auch erfahren, daß sie den Abend vorher mit mir spazieren gegangen und die Nacht in einem anderen Zimmer als dem ihrigen zugebracht habe. In diesem Augenblick klopfte es an die Türe und auf mein: „Wer ist’s?“ erfolgte ein barsches und rauhes: „C’est moi.“ „Mais qui êtes-vous?“ „Tourniaire.“ „Ah Monsieur Tourniaire, un moment.“ Ich steckte meine Terzerolen auf jeden Fall zu mir, öffnete die Türe, die ich auch verriegelt hatte, durch welche Tourniaire rasch mit zweien seiner Bestienwärter eintrat. Auf meine Frage: „Que désirez-vous, Monsieur?“ erwiderte er: „Je veux ma nièce.“ „Ihre Nichte? Die kenne ich nicht. Wer ist diese?“ „Mademoiselle Peche.“ „Pardon, diese ist nicht Ihre Nichte.“ „Comment?“ „Ich bin von allem auf das genaueste unterrichtet und weiß, wie Sie den Peches mitgespielt haben. Mademoiselle Therese hat sich jetzt unter meinen Schutz begeben, und ich werde sie zu schützen wissen. Wenn Sie sonst nichts bei mir suchen, so können Sie wieder gehen.“ „Nicht ohne das Mädchen!“ „Doch, mein Herr.“ „Wo ist sie?“ „Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben.“ Tourniaire sah sich nun allenthalben um und wollte endlich auf die Seitentüre zugehen. „Zurück!“ donnerte ich ihm entgegen, stellte mich vor die Türe und sagte: „Noch einen Schritt weiter, so knalle ich Ihnen eine Kugel vor den Kopf!“ Hier zeigte ich ihm ein Terzerol. Er prallte jetzt zurück samt seinen beiden Gehilfen, die sich übrigens sehr passiv verhalten hatten, rief aber im Abgehen: „Wohlan, ich werde die Polizei zu Hilfe nehmen.“ „Sehr wohl,“ schrie ich ihm nach, „Sie sind ihr ohnehin schon verfallen.“ Schimpfend und tobend ging er die Treppe hinab. Ich verriegelte wieder meine Türe, eilte zu Theresen, die ich halb ohnmächtig auf dem Bette liegend fand, und suchte sie möglichst zu beruhigen. Hierauf klingelte ich einem Aufwärter und fragte diesen, was mit Tourniaire geworden. Er berichtete mir, daß derselbe auf sein Zimmer gegangen sei und dort gewaltig mit seinen Leuten gewelscht und geflucht habe. Jetzt sei er wieder ruhiger und wolle das Weitere auf den kommenden Tag verschieben. Ich begehrte nun meine Rechnung, ließ Theresens und meine Effekten packen, und bat den Kellner, dem ich zwei Taler Trinkgeld versprach, mir sogleich eine Extrapost zu bestellen, diese aber, um Aufsehen und Skandal zu vermeiden, ein paar hundert Schritte vom Gasthof entfernt zu halten, und so auch die Effekten fortbringen zu lassen. Dies alles war um so leichter zu bewerkstelligen, da die Nacht bereits angebrochen war. Als ich Nachricht hatte, daß der Wagen vorgefahren, eilte ich, die zitternde Therese im Arm, die Treppe hinab, gab dem Kellner das versprochene Trinkgeld und mehr, und fuhr nach Köln ab, wo wir noch vor Mitternacht eintrafen und ich mit meiner schönen Beute bei Merzenich im ‚Wiener Hof‘, den ich schon von früher kannte, abstieg. Den anderen Morgen brachte ich Therese zu ihrer Mutter, die mit ihrer Tochter bei Lamberts auf dem Domplatz wohnte. Wir teilten der Mama, die sehr erfreut war, mich wiederzusehen, alles mit, was vorgefallen, bis auf einige Nebenumstände, die man besser verschweigt, und ich sagte ihr, daß sie sich nun völlig als von Tourniaire befreit ansehen könne und ich für ihre fernere Existenz Sorge tragen wolle. Es wurde mir großer Dank und die jüngere Schwester, Toni, sagte: „Nicht wahr, Mama, nun dürfen wir auch nicht mehr das Fleisch mit den wilden Tieren teilen, die oft die besten Stücke bekamen.“

Ich erkundigte mich nun nach einem tüchtigen Sachwalter. Als ein solcher wurde mir der Advokat B... empfohlen, den ich von allem gehörig in Kenntnis setzte, und der mir nicht nur versprach, sich dieser Angelegenheit mit aller Tätigkeit anzunehmen, sondern meinte, daß Tourniaire auch noch der Familie eine Entschädigung schuldig sei und nicht so ungerupft davonkommen dürfe. Er wolle die Klage gegen Tourniaire damit beginnen, sogleich Arrest auf die ganze Menagerie, Pferde und Wagen und so weiter desselben legen zu lassen, welches das beste Mittel sei, ihn zu einem wenigstens leidlichen Vergleich und zur Losgebung der Peches zu bringen. Tourniaire sperrte sich anfänglich zwar ganz gewaltig und meinte, er würde sich auf nichts einlassen, und sollte es ihm seine Löwen, Panther, Tiger, Bären, Affen und Pferde kosten. Ein paar Tage darauf spannte er jedoch gelindere Saiten auf, denn die Wache bei der Menagerie und den Pferden genierte ihn gewaltig. Es kam endlich zu einem Vergleich; er gab Mutter und Töchter frei, und bezahlte die geringe Summe von hundert Talern als Entschädigung. Als er dieses Geld an mich auszahlte, sagte er: „Die ganze Rache, die ich an Ihnen nehme, ist, daß ich Ihnen die Mutter Peche überlasse. Die wird hinlänglich dafür sorgen, daß Sie für das, was Sie an mir getan, bestraft werden.“ „Dies sei meine Sorge, Herr Tourniaire,“ erwiderte ich, strich das Geld ein und brachte es der Madame Peche, die die Summe sehr klein fand, sich aber damit beruhigte, daß ich ihr meine noch ziemlich gefüllte Kasse zur Disposition stellte. Nun hatte ich die ganze Familie auf dem Hals und mußte darauf denken, was mit ihr anzufangen sei. Therese besaß eine sehr angenehme und reine, aber etwas schwache Stimme, sang indessen mit Gefühl und hatte viel Ausdruck im Vortrag. Auch erkannte ich bald, daß das Mädchen eine nicht unbedeutende Anlage zur Schauspielkunst habe. Ihre Schwester Toni hingegen hatte fast für nichts anderes Sinn als für Essen und Trinken; sie schlug in diesem Stück ganz der Mutter nach. Damals hielt sich in Köln ein junger Breidenstein auf, ein Neffe meines ehemaligen Lehrers, den ich schon früher in Homburg kennen gelernt, welcher die Musik zu seinem Brotstudium gemacht und schon mehrere gediegene Kompositionen geliefert hatte. Diesen bat ich, öfters mit mir zu Peches zu gehen, wo er uns am Klavier akkompagnierte, und wir des Abends in dem sehr düster beleuchteten Saal Lamberts kleine Proben von einzelnen Opernszenen hielten, nach denen wir dann noch nach dem Klavier tanzten, auch die Polonäse aus Spohrs Faust mit Gesang und Aktion aufführten. Diese Abendunterhaltungen, zu denen noch ein paar Mädchen und Freunde Breidensteins kamen, hatten einen ganz besonderen Reiz, welchen das Chiaroscuro des düsteren Saales noch vermehrte, und auf Theresens Phantasie und ganzes Wesen eine eigene Wirkung hervorbrachte, so daß sie die Susanna, Zerline und Kunigunde mit einer mich entzückenden Vollendung und Hingabe spielte und sang. Daß das reizende Geschöpf ein eminentes Talent für die Bühne habe, davon war ich jetzt überzeugt, sowie Breidenstein und andere, welche sie bei diesen Abendunterhaltungen gesehen hatten. Ebenso waren wir darüber einig, daß ihre so liebliche Stimme wohl schwerlich je die nötige Kraft erlangen würde, um in der Oper großes Glück zu machen, daß sie hingegen im Schauspiel glänzen müsse. Breidenstein schlug mir vor, an Ringelhard, den er kenne, und der damals mit seiner Gesellschaft im Sommer in Aachen und im Winter in Köln spielte, schreiben zu wollen, was ich aber ablehnte, und vorzog, Peches mit nach Mainz zu nehmen, in der Hoffnung, die Mädchen bei der Frankfurter, Darmstädter oder Mainzer Bühne, also möglichst in meiner Nähe, placieren zu können. Auch stand ich, wegen der Geschichte mit der Catalani in Bremen, nicht zum besten mit Ringelhard. Da ich ohnedies Briefe über Briefe von Frankfurt erhielt, die meine schleunigste Zurückkunft wegen der Redaktion des belletristischen Blattes heischten, so traf ich sofort Anstalten zur Abreise und fuhr über Koblenz nach Mainz. Unterdessen hatte ich schon in Köln, noch mehr aber auf der Reise Ursache genug gehabt, an Tourniaires Worte zu denken. Madame Peche benahm sich selbst an den Table d’hôtes fast wie ein Dragoner, oder doch wie eine Marketenderin, und ließ die stärksten Weine, gleich einem Cramerschen Ritter, wie Wasser die Gurgel hinabgleiten. Dabei hatte sie einen so guten Appetit, daß sie ganze Schüsseln, besonders beim Dessert, auf ihren Teller leerte, und wenn ich mit Theresen, wie in Koblenz, Ems, Schwalbach und so weiter, romantische Spaziergänge machte, sie zog es vor, daheim zu bleiben, und entschädigte sie sich mit Toni einstweilen bei einer guten Flasche Bordeaux und allerlei Zuspeisen. Dabei blieb es indessen nicht; während unserer Abwesenheit ließ die Mama Schuhmacher, Modistinnen, Juden und so weiter durch die Kellner rufen, denen sie allerlei Gegenstände abkaufte. Hierauf ersuchte sie den Wirt, das Geld bis zu meiner Rückkunft auszulegen, und ich fand schon in Koblenz auf meiner Rechnung nahe an fünfzig Taler als bar ausgelegt.

XIII.
Die Schlangenmädchen zuerst bei der Mainzer, dann bei der Kölner Bühne engagiert. – Der Bruder von ungefähr. – Aufenthalt in Aachen. – Ich spiele den Don Juan in der Wirklichkeit statt auf der Bühne. – Ringelhards Gesellschaft. – Aufenthalt in Köln. – Polizeidirektor Struensee. – Trennung von Peches. – Der Schauspieler Wolthers wird im Duell erschossen. – Agnes F...ch. – Noch ein Rousseau. – Ich werde demagogischer Umtriebe verdächtig gemacht. – Ich gehe nach Mainz. – Aufenthalt daselbst. – Ich redigiere eine Mannheimer Zeitschrift. – Die schwarze Kommission. – Ich werde aus Mainz verbannt und gehe nach Mannheim. – Eine Reise nach Stuttgart. – Die schöne Unbekannte auf der Insel. – Eine Saison in Baden-Baden. – Ich nehme meinen Aufenthalt in Stuttgart. – Buchhändler Frankh. – Das Theater. – Eine sehr geheime Intrige. – Die Stadtpost und ihr Redakteur. – Ich gebe mein erstes historisches Werk heraus. – Ich werde Spießbürger in Frankfurt am Main.

Den Tag nach unserer Ankunft in Kassel fuhr ich allein nach Frankfurt und versuchte es, durch den Kapellmeister Guhr meinen Schützlingen bei dem dortigen Theater ein Engagement zu verschaffen. Dies war indessen unmöglich, da die hohe Oberdirektion samt der untertänigsten Unterdirektion viel zu feindselig gegen mich gesinnt waren. Einen ähnlichen Versuch machte ich in Darmstadt, wo sich Grüner zwar sehr willfährig zeigte, aber Bedingungen vorschlug, in die nicht wohl einzugehen war. Ich kehrte schon den dritten Tag nach Mainz zurück, wo mich Peches ängstlich erwarteten. Bald darauf waren beide Mädchen bei der hiesigen Bühne, welche Cramer und Diehl dirigierten, engagiert, sollten aber erst ihr Engagement antreten, sobald die Gesellschaft von Wiesbaden zurückkehrte, wo sie während der Sommermonate spielte. Ich drang auf sofortige Ausfertigung der Kontrakte, womit mich jedoch Diehl, ich weiß nicht aus welchem Grunde, hinhielt. Ungefähr sechs Wochen mochten wir schon in Mainz sein, als eines Morgens der Direktor Ringelhard mit dem Schauspieler Freund, der mit mir bekannt und damals in Mainz engagiert war, in mein Zimmer trat. Ringelhard begrüßte mich freundlich, und nachdem wir von einigen gleichgültigen Dingen gesprochen, brachte er das Gespräch auf die Peches, indem er sagte, er habe gehört, daß die ein paar schöne und talentvolle Mädchen seien, die er wohl einmal sehen möchte. „Wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, so kann ich Ihnen dienen,“ erwiderte ich, holte beide und stellte sie ihm vor. Er fand sie allerliebst, ich sang ein Duett mit Theresen, und er empfahl sich, ganz entzückt von meiner Schülerin. Eine halbe Stunde darauf kam er allein wieder und sagte eintretend: „Verzeihen Sie, wenn ich Sie abermals störe, aber sagen Sie mir, ob es nicht möglich ist, daß ich die Mädchen für meine Bühne engagiere.“ „Es ist zu spät, denn sie sind schon bei dem hiesigen Theater engagiert.“ „Ist der Kontrakt unterzeichnet?“ „Das nicht; Herr Diehl zögerte mit der Ausfertigung bis jetzt, ich weiß nicht warum, aber mündlich ist alles abgemacht.“ „Oh, so lange noch kein Kontrakt unterschrieben ist, hat das nichts zu sagen. Was hat Diehl Gage versprochen?“ „Siebzig Gulden für Therese und dreißig für Toni monatlich.“ „Wohlan, ich gebe das Doppelte.“ „Das geht nicht, Herr Direktor, Therese wird mich nicht verlassen wollen, und ich habe auch keine Lust, mich von ihr zu trennen.“ „So kommen Sie mit, seien Sie Dramaturg meines Theaters.“ „Ich kann nicht, ich bin Redakteur einer Zeitschrift in Frankfurt.“ „Sie können eine andere in Köln redigieren; die ‚Colonia‘ sucht schon längst einen tüchtigen Mann; ich werde die Sache vermitteln. Wissen Sie was, schenken Sie mir das Vergnügen, heute Abend bei mir in den ‚Drei Reichskronen‘, wo ich logiere, zu soupieren, und bringen Sie Peches mit; da wollen wir die Sache weiter besprechen.“ Ich schlug die Einladung aus, bat aber Ringelhard, wenn es ihm Vergnügen mache, am Abend bei uns zu soupieren, obgleich ich ihm keine Hoffnung machen könne, daß sein Wunsch erfüllt werde. Als er weg war, erzählte ich Peches, was er mir mitgeteilt, und als die Mama von der doppelten Gage hörte, war sie entzückt und gleich für die Sache, indem sie sagte: „Warum haben die Mainzer Herren die Kontrakte nicht gemacht.“

Der Abend kam heran, Ringelhard mit ihm; wir soupierten, und als wir alle in der heitersten Laune waren und auch wohl ein Gläschen über den Durst getrunken hatten, nahm er plötzlich zwei Kontrakte aus der Tasche, mit den Worten: „Soweit ist alles fertig, ich muß Sie alle bei meiner Bühne haben, unterschreiben Sie!“ Madame Peche und die Mädchen sahen mich staunend und fragend an, Ringelhard versprach Himmel und Hölle, tauchte eine Feder in Tinte, reichte sie der Mama hin, indem er zu ihr sagte: „Frisch unterschrieben, es soll Sie nicht gereuen!“ Madame Peche unterschrieb und Ringelhard warf hundert Taler in Gold auf den Tisch, indem er sagte: „Hier ist das Reisegeld!“, das Madame Peche auch sogleich einsteckte. Am anderen Tag begab ich mich zu Cramer und Diehl, denen ich reinen Wein einschenkte, indem ich damit schloß: „Dies, meine Herren, haben Sie sich selbst zuzuschreiben.“ Beide wurden nun aufgebracht und meinten, die Mädchen seien dennoch bei ihnen engagiert, mündlich oder schriftlich, das sei gleichviel, und sie würden schon Mittel finden, sie an der Abreise zu hindern. „Wenn Sie glauben, dies imstande zu sein, woran ich aber sehr zweifle, so versuchen Sie es,“ sagte ich, mich entfernend. Wirklich wurde der Madame Peche, als ich den anderen Morgen in deren Namen auf die Polizei schickte, um ihren daselbst hinterlegten Paß zu verlangen, derselbe verweigert, und zwar auf Antrag der Theaterdirektion. Ich ging nun selbst auf die Polizei, wo ich, dem Polizeikommissar Mela die Sache gehörig auseinandersetzend, abermals den Paß verlangte. Da er mir denselben nicht geben wollte, so verließ ich ihn mit den Worten: „Wohlan, wenn wir den Paß, gehörig visiert, bis heute Abend nicht erhalten, so reise ich mit Peches morgen früh ohne Paß ab, und werde dann dafür Sorge tragen, daß diese Geschichte in öffentlichen Blättern zur Kenntnis des Publikums kommt.“ Damit empfahl ich mich, und um vier Uhr nachmittags war der wohlvisierte Paß in unseren Händen. Den anderen Morgen befanden wir uns in einer offenen Kalesche, mit vier Postpferden bespannt, auf dem Wege nach Aachen.