vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh am blauen Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und fieberig in den Zertrümmerungstrichter giftiger Nächte stürzte, heulend an einer niedrigen Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert.
Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner Luftzug wach. Es waren die funkelnden Augen seines Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer Verwesungsgeruch — wie wunderbar! — strich. Die grauen struppigen Haare des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf) knisterten jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang. Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich geheimnisvoll schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, spreizten und querten sich unter magischem Zeichen.
Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl umklappte), ließ sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tür, noch rasch in einem gebrochenen Deutsch:
„Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestört mit!), zurückgekehrt, zu spazieren durch die grüne Nacht!“ —
— — Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, eine betäubende Mischung von Chloroform, Blüten und heißem Fleisch. Die Häuserkais, triefend und alt, wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wären). Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstämme, an verhüllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.
O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . .
Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein Jean Boussets längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den Franzosen, diesen geharnischten Apostel öliger und dumpfer Nächte, diesen unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhöllen.
Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte . . .
Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine Kasernenmauer stand schräg zu einem Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen.
Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen.