Die angestellte Beobachtung zeigt, dass man Böhmes Einfluss auf die „Genoveva“ nicht überschätzen darf. Am nächsten kommt dem Sachverhalte Tiecks Äußerung bei Förster:[467] „als ich die Genovefa schrieb, habe ich allerdings Jakob Böhme’s Schriften mit großem Interesse gelesen und so ist vielleicht Manches aus ihnen, mir bewußtlos, in mein Stück übergegangen“. Jakob Böhmes Theosophie verwebt Tieck fast nur an jenen Stellen in seine „Genoveva“, wo das Geheimnisvolle in Ton und Inhalt herrschen soll. Das Mysteriöse ist die Sphäre des „Unbekannten“, der ekstatisch verzückten Heldin und von der Hexe wird es zu schlechtem Zwecke missbraucht. Fast nirgends werden aber Böhmes Gedanken genau in ihrem ursprünglichen Sinne und in unvermischter Reinheit übernommen, sondern Tieck sucht jedesmal Alterthümliches und Modernes zu verschmelzen. Es leitete ihn dabei gewiss ein feiner künstlerischer Sinn. Die „Genoveva“ will alte Poesie auffrischen und in neues Gewand kleiden, sie will alterthümlich und modern zugleich sein. Da war denn Tieck nur consequent, wenn er Böhmes Mystik nicht in ihrer echten und ursprünglichen Gestalt seinem Gedichte aufklebte, sondern sie so gut wie möglich mit modernen Anschauungen zu amalgamieren trachtete und sie in moderner Einkleidung vortrug.

Für den Anfang scheint es seltsam, dass die Worte hoher, heiliger „Weisheit“, die der fromme „Unbekannte“ und die heilige Heldin sprechen, auch die böse, betrügerische Hexe sich anmaßen darf. Wenn auch nicht deutlich ausgesprochen, gemeint ist aber jedenfalls, dass die Hexe das Heilige für ihre schnöden Zwecke missbraucht. Diese Auffassung deutet auch Bernhardi in seiner Recension an. Dass in den Hexensprüchen zugleich ein Nachäffen romantischen Kunstschaffens verborgen ist, reimt sich damit ganz gut zusammen.

Für den heutigen Leser ist wohl das meiste von der Jakob Böhme’schen Mystik in der „Genoveva“ ganz unverständlich geworden. Wer kümmert sich heute um diese mystische Philosophie? Tieck dichtete aber zunächst für den engeren Kreis seiner Freunde, denen Jakob Böhme „Bibel“ geworden. Hier kannte man den Schlüssel zu den geheimnisvollen Worten des „Unbekannten“ wie der Hexe. Die Romantiker waren um 1800 fast allesammt Adepten Jakob Böhmes und hätten gerne die mystische frohe Botschaft des Görlitzer Schusters aller Welt verkündet.[468] Tieck erneuert Böhmes Gedanken, soweit er sie seiner Dichtung einverleiben kann, ähnlich, wie er die Poesie der alten Volksbücher auffrischt und damit war allerdings schon ein Anfang mit der Popularisierung des verschollenen Mystikers gemacht. Außer Tieck und Novalis las diesen besonders F. Schlegel eifrig. Auch Ritter, Hülsen, sogar Schelling schlossen sich den Bewunderern an. Was die Romantiker in ihrem ersten Enthusiasmus mit dem „philosophus teutonicus“ vorhatten, sagen neben andern merkwürdigen Orakelsprüchen am besten F. Schlegels Worte, Worte eines Böhmeschwärmers, dem Tiecks Bemühungen noch viel zu geringwertig erschienen. Er schreibt an Schleiermacher:[469] „Fast möchte ich Dir zur Pflicht machen, den Jakob Böhme zu studieren. Es muss noch viel von ihm die Rede (sein), weil in ihm gerade das Christenthum mit 2 Sphären in Berührung steht, wo jetzt der revolutionäre Geist am schönsten wirkt — Physik und Poesie. Ritter hat ihn sehr studiert und will auch über seine Physik schreiben; das ist aber nur eine Seite. Tieck legt sich gewaltig auf ihn und wird ihn hinlänglich tieckisieren; denn in einen andern Geist einzudringen, das ist diesem Menschen nicht gegeben. Also wird Böhme für den Tieck etwas thun, Tieck für den Böhme aber gewiss sehr wenig. Noch ein Grund, warum ich es besonders schicklich finde, den Böhme zu predigen, ist, dass sein Name schon den größten Anstoß bei den Philistern erregt; kein anderer kann mehr polemische Energie haben.“ Dass Tieck seinen Böhme „tieckisiert,“ hat Schlegel richtig getroffen. Dasselbe that Tieck ohnehin auch mit seinen übrigen Vorbildern und er hatte als Dichter sein gutes Recht dazu. Er war aber dabei ein recht eifriger „Verkündiger der Morgenröthe“, persönlich unter seinen Freunden und in seiner Dichtung. Im „Zerbino“ hatte er Böhme in den „Garten der Poesie“ versetzt, in den „Phantasieen“ merkt man schon die Spuren von Böhmes Ideen, im Fastnachtschwanke vom „Neuen Hercules“ („Der Autor“) wird er mit reichstem Lobe bedacht, in „Octavian“ und „Melusine“, in verschiedene kleine Gedichte werden Böhmes Gedanken eingestreut, wie in die „Genoveva“.

Eine Wiedergeburt der Böhme’schen Mystik im größeren Stile erfolgte freilich erst später in Baaders Philosophie.


Ob mit dieser Untersuchung der persönlichen Einflüsse und Anregungen, der Quelle und der literarischen Vorbilder, die in Tiecks „Genoveva“ nachwirkten, das ganze Erdreich genügend bloß gelegt ist, aus dem diese seltsame, vielgerühmte und vielgetadelte romantische Blüte hervorwuchs, wage ich nicht zu behaupten. Briefe und andere Aufzeichnungen können noch einmal neues und volleres Licht über manchen Punkt bringen. Ein ziemlich deutliches Gesammtbild der Bedingungen, welchen dieses romantische Werk sein Dasein verdankt, stellt sich aber immerhin aus der Betrachtung des zugänglichen Materiales her. Das Volksbuch, die altehrwürdige Legende, der Tieck mit tiefer Ehrfurcht naht, gibt den stofflichen Grundstock des ganzen Buches. Die Ehrfurcht vor dem Alten bewog den Romantiker, auch von der Anordnung des Stoffes, wie sie das Volksbuch bietet, nur dann abzugehen, wenn es gewichtige Gründe forderten. Shakespeares „Perikles“ und Maler Müller wiesen auf die dramatische Form, „Perikles“ gab noch insbesondere das Vorbild für die epischen Einlagen, während Calderon das Lyrische und die metrische Gestaltung vielfach beeinflusste. Müller, Shakespeare und Goethe bestimmten dort und da einige Linien eines Charakterbildes. Müller’sche und Shakespeare’sche Stimmungen, welche Tieck besonders verwandt ansprachen, giengen in seine Dichtung über. Müller, Goethe und Shakespeare haben auch ihren Antheil am Aufbau einzelner Scenen wie an der ritterlichen Costümierung. Jakob Böhmes alterthümliche und dunkle Mystik mit ihrer fremdartigen Terminologie half gewisse Scenen auf einen seltsam alterthümlichen und geheimnisvollen Ton stimmen. Aber jeder nach fremdem Vorbilde geführte Pinselstrich verräth doch auch immer Tiecks eigene Hand, die stets in selbständiger Weise das Fremde dem eigenen Zwecke dienstbar macht. Tiecks erwachte Abneigung gegen die saft- und kraftlose Nicolaitische Aufklärungssucht, die Erlanger Eindrücke sowie Wackenroders zart-frommer Sinn und Alterthums-Enthusiasmus, die mächtige religiöse Erregung, die durch Schleiermacher, Novalis und Friedr. Schlegel in den romantischen Kreis getragen wurde, religiöse Stimmungen, welche die Calderon- und Böhme-Lectüre weckte: alles vereinigte sich, um Tiecks Gemüth mit jenen innigen, alterthümlich-religiösen Kunststimmungen zu erfüllen, die das charakteristische, beherrschende Licht über sein romantisches Drama verbreiten und dieses trotz aller Entlehnungen zu einer durchaus selbstständigen Kunstschöpfung machen, wie sie eben nur aus dem romantischen Geiste, der sich vor hundert Jahren in unserer Dichtung entfaltete, erwachsen konnte.


IV.
Charakteristik der „Genoveva“.

1. Das romantische Drama. — Composition.