Eine Weile wogte der Streit hin und her, aber zuletzt fanden die Buben den Blumenstrauß ganz gut, und sie beschlossen, jeder sollte rasch laufen und Blumen holen, und dann wollten sie hier einen schönen Strauß binden. Malchen Hinzpeter versprach ein rotes Band dazu.
Nun der Plan gefaßt war, gingen alle sehr eilig an die Ausführung. Das Blumenholen war nicht so einfach. In den kleinen Gärten, die so freundlich die Häuser von Steinach schmückten, gab es zwar noch allerlei Blumen, aber die Bäuerinnen hüteten sie ängstlich. In Steinach gingen die Frauen Sonntags noch mit einem Strauß zur Kirche, und jede wollte einen schönen Kirchenstrauß haben. Weil es im Herbst auch allerlei Feste gab, Hochzeiten und Kirmesfeiern, darum hüteten die Steinacherinnen im Herbst ihre Gärten besonders gut. Heimlich huschten die Buben und Mädel hinein, pflückten von den nur noch spärlichen Blumen ab, was sie erreichen konnten, und kehrten mit ihrem Raube vergnügt zum Schelmenacker zurück.
Dort wanden die Mädel den Strauß, alles kunterbunt durcheinander: Astern, späte Levkoien, gelbe Studentenblumen und Georginen, so dick wie Pfannkuchen; auch ein paar Reseden und Rosen kamen noch hinein, dazu Spargelkraut, und das rote Band umschloß das Ganze zuletzt feierlich.
Als der Strauß fertig war, entstand eine große Frage: Wer sollte ihn überreichen?
»Ich, ich, ich!« schrieen geschwinde etliche Stimmen, aber schnell kam es ihnen in den Sinn, daß es ein schweres Werk sei, dem neuen, fremden Lehrer den Strauß zu geben, und alle riefen einmütig: »Ich nicht!«
»Webers Arne soll’s tun,« sagten die Mädel.
»Hinzpeters Malchen ist die Rechte dazu,« erklärten die Buben. Aber die beiden wollten auch nicht. Sie redeten alle hin und her, bis zuletzt Arne sagte, er wolle es tun, aber Malchen müsse den Strauß tragen, und alle sollten mitgehen. Damit waren denn die andern einverstanden, und sie zogen nach dem Schulhause, Malchen mit dem Strauß, den sie ängstlich unter ihrer Schürze verbarg.
Sie beschrieben einen Umweg und langten so ziemlich unbemerkt vor dem Schulhaus an. Dort schubsten sie sich vor der Türe herum und wagten nicht hineinzugehen; die Allerfurchtsamsten mahnten ärgerlich: »Arne, geh doch! Hinzpeters Male ist ’n Furchthase.«
Auf einmal rief aus einem der oberen Fenster Frau Besenmüller herab: »Nu, was soll’s denn? Was wollt ihr?«
Husch, husch, rissen alle aus. Wie die Hasen liefen sie davon, denn vor der Schuldienersfrau hatten sie gewaltige Angst. Frau Besenmüller schalt noch eine Weile, dann klappte sie das Fenster zu, und es war wieder still. Die Kinder standen alle hinter dem Hause und sahen zu den Fenstern empor. Jackenknöpfle zeigte auf ein Fenster, das offen stand; er flüsterte geheimnisvoll: »Dort wohnt er!«