Unterdessen hatte Ringelhard beschlossen, während der Fastenzeit mit seiner Gesellschaft nach Bonn zu gehen und, da mir die Redaktion der ‚Colonia‘ viel zu wenig abwarf, ich auch durch noch andere literarische Arbeiten in Köln (ich war Mitarbeiter des von Spitz herausgegebenen rheinischen Konversationslexikons) nicht hinreichenden Verdienst hatte, und mich die Struenseeschen Intrigen doch auch beunruhigten, so beschloß ich, Köln zu verlassen und vorerst nach Mainz zu gehen. Diesen Entschluß führte ich aus, bevor noch eine ministerielle Antwort auf einen zweiten Bericht Struensees von Berlin gekommen war.
Die Unternehmer des rheinischen Konversationslexikons, unter denen ein sehr vermögender Kaufmann war, baten mich vor meiner Abreise, das Werk so viel als möglich in deutschen Zeitungen günstig zu rezensieren und zu empfehlen, und versprachen mir für meine Mühe ein gutes Honorar. Ich verließ nun das alte Köln, in dem ich manche angenehme Erinnerung zurückließ, und fuhr ziemlich leichten Herzens nach Mainz, wo ich diesmal im ‚Pariser Hof‘ bei Arnold abstieg, der ein allerliebstes Töchterchen hatte. Bald darauf machte ich eine kleine Reise, um, wie ich es versprochen, in verschiedenen Zeitschriften für das rheinische Konversationslexikon günstige Artikel einrücken zu lassen, und hierdurch wurde ich in Mannheim mit dem Eigentümer der dortigen Zeitung, einem Herrn C..., der früher Kaufmann gewesen, aber als solcher verunglückt war, bekannt. Dieser bot mir die Redaktion eines belletristischen Blattes an, welches er, um seiner politischen Zeitung mehr Aufnahme zu verschaffen, herauszugeben willens war. Ich wurde bald einig mit ihm, blieb aber vorerst noch in Mainz wohnen, wo mich einige, erst kürzlich gemachte interessante Bekanntschaften von Damen fesselten, unter denen namentlich die Frau eines Hauptmanns, ein sehr lebhaftes, schönes, erst siebzehnjähriges Weibchen, das diesen Mann fast wider ihren Willen und nur auf Zureden ihrer Verwandten geheiratet hatte. Außerdem war mir Mainz von jeher ein gar lieber Aufenthalt gewesen, da seine freisinnigen und liebenswürdigen Bewohner ein heiteres, munteres und gastfreies Völkchen sind. An der Table d’hôte im ‚Pariser Hof‘, an der ich speiste, und wohin selten einige Fremde kamen, war eine tägliche Tischgesellschaft, die, so seltsam sie auch zusammengesetzt, doch äußerst unterhaltend war. Sie bestand aus dem Präsidenten der Untersuchungskommission der demagogischen Umtriebe (der sogenannten schwarzen Kommission), Herrn von Keisenberg, einem sehr wissenschaftlich gebildeten, humanen und unterrichteten Mann, der in seiner äußerst schwierigen Stellung viel Gutes wirkte, manches Böse verhütete, und durchaus unparteiisch war; einem preußischen Auditor, gleichfalls einem vorzüglichen Kopf und trefflichem Charakter; Eikmeier, einem Sohn des bekannten Generals dieses Namens, eigentlich des letzten Kurfürsten von Mainz, dem er auch frappant ähnlich sah, einem sehr jovialen Gesellschafter und hellen vorurteilsfreien Kopf; einem Hofrat Krieger, altem Hagestolz, sehr reich und ebenso filzig; einem gewissen Amtmann, mauvais sujet; zwei österreichischen Offizieren, Oberst B... und Oberstleutnant P..., von dem damals in Mainz garnisonierenden Regiment Langenau, einem Paar höchst bornierter Köpfe und großer Ignoranten, dabei aber so furchtbaren Fressern, daß jeder Gastwirt erschrak, an dessen Table d’hôte sie sich einfanden.
Ich redigierte den Mannheimer ‚Phönix‘ fortwährend von Mainz aus und ließ ihm so reichliches und gewürztes Futter zukommen, daß der seltene Vogel bald in Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Köln und am ganzen Rhein heimisch wurde, und, da er sehr oft sehr satirisch war, nicht wenig Aufsehen machte; manchmal aber auch ganz falsch verstanden wurde und ihm dann großes Unrecht geschah. Folgendes war eines der komischsten Mißverständnisse, das viel zu lachen gab. In Mannheim hatte der Stadtdirektor die Wegnahme der Laternenpfähle befohlen, da künftig die Laternen an quer über die Straße laufende Eisenketten gehängt werden sollten. Nun hatte ein Mannheimer Einwohner der Redaktion einen Aufsatz eingesandt, der überschrieben war: ‚Die verabschiedeten Laternenpfosten.‘ Dieser Aufsatz, behaupteten viele österreichische Offiziere, sei eine malitöse, auf sie gemünzte Satire, und blieben dabei, was ihnen auch die Preußen und andere vernünftige Leute dagegen sagen mochten. Sie beruhigten sich nicht eher, als bis sie von Mannheim aus erfahren hatten, daß man daselbst wirklich die Laternenpfosten weggenommen und durch Ketten ersetzt habe!
An unserem Tisch unterhielt ich mich hauptsächlich viel mit dem Präsidenten von Keisenberg, dem es Vergnügen machte, mich über Italien, Frankreich, Spanien und die Jonischen Inseln auszufragen. Dagegen erfuhr ich manches von ihm, das zu meinem Kram paßte, und ich zu Artikeln in Pariser Journalen benutzte, für die ich noch immer ununterbrochen arbeitete. Herr von Keisenberg las diese und äußerte mehrmals bei Tische, er möchte wohl den Einsender derselben kennen, wobei er einen forschenden Seitenblick auf mich warf. Da sie indessen nichts weniger als revolutionär geschrieben waren, sondern nur eine leidenschaftslose Beurteilung der damaligen deutschen Zustände enthielten, sogar die Umtriebe der im Finstern schleichenden Hetzer und die Einfalt der guten Studenten, die sich zu deren Werkzeugen hergaben, öfters gegeißelt wurden, so las sie auch Herr von Keisenberg mit Befriedigung, und daß er mich für den Verfasser hielt, ging aus mancher seiner Äußerungen hervor. Dies kam mir sehr zustatten, denn nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Mainz hatte Struensee in Köln herausgebracht, wo ich mich befand, und daher nichts Eiligeres zu tun, als einen Bericht hinsichtlich meiner, in welchem er mich abermals als der demagogischen Umtriebe verdächtig bezeichnete, an die Mainzer Untersuchungskommission, nebst den Verfügungen des preußischen Ministeriums einzuschicken. Herr von Keisenberg, der Struensee schon kannte, hatte dessen Albernheit hinsichtlich meiner gehörig zurechtgewiesen und dem Ministerium die völlig unbegründete Anklage Struensees dargetan.
Zu meinem großen Leidwesen mußte ich indessen Mainz plötzlich verlassen, woran folgender Vorfall Ursache war. Im Theater besuchte ich gewöhnlich eine Loge, die dicht neben der war, welche die österreichischen Stabsoffiziere gemietet hatten und mit ihren Frauen einnahmen. Ein Major W... hatte eine noch sehr junge Frau geheiratet, die Tochter eines österreichischen Artilleriehauptmanns, mit der ich bisweilen ein paar Worte in der Loge wechselte, aber auch nicht die mindeste Absicht auf die Dame hatte, da sie durchaus nichts besaß, was mich hätte anziehen können, und unsere Unterhaltung beschränkte sich auf ganz gleichgültige Dinge; sie war auch, dank der geistigen Beschränktheit der Madame W..., sehr einsilbig. Dennoch sah es der Major ungern, wenn ich mit seiner Frau sprach, was meistens in seiner Abwesenheit geschah, da er öfters durch den Dienst abgehalten, viel später als dieselbe kam. Eines Abends, als dies wieder der Fall war, trat er gerade in die Loge, als mich seine Frau um Erklärung einer Szene fragte, die sie nicht begriffen hatte. W...s Gesicht schwoll hochrot an, und zornglühend sagte er so laut, daß es das ganze Publikum hörte, zu seiner Ehehälfte: „Du setzt dich gleich hier herüber!“ (auf die andere Seite der Loge), worauf mehrere Stimmen von den Galerien ein „Bravo, Herr Major!“ erschallen ließen und das ganze Publikum lachte. Als ich nun im Zwischenakt die Loge verließ, begegnete mir W... auf dem Korridor und sagte: „Herr Fröhlich, wenn Sie noch einmal in Ihrer Loge ausspeien, so schicke ich Ihnen sechs Korporale auf das Zimmer!“ „Sie haben wohl ein Glas über den Durst getrunken?“ antwortete ich ihm, „schlafen Sie Ihren Rausch aus, morgen sollen Sie mehr von mir hören!“ Hierauf drehte ich dem Major den Rücken und ließ ihn ganz verblüfft stehen. Den anderen Morgen schickte ich ihm ein Schreiben, worin ich ihn um Erklärung der an mich gerichteten Worte bat; da ich aber keine Antwort erhielt, sandte ich ihm eine förmliche Herausforderung zu, und als auch diese ebenso erfolglos war, ließ ich in dem ‚Phönix‘ abdrucken, daß ich den gewaltigen Helden W... samt seinen sechs Korporalen in meiner Wohnung erwarte, und sie nach Verdienst zu empfangen bereit sei. Die Sache hatte bereits viel Aufsehen gemacht und war in der Stadt herum. Die preußischen Offiziere äußerten sich öffentlich, daß ein solches Benehmen eines Stabsoffiziers unter ihnen nie geduldet würde, und so weiter. Dagegen hatte sich ein österreichischer Artillerieleutnant namens Schneider geäußert: „W... solle nicht so viel Umstände machen und mich bei der nächsten besten österreichischen Wache, an der ich vorüberginge, festnehmen, in die Wachtstube schleppen und gehörig durchhauen lassen.“ Alles dies gab nun zu Reibereien unter der Garnison Veranlassung, und eines Morgens wurde ich auf das Polizeiamt zitiert, wo man mir sehr artig und mit sichtbarer und schonender Teilnahme eröffnete, daß ich auf Befehl des hohen Festungsgouvernements die Stadt und Festung Mainz binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Ich wollte zwar dagegen Einwendungen machen, ging auch deshalb zu dem Herrn Regierungspräsidenten von Lichtenberg, der mich mit der äußersten Artigkeit aufnahm und mir sein Bedauern ausdrückte, in dieser Sache nichts für mich tun zu können, da das Festungsgouvernement das Recht habe, jeden Fremden aus der Stadt zu weisen, ohne irgendeine Rechenschaft deshalb geben zu müssen. Ebensowenig half es mir, daß ich mich an den Gouverneur, den preußischen General von Carlowitz, selbst wandte, der mir antwortete, er habe die Ausweisung mehr in meinem eigenen Interesse anordnen müssen, da bei meinem längeren Weilen dahier meine persönliche Sicherheit leicht gefährdet werden könne, denn die österreichischen Offiziere der Garnison seien zum Teil sehr rohe Subjekte, und so weiter. Genug, es blieb bei der Verbannung und ich mußte mich darein fügen, bat mir jedoch dreimal vierundzwanzig Stunden aus, um meine Sachen zu ordnen, die mir auch bewilligt wurden, und fuhr dann, von allen meinen Bekannten, die mir das Geleite gaben, in sechs Wagen begleitet, nach Mannheim, wo man mich schon längst erwartete.
Als ich mit meinen Freunden in Oppenheim ankam, wo man ein Mittagessen im ‚Wilden Mann‘ für uns bestellt hatte, fanden wir daselbst meinen jämmerlichen Gegner, den Major W..., der nebst seiner Frau, seinen Schwiegervater, der in eine andere Garnison versetzt worden war, bis hierher begleitet hatte. Als uns diese guten Leute ankommen und aussteigen sahen, ließen sie sich schnell ein Zimmer im oberen Stock des Hauses geben, und niemand von ihnen verließ mehr die Stube oder ließ sich nur am Fenster blicken, bis wir weg waren. Indessen hatte der Artikel im ‚Phönix‘ über meine Verbannung in Mainz großes Aufsehen erregt, und acht Tage nach meiner Ankunft wurde C... zum Stadtdirektor in Mannheim gerufen und diesem eröffnet, daß er Befehl erhalten habe, mich unter polizeiliche Aufsicht zu stellen, damit, im Fall es für nötig erachtet würde, man meiner sogleich habhaft werden könne. Den Grund dieses Befehls, der ihm von Karlsruhe zugekommen, wußte er nicht. C..., der von allem unterrichtet war, teilte ihm denselben mit, und der Stadtdirektor sagte zu ihm: „So raten Sie dem Herrn Fröhlich, in der Rheinschanze in einem Wirtshaus zu logieren; diese ist bayrisch, und dann geht mich die Sache nichts weiter an.“ Ich befolgte diesen Rat; da ich indessen daselbst kein ordentliches und reinliches Zimmer erhalten konnte, so mietete ich mir ein solches in dem nahen Frankenthal, von wo ich alle Morgen nach Mannheim ging und den Tag über daselbst zubrachte. Indessen sollte ich bald darauf über alle Erwartung glänzend, wenigstens an dem Urheber meiner Verbannung, gerächt werden, dessen Position nach all dem Vorgefallenen in Mainz durchaus nicht mehr haltbar war; selbst die Gassenjungen spotteten seiner. General Menzdorf trug nun in Wien auf seine Versetzung an und begründete diesen Antrag gehörig. W... wurde eines Morgens mit der Order, daß er in eine kleine polnische Stadt versetzt sei, sehr unangenehm überrascht und mußte bald nach mir Mainz verlassen, schwur aber, daß er sich wegen dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit an den Kaiser selbst wenden würde. Indessen hatte er auf der Reise nach seiner neuen Garnison das Unglück, umgeworfen zu werden und sogar ein Bein zu brechen, und wenige Tage nach seiner Ankunft brach ein Feuer in dem von ihm bewohnten Häuschen aus, so daß er nur mit genauer Not dem Verbrennen entging und fast all sein bißchen Habe verlor. Es schien, als habe das Schicksal selbst es übernommen, mich recht eklatant zu rächen.
In Mannheim wurde indessen auf Verwendung des königlich preußischen Gesandten, Herrn von Otterstädt, der mit mehreren meiner Verwandten bekannt war, der Befehl der polizeilichen Aufsicht nach ein paar Wochen wieder aufgehoben und ich wohnte nun ungestört bei C... Hier setzte ich mein Leben fort, wie ich es in Mainz und allenthalben verlassen hatte. Bald hatte ich viele Bekannte und fast noch mehr gute Freundinnen unter den schönen Mannheimerinnen, denen zuliebe ich die Mainzerinnen bald vergaß. Die verwitwete Großherzogin Stephanie, Napoleons adoptierte und die wirkliche Tochter des Senators Beauharnais, einem Verwandten der Kaiserin Josephine, eine sehr schöne und liebenswürdige Frau, von der man behauptete, daß sie Napoleon noch etwas mehr als bloße Adoptivtochter gewesen sei, lebte in Mannheim sehr eingezogen in dem großen Schloß. Noch eine andere hübsche Frau, die man wegen ihrer geringen Geistesfähigkeiten nur die Schloßgans nannte, bewohnte dies Gebäude. Sie war die Gattin des Schloßverwalters und hatte fortwährend viele Liebesintrigen. Ihren Liebhabern, die sie in den Schloßgarten bestellt hatte, gab sie durch ein weißes Fähnchen, welches sie an ihrem Fenster heraushing, wenn der Mann nicht daheim war, das Zeichen, daß sie zu ihr kommen könnten. Auch Stephanie hatte ähnliche Intrigen zu Mannheim.
Nachdem das Frühjahr herangekommen war, machte ich häufige Ausflüge nach Heidelberg, wo ich ganze Tage in dem Schloßgarten und dessen Umgebungen zubrachte, auch den Wolfsbrunnen, den Königsstuhl, den Heiligenberg, Stift Neuburg, den Riesenstein und so weiter besuchte. Das burschikose Studentenwesen und der Pedantismus der Herren Gelehrten und Professoren machten den Aufenthalt in dieser Stadt den Fremden unangenehm, deren sich sonst weit mehr hier niederlassen würden. Öfters ging ich auch auf ein paar Tage nach Worms, wo ich bei Freund Eikmeier, der daselbst eine Besitzung hatte, wohnte, und von da nach Niedesheim spazierte, wo einst mein Oheim Scholze residierte. Von Worms machte ich ein paarmal einen Abstecher nach Mainz, wo ich mich heimlich in dem Quartier, das ich zuletzt bewohnte, bei der Witwe Kronebach an der Ecke der großen Bleiche aufhielt, was dennoch die Polizei ausspürte, aber so klug war, zu ignorieren.
Da ich einsah, daß mein Aufenthalt in Mannheim nicht von langer Dauer sein konnte, indem C... sich nicht in sehr glänzenden Verhältnissen befand, so wandte ich mein Augenmerk nach Stuttgart, um so mehr, da ich auch in Mannheim keinen Verleger für mein großes historisches Werk hatte finden können, wozu C... wohl den Willen, aber nicht die Mittel hatte, und an dessen Herausgabe ich jetzt ernstlich dachte. Ich machte deshalb im Juni eine Reise nach Stuttgart, und daselbst die Bekanntschaft des Herrn von Cotta und des erst kürzlich daselbst etablierten Buchhändlers Frankh. Ersterem trug ich mein Werk, das schon ziemlich weit gediehen war, an, und er war geneigt, auf dessen Verlag einzugehen, verschob jedoch einen definitiven Abschluß auf später, da er in demselben Augenblick mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt war und auch mehrere Reisen vorhatte. Frankh war noch nicht in den Verhältnissen, auf ein solches Unternehmen eingehen zu können, ersuchte mich aber, die Memoiren der Miß Henriette Wilson für ihn zu übersetzen, was ich auch übernahm. In Stuttgart und besonders in dessen Umgebung hatte es mir sehr gefallen, namentlich auch in Ludwigsburg. Auf der kleinen Insel zu Monrepos begegneten mir an der Kapelle daselbst zwei Damen, von denen die jüngere, die kaum fünfzehn Jahre zählen mochte, einen hohen Anstand und unendliche Anmut verriet, einen herrlichen Wuchs hatte und einen Elfentritt zu haben schien, dabei das schönste lieblichste Gesichtchen, das man sich denken kann. Die ältere, eine Frau bei Jahren, die ich für die Mutter hielt, zeigte ebenfalls durch ihre Haltung und Manieren, daß sie einem Stande angehören müsse, der sich gewöhnlich durch die feinste Bildung, eine edle Unbefangenheit und ungezwungenes Wesen verrät. Ehrerbietig grüßend ging ich an den Damen vorüber, die mir artig dankten, und in die Einsiedelei. Als ich von derselben zurückkam, saßen beide auf einer Ruhebank am Weg. Gar zu gern hätte ich sie angesprochen, wagte es indessen nicht, da mich eine, mir nicht zu erklärende Scheu zurückhielt. Ich bemerkte jedoch, daß mir die Jüngere lange mit unverwandten Augen nachgesehen, und als ich im Gebüsch verschwand, hörte ich sie einige mir unverständliche Worte zu ihrer Begleiterin sprechen. In meinen Kahn gestiegen, der mich wieder an das Schlößchen Monrepos bringen sollte, fragte ich den Schiffer, ob er nicht wisse, wer die beiden Damen seien, die sich jetzt auf der Insel befänden. Er wußte es aber nicht zu sagen, da er sie nicht gesehen, auch keine übergefahren haben wollte.
Den Rest des ganzen Tages brachte ich fast ganz in dem Park zu Ludwigsburg zu, auf einer Ruhebank unter der Emmrichsburg sitzend und fortwährend über die zu Monrepos gehabte Erscheinung nachsinnend. Ich fuhr endlich den Abend nach Stuttgart zurück, wo ich dem Grafen Lusi, dem Sohne des Gesandten Lusi zu Potsdam, der damals königlich preußischer Geschäftsträger am württembergischen Hof war, und dem ich einen Besuch gemacht hatte, davon erzählte, der mir aber ebensowenig Auskunft geben konnte, wer die Damen wohl gewesen sein mochten. Zwei Tage darauf reiste ich über Pforzheim und Karlsruhe nach Mannheim zurück, immer noch das Bild der schönen Unbekannten von der Insel im Gedächtnis habend, und obgleich ich in Mannheim nicht weniger als einem halben Dutzend Schönen den Hof machte, so hinderte mich dies doch nicht, von Zeit zu Zeit voll Sehnsucht an die Unbekannte auf der Insel zu denken. Im Juli reiste ich nach Baden-Baden, um daselbst einen Teil der Sommersaison zuzubringen. Bevor ich dahin abging, hatte ich mit C... eine Martingale für das Roulettespiel berechnet, durch welche man einen Taler oder Napoleon, gleichviel nachdem man setzte, bei jedem Coup gewinnen mußte, solange man nicht gesprengt wurde. Das Verhältnis war eins, drei, sieben, fünfzehn, sechsunddreißig, achtzig und zweihundert, wobei vom dritten Coup an die Zeros jedesmal verhältnismäßig gedeckt werden mußten. Wir hielten beide die Sache für unfehlbar und glaubten, daß man nicht öfter gesprengt werden könne, als bis man das Doppelte gewonnen. Ich reiste mit ungefähr hundertfünfzig Napoleons ab, alles, was ich noch hatte zusammenscharren können, in der Hoffnung, mit wenigstens fünfzigtausend Gulden zurückzukommen. In Baden angelangt, stieg ich in der ‚Goldnen Sonne‘ ab und nahm mir kaum die Zeit, mich umzukleiden, um in den Spielsaal zu eilen und meine Operationen zu beginnen. Im Anfang ging die Sache auch vortrefflich. Ich begann mit kleinen Talern und zog für jeden Coup, oft nachdem vier bis sechs verloren waren, meinen kleinen Taler. Nun setzte ich Brabänter und endlich Dukaten. Bereits hatte ich deren schon über vierzig gewonnen, als ich das erstemal mit zweihundert gesprengt wurde. Ich begann nun mit dem wenigen Geld, das mir noch übrig blieb, wieder mit kleinen Talern zu spielen, ward aber bald wieder gesprengt und verlor endlich, Vierziger setzend, noch den Rest meines Geldes bis auf ein paar Gulden. So war ich denn auf einmal von allen meinen Himmeln herabgefallen, verließ die Spielsäle mit gewaltig hängenden Flügeln, um in den Anlagen frische Luft zu schöpfen. Auf einer etwas abgelegenen Bank wurde mir erst das Schreckliche meiner ganzen Lage recht klar. Nicht mehr so viel Geld in der Tasche, daß ich an eine Rückreise hätte denken können, auch dem Wirt schon eine Zeche schuldig, wo ich mir zwei Zimmer auf einen Monat gemietet hatte, war es mir doch nicht so ganz einerlei, und ich wußte nicht, wie ich mich noch aus dieser Klemme ziehen würde. An meine Eltern konnte ich, deren pekuniäre Lage kennend, unmöglich mehr Ansprüche machen. Ich schrieb an C..., von dem ich aber die trostlose Antwort erhielt, daß er sich selbst in der hochnotpeinlichsten Geldverlegenheit befinde. Einstweilen machte ich mich mit dem Grauen des Tages an die Übersetzungen für Frankh, so daß ich binnen acht Tagen eine sehr bedeutende Partie Manuskript nach Stuttgart abzuschicken imstande war, mit der ich zugleich bat, eine Anweisung von ein paar hundert Gulden von mir honorieren zu wollen, was Frankh auch tat, und so war ich wenigstens aus der dringendsten Verlegenheit. Aber während der acht bis zehn Tage, wo ich fast gar keinen Heller Geld mehr in der Tasche hatte, war es mir denn doch manchmal nicht ganz wohl. Nun ging ich wieder in die Spielsäle, aber jetzt nur mit äußerster Vorsicht spielend, und gewann wirklich ein paar hundert Taler, mit denen ich mich freudig wegbegab. Noch ein paarmal war mir das Glück so günstig, daß ich bald über tausend Gulden hatte, und nun nie mehr als ein paar Dukaten wagte. Herr von Cotta, der sich auch in Baden eingefunden, wo er ein eigenes Hotel besaß, trug mir auf, einige Artikel ins Morgenblatt über die hiesige Saison zu schreiben. Da ich in denselben den Spielpächter Chabert, der damals die dortige Spielhölle in Pacht hatte, und noch einige andere Dinge ein wenig stark mitnahm, so gab dies in der Badewelt zu Baden gewaltigen Rumor. Man glaubte, Robert, der als Korrespondent des Morgenblattes bekannt war, habe die Artikel geschrieben, und wollte diesem deshalb zu Leibe; nur mit genauer Not entging er einer Prügelei. Was die Saison sehr glänzend machte, war der Aufenthalt des Königs Maximilian von Bayern und seines Hofes. Es gab Feste über Feste, Partien in das herrliche Murgtal, Beleuchtung des alten Schlosses, Bälle, bei denen bayrische Prinzessinnen die Hauptrolle spielten, und so weiter. Dritthalb Monate hatte ich in Baden, die ersten vierzehn Tage abgerechnet, wo ich mich in Finanznöten befand, recht vergnügt zugebracht, und reiste von hier nach Frankfurt, wo ich einige Tage bei den Meinigen verweilte, über Mainz und Worms nach Mannheim zurück, wo ich C... mit seiner Familie in großer Traurigkeit fand und mir derselbe erklärte, daß seine Position in Mannheim nicht mehr lange haltbar sei. Unter solchen Umständen fand ich es für passend, da er ohnehin eine sehr starke Familie, sechs Kinder, hatte, eine andere Wohnung zu beziehen. Ich mietete nun bei der Schauspielerin Rüppel ein, einer Schwester der berühmten Lindner, wo ich auch den Tisch und eine recht unterhaltende Tischgesellschaft hatte, unter der ein Dragoneroffizier, Herr von Schweizer, und ein junger Artaria war. Einen Hauptgegenstand der Unterhaltung bildete das Theater und dessen Direktion, die damals ein Graf Luxemburg leitete, der eine Mätresse Napoleons geheiratet, die einen Sohn, Graf Leo genannt, der in Heidelberg studierte, von diesem hatte.