Auf der zweiten Station dahin kam plötzlich ein Mensch, der völlig das Ansehen eines zerlumpten Vagabunden, aufgerissene Stiefel, ein Bündelchen auf dem Rücken, eine schäbige Mütze und offene Ellenbogen hatte, an den Wagen gerannt und schrie: „Mama! Mama!“ Ich glaubte, der Kerl sei ein Narr, aber Madame Peche rief aus: „Ah mon Dieu, mon fils!“ und Toni: „Der Bruder!“ und Therese erschrocken: „Aber wie kommt der hierher?“ Ich war wie aus den Wolken gefallen, diesen Herrn Sohn und Bruder zu erblicken, der ebenfalls wie aus den Wolken herabgeschneit schien. Aber was war da zu machen? Wir mußten stillhalten und der achtundzwanzigjährige Knabe setzte sich neben den Postillon auf den Bock und erzählte, daß er schon über vier Wochen am ganzen Rhein die Kreuz und die Quere umherirre, seine teuren Verwandten aufzusuchen, aber bis jetzt, wo ihm der Zufall dieselben auf der Landstraße begegnen lasse, sei seine Mühe vergeblich gewesen. Wir fuhren nun mit dieser höchst unwillkommenen Zugabe, der ich von meiner Garderobe mehreres mitteilte, um sie wenigstens etwas reputierlicher aussehen zu machen, weiter, in Koblenz und Köln übernachtend, nach Aachen, wo wir wohlbehalten eintrafen und Ringelhard schon für Wohnungen für uns gesorgt hatte. Auch ihm schien die brüderliche Zugabe, die außerdem so hölzern war, daß sie kaum zu einem Statisten zu gebrauchen, höchst unerwünscht. Der Mensch war ein echter böhmischer Stocksoldat, steif wie ein ausgestopfter Strohmann, und dem Kalbfell entlaufen, die Mama aufzusuchen. Indessen war er nun einmal da, und wollte doch auch leben, das heißt essen und trinken.
In Aachen war es noch sehr lebhaft durch die zahlreichen Badegäste, und wir machten häufige Spaziergänge nach Burtscheid und anderen Umgebungen. Ringelhard hatte Theresen mit mir das Duettino: ‚Reich’ mir die Hand, mein Leben,‘ singen hören und ihr die Partie der Zerline zum Einstudieren geschickt. Da aber für den Augenblick kein Sänger bei seiner Gesellschaft war, der den Don Juan geben konnte, so fragte er mich, ob ich nicht aus Gefälligkeit für ihn und Therese diese Partie übernehmen wolle, und da mich auch Therese auf das inständigste bat, so willigte ich ein. Schon war der Tag der Aufführung bestimmt, und es sollte eine der letzten Vorstellungen auf der Aachener Bühne sein, da trat eines Morgens der Schauspieler Wolthers in mein Zimmer und sagte nach den gewöhnlichen Begrüßungen: „Wenn Sie es nicht übelnehmen, so will ich Ihnen einen guten Rat erteilen. Treten Sie in Aachen nicht auf die Bühne.“ „Und warum?“ „Weil Sie, wenn Sie auch wie ein Gott spielten, dennoch ausgezischt würden. Es hat sich eine furchtbare Kabale unter den hiesigen Einwohnern gegen Sie gebildet. Man weiß, daß Sie einen ominösen Artikel in eine Frankfurter Zeitung gegen die Aachener eingeschickt haben, und das will man Ihnen wettmachen.“ „Gut, wenn dem so ist, so werden die Aachener den Don Juan nicht auf der Bühne sehen und die Sache ist abgemacht.“ Ich ging nun zu Ringelhard, teilte ihm mit, was mir Wolthers gesagt, und er war jetzt auch meiner Meinung, um so mehr, da auch er schon etwas von diesen Intrigen vernommen hatte. Dagegen machte ich, solange wir noch in Aachen verweilten, einigen hübschen Aachener Damen recht emsig und nicht ohne glücklichen Erfolg den Hof, und bewies deren Männern, daß man besser daran getan hätte, mich den Don Juan auf der Bühne als außerhalb derselben spielen zu lassen. Bald darauf wurde das Theater zu Aachen geschlossen, und wir reisten samt und sonders nach Köln ab, eine recht lustige, wenn auch ein wenig zigeunerartige Fahrt, jedoch in sehr bequemen Kutschen. Ich hatte indessen einen besonderen Wagen für Peches und mich bestellt, und der Herr Bruder mußte wieder seinen Platz auf dem Bock einnehmen.
In Köln bezog ich wieder eine Wohnung mit Peches, bei einer Madame F...ch, der Witwe eines verstorbenen Beamten, die zwei recht artige Töchter, Agnes und Mimi geheißen, besaß. Ich hatte indessen mein eigenes Schlaf- und Arbeitszimmer, auf welchem ich Theresen fortwährend Unterricht erteilte und Rollen einstudierte. Zum erstenmal trat sie in Köln in der Rolle des Benjamin in Mehüls ‚Joseph in Egypten‘ auf, die ich ihr einstudiert hatte, und in der sie durch ihr kindlich-gemütvolles Spiel wie durch ihre liebliche Stimme außerordentlich gefiel. Doch mußte sie sich von der Oper bald ganz zurückziehen und allein nur dem Schauspiel widmen, da es ihr an hinlänglicher Kraft im Gesang gebrach, besonders, um in Ensemblestücken durchgreifen zu können. Ich hatte unterdessen wirklich die Redaktion einer Kölner Zeitschrift übernommen, welche den Titel ‚Der Verkündiger‘ führte. Da ich mich aber mit dem Eigentümer derselben nicht gehörig verständigen konnte, so trat ich bald darauf wieder von derselben ab, um eine andere, und zwar bedeutendere, die ‚Colonia‘, zu redigieren. Auch hier hatte ich manchen Strauß mit der Zensur zu bestehen, die unter dem Einfluß eines gewissen Struensee, der damals Polizeidirektor in Köln war, stand. Dieser Mensch war eine höchst auffallende polizeiliche Karikatur und von sehr beschränktem Verstand. Die Kölner, die sich fortwährend über ihn lustig machten, hatten ihm den Spottnamen ‚Spornsee‘ gegeben, weil er stets fingerlange Kürassiersporen trug, ohne je ein Pferd zu besteigen. Dadurch, daß ich auch hier der Zensur zu verstehen gab, wenn sie ihren Rotstift nicht in gehörigen Schranken halte, ich die gestrichenen Artikel in auswärtigen Blättern und namentlich auch in Parisern wiederbringen würde, ließ man mir vieles durchgehen. Aber Struensee hatte mir deshalb heimliche Rache geschworen und suchte, diese, wie wir bald sehen werden, auf eine sehr nichtswürdige Weise zu befriedigen.
Unterdessen war ich näher mit der Familie meiner Hauswirtin bekannt geworden und brachte manchen Nachmittag und Abend in ihrer Gesellschaft zu, was Peches nicht sehr angenehm war. Aber der Umgang mit diesen, namentlich der Mama und dem Bruder, wurde mir täglich mehr zuwider, so daß ich, ich hatte den Tisch bei ihnen genommen, fast immer auswärts speiste, um den unangenehmen Szenen, die meistens bei dem Essen stattfanden, zu entgehen. Die Anforderungen der Madame Peche an mich, besonders das Muttersöhnchen betreffend, nahmen kein Ende, und ich befand mich damals nicht in so glänzenden finanziellen Verhältnissen, diese nach dem Wunsch der alten Dame befriedigen zu können. Eines Tages kam Madame Peche mit ihrem Herrn Sohn, der stark nach Branntwein roch, auf mein Zimmer und verlangten wieder fünfzig Taler unter allerlei Vorwand von mir, die ich diesmal verweigerte und verweigern mußte, wollte ich mich nicht fast ganz entblößen. Jetzt wurden Mutter und Sohn impertinent und endlich so grob, daß ich gezwungen war, beide zur Tür hinauszuwerfen, wobei ich dem letzteren noch ein paar Fuchtelhiebe mit auf den Weg gab. Nun war der schon lange drohende Bruch eingetreten und eine Trennung unvermeidlich. Therese kam zwar auf mein Zimmer, weinte und bat, ich blieb jedoch standhaft und unerbittlich, obgleich es mir leid tat, mich von dem lieblichen und talentvollen Mädchen zu trennen, das schlechterdings bei mir bleiben wollte. Vielleicht würde ich dies auch eingegangen sein, wenn ich nicht gefürchtet hätte, dann dennoch immer die Mama und das Söhnchen auf dem Hals zu haben. Anderseits muß ich gestehen, daß ich auch die nötige Kraft zu dieser Trennung in einem sich eben entspinnenden Verhältnis mit der sehr feingebildeten Tochter des Hauses, der hübschen Agnes F...ch, fand. Genug, ich brachte es dahin, daß Madame F...ch die Wohnung aufkündigte. Einige Tage darauf zogen Peches aus, und statt ihrer die sehr achtbare Künstlerfamilie Lortzing in ihre Wohnung. Therese sah ich jetzt nur noch bei den Theaterproben, wo ich indessen nicht aufhörte, ihr mit Rat und Tat bei ihrer künstlerischen Ausbildung beizustehen.
Etwa sechs Wochen, nachdem ich mich von Peches getrennt hatte, wurde Therese die Veranlassung zu einer sehr tragischen Begebenheit. Der Schauspieler Kunst hatte eine Abendgesellschaft gegeben, zu welcher er das ganze Personal der Ringelhardschen Gesellschaft und mehrere andere Personen, auch vom Militär, eingeladen hatte. Nach der Beendigung derselben kam es zu einem Wortwechsel zwischen dem Schauspieler Wolthers und einem Portepeefähnrich des in Deutz liegenden Dragonerregiments. Beide machten Anspruch, Therese nach Hause begleiten zu dürfen, behauptend, zuerst den Antrag gemacht zu haben. Der dieserhalb stattfindende Wortwechsel hatte eine förmliche Herausforderung zur Folge, und den anderen Morgen fand ein Pistolenduell statt, in welchem der Fähnrich den Schauspieler Wolthers erschoß. Dieser, ein hübscher junger Mann, war in der Blüte seines Alters, kaum zählte er sechsundzwanzig Jahre, und gehörte einer sehr guten schlesischen adligen Familie an. Sein wirklicher Name war Julius von Dobrowolsky. Auch der Fähnrich war aus einer der besten Familien Aachens und mußte flüchtig werden. Er schiffte sich nach Amerika ein. Diese unangenehme Geschichte machte Theresen, obgleich sie nur die sehr unschuldige Ursache derselben war, doch viele Feinde in Köln und namentlich unter dem weiblichen Theaterpersonal, wo der Neid sich schon zu regen begann.
Mein Verhältnis mit der schönen Agnes wurde unterdessen immer inniger, aber auch bald getrübt. Die Mutter, gegen deren Reize, trotz manchen indirekten Anlockungen, ich völlig gleichgültig geblieben war, ahnte bald etwas von unserem Einverständnis und bewachte das Mädchen gleich einem Zauberdrachen, so daß es mir ganz unmöglich war, sie auch nur einen Augenblick allein in dem Haus zu sprechen. Wir korrespondierten durch die Vermittlung einer von mir bestochenen Magd und gaben uns nun Rendezvous in dem nahen Dom, bis ich ein Haus ausfindig gemacht hatte, das in einem sehr entlegenen Teil der Stadt, zwischen öden Mauern und Krautfeldern lag, wo wir uns ungestört sprechen konnten.
Madame F...ch, die indessen des ewigen Aufpassens müde war und einmal gesehen, wie ich ihre Tochter, ihr auf der Treppe begegnend, geküßt hatte, kündigte mir nicht nur den Tisch, sondern auch die Wohnung auf, und drohte mir, als ich erklärte, nicht ausziehen zu wollen, mit dem Polizeikommissar. Da mir nun daran gelegen war, das Haus nicht zu verlassen, so stellte ich mich, mit Agnes einverstanden, als suche ich eine andere Wohnung, ließ aber die meinige, damit sie Madame F...ch nicht vermieten möge, durch den Theaterdiener Blum[5] angeblich für einen Schauspieler, der in vier Wochen ankomme, mieten. Als der zum Ausziehen bestimmte Termin bis auf wenige Tage herangekommen war, kam Blum mit einer verdrießlichen Miene zu Madame F...ch und kündigte derselben an, daß der erwartete Schauspieler krank geworden sei und schwerlich vor sechs Wochen eintreffen würde. Die Dame war sehr ärgerlich deshalb, und ich ging jetzt zu ihr und sagte: da ich vernommen, daß der neue Mieter vorerst noch nicht kommen werde, so bäte ich sie, mich noch so lange zu behalten, da ich ohnehin noch kein passendes Quartier für mich habe ausfindig machen können. Da Madame F...ch immer mit ihren Finanzen brouilliert war und mit ihrer Pension nicht auskam, so verstand sie sich auch gerne dazu, und ich bezahlte sogleich sechs Wochen antizipando. Ja noch mehr, da ich ihr fast zu allen Vorstellungen Logenbillette schickte, die mich nichts kosteten, so war sie wieder recht artig und bot mir von selbst wieder ihren Tisch an, den ich auch sogleich akzeptierte.
Damals gab ein gewisser Rousseau eine Zeitschrift unter dem Titel ‚Colonia-Agrippina‘ heraus, und da er ein großer Verteidiger und Verehrer der Jesuitenpartei war, durch die er eine Karriere und sein Glück zu machen hoffte, so wurde er durch diese sehr unterstützt und in Schutz genommen. Da er auch Theaterkritiken über die Kölner Bühne schrieb und sich in denselben arge Blößen gab, so nahm ich ihn in meinen Antikritiken öfters stark mit. Seine Schützlinge machten sich dieserhalb an Struensee und muteten diesem zu, meine Antikritiken streichen zu lassen. Dieser aber gab ihnen in seiner Einfalt zur Antwort: „Das lasse ich wohl bleiben, dann wäre Fröhlich imstande, gegen mich selbst zu schreiben. Lieber soll er den Rousseau heruntermachen.“ Dieser ergriff endlich das Mittel, mir in Gesellschaft des Dichters Schier einen Besuch zu machen, um mich zu fragen, was er mir denn getan habe, daß ich ihn so vor dem Publikum hinstelle. „Mein Gott, ich habe gar nichts gegen Ihre Person; es sind nur allein Ihre mehr als lächerlichen Kritiken, die ich beleuchte. Sie können mir nicht eine Stelle aufweisen, in der ich persönlich geworden wäre.“ Er fuhr noch fort, sich in einem sehr weinerlichen Ton gegen mich auszulassen, worauf ich, um ihn loszuwerden, endlich zu ihm sagte: „Mein Gott, wenden Sie sich an die Zensur, die kann ja streichen, was ihr beliebt.“ „Das haben wir schon getan,“ platzte er heraus, indem er mir die oben angeführten Worte Struensees rapportierte. Kaum konnte ich es verhüten, nicht in ein lautes Lachen auszubrechen.
Struensee, der mich fürchtete und dem ich deshalb ein Dorn im Auge war, hatte mir Rache geschworen und suchte sie auf folgende Weise auszuüben. Damals war die Demagogenriecherei in Deutschland in vollem Gang. Er berichtete nun an das preußische Ministerium, daß ich mich in Köln befände und er mich stark im Verdacht habe, mit den Häuptern der Umwälzungspartei in geheimen Verbindungen zu stehen. In der Tat waren mir schon einige Male Anträge gemacht worden, mich an solche mysteriöse Gesellschaften anzuschließen, die ich aber jedesmal sehr bestimmt zurückgewiesen hatte, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil ich mich nicht zum Instrument mir unbekannter Personen hergeben und zur Maschine herabwürdigen lassen wollte.
Indessen wurde ich von dem sauberen Bericht, den der Polizeidirektor Struensee hinsichtlich meiner an das preußische Ministerium eingesandt hatte, bei Zeiten durch einen bei der Polizei zu Köln angestellten Beamten, der früher in französischen Militärdiensten gestanden, gehörig unterrichtet. Dieser brave Mann hatte mir auch versichert, daß er mich sogleich, wenn die Antwort von Berlin käme, von deren Inhalt, und zwar ehe ihn noch Struensee erfahre, da er die Depeschen zuerst durchgehe, in Kenntnis setzen wolle; ich könne also deshalb ganz ruhig sein. In der Tat berichtete er mir zehn bis zwölf Tage später, daß das Ministerium den Präsidenten beauftragt habe, sich einige schriftliche Beweise, die seinen Verdacht besser begründeten, zu verschaffen, und wenn er diese habe, meine Papiere in Beschlag zu nehmen, mich dann, wenn solche gegründete Veranlassung dazu gäben, verhaften und nach Umständen wohl eskortiert nach Berlin bringen zu lassen. Als ich dies erfahren, packte ich alle meine Schriften, obgleich unter ihnen auch keine Zeile war, die einen solchen Verdacht im mindesten hätte rechtfertigen können, zusammen, da ich nicht wußte, wie weit Struensee gehen würde, und ich nicht gerne haben mochte, daß eine hohe Polizei die Nase in meine Briefe und Papiere stecken sollte, wodurch sehr viel Personen, namentlich Damen, und unter ihnen auch manche schöne Kölnerin und Berlinerin, hätten kompromittiert werden können. Den ganzen großen Pack gab ich wohl verwahrt einstweilen Agnesen in sichere Verwahrung, die ihn ihrerseits wieder an eine Freundin gab, weil wir uns nicht sicher vor einer Haussuchung hielten und mein Verhältnis mit dem Mädchen dank der Mutter ziemlich bekannt geworden war.