Indessen ließ es mich nicht mehr lange in Mannheim weilen. Hier hatte ich, wie gesagt, keine Hoffnung, endlich mein großes historisches Werk, an dem ich, so oft ich Muße hatte, arbeitete, an das Tageslicht treten zu sehen. Stuttgart, wohin mich die daselbst durch die Einsicht des sehr rechtlichen und vernünftigen Königs sehr freie Presse, und noch ein gewisses Etwas, das ich mir selbst nicht zu erklären vermochte, zog, war der Ort, den ich am passendsten für meinen Zweck hielt. C... hatte mir beim Abschied gesagt, daß er mir bald nachfolgen würde, indem für ihn in Mannheim nichts mehr zu tun sei.

Es ist unglaublich, mit welchen unbedeutenden Dingen man so eine deutsche Residenzstadt wenn nicht in Aufruhr, so doch in Bewegung setzen kann. Ich trug damals einen hier noch nicht gesehenen sogenannten Carbonarimantel, schwarz, mit rotem Samt ausgeschlagen, und goldenen Quasten, den ich mir kurz vorher in Paris hatte machen lassen. Dieses Kleidungsstück, unter dem ich gewöhnlich einen polnischen Rock trug, machte, daß sich die ganze Stadt von meiner werten Person unterhielt und die albernsten Märchen über dieselbe erfand. Bald sollte ich der natürliche Sohn, ich weiß nicht, welches großen Herrn, bald gar ein englischer Reiter, wahrscheinlich, weil ich viel ritt, und die Götter mögen wissen, was alles, sein. Ritt oder ging ich an einem Haus vorüber, husch, waren Gesichter an allen Fenstern, das fremdartige Wundertier zu begaffen, und dies dauerte eine geraume Zeit, bis man endlich dahinter kam, wer ich denn eigentlich sei, nämlich ein literarischer Vagabund, gebürtig aus Frankfurt am Main, den man in Mainz wegen demagogischer Umtriebe, so hieß es, ausgewiesen, und so weiter. Ich hatte mir schon viel von den guten Schwaben erzählen lassen, aber so arg es mir denn doch nicht gedacht. Die Stuttgarter Kleinstädterei übertraf fast noch die meiner Vaterstadt, und wahrhaftig, das will viel sagen.

Herrn von Cotta hatte ich wieder aufgesucht und ihm von dem Verlag meines historischen Werkes gesprochen. Er war noch immer ganz dafür, machte aber fortwährend Geschäftsreisen, bald nach Paris, London, Berlin, und schob die Sache hinaus. Die Metzlersche Buchhandlung lehnte den Verlag ab, nur Frankh zeigte sich sofort zur Unternehmung desselben bereit, schien mir aber nicht zuverlässig genug, nahm auch zu große Vorteile für sich in Anspruch. Ich hatte nach Beendigung der Übersetzung der Memoiren der Miß Wilson, die der Denkschriften Riccis für Frankh übernommen, die in französischer Sprache, mit sehr vielen langen Anmerkungen und Dokumenten in der italienischen, herausgekommen waren. Frankh, der jetzt schon, nachdem ihm einige Verlagsartikel geglückt waren, die Rolle eines Cotta spielen zu wollen anfing, der er bei seinen sehr beschränkten Geistesfähigkeiten so wenig gewachsen war, so daß ich ihn mit dem sich zum Ochsen aufblasen wollenden Frosch der Fabel verglich, und vornehm gelehrt tat, wünschte, daß ich die gedruckten Korrekturbogen der Übersetzung mit ihm durchgehen möchte. Er empfing mich mit einem bunten großbeblümten Schlafrock, aus einer langen türkischen Pfeife rauchend, und wir lasen zusammen, oft in Gegenwart eines anderen Schriftstellers, unter anderen auch Hauffs, den ich häufig bei ihm traf, da er ebenfalls die Korrekturen seiner Werke, die er bei ihm verlegte, mit ihm las. Frankh, um sich ein gelehrtes Ansehen zu geben, hatte sich angewöhnt, von Zeit zu Zeit mechanisch zu sagen: „Meinen Sie nicht, daß man dies doch anders hätte geben können?“ „Ich glaube nicht,“ war meine Antwort. Das Komischste dabei war, daß er fast kein Wort Französisch verstand, aber doch behauptete, obgleich ihm das Sprechen nicht geläufig sei, französische Werke mit derselben Leichtigkeit wie deutsche zu lesen. Da ich nun von dem Gegenteil längst überzeugt war, so sagte ich eines Tages zu Hauff, als Frankh einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte: „Geben Sie acht, jetzt will ich einmal unsern Herrn Verleger tüchtig aufs Eis führen.“ Als Frankh nun wieder seine stereotype Phrase: „Meinen Sie nicht, daß man dies anders hätte geben können?“ anbrachte, reichte ich ihm das Original hin, auf eine ganz andere Stelle deutend, als die, von der gerade die Rede war, und sagte ihm: „Da sehen Sie selbst, wie wäre dies anders zu geben gewesen.“ Frankh murmelte ein paar unverständliche Worte in den Bart, gab mir das Buch zurück und sagte: „Nein, Sie haben recht, man kann es nicht wohl anders geben.“ Jetzt konnte sich Hauff, der wußte, daß die fragliche Stelle auf einer ganz anderen Seite stand, kaum mehr des Lachens enthalten, und ebenso erging es auch mir. Frankh fragte, was wir hätten, ohne jedoch den Streich noch zu ahnen, den ich ihm gespielt. Er erfuhr es aber bald darauf durch die dritte Hand, da Hauff den Vorfall seinen Bekannten mitgeteilt hatte. Wir waren nun brouilliert, und ich sandte ihm Riccis Werk, von dem ich erst den ersten Band übersetzt hatte, zurück. Ich gab jetzt einstweilen ein belletristisches Blatt in Stuttgart heraus, welches manche der dortigen Zustände, namentlich auch die Vorurteile des Erbadels etwas stark mitnahm, sowie die Vorstellungen der dortigen Bühne kritisierte, die damals, Oper wie Schauspiel, ganz vorzüglich besetzt war. Nicht sehr lange nach meiner Ankunft in Stuttgart glaubte ich eines Abends in einer Loge im ersten Rang zu meiner größten Verwunderung die junge schöne Dame zu erkennen, die ich auf der Insel zu Monrepos den vergangenen Sommer zuerst gesehen und die einen so großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Um Gewißheit zu erlangen, daß es dieselbe sei, verfügte ich mich in eine Loge, die so nahe, als ich sie haben konnte, bei der war, in welcher sich meine Unbekannte befand. Auch sie hatte mich gleich bei meinem Eintritt in die Loge wieder erkannt, wie ich deutlich aus der zusammenschaudernden Bewegung wahrnehmen konnte, die sie machte, als sie mich erblickte. Ich begab mich aber bald darauf wieder ins Parterre, nachdem ich zu meinem Mißvergnügen den Rang erfahren, den die Dame einnahm, und der mich an keine Annäherung derselben denken ließ, denn ich war ja nicht mehr in Italien oder Frankreich, sondern in Deutschland, und zwar in Schwaben. Doch hatte sich das schöne Bild von neuem mir eingeprägt und wich nicht von meinen Augen, trotzdem ich mich mit mehreren anderen weiblichen Wesen recht sinnlich zu zerstreuen suchte. Den dritten Tag nach jenem Theaterabend kam eines Vormittags ein schon etwas ältliches wohlgekleidetes Frauenzimmer zu mir, welches, nachdem es fast verlegen allerlei Umschweife gemacht, damit herausrückte, daß sie mir geheimnisvoll mitteilte, sie komme im Auftrag einer Dame, die mir unendlich wohlwolle und mich zu sprechen wünsche. Sie rückte nun immer mehr mit der Sprache heraus, nannte mir endlich die Dame, nachdem ich ihr zuerst auf das feierlichste die tiefste Verschwiegenheit und Diskretion hatte versprechen müssen, und bestellte mich auf den nächsten Nachmittag gegen vier Uhr in den Park zu Ludwigsburg, wo ich sie wieder sprechen und das Weitere von ihr hören würde. Lange glaubte ich zu träumen. Nachdem sie wieder weg war, war ich nicht imstande, fortzuarbeiten und konnte die kommende Nacht fast kein Auge schließen, so sehr beschäftigte mich die Sache. Den andern Tag ritt ich gleich nach Tisch nach Ludwigsburg, begab mich, mein Pferd im ‚Waldhorn‘ lassend, in den Park, den nicht mehr sehr jugendlichen Postillon d’amour erwartend. Er fand sich noch vor der bestimmten Zeit an dem bezeichneten Platz ein und ich folgte nun meiner vorangehenden Führerin, die mich endlich an einen sehr entlegenen Ort des Parkes führte und mir eröffnete, daß ich mich noch diesen Abend nach Mitternacht wieder daselbst einzufinden hätte, wo sie mich dann an einen Ort führen wolle, wo ich Glücklichster der Sterblichen, wie sie meinte, die seligsten Stunden meines Lebens zubringen würde. Versprechend, daß ich nicht verfehlen würde, mich einzustellen, entfernte ich mich, dankend Abschied nehmend, und ritt nach Stuttgart zurück. Als zehn Uhr vorüber und in meinem Haus schon jedermann in den Federn war, schlich ich mich leise die kleine, zu meinem Zimmer führende Hintertreppe hinab in den Stall, sattelte mein Pferd selbst, führte es hinaus und trabte, ohne mich aufzuhalten, nach Ludwigsburg. Daselbst angekommen, band ich das Pferd an einen Baum und eilte an den Ort, wo ich die Führerin treffen sollte. Kaum hatte die Turmuhr Mitternacht verkündet, so erschien sie auch und führte mich an einen besonders abgeschlossenen Raum des Parkes, dessen Türe nur angelehnt war, zu einem kleinen Häuschen, in welchem eine weißgekleidete, in einen großen Schal gehüllte Nymphengestalt auf einer Bank saß. Es war die junge Dame der Insel, die, als ich eintrat, aufsprang und die, in meinen Armen liegend, mich glühend umfing. Zwei Uhr nach Mitternacht war vorüber, als ich mich wieder auf dem Heimweg nach Stuttgart befand, wo ich mein Pferd ebenso unbemerkt wieder in den Stall führte, absattelte und mich dann ebenso in meine Wohnung schlich. Niemand hatte diese Abwesenheit wahrgenommen. Nach Übereinkommen wiederholte ich den folgenden Abend denselben Besuch ganz auf dieselbe Weise und ebenso unbemerkt, und hatte so eine Reihe von seligen, glücklichen Nächten, mich immer mit einem: „Auf morgen mehr!“ verabschiedend. Doch auch dies sollte mit der Zeit ein Ende nehmen. Man hatte mir zwar eine Entführung nach Frankreich und England öfters und sehr dringend vorgeschlagen, aber das höchst Gefährliche des Unternehmens und den Weltskandal, welchen ein solches Ereignis notwendig hätte machen müssen, abgerechnet, so sah ich auch ein, daß eine Ehe unter solchen Verhältnissen später, wenn sich erst die Übersättigung eingestellt haben würde, nimmermehr eine glückliche hätte sein können. Ich wohnte später den glänzenden Hochzeitsfeierlichkeiten meiner Geliebten bei, der ich selbst zu der für sie sonst ganz passenden Vermählung recht sehr geraten hatte.

Das Ballett war damals in Stuttgart auf einem so hohen Glanzpunkt, daß es mit dem der großen Opern zu Paris hätte rivalisieren können. Die Familie Taglioni war dabei angestellt, und die junge Taglioni, gerade im Aufblühen begriffen, doch schon eine vollendete Künstlerin, schien auf der Bühne eine wahrhaft ätherische Gestalt. Der Abend eines Rajah, Joko, Aglaë, Zemire und Azor und so weiter waren Ballette, wie ich sie nicht schöner und glänzender auf einer anderen Bühne gesehen hatte. Taglioni Vater wußte sie sehr geschmackvoll in Szene zu setzen, und die eigens dazu vom Kapellmeister Lindpaintner komponierte treffliche Musik verlieh ihnen noch einen eigenen Reiz. Auch Opern dieses ausgezeichneten Komponisten, namentlich sein ‚Vampyr‘ und so weiter waren herrliche, sehr genußreiche Darstellungen. Frankh hatte damals ein Wochenblatt unter dem Titel ‚Die Stadtpost‘ unternommen, zu dessen Redakteur er einen verunglückten Studenten, den Sohn des Rektors Z..., engagiert hatte. Dieses Blatt enthielt fast nur die allergemeinsten Stadtklatschereien, war in dem Stil der Hökerweiber geschrieben und unterfing sich sogar, die Leistungen der Künstler der Stuttgarter Bühne in Afterkritiken beurteilen zu wollen, die natürlich nicht anders als höchst burlesk ausfallen konnten und von der krassesten Ignoranz zeigten. Ich hatte eines Tages auf einem Maskenball im Redoutensaal einen unbedeutenden Wortwechsel mit einem Schauspieler D... Nun kam der Redakteur der ‚Stadtpost‘ auf den unglücklichen Einfall, die Sache ganz entstellt in sein Blatt zu bringen und dazu noch einige andere, mich betreffende Klatschereien, die auf Wachtstuben oder in Kneipen erfunden worden, aufzunehmen. Ich nahm mir die Mühe nicht, diese Albernheiten zu widerlegen, sondern das Getriebe des Redakteurs in einigen Artikeln zu beleuchten, namentlich auch die seinsollenden Theaterkritiken dieses Blattes, und schloß mit den Worten: „Eines Morgens werden wir hören, daß der Redakteur der ‚Stadtpost‘ sein Bündel geschnürt habe und, den Wanderstab in der Hand, zum Tor hinausmarschiert ist.“ Ich hatte gut prophezeit; schon den nächsten Tag hatte Frankh dem unglücklichen Redakteur die Redaktion des Blattes abgenommen, und zwei Tage darauf war derselbe, mit dem Ränzchen auf dem Rücken, auf dem Wege nach Augsburg. – Ein komischer Vorfall gab den guten Stuttgartern abermals Stoff zu mehrwöchentlicher Unterhaltung. Ich hatte nämlich ein Reitpferd, das anfing, auf den Vorderfüßen etwas schwach zu werden, an einen Juden namens W... gegen Battist zu Hemden vertauscht und noch eine Summe daraufbezahlt. Als der Handel geschlossen war, nahm der Jude das Pferd aus dem Stall und setzte sich darauf, um heimzureiten. Auf dem Charlottenplatz angekommen, wo ich an einem gewissen Haus das Pferd fast immer einige Kapriolen hatte machen und traversieren lassen, war dasselbe dies so gewöhnt, daß es, ohne dazu angefeuert zu werden, allerlei Sprünge machte, und da der Jude nicht reiten konnte, so hielt er sich an den Zügeln und klemmte sich mit den Beinen fest, so daß das Tier nun noch weit größere Sätze machte, endlich seinen ungeschickten Reiter abwarf und in gestrecktem Galopp wieder in seinen alten Stall rannte. Der Jude kam hinterdrein gehinkt, behauptete, der Handel sei nicht gültig, das Tier könne niemand reiten, er müsse sich im Innern des Leibes einen Schaden getan haben, und ich müsse ihm wenigstens noch ein Schmerzensgeld von einigen Dukaten nachzahlen. Lachend erwiderte ich, daß ich ihm mit dem Pferd nicht auch die Kunst des Reitens verkauft habe, mich habe es noch nie abgeworfen. Er drohte, mich verklagen zu wollen, worauf ich ihm sagte, daß ich dies nicht hindern könne, und lächelnd hinzufügte, daß ich ihm noch zwei Dukaten zahlen würde, wenn er sie durch seine Tochter, eine ausgezeichnete orientalische Schönheit, abholen lassen wolle. „Ä Mann, ä Wort,“ rief der Jude vergnügt aus, „ich schicke se Ihne morge früh.“ Ich war es zufrieden, und W... holte abermals das Roß aus dem Stall, führte es aber diesmal hübsch am Zaum, statt sich daraufzusetzen, und hinkte mit ihm fort. Den anderen Morgen kam das schöne Rebekkchen wirklich auf mein Zimmer, um die zwei Dukaten in Empfang zu nehmen, aber – in Begleitung ihrer Mutter, die ich indessen unter dem Vorwand, mir doch Zeug zu Beinkleidern holen zu wollen, zu entfernen suchte, wozu sie in der Hoffnung eines nochmaligen kleinen Gewinstes sich auch gleich bereitwillig fand. Unterdessen mußte mir Rebekkchen für jeden Dukaten wenigstens ein Dutzend Küsse geben und noch obendrein einen Empfangschein schreiben, wogegen ich ihre Küsse ebenfalls schriftlich und mündlich quittierte, und der nach einer guten Viertelstunde zurückkehrenden Mama wirklich ein Paar Hosen, und zwar ohne zu handeln, abkaufte. Beide verließen mich, indem die Mutter sagte: „Es ist doch ein generöser Herr,“ und die Tochter: „Ja, er hat mer auch noch än Quittung geschrieben.“ Das einfältige Mädchen zeigte sie sogar ihren Bekannten und wurde natürlich ausgelacht. Auch diese Geschichte kam mit allen möglichen Zusätzen unter das nach Neuigkeiten begierige Publikum.

Mein Hauswirt, Herr Sch..., besuchte mich regelmäßig jeden Morgen und blieb oft ein bis zwei Stunden bei mir, mich mit allerlei Stadt- und politischen Neuigkeiten unterhaltend, was mir, besonders später, als ich von meinen nächtlichen Ritten sehr ermüdet war, lästig genug wurde. Eines Tages teilte ich ihm gesprächsweise mit, daß ich schon längst an einem historischen Werk arbeite, wozu ich bis jetzt noch keinen Verleger hätte finden können; Herr von Cotta sei zwar entschlossen, schiebe aber die Sache solange hinaus; Frankh wolle es auch herausgeben, aber mit diesem könne ich mich nicht vereinigen, er sei mir zu unzuverlässig, und Herr Ehrhardt, der Inhaber der Metzlerschen Buchhandlung, habe es ganz abgelehnt; ich wolle daher einen Versuch in München machen. „Aber können Sie es denn nicht selbst herausgeben?“ fragte mich jetzt Sch... „Nicht wohl, denn erstens bin ich kein Buchhändler, und dann, wenn ich mir auch wohl den Selbstverlag und die Expedition zutraute, so habe ich die Mittel nicht dazu.“ „Bedarf es denn so viel Geld?“ „Immer eine Summe von vier- bis fünftausend Gulden, um es in Gang zu bringen.“ „Nun, das wäre ja die Welt noch nicht und das Geld wohl noch aufzutreiben; und Sie glauben, daß damit etwas zu verdienen wäre?“ „Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht wenigstens einige tausend Gulden dabei herauskämen.“ „Nun, wissen Sie was, wir wollen es zusammen anfangen, ich schieße das Geld vor.“ „Sie scherzen.“ „Nein, in allem Ernst.“ Sch... verließ mich nun und kam ein paar Minuten darauf mit einem Sack Geld wieder zurück, indem er sagte: „Hier sind einstweilen fünfhundert Gulden, fangen Sie an.“ Ich lachte und widerte: „Wohlan, wenn es Ihnen ernst ist, so sehen wir uns vor allem nach einem guten Drucker um.“ Ich schlug den alten Wolters vor, der meine Zeitschrift druckte, mit dem ich auch noch den nämlichen Tag die Bedingungen abmachte. Ich ließ nun sogleich den Druck des Werkes beginnen und beeilte ihn, damit so bald als möglich die erste Lieferung verschickt werden konnte, schrieb auch eine sehr einladende Anzeige dazu, die ich in einigen vierzig Zeitschriften abdrucken ließ. Nachdem zwei bis drei Lieferungen erschienen waren, zeigte sich schon der Erfolg, der über alle Erwartung war. Die Bestellungen kamen in solcher Menge, daß schon bei der vierten Lieferung eine zweite Auflage der drei ersten, die auch zweitausend stark war, gemacht werden mußte, und ich ließ nun viertausend drucken. Aber in weniger als sechs Monaten reichte auch diese nicht mehr hin. Es mußte eine dritte Auflage veranstaltet werden, und nun wurden sechstausend aufgelegt, die in wenig Monaten auf das Doppelte erhöht werden mußten, so daß das ganze Werk einen ganz ungewöhnlichen Ertrag versprach und auch wirklich abwarf. Als dasselbe einen so ungeheuren Erfolg hatte, gab sich Frankh alle mögliche, aber, wie man wohl denken kann, vergebliche Mühe, es an sich zu bringen. Später zog ich mich mit einer Aversionalsumme von vierzigtausend Gulden, das Unternehmen hatte weit über hunderttausend Gulden eingetragen, von dem Geschäft zurück.

Da ich eigentlich noch nirgends Bürger war, denn in Frankfurt ist man als Sohn eines Bürgers noch nicht Bürger, sondern wird es erst, nachdem man sich förmlich dazu gemeldet, unzählige, zum Teil sehr lächerliche, aber auch sehr kostspielige Formalitäten erfüllt hat, und doch eine Heimat als Bürger haben mußte, wie mir bei mehreren Vorfällen in Stuttgart und anderswo klar geworden, so kam ich nun in Frankfurt, wie es die dortigen Gesetze wollen, bei dem hohen Senat vermittels eines Sachwalters um das Bürgerrecht daselbst ein. Aber sollte man es wohl glauben, die Dummheit dieser Väter des Vaterlandes ging so weit, daß es mir rund abgeschlagen wurde. Man hatte in der Senatssitzung, in welcher die Sache vorkam, geäußert: „Ich sei ein zu gefährlicher Mensch!“ Als ich aber dennoch auf meiner Annahme beharrte, auch all die erbärmliche, lächerliche und kostspielige Umstandskrämerei, bei der es hauptsächlich auf Prellereien abgesehen ist, endlich geordnet und ich hierauf in Frankfurt erschienen war, begab ich mich an dem festgesetzten Tag, zur bestimmten Zeit, elf Uhr vormittags, zur Eidesleistung auf den Römer. Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Ankunft des Bürgermeisters warten. Endlich ungeduldig, fragte ich nach demselben, worauf man mir erwiderte, daß der Herr Bürgermeister im Begriff sei, ein paar fremden Herren den Kaisersaal und andere Merkwürdigkeiten des Römers zu zeigen. Da riß mir der Faden der Geduld und ich sagte zu einer der Ordonnanzen: „Gehen Sie und sagen Sie dem Herrn Bürgermeister, daß ich schon über eine halbe Stunde auf ihn warte, um den Eid zu leisten, und wenn er nicht gleich komme, ich unbeeidigt wieder weggehe. Die Bürgermeister werden nicht dafür bezahlt, um den Lohnlakai zu machen, und die Bürger, die sie bezahlen, so ungebührlich warten zu lassen.“ Das letztere hatte zwar die Ordonnanz nicht ausrichten sollen, tat es aber dennoch ungeheißen. Wenige Minuten darauf trat der Bürgermeister, mit einem Gesicht so rot wie der Kamm eines Hahnes, in das Kanzleizimmer und redete mich zornentbrannt mit den Worten an: „Wissen Sie, daß ich Sie kann arretieren lassen?“ „Wenn Sie das Recht dazu zu haben glauben, so probieren Sie es, Herr Bürgermeister!“ „Den Eid!“ rief nun die bürgermeisterliche Herrlichkeit wutentbrannt, stotterte mir denselben vor, ich sprach ihn ruhig nach und empfahl mich dann. So war ich nun mit allem Fug und Recht ein Frankforter Borjer, also eine sehr respektable, und wie die Frankfurter glauben, auch höchst wichtige Person geworden. „Ja, wenn ich nur was davon hätt’!“ sagt, glaub’ ich, Staberl. Ich eilte jetzt nach Stuttgart zurück, wohin mich meine literarischen und andere Beschäftigungen riefen, und blieb bis zur Beendigung meines historischen Werkes (1830) daselbst.

Ende.

Nachwort.

Das Buch, das hier, um Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkürzt, seit ungefähr 65 Jahren zum ersten Male wieder erscheint, hat wie der Verfasser mehrere Uniformen getragen. Unter dem Titel „Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten“ erschien es Ende der vierziger Jahre bei Osiander in Tübingen, im Jahre 1853 gefolgt von einem sehr interessanten Schlußband „Noch fünfzehn Jahre aus dem Leben eines Toten“, der in einiger Zeit auch unsre Neuausgabe ergänzen soll. Unter dieser Marke war es ein Lieblingsbuch der jungen Frankfurter, wie mir seit dem Erscheinen des Werks von manchen berichtet wurde, die heute recht alte Frankfurter sind. Aber der Titel scheint dem Absatzbedürfnis des Herrn Friedrich – dieser sein wahrer Name wurde durch eine Stelle des Buches selbst bekannt, wo er ihn aus Flüchtigkeit einmal gebraucht – nicht genügt zu haben. Fedor von Zobeltitz hat in seiner Bibliothek das verschollene Buch wieder aufgestöbert, aber unter dem verlockenden Titel „Casanovas Nachfolger oder Abenteuer, Liebschaften und Erlebnisse eines galanten Offiziers“, der eine gute Spekulation in der Zeit war, wo Casanovas Memoiren zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen und verschlungen wurden. Zu allemhin erschien das Buch in Paris, im Verlag von Heideloff und Campe. Noch zweimal rasch hintereinander erschienen die „Vierzig Jahre“, einmal unter diesem ursprünglichen Titel, aber mit dem Pseudonym C. Strahlheim, das anderemal aufs neue in dem Pariser Verlag, aber als „Neuer Casanova“. Dann wird es still um Verfasser und Buch, sie verstauben in Familienbücherschränken, kaum die Bibliographen kennen den nun wirklich Toten.

Das Meiste, wenn auch es nur wenig ist, was über Friedrichs Lebensgang bekannt ist, steht in Andreas Gottfried Schmidts „Galerie deutscher pseudonymer Schriftsteller vorzüglich des letzten Jahrzehnts“ (Grimma 1840), also vor der Drucklegung unsres Werks erschienen, was dokumentarisch wichtig ist, da Schmidt den Gang der Handlung in den „Vierzig Jahren“ bestätigt. Dort wird gesagt, C. Strahlheim heiße C. Friederich, privatisierend in Rödelheim bei Frankfurt, geboren in Frankfurt 1790 von angesehenen Kaufmannseltern, wollte Schauspieler werden, durfte es aber nicht, trat in französischen Militärdienst, machte die Feldzüge in Italien und Spanien bis zur Abdankung Napoleons mit, wurde hierauf preußischer Offizier, nahm den Abschied und widmete sich literarischen Arbeiten; er begründete in Offenbach eine satirische Zeitschrift, die aber nach zwei Jahren einer beigegebenen politischen Karikatur halber verboten wurde, und lebte dann abwechselnd in Mainz, Köln, Aachen und Mannheim. 1825 war er in Stuttgart, um dort seine „Geschichte unserer Zeit“ herauszugeben; 1830 finden wir ihn wieder in Frankfurt. Schmidt führt zugleich eine Anzahl seiner Schriften an, meist kompilatorische Arbeiten, eine „Universal-Chronik der Zeit“, eine „Allgemeine Weltgeschichte“, die schon erwähnte „Geschichte unserer Zeit oder Übersicht der merkwürdigsten Ereignisse von 1789 bis 1830“, die in 120 Heften erschien und von Ernst Freymund (dem Bibliothekar A. Fr. Gfrörer in Stuttgart) fortgesetzt wurde; schließlich machte Friedrich den Versuch eines Konversations-Lexikons: „General-Lexikon oder vollständiges Wörterbuch alles menschlichen Wissens“ (Frankfurt 1836 bis 1839), von dem 85 Hefte (A–Bartrania) auf den Markt kamen.