»Gelle, das ist mal fein?« Die Frau Besenmüller schmunzelte, und selbst ihre weinerliche Gesichtsseite wurde freundlich. Sie war ungemein stolz auf das Schulhaus und merkte gleich, dem neuen Lehrer gefiel es.
Der maß das stattliche Gebäude mit hellen Blicken. Ja freilich, so ein Haus konnte einem schon gefallen. Es glich eher einem großen Gotteshaus, und es mochte anderthalb Jahrhunderte und mehr auf seinem Platze stehen. Es war zweistöckig und hatte ein doppeltes Dach. Lustig, wie lauter vergnügte Kinderaugen, schauten die Dachaugen in die Welt hinein. An der Ostseite rankte sich wilder Wein am Hause empor, der glühte im Herbstrot, und so in farbiger Schöne prangte auch der Garten, der von zwei Seiten an das Haus grenzte.
»Gelle ja, das is fein?« sagte Frau Besenmüller noch einmal und führte den jungen Lehrer in das Haus hinein. Dem weiten Hausflur und der schön gewundenen Treppe war es auch anzumerken, daß das Haus nicht als Schule gebaut worden war. »Ein Graf hat das Haus einmal gebaut,« erzählte denn auch des Schuldieners Frau eifrig, als sie die Treppe voran emporstieg. »Der hat gesagt, in der Stadt taugten die Leute nischte niche, womit er ja recht hatte, und daderum wollte er auf dem Dorfe leben. Wie nun das Haus fertig war, is er niche reingezogen, denn hat’s ihm gerade wieder in der Stadt gefallen. Da hat er gesagt, auf dem Dorf taugten sie nischte niche. Närrsch, gelle? Ja, so sin nu die Leute. Un hier is unser alter Herr Lehrer, un ich bring’ gleich den Kaffee.«
Frau Besenmüller hatte eine Türe geöffnet und rief in das große, helle Gemach hinein: »Hier is er!« Dann verschwand sie eilig, und die beiden Lehrer standen sich gegenüber. Der eine weißhaarig und gebückt, viele, viele Furchen im alten, milden Gesicht, der andere blond, groß und schlank, seine grauen Augen blitzten tatenlustig. Sie schüttelten sich die Hände, und jeder dachte vom andern: »Der gefällt mir.«
Frau Besenmüller brachte wirklich sehr schnell Kaffee und einen ungeheuren Teller voll Pflaumenkuchen dazu, auch Brot, Butter und Wurst, gerade so, als hätte Heinrich Fries eine Weltreise gemacht. »Dieser Empfang gefällt mir besser,« sagte er heiter, und dann berichtete er Vater Hiller von seinem Erlebnis auf der Apfelstraße. Der lächelte dazu und erwiderte: »Böse gemeint war’s nicht, na ja, aber wild sind sie freilich, das ist schon wahr.«
Er erzählte seinem jungen Nachfolger allerlei von Steinach und seinen Bewohnern, von den Kindern und dem Schulhaus. Das war wirklich ein altes Herrenhaus gewesen, wie es Frau Besenmüller erzählt hatte. Drei alte Gräfinnen, Schwestern, hatten zuletzt viele Jahre darin gewohnt, und es war nach ihrem Tode, weil ihr Erbe unauffindbar gewesen war, dem Dorf als Schulhaus gegeben worden.
Während die beiden Lehrer so von alten und neuen Zeiten, vom Schulhaus und den Steinacher Kindern sprachen, saßen die letzteren auf dem sogenannten Schelmenacker. Das war ein Stück Wiesenland zwischen der Apfelstraße und der Birnenstraße; dort lag inmitten ein großer Steinhaufen, auf dem es sich wunderbar saß, wenigstens sagte es Webers Arne. Alle die Buben und Mädel hatten sich hier versammelt, die auf der Apfelstraße gewesen waren. Dort hatten etliche Frau Besenmüllers laute Worte gehört, und sie wußten es jetzt, der Fremde war der neue Lehrer.
Sie waren sehr niedergeschlagen, denn so seltsam hatten sie den neuen Lehrer doch nicht empfangen wollen. »Du bist dran schuld,« sagten sie alle einmütig zu Fritze Schwetzer.
»Nä.« Fritze sagte weiter nichts, aber dies eine Wort ärgerte die andern, sie riefen entrüstet: »Leugne nich, du hast’n Hut runtergeschmissen!«
»Ja.« Fritze seufzte, das viele Reden war doch beschwerlich.